Der vergessene Mensch

Ohne Fachkräfte keine Industrie 4.0

Die Diskussion über digitale Transformation und Industrie 4.0 hat ein Problem: Sie ist zu stark auf Technologie verengt.

In der PowerPoint-Welt der Digitalisierungsberater klappt alles wie von selbst, in der wirklichen Welt der Unternehmen dagegen hängt die digitale Transformation vom Einsatz der Mitarbeiter ab. Dieser Punkt wird in der Diskussion über Industrie 4.0 häufig vergessen, da sie sich recht schnell auf Technologie verengt. Dabei sind Werkzeuge alleine vollkommen sinn- und bedeutungslos. Sie erfordern einen Anwender, der damit Aufgaben erfüllt und zum Beispiel an einem neuartigen Produkt arbeitet.

„Innovationen scheitern selten am technischen Leistungsvermögen. Vielmehr ist es der Faktor Mensch, der über den Erfolg entscheidet“, betont der Berufsbildungsexperte Karlheinz Müller, der beim Maschinenbauerverband VDMA für die Weiterentwicklung des Ausbildungsberufes „Produktionstechnologe“ verantwortlich ist. Wenn ein Unternehmen innovativ sein wolle, müsse sich das Management fragen, ob sie die richtigen Fachkräfte beschäftigen, die das nötige Knowhow einbringen.

Obwohl viele Unternehmen die Tendenz haben, in erster Linie erfahrene Fachkräfte nachzufragen, müssen sie dem Nachwuchs eine Chance geben und ihn ausbilden. Denn eine Mehrheit der mittelständischen Unternehmen in Deutschland betrachtet die Industrie 4.0 als Jobmotor. Laut einer aktuellen Studie der Commerzbank gehen 43 Prozent der befragten Unternehmen davon aus, dass der Personalbestand in den nächsten Jahren wächst. Und knapp die Hälfte geht von gleichbleibendem Personalbedarf aus, weil sich Einspareffekte durch Automatisierung und Wachstum ausgleichen.

Wachsende digitale Kluft

Neue digitale Technologien bringen ein stark verändertes Anforderungsprofil an Mitarbeiter mit sich. Karlheinz Müller nennt einige Stichworte: „Denken in Systemen und interdisziplinären Zusammenhängen, Bewältigung hoher Informationsdichte, flexibles Arbeitshandeln und umfassende Selbststeuerung.“ Damit Industrie 4.0 & Co. ein Erfolg werden, müssen die vorhandenen Ausbildungsberufe in IT, Elektronik und Maschinenbau weiterentwickelt werden.

Doch dies wird nicht ausreichen, deshalb ist die wichtige zweite Quelle für digitales Know-how in den Unternehmen die Weiterbildung der Mitarbeiter. „Industrie 4.0 bringt mehr Verantwortung für die Belegschaften,“ sagt Prof. Dr. Michael ten Hompel, einer der Autoren einer Acatech-Studie zur Weiterbildung für Industrie 4.0. „Dafür brauchen sie maßgeschneiderte Qualifizierungsangebote – Fortbildungen für Führungskräfte allein reichen nicht aus.“

Die Acatech-Forscher befürchten sonst eine wachsende digitale Kluft zwischen hoch- und niedrig qualifizierten Mitarbeitern. Um sie zu schließen, propagieren die Wissenschaftler digitales Lernen. Denn vor allem kleinere Unternehmen können eine umfassende Qualifizierung ihrer Mitarbeiter nicht so ohne weiteres leisten. Noch dazu ist das Thema „Digitale Transformation“ noch lange nicht in jedem Unternehmen angekommen.

Einsteigerkurs zur Industrie 4.0

Deshalb ist die Initiative der Acatech zur Grundinformation über Industrie 4.0 begrüßenswert: In einem digitalen Selbstlernkurs präsentiert sie Informationen und Erklärvideos zu den technologischen Grundlagen, Sicherheit und der Einführung im Betrieb. Hinter dem Kurs mit dem Titel „Hands on Industrie 4.0“ verbirgt sich der im Moment beste allgemeine Überblick über alle Aspekte des Themas. Er ist ein guter Startpunkt für jeden, der in die digitale Transformation einsteigen will. Obwohl das Seminar bereits abgeschlossen ist, sind sämtliche Informationen und Videos weiterhin kostenlos zugänglich.

Bildquelle: Thinkstock

©2019Alle Rechte bei MEDIENHAUS Verlag GmbH

Unsere Website verwendet Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu bieten. Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung zu. Weitere Infos finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

ok