Keine platte Kausalität

Nutzt man KI, wird alles besser?

Sabine Bendiek, Vorsitzende der Geschäftsführung von Microsoft Deutschland, stellt fest, dass Unternehmen, die sich intensiv mit KI beschäftigen, laut einer aktuellen Umfrage wesentlich stärker wachsen als vergleichbare Wettbewerber. Das sei allerdings keine platte Kausalität, im Sinne von „nutzt KI und alles wird besser“.

Sabine Bendiek, Vorsitzende der Geschäftsführung von Microsoft Deutschland

„Unser Ziel ist es, die Nutzung und den Einsatz von KI weiter zu demokratisieren“, so Sabine Bendiek von Microsoft.

ITM: Frau Bendiek, welche Relevanz besitzt das Thema „Künstliche Intelligenz“ (KI) anno 2019 im deutschen Mittelstand? Oder andersherum gefragt: Inwieweit ist KI für den deutschen Mittelstand (noch) ein Mysterium?
Sabine Bendiek:
Ein Mysterium ist KI im Mittelstand wohl nicht, eher eine Qualifikations- und Ressourcenfrage. Erst vor wenigen Wochen haben wir gemeinsam mit der Hochschule Aalen, Carl Zeiss und Voith einen Digital Education Day für mittelständische Unternehmen durchgeführt, bei dem es im Kern um die Nutzbarkeit von KI für den Mittelstand ging. Dort war ein großer Bedarf an Expertise, Austausch und letztendlich Qualifikation nicht nur für Mitarbeiter, sondern besonders auch für Führungskräfte zu spüren.

ITM: Für welche mittelständischen Branchen lohnt sich der Einsatz von KI-Lösungen besonders und warum? Wie sehen konkrete Anwendungsmöglichkeiten/Einsatzfelder aus?
Bendiek:
Grundsätzlich ist der Einsatz von KI nicht auf eine Branche festgelegt. Allerdings haben wir gerade erst auf der Hannover Messe gesehen, dass in Bereichen wie Produktion, Wartung und Maschinenbau, das Thema „KI“ aktuell besonders spannende Innovationen und Geschäftsmodelle ermöglicht. Ob es um verbesserte Lebensmittelproduktion, Wartung von Windrädern durch Drohnen, selbstlernende Robotik oder einen ressourcenschonenden Anbau von Pflanzen mittels intelligentem Licht im urbanen Umfeld geht – überall dort, wo KI schneller Zusammenhänge und Muster erkennt, Empfehlungen oder Korrekturen vornehmen kann, lohnt sich ihr Einsatz.

ITM: Inwieweit beeinflusst bzw. verändert Künstliche Intelligenz zugleich die Joblandschaft im Mittelstand?
Bendiek:
Die Bundesregierung hat bei ihrer „Digital Klausur“ im Winter dazu eine Prognose gegeben. Sie beziffert den Verlust von Arbeitsplätzen durch Automatisierung und den Einsatz Künstlicher Intelligenz bis 2025 auf etwa 1,6 Millionen. Aber gleichzeitig sollen etwa 2,3 Millionen neue Arbeitsplätze in Deutschland entstehen. Per Saldo also ein positiver Ausblick. Allerdings stehen dahinter auch 1,6 Millionen Erwerbsbiographien. Und 2,3 Millionen neue Stellen besetzen sich auch nicht von selbst. Bereits heute belegen Studien, dass der zunehmende Fachkräftemangel die deutsche Wirtschaft 30 Milliarden Euro pro Jahr kostet. Eine Lücke von geschätzt rund 500.000 Fachkräften in vielen Kernbranchen Deutschlands (Automotive, Metall, Elektro) ist eine wesentliche Blockade für die Digitalisierung der Wirtschaft. Die größte Herausforderung bei KI ist daher die Investition in die menschliche Qualifikation.

ITM: Und wie bewerten die Arbeitnehmer selbst den zunehmenden Einsatz von KI im Unternehmensumfeld?
Bendiek:
Dazu haben wir vor einigen Monaten auch Arbeitnehmer befragt – nachzulesen in unserer Studie „Wie wir eine Kultur der digitalen Transformation schaffen“. Dabei kamen so interessante Dinge zu Tage wie: Führungskräfte und Mitarbeiter haben sehr unterschiedliche Einschätzungen mit Blick auf Gestaltung und Vermittlung der digitalen Transformation. So sind die Mitarbeiter gegenüber Innovationen und neuen Technologien prinzipiell aufgeschlossener, als ihre Führungskräfte vermuten. Umgekehrt erleben aber nur 11 Prozent der Beschäftigten diesen Wandel als gemeinschaftlichen Prozess unter Beteiligung der Mitarbeiter. So entsteht Reibungsfläche.

ITM: An welchen Stellen übertrifft KI tatsächlich die Fähigkeiten des Menschen?
Bendiek:
KI hat ihre Stärken, wenn es um die schnelle Verarbeitung großer Datenmengen, das Erkennen von Mustern geht. Das sind vor allem sogenannte Cognitive-Services, wo es beispielsweise um Bild-, Sprach- und Texterkennung geht. Diese sind hochspezialisiert und ermüdungsfrei – und schon allein deswegen den Menschen überlegen. Eine KI, die mit Aflatoxin vergiftete Nüsse, Reis- oder Maiskörner in der Lebensmittelverarbeitung identifiziert, ersetzt dabei nicht den Menschen, sondern unterstützt und schützt uns letztendlich. Auch wenn das bedeutet, dass in der Summe bestimmte Routinetätigkeiten in der Produktion oder Wartung nach und nach von einer KI übernommen werden können und wir Mitarbeiter für andere Tätigkeiten einsetzen können und qualifizieren müssen.

ITM: Wo gibt es hingegen noch Verbesserungsbedarf bei KI-Lösungen?
Bendiek:
Menschen sind kreativ, emphatisch und neugierig – um nur mal drei Eigenschaften zu nennen, die absehbar nicht zu ersetzen sind. KI besitzt hochspezialisierte Inselbegabungen. KI kann lernen, rasant schnell sogar. Aber Künstliche Intelligenz kann nicht denken. Wir sollten uns nicht primär den Kopf darüber zerbrechen, ob Computer denken, sondern, wie sie uns Menschen unterstützen können. Andererseits gehört dazu aber auch: Viele Unternehmen zielen bei ihren Digitalisierungsvorhaben vor allem auf Effizienzgewinne und vernachlässigen das Potential digitaler Produkte und Geschäftsmodelle. Und sie setzen Zukunftstechnologien wie KI nicht konsequent genug um. Viele bewegen sich – gerade im Mittelstand – noch abwartend oder auf der Ebene des Experimentierens. Da müssen wir in Deutschland sicher im internationalen Vergleich aufholen.

ITM: Welche (weiteren) Entwicklungen erwarten Sie im KI-Bereich noch in diesem Jahr?
Bendiek:
Unser Ziel ist es, die Nutzung und den Einsatz von KI weiter zu demokratisieren, damit Künstliche Intelligenz nicht nur ein Spielfeld für große Unternehmen bleibt. Ist es de facto auch nicht, da KI-Technologien in Kombination mit Cloud-Infrastrukturen als Services bereits heute allen zur Verfügung stehen. Selbst kleinere NGOs nutzen KI bereits zum Artenschutz oder zum Erkennen von Mangelernährung bei Kindern. Was wir sehen ist, dass Unternehmen, die sich intensiv mit KI beschäftigen, laut einer aktuellen Pulse-Umfrage wesentlich stärker wachsen als vergleichbare Wettbewerber. Das ist keine platte Kausalität, im Sinne von „nutzt KI und alles wird besser“. Es zeigt aber eine Entwicklung, dass Unternehmen, welche die kreativen Möglichkeiten von KI entdecken, sich selbst und ihren Marktangang verändern. Dieser Trend wird sich beschleunigen.

Bildquelle: Microsoft

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