Fehlende finanzielle Anreize

Nötige Orientierung im Weiterbildungs-Dschungel

Anhand von Zahlen erläutert Vérane Meyer, Referentin Bildungspolitik beim Bitkom, wie groß die derzeitigen Qualifikations- und Wissenslücken der Arbeitssuchenden und Mitarbeiter sind und welche Rolle demnach IT-Weiterbildung in mittelständischen Unternehmen spielt.

Vérane Meyer, Referentin Bildungspolitik beim Bitkom

„Auch Mitarbeiter sollten Initiative ergreifen und Weiterbildungen aktiv einfordern“, empfiehlt Vérane Meyer, Referentin Bildungspolitik beim Bitkom.

ITM: Frau Meyer, inwieweit wird der deutsche Mittelstand anno 2019 tatsächlich durch einen IT-Fachkräftemangel ausgebremst?
Vérane Meyer:
Der IT-Fachkräftemangel stellt Unternehmen aller Branchen vor große Herausforderungen. Ende 2018 waren 82.000 Stellen unbesetzt – 49 Prozent mehr als im Vorjahr. Der Mittelstand ist besonders betroffen. IT-Fachkräfte haben beste Aussichten auf dem Arbeitsmarkt. Bei guter Qualifikation können sie sich den Job in der Regel aussuchen. Das führt dazu, dass gute Kandidaten für viele Unternehmen kaum zu bezahlen sind – gerade für den Mittelstand und die öffentliche Hand.

ITM: Wie groß sind denn die derzeitigen Qualifikations- und Wissenslücken der Arbeitssuchenden und Mitarbeiter?
Meyer:
Die Besetzung von IT-Stellen scheitert nach einer aktuellen Bitkom-Studie vor allem am Geld, aber auch an fehlender Qualifikation und Kompetenz. So lässt die starke Nachfrage nach IT-Spezialisten auch die Gehaltsvorstellungen der Bewerber steigen. Drei von vier Unternehmen (76 Prozent) erklären, die Bewerber forderten zu viel Gehalt. Vier von zehn (38 Prozent) bemängeln fehlende fachliche Qualifikation, ein gutes Drittel (35 Prozent) vermisst Soft Skills wie etwa Sozialkompetenzen. Erst danach rangieren mangelhafte Testergebnisse im Auswahlverfahren (24 Prozent). Insbesondere Soft Skills spielen in der digitalen Arbeitswelt eine große Rolle; kritisches Denken, Kreativität, Kommunikations- und Kollaborationsfähigkeit werden immer wichtiger.

ITM: Welche Rolle spielt demnach das Thema „IT-Weiterbildung“ in mittelständischen Unternehmen – seitens der Arbeitgeber, seitens der Arbeitnehmer?
Meyer:
Eine weitere Studie zum Thema „Weiterbildung“ von Bitkom und dem Tüv-Verband ergab im Jahr 2018, dass das Thema auch eine politische Aufgabe ist. Insbesondere der Mittelstand verfügt oft nicht über die nötige Orientierung im Weiterbildungsdschungel. Es fehlen finanzielle Anreize für kleine und mittlere Unternehmen, ihre Mitarbeiter in Zeiten voller Auftragsbücher für Fortbildungen freizustellen. Solche Hindernisse müssen aus dem Weg geräumt werden. Politik und Wirtschaft müssen gemeinsam handeln, damit fehlende Weiterbildung nicht zur Achillesferse der deutschen Wirtschaft wird.

ITM: Mit welchen Maßnahmen lassen sich Qualifikations- und Wissenslücken z.B. hinsichtlich IoT und KI schließen?
Meyer:
Fast zwei Drittel aller Unternehmen (63 Prozent) bilden der Studie zufolge ihre Mitarbeiter zu Digitalthemen weiter. Zum Vergleich: Zwei Jahre zuvor hatten erst 36 Prozent der Unternehmen ihren Mitarbeitern Fortbildungen angeboten, damit sie digitale Kompetenzen erwerben und vertiefen können. Oft stellen die Fachbereiche den Bedarf für Weiterbildungsmaßnahmen fest (73 Prozent), in gleichermaßen hohen Anteilen bringen aber auch regulatorische oder technische Entwicklungen mit sich, dass Unternehmen Weiterbildungsmaßnahmen ergreifen. In 75 Prozent der Fälle werden Weiterbildungen angestoßen, weil sich die für Unternehmen relevanten regulatorischen Anforderungen ändern, wie im Falle der Einführung der DSGVO, oder aufgrund technischer Anforderungen (74 Prozent). Sechs von zehn Unternehmen (62 Prozent) ergreifen Weiterbildungsmaßnahmen im Zuge ihrer Weiterbildungsstrategie. Der Anstoß für Weiterbildungsmaßnahmen kommt aber auch in 60 Prozent der Fälle aus der Mitarbeiterschaft oder im Rahmen veränderter Kundenanforderungen (59 Prozent).

ITM: Woran scheitern IT-Weiterbildungsmaßnahmen oftmals?
Meyer:
Befragt nach möglichen Hürden im Zusammenhang mit der Weiterbildung gibt gut die Hälfte der Unternehmen an, dass es keine Zeit für entsprechende Freistellungen gibt (52 Prozent). Weiterhin spielen finanzielle Aspekte eine Rolle: Vier von zehn Unternehmen (42 Prozent) sagen, Weiterbildungen seien zu teuer oder es sei nicht ausreichend Budget vorhanden. Die Unübersichtlichkeit des Weiterbildungsmarktes in Deutschland wird ebenfalls deutlich: Jedes vierte Unternehmen (25 Prozent) findet keine passenden Angebote und jedem fünften (21 Prozent) fehlt der Überblick über das Angebot auf dem Weiterbildungsmarkt. Immerhin ein Viertel (24 Prozent) sagt, dass die Mitarbeiter wenig Interesse an Fortbildungen haben. Auch Mitarbeiter sollten Initiative ergreifen und Weiterbildungen aktiv einfordern, da sie meistens am besten einschätzen können, welche Weiterbildungsmaßnahmen den größten Nutzen bringen.

ITM: Inwieweit kann KI bei der Jobsuche bzw. Suche nach IT-Talenten helfen?
Meyer:
Künstliche Intelligenz kann durchaus eine Entscheidungshilfe bei der Jobsuche darstellen, nämlich dort, wo große Datenmengen verfügbar sind. Immerhin vier von zehn Bundesbürgern (40 Prozent) können sich vorstellen, sich bei der Suche nach einem bei der Auswahl eines potentiellen Arbeitgebers Hilfe durch KI in Anspruch zu nehmen.“

Bildquelle: Bitkom

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