Saubermann-PR

Nachhaltige Doppelmoral

Im Januar gab Facebook bekannt, das Unternehmen werde über sechs Millionen Euro lockermachen, um mit dem Geld ein „Ethik“-Institut an der TU München zu finanzieren. Im schönsten PR-Sprech heißt es, man wolle untersuchen, welche Grundsätze bei der Entwicklung von Künstlicher Intelligenz gelten müssten. Mit dieser Ankündigung will sich der Datensammler aus dem Silicon Valley vor allem eines verschaffen: das Image des Saubermannes.

Ein Geschäftsmann, der eine Maske hinter dem Rücken hält.

Die wahren Absichten vieler Großkonzerne sind oft erst auf den zweiten Blick zu erkennen.

Anstatt die eigenen Grundsätze bei der Verarbeitung von Nutzerdaten einmal wirklich auf den Prüfstand zu stellen, will man mit diesem Winkelzug den Skandal um Cambridge Analytica endgültig vergessen machen. Zwar hatte man sich bereits artig via Print-Anzeigen entschuldigt, aber jetzt muss es auch einmal gut sein mit den alten Geschichten. Vorwärtsgewandt gibt man sich, indem man die massiven Probleme, die sich aus der Datenplage ergeben, offen benennt und sie positiv angeht. Bedenklich ist nur, dass man die eigene Rolle nicht erkennen möchte.

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 1-2/2019. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.

Eine andere Datenkrake verfährt nach exakt demselben Muster. Mit der Eröffnung eines Büros in Berlin will Google eine „umfangreiche Bildungsoffensive“ namens „Zukunftswerkstatt” starten und arbeitet in diesem Rahmen mit Verdi und verschiedenen Industrie- und Handelskammern zusammen. Auch hier kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass es nur darum geht, sich einen kooperativen Anstrich zu geben, von den Schwierigkeiten mit dem Datenschutz abzulenken und im Herzen der Hauptstadt Eigen-PR zu betreiben. Aber vielleicht glauben die Google-Verantwortlichen sogar, sie täten nur Gutes ...

Die beiden IT-Giganten stehen mit ihrer Strategie jedoch bei weitem nicht alleine da. Es gibt Konzerne, die die im Zuge einer Übernahme bereits entlassenen Mitarbeiter vor ihrem erzwungenen Austritt noch schnell Ethik-Seminare machen lassen. Andere Konzerne wiederum geben sich extrem bemüht in Sachen Nachhaltigkeit. Das sieht dann so aus, dass sich ein bestimmter Prozentsatz der Zulieferer weltweit zertifizieren lassen muss, soziale Mindest- und Umweltstandards einzuhalten. Das ist schön. Die ganze nachhaltige Doppelmoral zeigt sich jedoch recht schnell, wenn man weiß, dass es die Zulieferer in Deutschland, Österreich und der Schweiz sind, die sich der Prüfung zuerst unterziehen müssen. Also diejenigen, die die Standards wohl sowieso am ehesten erfüllen, während Unternehmen aus anderen Weltregionen erst einmal weitermachen dürfen wie bisher. Heißt: Arbeitnehmerrechte oder Umweltschutz sind egal.

Bildquelle: Thinkstock/iStock

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