MES-System: Interview mit Bernhard Klimm, Salt Solutions

„Ohne MES ist Industrie 4.0 schwer vorstellbar“

Für welche Produktionsprozesse die Einführung eines Manufacturing Execution System gewinnbringend ist erklärt Bernhard Klimm, Berater und Projektmanager für MES-Anwendungen bei Salt Solutions, im Interview

Bernhard Klimm, Berater und Projektmanager für MES-Anwendungen bei Salt Solutions

ITM: Herr Klimm, welche Rolle spielt ein MES Ihrer Meinung nach bei der Entwicklung von „Industrie 4.0“?
Bernhard Klimm:
Ohne MES ist Industrie 4.0 schwer vorstellbar. Der Nutzen intelligenter Produkte stellt sich nur ein, wenn ein MES die Konsistenz und die Transparenz aller Informationen über die gesamte Produktionskette hinweg sicherstellt. Für die Kommunikation mit dezentralen Einheiten bietet ein MES vorgefertigte Adapter zur Gewährleistung eines reibungslosen Datenaustauschs.

ITM: Welche Funktionen sollten in einem MES vorhanden sein?
Klimm:
Das ist abhängig von den Zielen, die Unternehmen mit einem MES-Einsatz verbinden und der Art der Produktionsprozesse, die damit unterstützt werden sollen. Basisfunktionen wie Maschinen-, Auftrags- und Personaldatenerfassung, Anlagenüberwachung, Traceability sowie Auswerte- und Analysefunktionen sind selbstverständlich. Entscheidend ist vielmehr, dass ein MES in sehr weiten Bereichen an die spezifischen Anforderungen der jeweiligen Fertigungsprozesse über Parametrierung (Einstellungen) vom Anwender selbst angepasst werden kann.

ITM: Welche Faktoren erschweren die Einführung eines MES in  mittelständischen Betrieben? Was gilt es zu beachten?
Klimm:
Technisch ist die MES-Einführung in mittelständischen Betrieben nicht schwieriger als in großen Unternehmen der Fertigungsindustrie. Tendenziell haben Mittelständler eine geringere Prozesskomplexität und oft flexiblere Mitarbeiter, die die komplette Prozesskette überblicken. Auch die Anforderungen ihrer Kunden im Hinblick auf Prozess- und Produktdokumentation sind nicht so hoch. In Summe führen diese Punkte dazu, dass sich eine durchgängige IT-Unterstützung in der Produktion häufig wirtschaftlich schwierig darstellen lässt.

ITM: Lässt sich ein MES als eigenständiges System oder als eine Erweiterung eines bestehenden ERP-Systems betrachten?
Klimm:
Ein eigenständiges MES gibt es eigentlich nicht. Jedes MES benötigt für einen wirksamen Einsatz neben den Auftragsdaten auch Arbeits- und Prüfpläne, Stücklisten, Stammdaten zu Produkten und Produktionseinrichtungen sowie einiges mehr. Diese Daten sind einerseits aus betriebswirtschaftlichen Gründen im ERP vorhanden, andererseits werden sie dort bei Änderungen im Produktionsgeschehen immer auf dem neuesten Stand gehalten. Umgekehrt ist für eine realistische Produktionsplanung im ERP immer auch der aktuelle Stand des Fertigungsfortschritts notwendig. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit einer möglichst engen Integration von ERP und MES.

ITM: Für wen ist ein MES überhaupt notwendig bzw. gewinnbringend?
Klimm:
Notwendig ist ein MES immer dann, wenn wirtschaftliche Optimierungspotentiale in den Produktionsprozessen mit den bereits vorhandenen IT-Systemen nicht schnell genug oder gar nicht ausgeschöpft werden. Ein Szenario dafür wäre die Einführung komplexer Fertigungsverfahren, um neue Kunden oder Märkte zu erschließen. Auch nachhaltige Verbesserungen bei Produktionsdurchlaufzeiten, Anlagennutzung oder der Produktqualität lassen sich meist nur mithilfe einer durchgängigen Produktions-IT mit einem MES realisieren. Der mit Fertigungsunterlagen in Papierform und manueller Prozess- und Produktdokumentation verbundene Aufwand kann ebenfalls ein MES notwendig machen.
     
ITM: Ist ein Produktionsbetrieb mit einem reinen betriebswirtschaftlichen System überhaupt noch möglich?
Klimm:
Jedes rein betriebswirtschaftliche System hält für Funktionen wie Auftrags- und Bestellabwicklung, Kostenrechnung, Bilanzierung und Berichtswesen bereits eine Reihe von Fertigungsdaten vor. Dazu gehören Material- und Arbeitsplatzinformationen, Stücklisten sowie Arbeits- und Prüfpläne. Diese können bei sehr einfachen Fertigungsprozessen für einen Produktionsbetrieb ausreichend sein. Aber bereits in diesen Fällen entstehen zahlreiche Excel-Sheets und selbstgebaute Software-Anwendungen, um das spezifische Informationsbedürfnis von Betriebsleitern, Qualitätsverantwortlichen und Logistikmanagern zu decken. Auch für die Bereitstellung aktueller Montage- und Prüfanweisungen oder die Versorgung der Maschinen mit NC-Daten sind schnell einige Programme eingerichtet. Mit anderen Worten: MES-Funktionen werden wie ein Flickenteppich schrittweise nebeneinander gereiht, ohne die Datentransparenz eines MES zur erreichen – von den versteckten IT- und Prozesskosten eines solchen Vorgehens ganz zu schweigen.
     
ITM: Welche Schnittstellen sind notwendig, um ein MES an ein ERP- und andere Systeme anzubinden?
Klimm:
Dieser Punkt ist stark abhängig von den Erfordernissen der jeweiligen Fertigungsprozesse. Hier ist ein MES von Vorteil, das bereits über eine vorkonfigurierte Standardschnittstelle verfügt, die alle Daten zu Aufträgen, Material, Arbeitsplätzen, Maschinen und Personal, alle Arbeits-, Prüf- und Instandhaltungspläne und -Anweisungen sowie die gesamte Prozess- und Produkthistorie mit dem ERP in Echtzeit austauschen kann. Beim Einsatz in einem Fertigungsunternehmen wird dann ausgewählt, welche dieser Datengruppen über diese Schnittstelle tatsächlich ausgetauscht werden, um die vorliegenden Produktionsprozesse optimal zu unterstützen.
     
ITM: Inwieweit kann sich ein MES an die zunehmende Nutzung mobiler Geräte anpassen?
Klimm:
Bei aktuellen MES-Lösungen auf Basis von SAP Manufacturing Execution ist keine besondere Anpassung bei der Verwendung mobiler Geräte notwendig. Alle Benutzeraktionen des MES sind über mobile Scanner-Terminals, Smartphones oder Tablet-PCs in gleicher Form wie über stationäre Industrie- oder Büro-PCs möglich.
     
ITM: Gerade diese Geräte erfordern eine Echtzeitdatenerfassung, wie lässt sich diese umsetzten?
Klimm:
Bei der MES-Lösung von Salt Solutions auf Basis von SAP ME erfolgt die Datenerfassung ausschließlich in Echtzeit. Dabei spielt es keine Rolle, ob die Datenerfassung manuell über mobile oder stationäre Geräte oder direkt aus Maschinen und Anlagen erfolgt. Jede Eingabeaktion wird sofort übernommen und die daraus resultierenden Informationen sind für die anderen Nutzer des MES bei Bedarf sofort sichtbar. Ermöglicht wird dies durch die Verwendung aktueller IT-Standards wie HTML5 für Werker-Dialoge per Browser und OPC-UA für die Maschinenkommunikation.
     
ITM: Wie wird sich die Rolle des Produktplaners zukünftig bei einem vollautomatisierten Betrieb verändern?
Klimm:
Unsere Erfahrung zeigt, dass Produkt(ions)planer durch den Einsatz eines MES deutliche bessere Entscheidungen treffen, da ihnen umfassende Informationen aus dem Betriebsgeschehen zur Verfügung stehen. Dies gilt unabhängig vom Automatisierungsgrad in den verschiedenen Fertigungsbereichen. Die Planungsaufgabe wird auch zukünftig einen hohen Anteil an Kreativität erfordern und so dem Menschen vorbehalten bleiben.
     
ITM: Klassische MES sind darauf ausgelegt innerhalb eines lokalen Netzwerks einer Fertigung zu laufen, immer häufiger müssen Daten standortübergreifend ausgetauscht werden, wie lässt sich dies realisieren?
Klimm:
Ein MES auf Basis von SAP ME hat den Vorteil, dass es von Anfang an für den standortübergreifenden Datenaustausch vorbereitet ist. Dafür werden die in SAP ERP verwendeten Sicherungsmechanismen eingesetzt. Hier stehen zahlreiche Funktionen für die Steuerung von Nutzerberechtigungen, die Authentifizierung von Kommunikationspartnern sowie die kryptografisch gesicherte Datenübertragung zur Verfügung.
     

©2020Alle Rechte bei MEDIENHAUS Verlag GmbH

Unsere Website verwendet Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu bieten. Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung zu. Weitere Infos finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

ok