Lehrer muss Coach auf Augenhöhe sein

Ohne „vorgekaute“ Lernkost

Nur wenn der Lehrer zum Coach auf Augenhöhe wird und der Lernende nicht länger auf „vorgekaute“ Lernkost wartet, sondern eigeninitiativ, selbstverantwortlich und selbstgesteuert seine Lernschritte organisiert und erlebt, absolviert er laut Joachim Giese, Vorstand der WBS-Gruppe, zukunftsfähiges Lernen.

Joachim Giese, Vorstand der WBS-Gruppe

„Wir schulen unsere Kunden in einer dreidimensionalen virtuellen Schulungsumgebung“, berichtet Joachim Giese, Vorstand der WBS-Gruppe.

ITM: Herr Giese, welchen Einfluss übt die Digitalisierung auf das Personalmanagement der Unternehmen aus?
Joachim Giese:
Die Digitalisierung übt in vielerlei Hinsicht einen großen Einfluss auf das Personalmanagement von Unternehmen im Mittelstand aus. Der Bewerbungsprozess erfolgt bei den meisten Unternehmen digital (digitale Unterlagen, Standard-Software und -prozesse und Video-Interviews setzen sich durch). Viele Firmen haben sogar ein eigenes Online-Bewerbungsportal, dass die Bewerbung sowohl für die eigene HR-Abteilung als auch für interessierte Bewerber vereinfacht. So gehört der virtuose Umgang mit den neuen Möglichkeiten der Kollaboration und Kommunikation mittlerweile zu den grundlegenden Einstellungskriterien für verschiedene Positionen. Aber auch im Berufsleben erfolgen mittlerweile viele Prozesse digital: Personalabrechnungen werden online zum Abruf bereitgestellt, die Personalakte ist digitalisiert und kann in Teilen von Mitarbeitern und der Führungskraft eingesehen und bearbeitet werden und Standardfragen zu Personalfragen oder Urlaubsregelungen werden vom Chatbot bearbeitet.

ITM: Welche Rolle spielen bislang die sogenannten Chief Digital Officer (CDOs) im Mittelstand? Werden sie überhaupt benötigt?
Giese:
Die Funktion des Chief Digital Officer ist eklatant wichtig. Digitalisierung geht weit über die bisherigen Aufgaben eines CIOs hinaus. Wir planen derzeit aber nicht die Einstellung eines CDOs.

ITM: Inwieweit zeigen die (bisherigen) Mitarbeiter Bereitschaft, neue digitale Kompetenzen zu erwerben?
Giese:
Wir schulen unsere Kunden in einer dreidimensionalen virtuellen Schulungsumgebung, dem „Learnspace 3D“. Wir nutzen diese Lösung auch intern und führen damit auch unsere Mitarbeiter an das Lernen und Arbeiten 4.0 heran. Der „Learnspace 3D“ wird intern wie extern gut angenommen und stets auf Basis des Feedbacks von Weiterbildungsteilnehmern und unseren Mitarbeitern optimiert.

ITM: Wie bzw. mit welchen konkreten Tools können die Mitarbeiter digitale Kompetenzen erwerben?
Giese:
Als eines der größten Bildungsunternehmen des Landes haben wir unser Angebot auf die Herausforderungen der Digitalisierung angepasst. So bieten wir einerseits komplette Schulungen zum Thema „Arbeiten 4.0“ an und bringen andererseits jedem unserer Weiterbildungsteilnehmer neben fachspezifischen Kenntnissen auch Wissen im Bereich der Digitalisierung bei. Dafür haben wir besagten „Learnspace 3D“ entwickelt, eine virtuelle, dreidimensionale Simulation einer Schulungsumgebung, die es ermöglicht, Weiterbildungen ortsunabhängig unter realen Bedingungen zu gestalten.

ITM: Worin bestehen die Herausforderungen beim elektronisch unterstützten Lernen?
Giese:
Die wichtigste Herausforderung besteht in einer erforderlichen Haltungsänderung sowohl der Lernenden als auch der „Lehrenden“, die den Maßgaben durch Arbeit 4.0 und einem konstruktivistischen Bildungsverständnis folgt. Nur wenn der Lehrer zum Coach auf Augenhöhe wird und der Lernende nicht länger auf „vorgekaute“ Lernkost wartet, sondern eigeninitiativ, selbstverantwortlich und selbstgesteuert seine Lernschritte organisiert und erlebt, absolviert er zukunftsfähiges Lernen. Die elektronische Unterstützung ist dabei nicht mehr als eine Hilfe, ihn von starren Zeiten und festen Orten zu entkoppeln und die maximal sinnvolle, individualisierte Konstruktion eigenen Lernens zu ermöglichen.

ITM: Welche Bedeutung schreiben Sie dem „lebenslangen Lernen“ zu?
Giese:
Im Mittelalter bildeten sich in Mitteleuropa die Nachnamen heraus, die nicht selten von den Berufen der Menschen abgeleitet wurden und dann auch tatsächlich über Generationen hinweg deren Profession bezeichneten, die im Wesentlichen mit den Lerninhalten einer einfachen Ausbildung bestritten werden konnte. Die Halbwertszeit beruflicher Qualifikation ist heute implosionsartig auf einen Bruchteil zusammengeschrumpft: Ein Beruf ernährt nicht mehr mehrere Generationen, ein einzelnes Individuum hat heute in seinem Erwerbsleben in der Regel mehrere Berufe und wechselt nicht selten mehrfach den Erwerbsort. Diese Entwicklung und ihre Beschleunigung werden weitergehen, so dass lebenslanges Lernen allein schon aus Gründen beruflicher Kompetenz eine zwangsläufige Notwendigkeit für alle darstellen wird. Ebenso gravierend aber ist, dass die Wahrnehmung persönlicher Teilhabe an gesellschaftlichen und kulturellen Entwicklungen heute und noch stärker in absehbarer Zukunft nicht ohne das kontinuierliche und lebensbegleitende Erlernen der neuen Kulturtechniken möglich sein wird.

Bildquelle: WBS-Gruppe

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