Nachgefragt bei Prof. Dr. Klaus Fichter, Borderstep

Nachhaltigkeit als Wettbewerbsfaktor

Interview mit Prof. Dr. Klaus Fichter, Gründer und Leiter des Borderstep Instituts für Innovation und Nachhaltigkeit Berlin

Prof. Dr. Klaus Fichter, Borderstep

„Umweltkriterien sollten für ein nachhaltig denkendes Unternehmen beim Kauf neuer Produkte immer eine Rolle spielen“, sagt Prof. Dr. Klaus Fichter, Gründer und Leiter des Borderstep Instituts für Innovation und Nachhaltigkeit Berlin.

ITM: Herr Prof. Dr. Fichter, inwiefern beschäftigt sich der Mittelstand aus Ihrer Sicht derzeit mit dem Thema „IT-Nachhaltigkeit“?
Klaus Fichter:
IT gewinnt für den Mittelstand eine immer größere Bedeutung, denn das Thema des nachhaltigen und effizienten Betriebs der IT wird für Unternehmen auch zum Wettbewerbsfaktor. Viele mittelständische Unternehmen, insbesondere inhabergeführte Unternehmen, zeichnen sich durch eine auf Nachhaltigkeit orientierte Geschäftsführung aus, deutlich mehr als große Unternehmen. Andererseits findet das Thema „IT-Nachhaltigkeit“ bei vielen KMUs im Tagesgeschäft keine Berücksichtigung, weil andere Anforderungen dringlicher scheinen. Das betrifft dann selbst solche Energieeffizienzmaßnahmen, die in höchstem Maß wirtschaftlich sinnvoll sind.

ITM: Das Borderstep Institut hat für die Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages ein Gutachten zum Thema „Green IT und Nachhaltigkeit“ erstellt. Welche Konsequenzen hat Ihre Analyse für den Mittelstand?
Fichter:
Der Stromverbrauch durch Endgeräte, Netze oder Rechenzentren machte 2010 bereits 11 Prozent des Gesamtstromverbrauchs in Deutschland aus. Wenn die Energieeffizienz der IKT nicht erheblich gesteigert wird, ist davon auszugehen, dass der Gesamtstromverbrauch der IKT bis zum Jahr 2020 um weitere 50 Prozent zunimmt und damit ein Fünftel des Gesamtstromverbrauchs in Deutschland ausmacht. Diese zusätzliche Belastung der deutschen Stromnetze ist eine große Herausforderung für die Versorgungssicherheit und die gesamte Volkswirtschaft. Die mit dem Stromverbrauch verbundenen Umweltbelastungen wirken sich letztendlich auch auf den Mittelstand aus. Strom- und damit Herstellungskosten steigen genauso wie die Kosten für den Betrieb von Rechenzentren. Instabile Stromversorgung wird in Zukunft ein Risikofaktor für Unternehmen sein. Dabei ist es vergleichsweise leicht, z.B. im Bereich Arbeitsplatzcomputer oder Rechenzentren den zunehmenden Ressourcenverbrauch der IKT zu stoppen. Allerdings erfordert es gemeinsame Anstrengungen von Politik, Anbietern und Anwendern.

ITM: Welchen Einfluss nimmt der Klimawandel auf den IT-Nachhaltigkeitsgedanken der Anwender?
Fichter:
Der Klimawandel ist Realität. Das bestätigt die Klimaforschung und wir sehen es beinahe täglich in den Nachrichten. Daraus folgen insbesondere zwei Herausforderungen: Erstens muss der Ausstoß klimaschädlicher Gase und hierbei insbesondere der CO2-Ausstoß verringert werden. Zum zweiten müssen wir uns aber auch darauf einstellen, dass sich das Klima verändert. Gerade für unternehmenskritische Infrastrukturen wie die IT müssen Lösungen entwickelt und eingesetzt werden, dass sie z.B. mit zunehmenden Extremwetterereignissen wie Überschwemmungen und Hitzewellen zurecht kommen. Hieraus können sich aber auch Chancen für neue Geschäftsfelder ergeben, wie z.B. durch hocheffiziente Kühlungs- und Klimatisierungslösungen auf Basis erneuerbarer Energien oder IT-gestützte Frühwarnsysteme für eine ausfallsichere Beschaffungs- und Auslieferungslogistik.

ITM: Welche Maßnahmen lassen sich recht zeitnah umsetzen, welche müssen eher langfristig in Angriff genommen werden?
Fichter:
Ein naheliegender Schritt für alle KMUs ist, bei der Beschaffung auf Nachhaltigkeit zu setzen. Ebenso kurzfristig wirksam ist auch, alte ineffiziente IT-Anlagen zu modernisieren. Langfristig sollten gerade mittelständische Unternehmen ihre grundlegende IT-Strategie überdenken und z.B. den Einsatz besonders effizienter IT-Lösungen wie Thin Clients oder Zero Clients mit Desktopvirtualisierung in Erwägung ziehen. Denn Energiekosten für Rechenzentren steigen genauso wie der Kapazitätsbedarf. Die ökologische Dimension ist hier gerade für mittelständische Unternehmen nicht von der ökonomischen zu trennen.

ITM: Worauf sollten die Unternehmen beim Kauf neuer IT Hardware für ihre Produktion achten?
Fichter:
Umweltkriterien sollten für ein nachhaltig denkendes Unternehmen beim Kauf neuer Produkte immer eine Rolle spielen. Wertvolle Informationen hält hier z.B. das vom Umweltbundesamt und dem Branchenverband Bitkom initiierte unabhängige Portal für Leitfäden zur produktneutralen IT-Ausschreibung unter www.itk-beschaffung.de bereit. Beim Thema „Energieverbrauch“ rechnet sich eine genaue Betrachtung oft auch rein finanziell. Produkte, die in der Anschaffung etwas teurer sind, bringen im laufenden Betrieb oft ein Vielfaches an Einsparungen. Das gilt z.B. für energieeffiziente Server oder auch für die effiziente, unterbrechungsfreie Stromversorgungen oder Klimatisierungen von Rechenzentren.

ITM: Inwiefern können sich die Unternehmen auf entsprechende Gütesiegel und Umweltzertifizierungen der Produkte verlassen?
Fichter:
Hier muss man unterscheiden: Es gibt eine Vielzahl von „Gütekennzeichnungen“, die von einzelnen selbst entwickelten Labeln bis hin zu allgemein anerkannten Siegeln wie dem „Energy Star“ oder dem „Blauen Engel“ reichen. Das Borderstep Institut für Innovation und Nachhaltigkeit hat gemeinsam mit der Initiative Energieeffizienz und der Deutschen Energieagentur (Dena) unter dem Titel „Leistung steigern, Kosten senken: Energieeffizienz im Rechenzentrum“ einen Leitfaden erstellt, der auf www.stromeffizienz.de zu bestellen ist. Unter dieser Adresse berät die Initiative Energieeffizienz zudem online zu Energieeffizienz in der IT und unterstützt bei der Beschaffung energieeffizienter Bürogeräte.

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