Firmengelände absichern

Moderne Videoüberwachungstechnik im Mittelstand

Es tut sich was in Sachen Videoüberwachung auf dem eigenen Firmengelände: Neue Analysefunktionen, integrierte Sabotageerkennung und Software-Tools, die datenschutzrelevante Themen wie die Mitarbeiterüberwachung am Arbeitsplatz auf technischer Ebene verhindern. Doch bevor ein entsprechendes System ausgewählt und potentielle Kamerastandorte bestimmt werden, muss zuerst die „Hürde“ Betriebsrat genommen werden.

Alles im Blick: Videoüberwachungstechnik bietet sich u.a. im produzierenden Gewerbe an – vor allem dann, wenn sich höchstsensible Daten wie Präzisionszeichnungen auf dem eigenen Firmengelände befinden.

Überwachung ist in der heutigen Zeit ein stets präsenter und zugleich negativ geprägter Begriff – kein Wunder, reißen die Schlagzeilen von den Ausspähtaktiken der allseits bekannten Geheimdienste nicht ab. Dazu gesellt sich ein großes US-Unternehmen, das eigene Autos durch Deutschlands Straßen jagt, um Häuserfassaden, Firmengelände und Personen abzufotografieren und zu filmen. Zwar verpixelt Google bei seinem Dienst „Streetview“ private Details wie Nummernschilder, Gesichter oder Hauseingänge (auf schriftliche Aufforderung!), doch eine Art Überwachungsbeigeschmack ist dabei nicht von der Hand zu weisen.

Doch nicht immer muss der anfangs erwähnte Begriff im negativen Kontext gesehen werden – ein positives Beispiel ist das Thema Videoüberwachung zur Einbruchsprävention. Unternehmen nutzen die Technik folglich, um die Kriminalitätsrate zu senken und Straftaten aufzudecken. So setzen Tankstellen Kameras ein, um Spritdieben auf die Schliche zu kommen – Supermärkte möchten derweil Ladendiebe überführen.

Auch im produzierenden Gewerbe bietet sich der Einsatz von Videotechnik an – vor allem dann, wenn sich höchstsensible Daten wie Präzisionszeichnungen oder eigens entwickelte Patente für bestimmte Baugruppen auf dem eigenen Firmengelände befinden. Dies ist gerade im Mittelstand (z.B. im Maschinen- und Anlagenbau) keine Seltenheit.

Tatsächlich ist die Technik nur in jedem zweiten Unternehmen installiert, wie die Studie „Industriespionage 2014“, die von der Sicherheitsberatung Corporate Trust gemeinsam mit Aon Risk Solutions, der Zurich Gruppe Deutschland und Securiton erstellt wurde, belegt. So gehören zwar bauliche Sicherheitsvorkehrungen (Zäune, stabile Wände oder verschlossene Tore) zur Standardausstattung eines jeden Unternehmens – darüber hinausgehende Sicherheitstechnik jedoch keinesfalls. So gaben weniger als die Hälfte der befragten deutschen Unternehmen (48,1 Prozent) an, technische oder personelle Zugangskontrollen zum Firmenareal einzusetzen.

Fragt man konkret nach dem Einsatz von Videoüberwachung für besonders sensible Bereiche wie etwa dem eigenen Rechenzentrum, erklärten mehr als drei Viertel der Befragten, dass sie keine Sicherung dieser Firmensektoren mittels Videoüberwachung vorgenommen haben. Bei einigen Firmen wird die Technik lediglich sehr sporadisch eingesetzt – 4,7 Prozent sagten aus, dass sie zwar Videokameras im Einsatz hätten, diese aber technisch veraltet seien.

Betriebsrat überzeugen

Überlegt ein mittelständisches Unternehmen, seine Sicherheitsstrategie im Hinblick auf Videoüberwachung auszuweiten, sollte zu allererst der Betriebsrat bei der Entscheidungsfindung einbezogen werden. „Bei der Planung von Videoüberwachungsanlagen in Unternehmen sollte von Beginn an der Betriebsrat involviert sein und gemeinsam definiert werden, was genau überwacht wird und wie lange die Speicherung erfolgt“, führt Klaus Middelanis, Product Manager Video Surveillance bei Sony, aus. Um das geplante IT-Projekt in die Tat umzusetzen, ist die Zustimmung des Betriebsrats nämlich zwingend erforderlich. Dieser kann zudem Auflagen im Hinblick auf die Privatsphäre von Personen aufsetzen. „Diese können beispielsweise durch die in bestimmten Kameras mögliche Privatzonenmaskierung zur Schwärzung von ausgewählten Bildbereichen erfüllt werden“, weiß Robert Rudolph, Produktmanager beim Kamerahersteller D-Link. Zusätzlich sollte geklärt werden, wer auf die Bildinhalte zugreifen darf bzw. kann und ob der dedizierte Zugriff auf die Bilddaten gesichert wird. Eine Möglichkeit dazu bietet laut Robert Gallasch, Presales-Engineer bei der Scaltel AG, das Vier-Augenprinzip, welches es zum Beispiel nur gemeinsam mit dem Betriebsrat erlaubt, auf die Aufzeichnungen zuzugreifen.

Mitarbeiter informieren

Ist der Betriebsrat überzeugt und stimmt dem Vorhaben zu, sollten im Nachgang die Mitarbeiter von der bevorstehenden Installation in Kenntnis gesetzt werden. Robert Gallasch erläutert die Vorgehensweise: „Die Mitarbeiter sollten über den Zweck der Videoüberwachung und den Umgang mit den aufgezeichneten Daten aufgeklärt werden, um Unmut unter der Belegschaft zu verhindern.“

Nichtsdestotrotz existieren diesbezüglich auch Sonderregelungen, die bei näherer Betrachtung durchaus sinnvoll erscheinen. So nennt Jochen Sauer, stellvertretender Vorsitzender des BHE-Fachausschusses für Videoüberwachungstechnik (FA-VÜT), einen potentiellen Anwendungsfall: „Ein Mitarbeiter überwacht aus sicherheitstechnischen Gründen die Arbeit seines Kollegen via Video mit dem Ziel, ihm bei bedrohlichen Situationen Hilfe schicken zu können.“ Prinzipiell sei für ihn eine Mitarbeiterüberwachung jedoch nur in extremen Einzelfällen vertretbar.

Auswahl des richtigen Systems

Ist die interne Kommunikation für die Einführung einer Videoüberwachungslösung erfolgreich voll-zogen, sollten Mittelständler zuerst ihr Schutzziel definieren. In den meisten Fällen erfolgt dies mit dem zuständigen IT-Dienstleister, der das Sicherheitsprojekt betreut. Stephan Roth, Produktmanager Software und Video bei der PCS Systemtechnik GmbH, hierzu: „Es sollte geklärt werden, welche Unternehmensbereiche überwacht werden sollten, um einen Beitrag zur Vorbeugung gegen Wirtschaftsspionage zu leisten oder eventuelle Vorfälle aufzuklären.“ Dies können z.B. Forschungs- und Entwicklungsabteilungen, Personalabteilungen mit sensiblen persönlichen Daten wie auch das eigene Rechenzentrum sein. Ebenso ist die Produktion mit den entsprechenden Anlagen ein Ort, in der immer häufiger Videotechnik eingesetzt wird. Dadurch können Mittelständler auf Störungen während der Produktionsprozesse, die mit bloßem Auge zu erkennen sind, schneller reagieren. Im Außenbereich sollten vor allem Zufahrtsschranken, Laderampen und Drehkreuze mit Kameratechnik überwacht werden.

Gerade letzterer Punkt ist bei der Auswahl des passenden Videoüberwachungssystems von Bedeutung. „Kameras im Außenbereich müssen über einen guten Wetterschutz verfügen, einen großen Temperaturbereich abdecken können und idealerweise schon mit Infrarotbeleuchtung ausgestattet sein, um für ausreichend Licht auch nachts zu sorgen“, rät Stephan Roth von PCS. Weiterhin sollten sich die Kameragehäuse durch eine entsprechende IP-Schutzklasse (z.B. IP 66 – staub- und wasserresistent) sowie Vandalismusschutz auszeichnen. Bei Kameras, die hoch angebracht sind, raten Experten auf die Ferneinstellbarkeit von Brennweite und Schärfe zu achten, um die Feineinstellung der Kamera über das jeweilige Video-Management-System (VMS) durchführen zu können.

Dazu sind moderne Kameras mittlerweile mit speziellen Analysefunktionen ausgestattet. Im Livebild erkennt die Kamera in einem vorher definierten Bereich, ob Objekte aus diesem verschwinden bzw. in diesen gelangen – als Folge wird die Aufnahme aktiviert bzw. ein interner Alarm ausgelöst. Auch eine Sabotageerkennung ist nützlich – so wird z.B. Alarm ausgelöst, wenn der Kamerafokus verloren geht.

Tipps für die Montage

In welchem Abstand und welcher Anzahl die ausgewählten Kamerasysteme angebracht werden sollen, hängt natürlich immer von der jeweiligen Geländekonstellation des Mittelständlers ab. Allgemein stellt Sony-Manager Klaus Middelanis fest, „dass weite Räume heute mit weniger Kameras überwacht werden müssen“ als früher. So könne bereits der Infrarotstrahler eines aktuellen Kameratyps Objekte in einer Entfernung von bis zu 30 Metern erfassen. Bedingt durch die hohen Auflösungen der aktuellen Netzwerkkameras – viele produzieren Full-HD-Bilder (bis zu 1.920 x 1.080 bei 30 Bildern/s) – kann man speziell im Außenbereich von früheren Richtlinien Abstand nehmen. So könnten Unternehmen laut Stephan Roth die früher gängige Perimeterüberwachung (alle 20-25 Meter eine Kamera) eher vernachlässigen, „da durch die hohe Qualität des Videobildes und die Leistungsfähigkeit der VMS ein nachträglicher Bild-Zoom ermöglicht wird, wodurch eine bessere Personen-/Objekterkennbarkeit auch über größere Entfernungen sichergestellt ist.“ Als Hilfestellung für die Montage der Kamerasysteme können mittelständische Unternehmen zusätzlich die Norm DIN EN 50132-7 hinzuziehen. Diese gibt Empfehlungen und Anforderungen für die Auswahl, Planung, Installation, Inbetriebnahme, Wartung und Prüfung von Videoüberwachungsanlagen in Sicherungsanwendungen.

Wenn ein Unternehmen eine Vielzahl an Kameras auf dem Firmengelände installiert, ist die zentrale Koordination mittels eines VMS heute Standard. Bei der Software-Auswahl sollte darauf geachtet werden, dass Kameratypen von möglichst vielen Herstellern unterstützt werden, sodass sich der Mittelständler nicht auf einen Anbieter „für immer“ festlegen muss. Die bereits angesprochenen Analysefunktionen sollten genauso unterstützt werden wie Schnittstellen für die Anbindung an ein Alarmsystem. D-Link bietet darüber hinaus ein standortübergreifendes, zentrales Kameramanagement sowie die Kamerasteuerung per Smartphone an. „Zudem benötigen Kameras verschiedene Standards wie ONVIF (Open Network Video Interface Forum), um auch durch zukünftige Software von Drittherstellern unterstützt zu werden“, ergänzt Robert Rudolph.

Kennzeichenerkennung an der Pforte

Moderne Videoüberwachungstechnik kann überdies ganze Unternehmensbereiche wie die Pforte unterstützen und Prozesse vereinfachen. Stephan Roth nennt etwa die Kennzeichenerkennung als besonders innovative Funktion. Hierbei wird das Videobild einer Kennzeichenkamera automatisch analysiert – wird ein Nummernschild erkannt, öffnet sich die Schranke an der Zufahrt automatisch und das Auto darf passieren. Melden Besucher, Kunden und Mitarbeiter ihr Kennzeichen vorher an, kann „dies eine enorme Erleichterung für die Pfortenabwicklung bedeuten und Komfort für Besucher und Lieferanten mit sich bringen“, so Roth.

Videotechnik ergänzt Zutrittskontrolle

Auch Zutrittskontrollsysteme können mithilfe von Videotechnik funktional erweitert werden. Versucht eine Person Zutritt zu einem Gebäude zu erlangen, besitzt aber keinen gültigen Zutrittsausweis, erhalten die Mitarbeiter in der Zutrittskontrolle normalerweise lediglich eine Protokollierung über den nicht berechtigten Ausweis. Durch die Integration der beiden Gewerke ist es möglich, die Zutrittsinformation durch Videobilddaten zu ergänzen, wodurch man die Person sieht, die den Zutrittsversuch unternommen hat. „Hierdurch wird eine schnellere und präzisere Analyse einer Gefahrensituation möglich“, konstatiert Roth.

Im Unternehmensumfeld richtig eingesetzt, kann Videoüberwachung durchaus für mehr Sicherheit auf dem Firmengelände sorgen. Doch „es ist in der Regel immer ein Zusammenspiel von Videotechnik und Mensch, das eine Videoüberwachungsanlage erst zum Mehrwert macht“, merkt Jochen Sauer vom BHE an.

Neben technischen Herausforderungen bei der Installation des Systems, müssen Mittelständler vor allem interne Überzeugungsarbeit in Form einer offenen und klaren Kommunikation leisten. Nur so können Betriebsrat und Mitarbeiter letztlich von dem Vorhaben überzeugt werden – in Anbetracht der Tatsache, dass durch Industriespionage die Existenz eines Mittelständlers im schlimmsten Fall zerstört werden kann, geht es letztlich auch um ihr Wohl in Form eines sicheren Arbeitsplatzes für die Zukunft.

Bildquelle: © Thinkstock/iStockphoto

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