Interview mit Prof. Dr. Hartmut F. Binner

Organisation 4.0: Prozesse im Fokus

Interview mit Prof. Dr. Hartmut F. Binner, Geschäftsführer der Prof. Binner Akademie in Hannover, über Organisation 4.0 im Mittelstand

Hartmut F. Binner,  Geschäftsführer der  Prof. Binner Akademie

Hartmut F. Binner, Geschäftsführer der Prof. Binner Akademie

ITM: Herr Prof. Binner, geht es um Industrie 4.0, fällt zeitgleich häufig der Begriff „Organisation 4.0“. Was genau verstehen Sie darunter?
Hartmut F. Binner:
Die zurzeit im Rahmen von Industrie 4.0 stattfindende Digitalisierung der horizontalen Wertschöpfungskette durch neue Informationstechnologien wie Cloud Computing, Enterprise Mobility oder Social Business orientiert sich nicht an den vorhandenen Organisationsstrukturen, sondern richtet sich an der Erfüllung des individuellen Kundenwunschs aus.

Funktionsorientierte Organisationsstrukturen stehen dabei der stattfindenden Vernetzung sogar im Wege, weil das prozessorientierte Denken und Handeln aufgrund der arbeitsteilig geschaffenen Grenzen und hierarchischen Schnittstellen horizontal wie vertikal behindert wird. Damit der Nutzen der Digitalisierung dabei nicht infrage gestellt wird, ist es notwendig, unter den Begriff „Organisation 4.0“ eine Organisationsstruktur gemeinsam mit einer Kulturveränderung von der funktions- zur prozessorientierten Organisation vorzunehmen.

ITM: Warum kann Industrie 4.0 nur in Verbindung mit einem umfänglichen Organisationswandel funktionieren?
Binner:
In vielen Beiträgen zu Industrie 4.0 wird der mündige, wohlinformierte Mitarbeiter gefordert, der mit Unterstützung von web-basierten Informationstechnologien im Team vernetzt, aber selbstbestimmt seine Aufgaben durchführt. Diesem Idealbild steht allerdings die Realität gegenüber, dass die vorhandene, auf funktionsorientierten, d.h. in hierarchischen Organisationsstrukturen aufgebaute Führungskultur eine Partizipation und Handlungsübertragung gar nicht zulässt. Bereits seit über 20 Jahren wird über die Prozessorientierung als zweites Paradigma diskutiert. Nach wie vor denkt und handelt das Management aber überwiegend in funktionsorientierten Strukturen. Die Unternehmensleitung, d.h. die Führungskräfte sind aufgefordert, endlich diesen Führungswandel zu vollziehen.

ITM: Worin liegen Ihrer Ansicht nach die größten Herausforderungen für eine flächendeckende Verbreitung von Industrie 4.0?
Binner:
Die Umsetzung von Business Process Management (BPM) im Unternehmen ist zu einem zentralen Führungsinstrument für die Organisationsentwicklung geworden, weil es die Methoden und Tools für die ganzheitliche Prozessgestaltung bereitstellt. Durch BPM werden die beiden Gestaltungsschwerpunkte, d.h. die reale Prozesswelt und die virtuelle Prozess-IT-Welt, für eine kundenorientierte Unternehmensentwicklung miteinander verbunden.

Der im Rahmen einer ganzheitlichen Prozessanalyse modellierte reale Ablauf ist die Grundlage für eine Digitalisierung dieses Prozesses. Denn prozessschrittbezogen müssen die Arbeitsabflüsse durch ein System von vorgegebenen Regeln mit den zu erfassenden Daten ebenso wie die weiterzuleitenden Informationen mit den dazu eingesehenen IT-Applikationen an die anderen Prozessteilnehmer strukturiert geregelt sein. Ziel der Digitalisierung ist dabei die übergreifende Steuerung und Kontrolle dynamischer Geschäftsprozesse, die horizontal auf den Kunden ausgerichtet sein müssen, verbunden mit der Vereinfachung der Abläufe mit wenig Schnittstellen und klaren Prozessverantwortlichkeiten. Diese Veränderungen in den Abläufen können nur über qualifizierte Führungskräfte und Mitarbeiter anforderungsgerecht in der realen wie digitalisierten Prozesswelt umgesetzt werden.

ITM: Wer sind die Treiber von Industrie 4.0 im Mittelstand?
Binner:
Die Treiber sind die neuen Informationstechnologien. Um davon nicht überrollt zu werden, sollten sich die Führungskräfte an die Spitze des Veränderungsprozesses setzen und durch prozessorientierte Organisationsformen die Voraussetzung zur Digitalisierung schaffen. Die Manager dürfen diese Entwicklung nicht durch funktionsorientierte Organisationsstrukturen ausbremsen, d.h. über aufwendige Freigabeprozeduren oder langfristige Abstimmungsdiskussionen zwischen den Abteilungen die Durchgängigkeit verhindern.

Die reale Prozesswelt wächst mit der virtuellen Welt zu einem Internet der Dinge zusammen, wobei sich verschiedene Anwendungsschwerpunkte herauskristallisieren. Es ergeben sich immer neue Geschäftsmodelle, Produkte und Wertschöpfungsketten, denen die internen IT-Abteilungen kaum folgen können, weil sie sich auf den laufenden IT-Service in ihrer Organisation konzentrieren müssen und nicht mehr in der Lage sind, neuartige IT-Innovationen schnell zu integrieren. Hier werden externe Service-Anbieter auch aus Kostengründen mit skalierbaren IT-Lösungen zu Konkurrenten, weil das Kern-Know-how der Fachabteilungen am Ort der Entstehung der Wertschöpfung selbst für die IT-Umsetzung immer wichtiger wird.

 

 

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