Knappe IT-Ressourcen

Neue Rechenzentren braucht das Land

Glücklich schätzen sich heutzutage die Mittelständler, die ihre Daten in die Hände von Dienstleistern legen können, deren Rechenzentren sich in Deutschland befinden. Denn sollten die Energiekosten hierzulande weiter steigen und hiesige RZ-Standorte an Attraktivität verlieren, könnten viele davon ins kühlere Nordeuropa abwandern.

  • Die nächtliche Skyline von Frankfurt

    Frankfurt ist ein gefragter RZ-Standort. ((Bildquelle: Interxion))

  • Die Fassade des Rechenzentrumskomplexes FRA15

    So soll der Rechenzentrumskomplex FRA15 von Interxion im Jahr 2021 aussehen. ((Bildquelle: Interxion))

Die Zeit kann – und will vermutlich auch – keiner mehr zurückdrehen. Von daher werden Themen wie Digitale Transformation, Internet der Dinge oder auch Künstliche Intelligenz (KI) mittelständische Unternehmen auf lange Sicht beschäftigen. Immer mehr Apps und Geschäftsanwendungen überfluten den Markt, wodurch immer mehr Daten erhoben, bearbeitet und letztlich auch vorgehalten und abgespeichert werden. Dabei sind die Kapazitäten vorhandener Server-Räume oder Rechenzentren in vielen mittelständischen Betrieben jedoch begrenzt, sodass der Bedarf an externen Ressourcen wohl weiter steigen wird.

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Doch wohin genau mit all den im Zuge der fortschreitenden Digitalisierung entstehenden Daten? Sowohl Unternehmen als auch staatliche Institutionen inklusive der Bundesregierung sollten großes Interesse daran haben, dass diese nicht in die kostengünstigen Speicherwolken öffentlicher Clouds und damit zumeist in die Mega-Rechenzentren von Amazon und Google nach Nordeuropa oder gar in die USA wandern. Denn allein aufgrund der seit Mai 2018 geltenden Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) und der damit verbundenen Handhabung personenbezogener Daten ist der Speicherort nicht beliebig. Wollen die Verantwortlichen diesbezüglich auf der sicheren Seite sein, sollten sie sensible und kritische Daten besser in hiesigen Rechenzentren vorhalten.

Aktuell gibt es in Deutschland eine Vielzahl an Rechenzentren, deren Betreiber unisono seit geraumer Zeit eine gestiegene Nachfrage nach Services und Rechenzen-trumsflächen verzeichnen. Doch schon bald könnte es mit den verfügbaren Flächen und RZ-Ressourcen knapp werden. Denn seitens der Politik wird nicht alles getan, um die Betreiber in Deutschland zu halten oder gar den Neubau von Rechenzen-tren voranzutreiben. Vielmehr werden sie an der einen oder anderen Stelle regelrecht ausgebremst. Dies zeigt zumindest das jüngst veröffentlichte Positionspapier des Digitalverbands Bitkom. Fairerweise sollte man an dieser Stelle berücksichtigen, dass es sich um die Veröffentlichung eines Verbands der ITK-Anbieter und damit auch der Rechenzentrumsbetreiber handelt. Dass deren Interessen demnach besondere Berücksichtigung erfahren, scheint klar zu sein. Dennoch beschreibt das Papier aktuelle Nachteile hinsichtlich des Standorts Deutschland und liefert durchaus sinnvolle Denkanstöße.

Laut dem Papier haben es hiesige Rechenzentrumbetreiber alles andere als leicht. Zum einen haben sie mit der EEG-Umlage (Erneuerbare-Energien-Gesetz) zu kämpfen. Zum anderen gibt es in Ballungszentren, in denen die Nachfrage nach RZ-Ressourcen naturgemäß besonders hoch ist, schlichtweg kaum noch Platz für neue Datacenter. „Hohe Stromkosten, ungenutzte Wärmepotentiale, schrumpfende Weltmarktanteile: Rechenzentren verfügen in Deutschland nicht über ideale Standortfaktoren“, heißt es denn auch aus Kreisen des Branchenverbands. Hintergrund seien die im internationalen Vergleich hohen finanziellen Zusatzbelastungen durch die Energiewende, die ungelöste Frage der Abwärmenutzung und die sinkenden Anteile gegenüber konkurrierenden Märkten in Europa den USA und Asien – trotz steigender Investitionen am Standort Deutschland.

Angesichts dieser Herausforderungen wurden im Positionspapier die Ziele formuliert, Rechenzentren von der Ökostromumlage zu befreien und bessere Rahmenbedingungen zur Einspeisung von Abwärme in die Fernwärmenetze zu schaffen. Laut dem Papier stellt die im EEG festgelegte Umlage eine massive Benachteiligung deutscher Rechenzentren dar, die im internationalen Vergleich ein Vielfaches der Stromkosten zahlen müssen. „Rechenzentren sind das Rückgrat der Digitalisierung. Um international faire Wettbewerbsbedingungen zu schaffen, sollten Rechenzentren in die Liste der stromkosten- oder handelsintensiven Branchen aufgenommen werden. Stromkosten machen oft mehr als 50 Prozent der Betriebskosten aus“, betont Roman Bansen, Experte für IT-Infrastrukturen beim Bitkom.

Desweiteren sei die Politik gefordert, bessere Rahmenbedingungen für eine klimafreundliche Energienutzung schaffen. Bei dem stromintensiven RZ-Betrieb entstehen große Mengen Abwärme, die bislang ungenutzt freigesetzt werden. Der Strombedarf aller Datacenter in Deutschland beträgt derzeit gut zwölf Milliarden Kilowattstunden pro Jahr – das ist in etwa so viel, wie die Millionenstadt Berlin jährlich verbraucht. „Die Neufassung der Erneuerbare-Energien-Richtlinie der Europäischen Union fordert eine bessere Abwärmenutzung. Für Betreiber von Fernwärmenetzen sollten regulatorische Anreize geschaffen werden, um die Wärme aus Rechenzentren abzunehmen, sofern dies wirtschaftlich und technisch sinnvoll ist“, sagt Bansen. „Für große Abnehmer wie Hotels oder Schwimmbäder sollte es günstiger sein, Abwärme aus Rechenzentren zu beziehen, statt wie bisher teure Primärenergie für Heizung und Warmwasser einzukaufen. Das würde einen entscheidenden Beitrag zur Verbesserung der CO² -Bilanz bei der Wärmeversorgung leisten.“

Frankfurt als neue RZ-Hochburg?

Es gibt noch einen weiteren Aspekt, der zur Verknappung von hiesigen RZ-Ressourcen beitragen könnte: Der Brexit und damit das Ausscheiden Großbritanniens aus der EU scheint unwiederbringlich bevorzustehen. Im Zuge dessen ziehen immer mehr Unternehmen ihre Standorte von der Insel ab und planen die Eröffnung neuer Datacenter auf dem EU-Festland. Bei vielen rücken dabei europäische Metropolen in den Vordergrund. So verzeichneten zuletzt insbesondere die RZ-Standorte in Amsterdam und Paris große Zuwächse. Doch auch Deutschland gilt als attraktiver Standort, wobei hier insbesondere das Finanzzentrum Frankfurt am Main in den Fokus rückt.

Laut der Telekom-Tochter Itenos steigt die Nachfrage nach sicheren und zuverlässigen RZ-Leistungen aus der Mainmetropole momentan weiter an. Aus diesem Grund steigert man bewusst das eigene Engagement: Mit dem Daten-Hub Frankfurt 1 betreibt der Anbieter vor Ort auf 14.000 m²
ein eigenes Rechenzentrum. Überdies hat man die Kapazi-
täten mit Frankfurt 2 gerade erst nochmals erweitert.

Weitere Beispiele für die rege Bautätigkeit ist das Vorhaben FRA15 des Colocation-Spezialisten Interxion, der im Frankfurter Ostend 10.000 m² Rechenzentrumsfläche mit einer IT-Leistung von 20 MW erschließen will. Die ersten beiden Flächen des RZs sollen im April 2020 an Kunden übergeben werden, wobei man mit der Fertigstellung des Rohbaus bereits bis September rechnet. Die restlichen Komplexe werden laut Interxion bis zum dritten Quartal 2021 übergeben. Die Investitionssumme des Projekts beläuft sich auf 176 Mio. Euro. Die redundante Anbindung an den Campus des RZ-Betreibers soll für die entsprechende Konnektivität sorgen. Mit einer maximalen Kälteleistung von 22 MW und den Möglichkeiten für eine mechanische Kühlung könne man zudem auch einen erhöhten Leistungsbedarf stemmen. Die benötigte Gesamtanschlusskapazität von 32 MW soll durch das hauseigene Umspannwerk gewährleistet werden.

Kurz hinter der Frankfurter Stadtgrenze, nämlich in Offenbach, stößt man auf ein weiteres Bauprojekt. Hier errichtet die DC-Datacenter-Group aus Wallmenroth für die Data Center Offenbach Rhein-Main GmbH ein modernes Dienstleistungsrechenzentrum. Die Westerwälder planen und bauen für die Gesellschaft ein Hochverfügbarkeitsrechenzentrum als Generalübernehmer und bedienen damit die Nachfrage nach Rechenzentren, in die sich Unternehmen einmieten können. In Kooperation mit Etix Everywhere S.A., einem weltweit operierenden Betreiber von Rechenzentren, und EVO, der Energieversorgung Offenbach AG, entsteht auf einer Grundfläche von rund 7.800 m²
ein Gebäudekomplex für ca. 3.000 Racks. Das Investitionsvolumen beläuft sich auf rund 120 Mio. Euro.

Zahlen und Fakten: Rechenzentren in Deutschland

Rechenzentren sind ein entscheidender Wirtschaftsfaktor für eine funktionierende digitale Gesellschaft:

  • Jedes Unternehmen, jede Behörde, jede Institution und selbst Privatpersonen nutzen ständig, direkt oder indirekt Rechenzentrumsleistungen.
  • An den hiesigen Standorten arbeiten 130.000 Beschäftigte, weitere 80.000 Jobs hängen indirekt an der Branche.
  • Die auf funktionierende Rechenzentren angewiesene Internetwirtschaft erzielt allein in Deutschland einen Umsatz von mehr als 100 Milliarden Euro jährlich.
  • In Deutschland machen die Stromkosten in der Regel über 50 Prozent der Betriebskosten moderner Rechenzentren aus.

Quelle: Bitkom e.V.

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