Internationalisierung und ERP

Nein zu Insellösungen

Im Interview erklärt Andreas Zipser, Managing Director Zentraleuropa bei Sage, weshalb ein passendes ERP-System für Internationalisierungsprojekte im Mittelstand zum Gamechanger werden kann – und weshalb er von Insellösungen abrät.

Andreas Zipser, Sage

Andreas Zipser, Managing Director Zentraleuropa bei Sage

ITM: Herr Zipser, „Internationalisierung: Ja oder nein?“ – Ist dies anno 2019 überhaupt noch eine Frage und, falls ja, denken Sie, dass der deutsche Mittelstand langfristig noch eine Wahl hat, wenn er rentabel bleiben möchte?
Andreas Zipser: Laut dem KfW-Mittelstandspanel 2018 stieg der Auslandsumsatz deutscher KMUs im Vergleich zum Vorjahr um 30 Milliarden auf 577 Milliarden Euro. Im Durchschnitt erwirtschaften auslandsaktive KMUs mehr als ein Viertel ihres Gesamtumsatzes (28,6 Prozent) durch internationales Geschäft. Welche Bedeutung die Internationalisierung für den wirtschaftlichen Erfolg mittelständischer Unternehmen hierzulande mittlerweile hat, bestätigt auch eine Umfrage, die Sage im Frühjahr 2019 unter fast 3.000 Unternehmensentscheidern in zwölf Ländern durchgeführt hat. Demnach gehen fast die Hälfte (48 Prozent) der deutschen Unternehmen von einer Zunahme der Volumina bei Import und Export in den kommenden zwölf Monaten aus. Das heißt, wer als mittelständischer Unternehmer langfristig wettbewerbsfähig bleiben möchte, für den ist die Internationalisierung und der Ausbau seines Business mit ausländischen Geschäftspartnern unabdingbar.

ITM: Welche Rolle spielt die Wahl eines passenden ERP-Systems beim Eintritt in den europäischen – und mehr noch – in den Weltmarkt? Welche Rolle spielen hier z.B. Mehrwährungsfähigkeit oder die Berücksichtigung verschiedener Steuerregularien?
Zipser:
Die von Ihnen genannten Beispiele sind wichtige strukturelle Voraussetzungen, die international aktive Unternehmen erfüllen müssen. Die Implementierung eines ERP-Systems mit entsprechenden Funktionalitäten ist insofern zweifelsohne eine wichtige Voraussetzung. Viel entscheidender ist allerdings, dass Unternehmen mit Standorten in unterschiedlichen Ländern hinsichtlich der Kontrolle ihrer Betriebsprozesse auf einheitliche Datensätze zurückgreifen können. Erst so gewinnen Verantwortliche einen ganzheitlichen Überblick über ihr Unternehmen und können Prozesse länderübergreifend steuern. Wir empfehlen deshalb die Implementierung eines zentralen ERP-Systems, das sich international ausrollen lässt, sämtliche Daten in einer Datenbank konsolidiert und somit für die nötige Transparenz hinsichtlich aller Geschäftsvorgänge sorgt.

ITM: Welches Szenario droht dem Mittelständler, wenn der Faktor „ERP“ bei Internationalisierungsprojekten unterschätzt wird?
Zipser:
Wer als Unternehmer international expandiert und dabei eine ausreichende Vernetzung der Unternehmensstandorte außer Acht lässt, läuft Gefahr, dass unternehmensinterne Betriebsabläufe nicht optimal ineinandergreifen. So besteht beispielsweise das Risiko, dass der Warenfluss innerhalb des Unternehmens ins Stocken gerät, weil etwa Standort A über die Materialbedarfe von Standort B nicht ausreichend im Bilde ist. Schlimmstenfalls kann dies zu Produktionsausfällen, Lieferengpässen und wirtschaftlichem Schaden führen. Ein zentrales EPR-System, welches alle Unternehmensstandorte länderübergreifend miteinander vernetzt, ist aber nicht nur für den Bereich Intralogistik von großem Vorteil. Mit einem derartigen System lassen sich auch alle anderen Abläufe, beispielsweise in den Bereichen Finanzbuchhaltung, Produktion sowie Vertrieb und Customer Relationship Management, optimal steuern, weil Verantwortliche damit jeder Zeit die volle Transparenz über alle relevanten Daten haben.

ITM: Wie empfehlenswert ist es, unterschiedliche, auf die lokalen Gegebenheiten im Zielland abgestimmte ERP-Systeme zu setzen und parallel im Mutterunternehmen die bewährte Lösung einzusetzen?
Zipser:
Unternehmen, die auf dem internationalen Parkett agieren, sollten sogenannte Insellösungen vermeiden. Dazu gehören beispielsweise unterschiedliche ERP-Systeme pro Standort und Land, die zudem nicht oder nur unzureichend miteinander vernetzt sind. Denn mit derartigen Architekturen bekommen Verantwortliche keinen ganzheitlichen Überblick über die Geschäftsabläufe ihres Unternehmens. Auf lange Sicht birgt dies nicht unerhebliche Risiken im Blick auf den wirtschaftlichen Erfolg und die Wettbewerbsfähigkeit des Betriebs. Sinnvoller ist es aus unserer Sicht, auf ein einheitliches ERP-System zu setzen, mit dem sich sämtliche Unternehmensstandorte zentral steuern lassen und das zudem lokale Gegebenheiten berücksichtigt, wie etwa Landeswährungen oder nationale Steuergesetzgebungen.

ITM: Inwieweit hat das verstärkte Wachstum und die Akzeptanz von Cloud-Lösungen dazu beigetragen, dass auch Mittelständler sich den Schritt aufs internationale Parkett zutrauen?
Zipser:
ERP-Lösungen aus der Cloud haben den entscheidenden Vorteil, dass sie flexibel skalierbar sind und so mit dem Unternehmen mitwachsen können. Das heißt, Cloud-basierte IT-Systeme eignen sich besonders für Unternehmen auf Wachstumskurs. Zudem haben entsprechende Lösungen den Vorteil, dass man sie aufgrund ihres modularen Aufbaus sehr genau auf die jeweiligen Anforderungen, die ein Unternehmen zu einem bestimmten Zeitpunkt hat, zuschneiden kann. Unnötige Kosten lassen sich auf diese Weise vermeiden, denn der Nutzer bezahlt im Rahmen eines Subskriptionsmodells nur für die Anwendungen, die er tatsächlich gerade benötigt. Werden aufgrund des Unternehmenswachstums zu einem späteren Zeitpunkt zusätzliche Module erforderlich, etwa im Bereich Warenwirtschaft oder Produktion, können diese flexibel hinzugebucht werden. Unternehmen haben dadurch eine größere Kontrolle über ihre Kosten und niedrigere Investitionshürden zu Beginn. Diese Flexibilität, sowohl hinsichtlich des Funktionsumfangs der ERP-Software als auch im Blick auf die damit verbundenen Kosten, hat vielen KMUs sicherlich die Entscheidung, ins Ausland zu expandieren, erleichtert – vor allem auch dann, wenn das System international ausrollbar und länderübergreifend nutzbar ist.

Bild: Sage

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