Kein Punk mehr

„Open Source ist Mainstream“

Im Interview erklärt Christian P. M. End, Leiter des Geschäftsbereichs E-Commerce bei der Four For Business AG und Key-Account-Manager für größere Contenido-Projekte, dass Open Source schon längst kein „Punk“ mehr sei, sondern Mainstream.

Christian End, Four For Business

„Erfolgreiche OS CMS leben länger. Sie überdauern Anbieterinsolvenzen oder Dienstleisterwechsel und werden herstellerunabhängig weiterentwickelt“, so Christian P. M. End, Leiter des Geschäftsbereichs E-Commerce bei der Four For Business AG.

ITM: Herr End, welchen Stellenwert haben heutzutage Open-Source-Content-Management-Systeme (CMS) im Vergleich zu Standard-Content-Management-Software?
Christian End:
Bei einem Marktanteil von ca. 80 Prozent kann man bei OS CMS mittlerweile getrost vom „Standard“ sprechen. Auch im Einsatz als Enterprise-Lösung stehen sie den proprietären Systemen in so gut wie nichts nach. Ohnehin ist „Open Source“ bei Software allgemein zu einem akzeptierten Geschäftsmodell geworden. Von Apache bis Zend Framework, über Firefox, Linux und MySQL: Open Source ist längst kein Punk mehr. Open Source ist Mainstream.

ITM: Wie gestaltet sich das derzeitige Interesse des Mittelstands an Content-Management-Systemen auf Open-Source-Basis?
End:
Exakte Statistiken liegen uns dazu nicht vor, doch wir schätzen den Anteil der bei mittelständischen Unternehmen im Einsatz befindlichen OS CMS deutlich höher ein als den weltweiten Durchschnitt – ca. um die 90 Prozent.

ITM: Was hält das eine oder andere Unternehmen noch von Open-Source-Modellen im CMS-Bereich ab?
End:
Wahrscheinlich lässt der meist nicht gegebene direkte Herstellersupport einige Unternehmen davor zurückschrecken, sich für eine Open-Source-Lösung zu entscheiden. Zudem empfinden insbesondere kleinere Mittelständler den fehlenden deutschen Background eines OS CMS als Minuspunkt. Und nicht zuletzt: Das Vorurteil „Open Source = unsicher“ hält sich leider und völlig zu Unrecht hartnäckig.

ITM: Welche Vorteile und Möglichkeiten bieten sich jenen Unternehmen, die auf Open-Source-CMS vertrauen?
End:
Wir sehen speziell die Zukunftsfähigkeit und die damit einhergehende Investitionssicherheit eines quelloffenen CMS als entscheidenden Vorteil. Eine kommerzielle Lösung ist immer nur so lange am Markt wie ihr Herstellerunternehmen. Erfolgreiche OS CMS hingegen leben länger. Sie überdauern Anbieterinsolvenzen oder Dienstleisterwechsel und werden herstellerunabhängig weiterentwickelt. Marktteilnehmer, die mit OS CMS ihr Geld verdienen, kommen und gehen. Die Systeme aber bleiben. Das führt zu einem weiteren Vorteil der Systeme ohne Vendor Lock: die Unabhängigkeit vom technischen Dienstleister.

ITM: Inwiefern bedeutet „Open Source“ tatsächlich Kostenfreiheit und mehr Flexibilität?
End:
Ein OS CMS ist kostenfrei, da keine Lizenzgebühren anfallen. Komplett gratis ist es aber nur dann, wenn die Lösung alle Anforderungen des Anwenders „out of the box“ abbilden kann. Das wird beim Einsatz in Unternehmen nur sehr selten der Fall sein. Sobald individuelle Anpassungen und Erweiterungen nötig bzw. Support bei Implementierung/Migration erforderlich werden, entstehen Kosten. Auf der anderen Seite ist es jedoch genau eben jene Freiheit zur Erweiterung, die Anwender quelloffener CMS hoch schätzen: Sie ermöglicht Flexibilität und Unabhängigkeit, auch und gerade für die Realisierung komplexer Onlineprojekte.

ITM: Was sind die Nachteile und Hürden von Open-Source-CMS im Vergleich zu Standardsoftware?
End:
Kommerzielle CMS bieten unmittelbar direkte Ansprechpartner und die Auswahl an vorgefertigten Lösungen, Modulen und Applikationen ist groß. Eine Fülle an Plug-ins bieten zwar auch die OS CMS, doch diese sind oftmals genauer auf ihre Qualität hin zu überprüfen.

ITM: Welche Kriterien sollte ein gutes CMS erfüllen?
End:
Bedienfreundlichkeit, Individualisierbarkeit, Zuverlässigkeit der Technologie, einfache Integration von Funktionen und anderer Systeme, Skalierbarkeit und Mehrsprachigkeit.

ITM: Wie gestaltet sich die jeweilige Kompatibilität/Integrierbarkeit zu/mit anderen Systemen?
End:
Hier punkten in der Regel die OS CMS, weil sie eben alles sind, nur keine geschlossenen Systeme. Es liegt in ihrer Natur, „offen“ zu sein.

ITM: Welche Anforderungen stellen Open-Source-CMS an die Leistungs- und Konfigurationsfähigkeit eines verwendeten Servers?
End:
OS CMS zeichnen sich durch eine große Bandbreite der verwendeten Serverlösungen aus. So sind viele Systeme auch schon auf kleinen Hosting-Paketen lauffähig, bieten aber auch Möglichkeiten der Skalierung hin zu komplexen Enterprise-Umgebungen.

ITM: Wonach entscheidet sich, ob ein Open-Source- oder Standardmodell für ein Unternehmen in Frage kommt?
End:
ROI, Laufzeit, laufende Kosten, Erweiterungen, Support, Wartung und Update-Kosten.

ITM: Wie sollten Mittelständler bei der Anbieter- bzw. Lösungsauswahl vorgehen?
End:
Elementar sind, neben der Langfristbetrachtung über die projektierte Laufzeit sowie die Budgetierung der monatlichen Kosten, der klare und ehrliche Vergleich der erforderlichen Funktionalitäten. Nicht alles, was umfangreiche Feature-Listen hergeben, passt auch zur Geschäftsanforderung. Vor der Entscheidung für eine Lösung sollten also ganz klar Antworten gefunden worden sein, beispielsweise auf die Frage, was muss das System sofort können und was zu einem späteren Zeitpunkt. Oder aber auch: Sagt uns das Look & Feel zu? Wie ist die Usability? Für die Beantwortung ist umfangreiches Testen unumgänglich. Bewährt hat sich in diesem Zusammenhang die Bildung von Use Cases, um die zu erwartenden Szenarien wie Freigabeprozesse, etc. zu simulieren.

ITM: Mit welchem Aufwand ist die Einführung eines Open-Source-CMS verglichen zu einem Standardsystem verbunden?
End:
Solange es um die Kernfunktionen von Content-Management-Systemen geht, liegen die Vorteile ganz sicher bei OS. Mit jeder weiteren Funktionalität sollten die Aufwände den jeweiligen Kosten gegenübergestellt werden.

ITM: Wie ist es um die Sicherheit sowie Zukunftsfähigkeit von Open-Source-CM-Modellen bestellt?
End:
Davon abgesehen, dass Sicherheit zu den Grundwerten quelloffener Systeme zählt, handelt es sich bei den Entwickler-Communities von OS CMS keinesfalls um eine Gemeinschaft „anonymer“ Programmierer. Sie stehen mit ihrem Namen für die Weiterentwicklung des Systems, wollen sich profilieren, dazulernen und ihr Know-how auch vermarkten. Kein Developer möchte mit einer unsicheren Software assoziiert werden. Zudem gewährleistet eine Entwickler-Community auch die schnelle Identifizierung von Problemen. Sollte tatsächlich eine Sicherheitslücke gefunden werden, wird diese sofort öffentlich gemacht – das sorgt für Transparenz und macht es Anwendern möglich, umgehend zu reagieren.

ITM: Wie gestaltet sich der Support durch den Hersteller bzw. Entwickler bei Open-Source-Modellen?
End:
In erster Linie handelt es sich dabei um einen Support durch Agenturen oder technische Dienstleister. Aber es gibt auch Ausnahmen: Wir von Four For Business sind in Sachen Contenido ein solcher Spezialfall. Als Initiator des CMS fungieren wir als „Hersteller“ und liefern ein zentrales Produktmanagement. Als technischer Dienstleister bieten wir Support, Schulung und Wartung sowie als digitale Agentur Beratung und Konzeption.

ITM: Welcher Trend ist im CMS-Bereich abzusehen? Wohin geht es zukünftig?
End:
Wir sehen einen starken Trend hin zu den Bereichen Web Experience Management und Targeting/Personalisierung.

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