Große Herausforderung

Mittelstand muss sich digitalisieren!

Der BVDW-Präsident Matthias Wahl betont im Interview, dass der Mittelstand vor der großen Herausforderung stehe, sich zu digitalisieren. Das schließe vor allem die Erschließung digitaler Geschäftsmodelle mit ein. Da dürfe die Internetgeschwindigkeit nicht zum limitierenden Faktor werden.

BVDW-Präsident Matthias Wahl

„Mittelfristig muss die Politik alles daransetzen, wieder zur europäischen Spitzengruppe in Sachen Breitbandversorgung aufzuschließen“, so BVDW-Präsident Matthias Wahl.

ITM: Herr Wahl, im internationalen Vergleich soll Deutschland in Sachen Breitbandausbau und schnelles Internet bekanntlich weit zurückliegen. Wie schätzen Sie selbst die Lage ein?
Matthias Wahl:
Die Lage ist inzwischen wirklich dramatisch – Deutschland ist im EU-Vergleich abgeschlagen im Mittelfeld. Trotz einer verhältnismäßig hohen Bevölkerungsdichte. Wir haben den Breitbandausbau weitestgehend verschlafen und stehen nun vor der riesigen Herausforderung, das alles aufzuholen. Ein Großteil des Mittelstands sitzt eben nicht in Ballungszentren und ist mitunter von der Breitbandversorgung komplett abgeschnitten. Dabei wäre das die elementare Voraussetzung für die Entwicklung und Implementierung digitaler Geschäftsmodelle zur Sicherung der Wettbewerbsfähigkeit auch in Zukunft.

ITM: In welchen konkreten Regionen hierzulande müssen die Unternehmen bislang mit digitalen Kriechspuren auskommen?
Wahl:
Das sind vor allem ländliche Regionen, von denen leider kaum welche ausgenommen sind.

ITM: Wer oder was sind die Bremsfaktoren beim Breitbandausbau in Deutschland?
Wahl:
Eine Herausforderung ist die Wirtschaftlichkeit: Netzbetreiber bauen nachvollziehbarerweise vor allem dort aus, wo sich die Investition langfristig rechnet. Das ist natürlich dann wahrscheinlicher, wenn pro verlegtem Glasfaserkilometer mehr Anschlüsse erreicht werden, also in Ballungsräumen. Der Ausbau einer solchen Infrastruktur muss auch deshalb eine politische Aufgabe sein. Wir brauchen besonders in dünn besiedelten Regionen einen durch die öffentliche Hand finanzierten Ausbau, um die Zukunftsfähigkeit des Wirtschaftsstandortes Deutschland nicht zu gefährden. Das Geld dafür hat der Bund dank Rekordeinnahmen – leider scheitert der flächendeckende Ausbau noch immer an der politischen Priorisierung. Derzeit gibt es darüber hinaus ein Grundproblem: Ein Großteil der zur Verfügung gestellten Mittel wird durch die Städte und Kommunen überhaupt nicht abgerufen, da es entweder zu kompliziert ist oder im Einzelfall die Motivation fehlt.

ITM: Warum sind allerdings auch Deutschlands Mittelständler auf eine schnelle Internetleitung angewiesen?
Wahl:
Heute erbringt der Mittelstand den wesentlichen Teil der Deutschen Wirtschaftsleistung! Der Mittelstand steht, damit das im zunehmenden internationalen Wettbewerb so bleiben kann, vor der großen Herausforderung, sich zu digitalisieren. Das schließt vor allem die Erschließung digitaler Geschäftsmodelle mit ein. Da darf die Internetgeschwindigkeit nicht zum limitierenden Faktor werden.

ITM: Inwieweit sehen sich deutsche Mittelständler stattdessen gezwungen, aus infrastrukturschwachen Regionen wegzuziehen, um konkurrenzfähig zu bleiben? Kommt so ein Umzug häufiger vor?
Wahl:
Für den produzierenden Mittelstand mit immensem Platzbedarf stellt sich die Frage aus finanziellen Gründen überhaupt nicht. Grundsätzlich darf überhaupt nicht zur Diskussion stehen, dass die Unternehmen zum Internet ziehen – hier muss der Prophet zum Berg und nicht umgekehrt.

ITM: Ein jüngst zusammengestelltes zehnköpfiges Gremium soll nun „wirklich“ Tempo machen bei der Digitalisierung. Wie schätzen Sie das zukünftige Wirken des Digitalrats der Bundesregierung ein?
Wahl:
Dass es diesen Digitalrat gibt, ist wichtig und zeigt den Stellenwert des Themas in der Politik. Nun kommt es auf den Handlungsspielraum an, denn dieser Digitalrat wurde installiert, um Erkenntnisse zu sammeln. Dabei ist das überhaupt nicht der Kern des Problems: Es ist bekannt, woran es hakt. Vielmehr gibt es ein Umsetzungsproblem, das ein solcher Digitalrat kaum lösen kann. Das muss im Kabinett passieren.

ITM: Zudem hat die Bundesregierung erst im August einem milliardenschweren Fond für den Breitbandausbau zugestimmt. Dieser soll u.a. durch die Versteigerung der 5G-Frequenzen finanziert werden. Wird diese Rechnung aufgehen?
Wahl:
Hier wird durch die Hintertür doch wieder die Privatwirtschaft in die Pflicht genommen. Der Grundgedanke ist gar nicht so abwegig, sofern diese Mittel massiv aufgestockt werden durch Steuermittel. Allein die Erlöse aus der Versteigerung werden das wohl nicht ersetzen können.

ITM: Wo wird Deutschland Ihrer Meinung nach Ende 2018 in Sachen Breitbandausbau stehen?
Wahl:
In dieser kurzen Zeit wird es kaum einen entscheidenden Fortschritt geben. Mittelfristig muss die Politik aber alles daransetzen, wieder zur europäischen Spitzengruppe in Sachen Breitbandversorgung aufzuschließen.

Bildquelle: BVDW

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