Spracherkennung für Logistikprozesse

Pick by Voice im Lagermanagement

Im Gespräch mit Dirk Becker, Business Development Manager für den Bereich Vocollect Solutions bei Honeywell Scanning & Mobility, einem Anbieter von Sprachtechnologien, über den Reifegrad von Pick by voice, dessen sinnvollen Einsatz in Lager und Logistik sowie die aktuell starke Nachfrage aus dem Mittelstand

  • Pick by voice im Lagereinsatz

    Der Einsatz von Pick by Voice in Lager und Logistik wird aktuell – gerade im Mittelstand– stark nachgefragt.

  • Dirk Becker, Honeywell Scanning & Mobility

    „Voice muss im Lager bei minus 28 Grad genauso leistungsfähig funktionieren wie bei plus 35 Grad“, betont Dirk Becker, Business Development Manager bei Honeywell Scanning & Mobility.

ITM: Herr Becker, warum fragen IT-Verantwortliche aus dem Mittelstand Spracherkennungslösung derzeit so stark nach, die Technologien gibt es doch bereits seit Jahrzehnten?
Dirk Becker:
In letzter Zeit haben sich die Einsatzfelder für Sprach­erkennung und -steuerung deutlich erweitert, nicht zuletzt aufgrund der Verbreitung mobiler Endgeräte und Sprachdienste von Apple oder Google. Haben sich vor Jahren allein Großunternehmen mit diesem Thema beschäftigt, entdecken mittlerweile immer mehr Mittelständler diese Technologien für sich.
Unser Unternehmen bietet seit über 27 Jahren Sprachtechnologien für den Lagereinsatz an, wobei vor allem „Pick by Voice“ im Warenein- und -ausgang nach wie vor ein Dauerbrenner ist. Mittlerweile haben wir jedoch auch Brücken zu anderen Einsatzfeldern geschlagen. Denn viele Kunden, die mit Pick by Voice begonnen haben, wollen Sprachtechnologien nun auch in weiteren vor- bzw. nachgelagerten Lagerprozessen nutzen.

ITM: Welche Abläufe könnten dies sein?
Becker:
Sprachtechnologien spielen entlang der gesamten Logistikkette sowie in der Intralogistik eine wichtige Rolle. Dabei kommen die Anwendungen oftmals komplementär zu anderen Applikationen zum Einsatz. So arbeitet man im Lager nach wie vor mit Barcodescannern. Von daher schalten wir in dem Moment, in dem ein Scanprozess notwendig wird, ein Barcode- oder RFID-Lesegerät hinzu. Überdies können wir weitere Techniken wie mobile Terminals auf Gabelstablern oder Flurförderfahrzeugen anbinden.

ITM: Wie aufwendig ist eine Umstellung auf Pick by Voice?
Becker:
Die Einführung neuer Soft- und Hardware allein reicht nicht aus. Vielmehr müssen sämtliche Lagerprozesse auf den Prüfstand gestellt und entsprechend verbessert werden. Denn es nutzt nichts, eine moderne Technologie über einen veralteten Prozess zu stülpen und zu hoffen, dass alles wunderbar läuft.

ITM: Wie geht man dabei am besten vor?
Becker:
Gemeinsam mit unseren Integrationspartnern analysieren wir vor Ort sämtliche Prozesse vom Warenein- bis zum -ausgang. Dabei ermitteln wir zum einen Stellen, an denen der Einsatz von Sprachtechnologien sinnvoll ist. Zum anderen finden wir meist aber viele verbesserungswürdige Prozesse. An diesem Punkt müssen wir so manchem Kunden mitteilen, dass seine Lagerprozesse noch nicht reif für die Nutzung von Sprachtechnologien sind. Hier gilt es, seine Hausaufgaben zu machen und das Lager „aufzuräumen“, bevor ein Voice-Projekt gestartet werden kann.

ITM: Sie sprechen also die ungeschminkte Wahrheit aus?
Becker:
Sicherlich, denn sind Projekte von vornhinein zum Scheitern verurteilt, spielt das weder dem Kunden noch uns in die Karten. Mit der Einführung unserer Sprachtechnologien erreichen Mittelständler im Lager eine durchschnittliche Produktivitätssteigerung von bis zu 25 Prozent bei einer gleichzeitigen Reduzierung der Fehlerquote um rund 80 Prozent. Könnten wir diese Versprechungen nicht einhalten, würden wir unsere Glaubwürdigkeit verlieren.

ITM: Ein Blick in die Praxis: Inwieweit sollte man bei Voice noch auf klassische Kopfhörer und nicht auf Smart Glasses wie die Google-Brille setzen?
Becker:
Künftig werden vor allem die Endverbraucher die Verbreitung von Wearables vorantreiben. Allerdings sind Technologien wie Smart Glasses längst nicht ausgereift und von daher für einen Einsatz in professionellen Lagerumgebungen denkbar ungeeignet. Denn Modelle wie die Google-Brille besitzen nur Akkulaufzeiten von einer Stunde. Zudem sind die Geräte nicht robust genug, so dürfen die Gläser weder bei starken Temperaturschwankungen in der Nahrungsmittelproduktion beschlagen noch darf die Sicht in „staubigen“ Produktionsumfeldern beeinträchtigt werden.

ITM: Wie haben Sie diese Anforderungen bei Ihren Kopfhörern umgesetzt?
Becker:
Unsere Hardware wurde über die Jahre hinweg immer robuster, so dass die Kopfhörer bei minus 28 Grad genauso leistungsfähig funktionieren wie bei plus 35 Grad. Zudem besitzen unsere Geräte Akkulaufzeiten von weit über acht Stunden.

ITM: Inwieweit müssen die Nutzer die Voice-Lösung auf ihre Stimme hin trainieren?
Becker:
Generell unterscheidet man sprecherabhängige von sprecherunabhängigen Systemen. Letztere kommen vor allem bei der Sprachsteuerung von Automobilen sowie bei mobilen Endgeräten zum Einsatz.
Der Spracheinsatz im Lager hingegen gestaltet sich komplexer: Hier müssen störende Hintergrundgeräusche von Gabelstaplern oder Förderbändern herausgefiltert werden. Zudem befinden sich manchmal mehrere Nutzer auf engstem Raum, so dass das Gerät gleichzeitig die Stimme des Nebenmanns hört. Vor diesem Hintergrund bieten wir ausschließlich sprecherabhängige Systeme an, die auf ein bestimmtes Sprachprofil hin trainiert werden.

ITM: Wie aufwendig ist das Sprachtraining?
Becker:
Es dauert in der Regel rund 15 Minuten, wobei jeder so reden kann, wie ihm der Schnabel gewachsen ist: In Hannover sprechen die Lagermitarbeiter Begriffe wie „eins ist okay, zwei ist okay“ ein, während man in Bayern eher „oans passt scho, zwoa passt scho“ hört.

ITM: Worauf gilt es weiterhin zu achten?
Becker:
Generell kann man zwischen einer weiblichen und männlichen Stimme wählen. Zudem können die Nutzer die Sprachgeschwindigkeit individuell einstellen und festlegen, ob sie eine synthetische oder menschliche Stimme hören möchten.

ITM: Welchen Unterschied macht das?
Becker:
Nicht selten werden die Mitarbeiter im Lager nach einem Bonussystem entlohnt. Je mehr Vorgänge ein Mitarbeiter „pickt“, desto mehr verdient er. Da sich die Geschwindigkeit bei synthetischen Stimmen höher einstellen lässt, bekommen trainierte Nutzer mehr Vorgänge mitgeteilt. Unerfahrene Anwender würden in diesem Falle nichts anderes verstehen als ein Mickey-Mouse-Kauderwelsch.

ITM: Wie ist es um die Vernetzung der Lösung bestellt?
Becker:
In der Regel sind Voice-Installationen standardmäßig per WLAN mit dem Warenwirtschaftssystem verbunden, was die Transparenz über sämtliche Bewegungen im Lager ermöglicht.

ITM: Wie komplex ist die Anbindung andere Applikationen?
Becker:
Dies hängt stets von der jeweils vorhandenen Softwarelandschaft ab. Dabei gibt es allein hierzulande ca. 180 Warehouse-Management-Anbieter sowie rund 40 besonders stark verbreitete Systeme. Aufgrund enger Partnerschaften haben diese Anbieter bereits Schnittstellen für unsere Systeme realisiert.

ITM: Wie wird sich die Nutzung von Sprachtechnologien künftig entwickeln?
Becker:
Über den Einsatz im Lager hinaus wird zunehmend die Produktionslogistik in den Fokus rücken. Daneben setzen unsere Kunden Sprachtechnologien für die Wartung und Inspektion ein, z.B. erhalten Servicetechniker im Außeneinsatz Prüfpläne oder Baudetails per Sprache. Nicht zuletzt kommt die Sprachsteuerung vor allem in den USA verstärkt im Gesundheitsbereich sowie in der Altenpflege zum Einsatz.

ITM: Wie funktioniert dies en detail?
Becker:
Wir sehen diese Lösung als eine Erweiterung der digitalen Patientenakte. Dabei erhält das Pflegepersonal per Headset z.B. die Anweisung, dass bei einem Patienten die Fieber- und Blutdruckmessung ansteht. Die gemessenen Werte werden ebenfalls per Sprache an das System zurückgegeben. Da die Messwerte mit der Patientenakte verknüpft werden, können Einträge in falsche Akten ausgeschlossen werden.

Bildquelle: © Vocollect

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