Nachgefragt bei Christian Erlinger, Proxia

Noch skeptische Blicke

Interview mit Christian Erlinger, Produktmarketing Manager bei der Proxia Software AG

Christian Erlinger, Proxia

„Die Verlagerung sensibler Unternehmensdaten in das Internet stellt eine große Hemmschwelle dar“, weiß Christian Erlinger Produktmarketing Manager bei der Proxia Software AG.

ITM: Herr Erlinger, „Industrie 4.0“ war das Schlagwort auf der diesjährigen Hannover Messe. Laut einer VDE-Studie von Anfang April 2013 lässt „Industrie 4.0“ allerdings vorerst auf sich warten. Wie schätzen Sie die Lage ein? Ist eine „Integrated Industry“ noch eine Vision oder bereits Status quo?
Christian Erlinger:
Wir aus der MES-Branche können behaupten, dass „Integrated Industry“ in Detailbereichen schon lange umgesetzt wird. Die Informationserfassung, die Informationsauswertung bzw. -interpretation sowie die Visualisierung von Produktionszuständen und Kennzahlen sind Bestandteile einer intelligenten Informationsvernetzung. MES leistet also schon wesentliche Aspekte einer „Smart Factory“. Auch Selbststeuerungseffekte werden heute schon mit einer an MDE (Maschinendatenerfassung) und BDE (Betriebsdatenerfassung) rückgekoppelte Auftragsfeinplanung realisiert. Als visionär würden wir die uneingeschränkte Datenhaltung in einer Daten-Cloud einschätzen. Hier ist die technische Machbarkeit realistisch, allerdings sind die Infrastrukturen im Bereich der Datennetze noch sehr zu hinterfragen. Es gibt auch heute noch Gewerbegebiete, die über keine ausreichend leistungsstarke Internetverbindung verfügen.

ITM: Welches Potential bietet „Industrie 4.0“? Welche Ziele werden konkret damit verfolgt?
Erlinger:
„Industrie 4.0“ bietet auf jeden Fall ein großes Potential. Allein, da diese Konzeption sehr global und umfangreich gehalten wird, bietet sie für viele Produktionsunternehmen auch Teilbereiche, die relativ rasch umgesetzt werden können. Es werden bestehende Ansätze mit neuen Ansprüchen und Technologien verknüpft. Die übergeordnete Zielsetzung liegt in der Standortsicherung der deutschen Produktion. Sogenannte Cyber Physical Production Systems (CPPS) mit intelligenten Maschinen und Anlagen, die eigenständig Informationen austauschen sollten. Es sollten Selbststeuerungsaktionen initiiert und Produktionsprozesse enorm verbessert werden.

ITM: Was sind die aktuellen Bremsklötze?
Erlinger:
Die aktuellen Bremsklötze sind mit Sicherheit noch die Vielfalt der einzelnen Akteure. Maschinen und Anlagenbau, Software-
Entwicklung, Automatisierung und Infrastrukturerrichter unter einen Hut zu bringen, wird die größte Herausforderung sein.

ITM: Welche Relevanz bringt „Industrie 4.0“ grundsätzlich für den MES-Markt mit sich?
Erlinger:
Wir sind der Meinung, dass durch diese Initiative der MES-Markt noch einen zusätzlichen Schub bekommt. Die öffentliche Wahrnehmung von MES wird durch „Industrie 4.0“ positiv beeinflusst. MES ist ein wesentlicher Bestandteil der Konzeption.

ITM: Inwiefern ist das Thema schon bei den mittelständischen Anwendern/Produktionsbetrieben angekommen? Inwieweit gestalten sie ihre Unternehmensstruktur bereits „4.0“-fähig?
Erlinger:
Das Thema hat durch die HMI so richtig Fahrt aufgenommen. Auch die Politik hat dieses Thema für sich entdeckt und dadurch die entsprechende mediale Relevanz in der Produktionsbranche bekommen. Natürlich gibt es gerade im Mittelstand noch skeptische Blicke. Jedoch ist der Mittelstand auch der Innovationsträger, der schon seit geraumer Zeit auf Informationsvernetzungen im Unternehmen setzt. Das haben wir in den letzten Jahren auch ganz klar im MES-Bereich erkennen können.

ITM: Welche technologischen und organisatorischen Anforderungen bringt „Industrie 4.0“ grundsätzlich sowohl für die Anbieter als auch Anwender mit sich? Und ist die Aufrüstung generell verpflichtend?
Erlinger:
Natürlich setzt „Industrie 4.0“ auf der Automatisierungsseite auf sehr hohe technische Standards. Hier ist ganz klar, dass die Unternehmen nicht von heute auf morgen ihre Anlagen und Maschinen erneuern können. Es wird allerdings bei Neuanschaffungen schon verstärkt auf Informationsbereitstellung geachtet werden. Die Anbieter von Maschinen und Anlagen werden sich zukünftig verstärkt mit Sensorik und Steuerungen beschäftigen müssen. Für die Anwender hat die vierte industrielle Revolution insofern eine Auswirkung, dass der Maschinen- und Softwarebediener vielmehr zu einem kooperierenden Steuerer, Regulierer und Gestalter wird.

ITM: Mit welchem Aufwand ist die Umrüstung einer Produktionsanlage bzw. eines Produktionsplanungssystems auf „4.0“ verbunden? Und worauf müssen die Anwender achten?
Erlinger:
Die Umrüstung bzw. Aufrüstung einer Produktionsanlage hängt natürlich vom geforderten Informationsgehalt ab. Dies wird stark vom Produktionsprozess abhängen. Produktionsplanungssysteme sollten unbedingt mit einem MDE-/ und BDE-System rückgekoppelt sein. Nur so ist zu gewährleisten, dass die Planung in einer Echtzeitkommunikation zur realen Produktionswelt steht. Wir, die Proxia Software AG, haben mit unserer Neuentwicklung im Bereich der Feinplanung bereits darauf Rücksicht genommen.

ITM: Mit welchen Kosten haben sie zu rechnen?
Erlinger:
Die Kosten werden stark vom Ausbau der Lösungen abhängen. Wir sind aber überzeugt, dass bereits mit 10 bis 20 Prozent der Anschaffungskosten von Maschinen und Anlagen bereits eine zukunftsfähige und tragende Basis im Bereich der Planung und Informationsvernetzung geschaffen werden kann.

ITM: Wie kann eine durchgängige Integration des MES im Sinne von „4.0“ in die Unternehmens- und Produktionsprozesse gewährleistet werden? Wie gestaltet sich beispielsweise die Verknüpfung von MES und ERP?
Erlinger:
MES ist im Unternehmen so positioniert, dass zur führenden ERP-Ebene softwaretechnisch kommuniziert wird. Dazu werden sogenannte Konnektoren verwendet, die einen lückenlosen Datenaustausch gewährleisten. In der Kommunikation zur Produktionsebene, sprich zu den Maschinen und Anlagen, kommen verschiedene Technologien zum Einsatz. Moderne MES-Systeme können hier über virtuelle SPS-Systeme oder Datenbankverbindungen mit der Automatisierungsebene kommunizieren.

ITM: Welche Rolle spielt das Thema „Mobility“ bei dem Ganzen?
Erlinger:
Informationen zu jeder Zeit und an jedem Ort abrufen zu können, ist ein ganz konkreter Anspruch. Natürlich werden von den Anwendern hierzu mobile, smarte Anwendungen gefordert. Der Einsatz von mobiler Hardware im „Internet der Dinge und Dienste“, ein Initiator der vierten industriellen Revolution, ist daher selbstverständlich. Wir Softwarehersteller müssen auf diese Anforderung sehr stark eingehen.

ITM: Wie kann bei der Vernetzung der gesamten Produktionsanlage mit dem Internet höchstmögliche Sicherheit gewährleistet werden?
Erlinger:
Die Frage der Datensicherheit ist für uns noch die kritischste zu beantwortende Frage. So lange die Informationen noch im eigenen Unternehmensnetzwerk kursieren, ist die Skepsis bei den Unternehmen gering. Die Verlagerung sensibler Unternehmensdaten (Know-how) in das Internet stellt hingegen eine große Hemmschwelle dar. Hier werden die Infrastrukturanbieter noch einiges an Überzeugungskraft und Sicherheitsmaßnahmen aufbringen müssen.

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