Damit Neues entsteht

Mut, Freiheit und Kreativität gefordert

„Um wirklich Neues entstehen und gedeihen zu lassen, bedarf es Mut, Freiheit und Kreativität“, betont Stefanie Peters, Gründerin und CEO der Wachstumsberatung Enable2grow, im Interview. „Doch dafür bringen die meisten Unternehmer nur selten genug Zeit, Ressourcen und Geduld auf.“

Stefanie Peters, Gründerin und CEO der Wachstumsberatung Enable2grow

„In der Beratung rechnet man oft nach Tagen ab, ein durchschnittlicher Tagessatz liegt bei etwa 2.200 Euro“, weiß Stefanie Peters von Enable2grow.

ITM: Frau Peters, in welchen Bereichen bzw. bei welchen Themen haben Mittelständler aktuell den größten Beratungsbedarf?
Stefanie Peters:
Es gibt einige Bereiche, bei denen der Mittelstand Hilfe benötigt. Ein zentrales Thema ist das Aufsetzen einer ganzheitlichen Digitalstrategie: Mittelständische Unternehmen gingen bisher häufig nur einzelne, besonders akute Segmente, wie beispielsweise neue Technologien, Software oder andere Tools, an. Im Einzelfall kann das erfolgversprechend sein. Langfristig gesehen ist eine Konzentration auf Einzelmaßnahmen allerdings selten sinnvoll. Um eine ganzheitliche Digitalstrategie auch nachhaltig umzusetzen, muss groß gedacht werden.

Wirklich innovative Geschäftsmodelle zu entwickeln, stellt den Mittelstand jedoch oft vor Herausforderungen: Hierfür muss das eigene Geschäftsmodell hinterfragt werden, so dass daraus neue Produkte und Leistungen entstehen können – die gegebenenfalls auch das eigene Kerngeschäft angreifen. Um wirklich Neues entstehen und gedeihen zu lassen, bedarf es Mut, Freiheit und Kreativität. Doch dafür bringen die meisten Unternehmer nur selten genug Zeit, Ressourcen und Geduld auf. Einige haben das Problem erkannt und wollen durch externe Unterstützung die Innovationskraft im Unternehmen fördern.

Eine zusätzliche Baustelle ist oftmals, ein entsprechendes Mindset zum Change zu etablieren und die eigenen Mitarbeiter zu befähigen: Viele Unternehmen haben digitale Initiativen ausprobiert und gestartet – oft auch auf der grünen Wiese, um eventuelle Abhängigkeiten zum Kerngeschäft und zur bestehenden Belegschaft zu umgehen. Das bietet neben vielen Vorteilen allerdings auch den großen Nachteil, dass keine Transformation in der Unternehmenskultur entsteht. Die Mitarbeiter werden selten mitgenommen, Neues, wie beispielsweise agile Methoden, zu lernen. So entstehen zwei Welten mit einem komplett unterschiedlichen Mindset. Dies gilt es zu vermeiden, denn auch ein bereits etabliertes Business muss sich weiterentwickeln, Mitarbeiter müssen befähigt werden und es bedarf zumindest eines gegenseitigen Verständnisses und Respekts. Auch hier erkennen einige Unternehmen das Dilemma und fragen entsprechende Unterstützung zu den Themen Kulturwandel, Mindset Change, Leadership und Enablement an.

ITM: Wie war es bislang um die Digitalisierungsbemühungen kleiner und mittlerer Unternehmen bestellt? Wer oder was stand ihnen hierbei oftmals im Weg?
Peters:
In kleinen und mittelständischen Unternehmen ist das Thema Digitalisierung häufig bei der IT-Abteilung angesiedelt. Der Fokus beschränkt sich damit allerdings oftmals ausschließlich auf technische Neuerungen, die strategische Bedeutung wurde lange verkannt. Die Chance, Digitalisierung als Querschnittsthema im gesamten Unternehmen zu verankern und zu denken, wurde damit nicht wahrgenommen. Dabei birgt eine nachhaltige Digitalisierungsstrategie eine Menge Potenziale: Dazu gehören u.a. die Organisation zu flexibilisieren, aber vor allem auch die Bedürfnisse der Kunden mittels digitaler Tools und Prozesse genauer zu verstehen. Diese Erkenntnisse müssen dann natürlich auch praktisch – z.B. in Form einer anderen Kundenansprache im Marketing – umgesetzt werden.

ITM: Worauf sollten Mittelständler bei der Auswahl eines Digitalberaters besonders achten?
Peters:
Wenn ein ganzheitlicher Ansatz entwickelt werden soll, kann ein Einzelkämpfer meist nur begrenzten Mehrwert liefern. Hier ist ein diverses Team von Vorteil, das unterschiedliche Kompetenzen, ein gutes Verständnis für die entsprechende Branche und Know-how zu den spezifischen Themen des Unternehmens mitbringt. Der ideale Berater hat jahrelange Erfahrung in unterschiedlichen Funktion – vor allem auch in operativen digitalen Rollen – sowie ein unternehmerisches Mindset. Neben der fachlichen und methodischen Kompetenz der Berater ist aber auch die menschliche Komponente ganz entscheidend. Sie ist die Basis für eine vertrauensvolle Zusammenarbeit.

ITM: Wie gestalten sich die ersten Schritte, wenn sich Anwender und Berater „gefunden“ haben?
Peters:
Der erste Schritt besteht aus einem ausführlichen Kick-off-Meeting, in dem die Ziele und der konkrete Rahmen des definierten Projekts konkretisiert und mit allen Beteiligten abgestimmt werden. In diesem Zuge sollte auch das Projektteam zusammengestellt werden, das aus einer gesunden Mischung von internen Mitarbeitern und externen Beratern besteht. Sind die Ziele, die Rollen und eine Roadmap inklusive Meilensteine definiert und von allen Parteien auch verstanden, startet das Operative.

ITM: Welche konkreten Bereiche sollte ein Digitalisierungsvorhaben dann in erster Linie betreffen und warum?
Peters:
Je nach dem Reifegrad der digitalen Fitness des Unternehmens kann das unterschiedlich ausfallen: Steht das Unternehmen ganz am Anfang, ist die Entwicklung einer ganzheitlichen Digitalstrategie von großem Vorteil. Diese wird dann Schritt für Schritt in konkrete Maßnahmen übersetzt. Hat das Unternehmen bereits spezifische Schwächen erkannt und eine innovative Idee, die es prüfen möchte, dann sollte genau bei diesen Themen angesetzt werden. Nicht zu unterschätzen sind allerdings auch HR-Themen. Häufig denken Unternehmen viel zu spät daran, dass es zunehmend schwierig wird, junge Talente zu rekrutieren. Auch für diesen Bereich gibt es entsprechende Berater, die beispielsweise bei dem Thema (Digital) Talent Acquisition gezielt unterstützen.

ITM: Was sind hierbei häufige Stolpersteine und wie lassen sich diese frühzeitig umgehen?
Peters:
Ein typischer Stolperstein ist, wenn die Geschäftsführung kein klares Bild davon hat, wie digital die eigene Organisation überhaupt ist. Dann stellt es sich auch als schwierig heraus, zielführende Projekte mit einer Digitalberatung aufzusetzen. Um für dieses Problem Abhilfe zu schaffen, haben wir einen sogenannten Digital-Fitness-Index entwickelt – ein einfaches Online-Tool, mit dem der digitale Reifegrad eines Unternehmens relativ schnell messbar ist. Daraus ergibt sich ein klares Bild von den Schwachpunkten, die angegangen werden sollten.

Eine weitere Hürde entsteht, wenn Digitalberater zwar gute Konzepte entwickeln, doch für deren Umsetzung wenig Erfahrung mitbringen. Viele Berater sind nach wie vor sehr akademisch unterwegs und definieren sich über komplexe Powerpoint-Folien. Doch damit ist dem Mittelstand nicht geholfen. Aus diesem Grund sollten Unternehmen die Umsetzungskompetenz, also sprich die Macher-DNA und die konkrete operative Erfahrung der Berater, genau prüfen. Nur so können sie sicherstellen, dass die Projekte auch zu messbaren Ergebnissen führen.

Zu guter Letzt mangelt es neben einer guten Kommunikation häufig auch daran, dass wesentliche Stakeholder nicht eingebunden werden. Das führt nicht nur zu Irritationen, sondern auch zu Gerüchten und echten Konflikten innerhalb der Organisation, was den Projektfortschritt unter Umständen stark beeinträchtigt. Eine durchdachte Kommunikation ist hierbei entscheidend. Die Mitarbeiter müssen von Beginn an über das Projekt, dessen Ziele und den Rahmen informiert und die wesentlichen Stakeholder mittels Interviews oder als Teil des Projektteams eingebunden werden. Regelmäßige Updates sind Pflicht. Zusätzlich ist eine gewisse Offenheit, Ideen und Vorschläge aus der Belegschaft aufzunehmen, unbedingt geboten.

ITM: Mit welchem Aufwand (zeitlich, personell, finanziell ...) muss der Mittelstand letztlich in solchen Beratungsprojekten rechnen?
Peters:
Das hängt von verschiedenen Faktoren ab: Ist der Ansatz ganzheitlich oder sehr spezifisch? Wie steht es um die eigenen Personalressourcen? Und wie sieht der gewünschte Umfang der Unterstützung aus? Generell ist mit etwa drei Monaten für die Entwicklung einer ganzheitlichen Digitalstrategie bis hin zu einer konkreten Roadmap mit Initiativen zu rechnen. Dabei werden im Rahmen interaktiver Workshops ca. drei bis fünf Kundenmitarbeiter für die konkrete Entwicklung mit eingebunden. Anschließend wird die Umsetzung der Initiativen für weitere drei bis sechs Monate begleitet. Der Fokus liegt hier darauf, die Mitarbeiter zu befähigen und nach und nach auch eigenständig werden zu lassen.

Als Budget sollte man mit einem sechsstelligen Betrag rechnen, wobei die genaue Höhe letztlich von vielen verschiedenen Faktoren abhängt. In der Beratung rechnet man oft nach Tagen ab, ein durchschnittlicher Tagessatz liegt bei etwa 2.200 Euro. Individuelle Pakete, die an konkrete Meilensteine geknüpft sind, lassen sich aber immer schnüren. So ist dann auch eine bessere Planbarkeit gegeben.

ITM: Auf welche weiteren Trends und Innovationen sollte der Mittelstand anno 2020 reagieren?
Peters:
Der Begriff „digital“ ist mittlerweile sehr strapaziert und fast selbstverständlich. Wirklich entscheidend ist es, sich als Unternehmen zukunftsfähig aufzustellen. Dazu bedarf es eines klaren Verständnisses der eigenen DNA, der Kernkompetenzen sowie der Wettbewerbsvorteile. Je nachdem, wie konkret die eigene Strategie definiert ist, lassen sich daraus auch die für das Unternehmen relevanten Trends und Innovationen ableiten. Um ein Beispiel zu geben: Wenn das Unternehmen aus der Immobilienbranche stammt, sollte es einen guten Überblick über die Immobilien-Start-ups, sogenannte Prop-Techs, haben. Außerdem muss sich das Unternehmen überlegen, welche Trends für die Branche relevant sind. Wichtig ist, dass man die ständigen Neuerungen im Blick behält, sich auf Konferenzen informiert und intern mindestens einen Mitarbeiter hat, der sich kontinuierlich mit Innovationen beschäftigt.

Bildquelle: Enable2grow

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