Eigenverantwortung, Wachstum und Freiheit

Offen für flexible Arbeitsformen

Im Interview spricht Falko Kremp, Deutschlandchef von Fiverr, über die Vor- und Nachteile für Unternehmen, digitale Geschäftsfelder mit Freelancern zu besetzen, und erläutert, was er persönlich unter „New Work“ versteht.

Falko Kremp, Deutschlandchef von Fiverr

„Es wäre erfreulich, wenn wir das nationale Attribut in German Angst endlich hinter uns lassen könnten“, so Falko Kremp, Deutschlandchef von Fiverr.

ITM: Herr Kremp, inwieweit ist der deutsche Arbeitsmarkt von einem Generationenkonflikt geprägt?
Falko Kremp:
Der Arbeitsmarkt befindet sich im Wandel. Generationen Y und Z verlangen nach Tätigkeiten, die von Flexibilität, Selbstverwirklichung und Freiheit geprägt sind. Deutsche Unternehmen tun sich hier besonders schwer und reagieren auf globale Trends erfahrungsgemäß immer erst mit ein paar Jahren Verzögerung. Junge Arbeitnehmer aller Branchen fühlen sich besonders in deutschen Unternehmen nicht mehr verstanden, egal ob in einer Software-Schmiede oder bei einem Automobilhersteller. Kostenlose Obstkörbe und der obligatorische Home-Office-Freitag sind in die Jahre gekommen.

ITM: Was sind die konkreten Folgen dieses Konflikts?
Kremp:
Zum einen herrscht in Deutschland ein massiver Fachkräftemangel in digitalen Geschäftsfeldern. Zum anderen boomt der Freelancer-Markt. Arbeitgeber schließen allerdings immer noch die falschen Schlüsse und weigern sich, neue Formen der Arbeit, wie beispielsweise Freelancing, agil in ihre Arbeitsabläufe einzubinden. Viel besser, als sich medienwirksam über Fachkräftemangel oder „Job-Hopper“ zu beklagen, wäre es also, die Unternehmensstrukturen offener für flexible Formen der Arbeit zu machen. Es gibt allerdings keine wirkliche Alternative als sich diesem Konflikt zu stellen. Angesichts des zunehmenden Fachkräftemangels und einer niedrigen Geburtenrate werden der Einsatz und die Steuerung alternativer Arbeitsformen in den kommenden Jahren unerlässlich werden, um Wachstumspläne umzusetzen.

ITM: Worin bestehen die Vor- und Nachteile für ein Unternehmen, digitale Geschäftsfelder mit Freelancern zu besetzen?
Kremp:
Der Nachteil ist, dass sich Unternehmen mit Scheinselbstständigkeit, einem schwachsinnigen Monster der deutschen Regulatorik, auseinandersetzen müssen. Die Vorteile sind effiziente Unternehmensprozesse, indem man Experten nur dann beschäftigt, wenn sie auch wirklich benötigt werden. Aber natürlich können Unternehmen nicht einfach von heute auf morgen auf sogenannte „alternative Arbeitsformen“ setzen. Der erstmalige Einsatz von externen Spezialisten fordert für vielen Unternehmen einiges ab, denn sie müssen strategisch und auch auf Projektebene gemanaged werden. Die interne Kommunikation des Unternehmens muss auf allen Ebenen für Akzeptanz und Verständnis sorgen. Der allgemeine Generationenkonflikt kann sonst schnell zu einem internen Konflikt ausarten, der für viel Frust unter den Angestellten sorgt. Der gemeine Deutsche ist ein ängstliches Gewohnheitstier, der gemeine Entscheider auch.

ITM: Stichwort „New Work“: Was verstehen Sie persönlich unter der „neuen Art zu leben und zu arbeiten“?
Kremp:
Ich persönlich glaube an Eigenverantwortung, persönliches Wachstum und an Freiheit. Ich bin davon überzeugt, dass Arbeit an sich erfüllend sein sollte. Daher kann ich dem Begriff Work-Life-Balance wenig abgewinnen. Arbeit füllt einen großen Teil des Tages. Wie kann das Leben dazu ein Antagonist sein? Gleichwohl sollte Arbeit so gestaltet werden, dass sie das Leben der Menschen bereichert. Für mich bedeutet New Work, an Projekten zu arbeiten, an die ich glaube, aber auch die nötige Flexibilität zu besitzen, Projekte abzulehnen, an die ich eben nicht glaube, oder zumindest Lösungen abseits des Mainstreams zu finden. Eigenverantwortliche Arbeit, an der ich wachse und die mir ein größtmögliches Maß an persönlicher Entfaltungsfreiheit bietet: Das ist für mich neue Arbeit.

ITM: Wie lässt Fiverr dies auf seiner Plattform einfließen?
Kremp:
Auf Fiverr arbeiten Freelancer eigenverantwortlich, denn sie entscheiden, zu welchem Preis und an welchen Produkten sie arbeiten. Viele IT-Experten, beispielsweise Entwickler, nutzen die Plattform auch als Quelle für einen Nebenverdienst, einen „Side Hustle“. Sie wachsen persönlich wie auch beruflich, indem sie vor immer neue Herausforderungen durch Kunden auf der ganzen Welt und aus vielen verschiedenen Kulturen gestellt werden. Und sie erlangen ihre persönliche Freiheit, indem sie Geld mit dem verdienen, was sie gerne machen – und das losgelöst von einem festen Arbeitsplatz oder Betriebszeiten.

ITM: Was muss noch dringend geschehen, damit Freiberufler und Gig-Arbeitskräfte im deutschen Mainstream ankommen?
Kremp:
Es wäre erfreulich, wenn wir das nationale Attribut in German Angst endlich hinter uns lassen könnten. Deutschland reagiert auf Neuerungen oft skeptisch und mit Regulierung und Bürokratiewahnsinn. Uber? Zerstört die Taxibranche. Google? Eine Datenkrake. Flexible Arbeit? Eine Ausbeutung. Ich denke, wir sollten Veränderungen in der Welt mit offenen Armen begegnen und sie gestalten, anstatt sie zu verteufeln. Freiberuflichkeit und Gig-Arbeit tragen volkswirtschaftlich gesprochen zu einer Produktivitätssteigerung bei, indem Arbeitskraft effizienter allokiert wird. Und gesellschaftlich tragen sie zu mehr persönlicher Freiheit und Eigenverantwortlichkeit bei. Die deutsche Politik sollte also dringend in der Gegenwart ankommen und sich von der arrivierten Vorstellung des Angestelltenverhältnisses als heiligem Gral von Beschäftigung verabschieden. Bei aller Rückwärtsgewandtheit der deutschen Arbeitspolitik befürworte ich dennoch klar die kürzlich vom EU-Parlament angeordnete Stärkung der Arbeitnehmerrechte von Gelegenheits- und Kurzzeitarbeitern auf Abruf. Das geht in die richtige Richtung.

Bildquelle: Fiverr

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