IoT im Einzelhandel

Perspektivwechsel gefragt

Ramona Swhajor, Manager Innovation bei der GS1 Germany GmbH, im Gespräch über die Möglichkeiten von IoT-Technologie im stationären Handel.

Perspektivwechsel gefragt

Um den Nutzen, die Einsatzgebiete und Potenziale besser einordnen zu können, müsse man das Thema IoT laut Ramona Swhajor aus Sicht des Shoppers betrachten.

ITM: Auf welchem Stand ist der mittelständische Handel in Deutschland bei der Implementierung von IoT-Technologie?

Ramona Swhajor: IoT wird den Retail-Sektor revolutionieren. Insgesamt lässt sich feststellen, dass das Internet of Things für den mittelständischen Handel in Deutschland an Bedeutung gewinnt. Von einer Selbstverständlichkeit bei der Nutzung, geschweige denn einer weitreichenden Implementierung, kann aber im mittelständischen Handel nicht die Rede sein. Der IoT-Markt ist hierzulande relativ jung, es gibt unterschiedliche Übertragungstechnologien und Protokolle – Standards haben sich noch nicht durchgesetzt. Das heißt auch, dass die Produktvielfalt kaum Kompatibilität untereinander zulässt. Endkunden sind dadurch in der Anwendung eingeschränkt.

ITM: Woher rührt diese Zurückhaltung?

Swhajor: Begründen lässt sich die bisherige Zurückhaltung durch die vielen neuen Technologien und Produkte sowie das fehlende IT-Knowhow. Die Digitalisierung im deutschen Handel ist wenig vorangeschritten, es fehlt sowohl an Erfahrungswerten als auch Bestrebungen, mit neuen Technologien zu experimentieren. Die Annäherung an neue IoT-Szenarien, ohne in der Breite erfolgreich umgesetzte Use Cases, ist daher schwierig. Notwendigkeit und Potenzial werden zwar erkannt, die Dringlichkeit ist hingegen kaum verinnerlicht. Die Mehrheit der Entscheider tut sich schwer, wenn es um die Planung, technische Konzeption und konkrete Umsetzung geht. Hinzu kommen Hürden bei der Bereitstellung von sicherer Infrastruktur. So ist parallel die Zahl der Cyberattacken deutlich gestiegen. Je mehr Daten ein Unternehmen sammelt, desto attraktiver wird der Datenpool für Hacker.

So verwundert es nicht, dass der mittelständische Handel in Deutschland noch eher zurückhaltend agiert. Für die Etablierung von IoT wäre mehr Pioniergeist wünschenswert. Ein verstärktes Interesse der Endkonsumenten könnte der Enabler für ein Umdenken sein.

ITM: Welche konkreten Anwendungsfälle aus der Praxis sind Ihnen bekannt, bei denen die Technologie bereits erfolgreich von mittelständischen Händlern eingesetzt wird?

Swhajor: Wir erleben im Einzelhandel vor allem den Discounter als innovationsfreudigen Akteur. Richtig angekommen und vor allem angenommen scheint IoT in Deutschland jedoch nicht. Erste vorzeigbare Anwendungsfälle in der Praxis gibt es aber beispielsweise mit sogenannten Beacons und Push-Nachrichten, eine letztendlich auf Bluetooth basierende Technologie. Nutzer können mobil Bonuspunkte sammeln, individuelle Coupons aktivieren, online Bestellungen vornehmen, Produkt-Bewertungen einsehen und per Smartphone bargeldlos bezahlen. Die Vorteile liegen auf der Hand. Zumal der Endkonsument ausschließlich für ihn relevante Angebote und Services in den richtigen Situationen erhalten möchte.

Im Knowledge Center, dem multimedialen Kompetenzzentrum von GS1 Germany, werden darüber hinaus gemeinsam mit dem Handel zukunftsfähige Szenarien präsentiert und Supermärkte der Zukunft erlebbar gemacht. Es handelt sich dabei um Prototypen, da eine durchgängige Vernetzung von Pre-Store, To-Store, In-Store und Post-Store in der Realität aufgrund zuvor beschriebener Einflussfaktoren auf sich warten lässt. Obwohl die Technologien bereits vorhanden sind.

ITM: Mit IoT lassen sich auch Aspekte wie Kundenansprache, Bestandsmanagement oder Zahlungsabwicklung beeinflussen. Wo liegt Ihrer Meinung nach das größte Potential?

Swhajor: Um den Nutzen, die Einsatzgebiete und Potenziale besser einordnen zu können, sollte das Thema IoT aus Sicht des Shoppers betrachtet werden. Demnach ist der Handel mit einem grundlegenden Transformationsprozess konfrontiert: Der Point Of Sale (POS) der Zukunft ist nicht mehr stationär oder online. Er ist zu einer Realität, „One Reality”, verschmolzen – vernetzt, durchlässig, multioptional. Wo auch immer der Schwerpunkt des jeweiligen Handelsunternehmens liegen mag. Entscheidend ist die durchgängige Vernetzung aller Formen des POS im alleinigen Sinne des Shoppers. Das Internet of Things macht Objekte aller Art adressierbar und interaktiv – und „One Reality” überhaupt erst möglich.

Die Kombination aus Digitalisierung, Vernetzung, Sensorik und leistungsfähiger Technologien schafft intelligente Objekte – am Arbeitsplatz und zu Hause. Dem Handel ist zu empfehlen, ganzheitlich aus Sicht der Shopper zu denken und zu agieren. In der Shoppingwelt 4.0 greifen die klassischen Vertriebs- und Vermarktungsstrategien nicht mehr. Alle Prozesse entlang der gesamten Wertschöpfungskette werden dank IoT aber noch kundenorientierter und effizienter – und zahlen vollständig auf die Kundenanforderungen ein.

ITM: Wie kann das in der Praxis konkret aussehen?

Swhajor: Ein Riesenvorteil ist die individuelle Ansprache des Kunden in einem „demand-driven-market“. Beispielsweise durch personalisierte Produktangebote und -empfehlungen für einen Shopper, der Allergiker ist oder Wert auf eine bestimmte Form der Ernährung legt – wie glutenfrei oder vegan. Vielleicht kauft er zudem ganz bewusst Bio-Produkte immer am Dienstagvormittag ein, mit dem Fahrrad auf dem Weg zur Arbeit. Auf Basis der Verarbeitung seiner Kundendaten kann ein Unternehmen ihm rechtzeitig passgenaue Angebote unterbreiten. Ein willkommener Nebeneffekt: Das Unternehmen lernt den Shopper besser kennen und kann somit einfacher mit ihm interagieren. Für Unternehmen liegt das Potenzial darin, sich flexibel auf die situativen Bedürfnisse des Shoppers einstellen sowie Angebote, Produkte und Services daran ausrichten zu können.

In der Logistik ist die Überwachung der Kühlkette ein spannendes Beispiel für den möglichen Einsatz von IoT. Die Echtzeitüberwachung und -verwaltung von Lebensmitteln, Tieren und sonstigen temperierten Gütern wird entlang der Kühlkette ermöglicht. Dadurch können Normen, Gesetze und Bestimmungen für den Transport gekühlter sowie tiefgefrorener Lebensmittel und Tiertransporte besser gewährleistet werden. In Deutschland gibt es Unternehmen, die bereits Temperaturdaten digital erfassen, dokumentieren und auswerten. Ihnen ist es dadurch möglich, etwaige Störungen in der Kühlkette rechtzeitig zu identifizieren und Folgeschäden zu verhindern.

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 9/2019. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.

ITM: Das klingt relativ komplex – wie gestaltet sich der Wartungs- und Instandhaltungsaufwand bei solchen IoT-Netzwerken?
Swhajor: Kommen wir zurück auf das Beacon-Beispiel. Abgesehen von regelmäßigen Software-Updates, sind Wartung und Instandhaltung hierbei gering. Neben der Beachtung des Datenschutzes liegt die Herausforderung für den Handel darin, die eingesetzten Technologien jedem Smartphone zugänglich zu machen. Standards werden zukünftig die Interoperabilität vereinfachen und sicherstellen. Bedingung wird sein, dass die Endkonsumenten ihr Bluetooth freiwillig aktivieren.

ITM: Wie gewährleistet man die Einhaltung der DSGVO in vernetzten Filialen, insbesondere bei der Analyse und Ansprache der Kunden?

Swhajor: Erfahrungsgemäß schwingen Sicherheitsaspekte gerade in Deutschland immer mit. Die Endkonsumenten sind von Haus aus skeptisch. Hinzu kommt, dass die eingesetzten IoT-Technologien, insbesondere im Consumer-Bereich, vorwiegend aus China und den USA stammen. Das Vertrauen in diese Technologien ist gering, der Umgang mit Daten ist in diesen Ländern ein völlig anderer. Auch wenn auf den Zielmärkten dem datenschutz-konformen Ansatz natürlich entsprochen wird.

Rechtlich gesehen befindet sich der Handel somit in einer Zwickmühle. Gilt es auf der einen Seite die datengetriebenen IT-Systeme transparent zu gestalten und das Vertrauen in digitale Dienste zu stärken, existiert zugleich eine Grauzone, da die Daten in der Regel auf Servern in den Herstellerländern gespeichert werden. Es fehlt der direkte Zugang zu den Daten durch eigene IoT-Cloud-Plattformen, und die Verarbeitung der Daten ist nicht eindeutig. Fragen zur Sicherheit und Identifikation der Daten treiben die Marktteilnehmer um. Wem gehören die Daten? Wo sind sie in welcher Form gespeichert? Wer kann die Daten auslesen? Wie werden sie genutzt?

Generell lässt sich sagen, dass Standards eine gesetzeskonforme Umsetzung der DSGVO sicherer gestalten. Andererseits ist die DSGVO jedoch nicht der befürchte Innovationshemmschuh. Vielmehr bietet sie Transparenz vor allem beim Thema Datenverarbeitung und bei der Einwilligung des Nutzers.

ITM: Wie können neben Händlern und Kunden auch die Mitarbeiter vor Ort, also etwa Verkäufer oder Lageristen, von der Technik profitieren?

Swhajor: IoT-Technologien verbinden nicht nur Maschinen und Prozesse zu autonom vernetzten Systemen, sondern revolutionieren auch die Art und Weise, wie Menschen in Unternehmen zusammenarbeiten. Die Rolle der Mitarbeiter wird sich verändern.

Unterstützt durch Devices, profitieren die Mitarbeiter vor Ort von der Effizienz kollaborativer Tools und barrierefreier Innovationen. Die Bereitstellungen neuer Technologien können ebenso wie Schulungen zur Mitarbeiter-Motivation beitragen. Hier sind dem Pioniergeist der Unternehmen sowie der wertschätzenden Haltung keine Grenzen gesetzt.

Die Mitarbeiter organisieren beispielsweise dank der untereinander und mit der Umgebung kommunizierenden Objekte ihre Fertigungsabläufe selbstständiger. Das reicht vom „Self-Checkout“ der Verkäufer*Innen bis hin zu intelligenten Robotern als Supporter im Lager. Informationen und Daten sind überall abrufbar und jederzeit verfügbar.

ITM: Noch ein kurzer Blick in die Zukunft: Wie könnte die Einführung von 5G das Thema weiter popularisieren?

Swhajor: Zunächst einmal ist das Internet der Dinge definitiv ohne 5G möglich. Unabhängig davon, wird ein gegenüber bisheriger Mobile-Standards leistungsfähigeres 5G-Netz die Implementierung und Nutzung von IoT-Technologie im Handel fördern. Ein schnellerer Datenaustausch hilft, die Customer Journey attraktiver zu gestalten und die eingangs erwähnte Selbstverständlichkeit in Bezug auf die Vernetzung physischer und virtueller Objekte voranzutreiben.

Unter den beschriebenen Voraussetzungen wird die digitale Transformation sämtlicher Geschäftsprozesse mit 5G weiter Fahrt aufnehmen und IoT damit zum „Game Changer“ im Handel.

Bildquelle: GS1 Germany GmbH

©2019Alle Rechte bei MEDIENHAUS Verlag GmbH

Unsere Website verwendet Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu bieten. Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung zu. Weitere Infos finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

ok