ERP: Interview mit Markus Hirth, John GmbH

Plastikballproduzent setzt auf webbasiertes ERP-System

Interview mit Markus Hirth, Leiter IT und Controlling der John GmbH. Das Freilassinger Unternehmen, Produzent von PVC-Bällen, setzt seit langem auf ein webbasiertes ERP-System. So nutzt der Mittelständler bereits seit 2003 die ERP-Lösung und ist damit laut Makus Hirth sehr zufrieden, weshalb man sich in den letzten Jahren mit ERP-Software-Lösungen von anderen Anbietern nicht mehr auseinandergesetzt hat.

  • „´Made in China' ist nicht mehr grundsätzlich billiger. Vergleichsweise einfache Teile wie Plastikbälle lassen sich in Deutschland fast billiger produzieren“, ist Markus Hirth, Leiter IT und Controlling der John GmbH, überzeugt.

  • Motive auf die Bälle zu drucken, ist ein anspruchsvolles Verfahren. John besitzt eine eigene grafische Abteilung mit fünf Leuten, die dafür sorgen, dass die Drucke sauber auf die Bälle kommen. Die Motive müssen wegen der Rundung verzerrt werden.

  • Losgrößen von 50.000 Bällen sind bei John keine Seltenheit. Dafür braucht Markus Hirth weniger eine ausgeklügelte Produktionsplanung als vielmehr immer genauere Umsatz- und Absatzzahlen.

  • „Wir nutzen unsere ERP-Software zu 95 Prozent im Standard“, erklärt Markus Hirth von der John GmbH.

Bei der John GmbH dreht sich (fast) alles um Plastikbälle: Im bayrischen Freilassing produziert das Unternehmen mit ca. 100 Mitarbeitern etwa acht Millionen dieser Bälle jährlich und beliefert nahezu alle großen Handelsketten. Wert legt IT-Leiter und Controlling-Chef Markus Hirth auf das Gütesiegel „Made in Germany“, das in seinen Augen in den vergangenen Jahren wieder deutlich an Bedeutung gewinnt. In Sachen Geschäftssoftware setzt Hirth explizit auf Kontinuität.

ITM: Herr Hirth, seit wann produzieren Sie Plastikbälle in Bayern?
Markus Hirth:
Gegründet wurde das Unternehmen von Albin John im Jahre 1926 im Sudetenland. Er startete mit dem Handel von Reifen und Gummi. Nach dem Krieg siedelte die Familie nach Freilassing über, wo die beiden Söhne den Betrieb mit der Vulkanisierung von Reifen sowie dem Handel von Reifen und Gummi weiterführten.

In den 1950er Jahren kam die Produktion und der Handel mit Bällen hinzu. Zunächst als Ergänzung zum Reifengeschäft, bevor einer der Brüder das Reifengeschäft fortführte und der andere die Produktion der Bälle übernahm. Heute führen die beiden Töchter den Betrieb der Ballproduktion in der dritten Generation weiter.

Als Ergänzung unseres Sortiments bieten wir mittlerweile zusätzlich Basketbälle, Volleybälle sowie Campingartikel an, die wir allerdings zukaufen oder extern fertigen lassen. Wir vertreiben insgesamt eine recht breite Produktpalette an Fitness-, Outdoor- und Body-Training-Artikeln.

ITM: Wie viele Bälle produzieren Sie im Jahr?
Hirth:
Wir produzieren jährlich zwischen sieben und acht Millionen Bällen, die wir auch tatsächlich alle verkaufen. Eigentlich sind es sogar mehr, weil wir zusätzlich PVC-Bälle hinzukaufen. Insgesamt sind es ca. zehn Millionen Bälle, hinzu kommen die erwähnten Leder- und Basketbälle sowie Campingartikel.

Die Fertigung der PVC-Bälle ist und bleibt unsere Kernkompetenz. Die Campingartikel haben unser Sortiment gut ergänzt. Alles steht unter dem Motto „Kids Activity“, denn wir meinen, dass Kinder hinaus ins Freie müssen.

ITM: Als Gegenentwurf zu Playstation, iPod und Wii?
Hirth:
In gewisser Weise schon.

ITM: Seit wann sind Sie im Unternehmen und was ist Ihr Aufgabenbereich?
Hirth:
Nach einer Lehre zum Groß- und Außenhandelskaufmann kam ich 1991 zur Firma John. Von Beginn an habe ich mich in sämtliche IT-Themen hineingearbeitet, so dass ich bereits 1994 an der Einführung einer ERP-Software beteiligt war. Das war zu seiner Zeit ein Vorgängerprodukt von Semiramis, das heute von Comarch vertrieben und weiterentwickelt wird, nachdem sie zunächst dem 2008 insolvent gegangenen österreichischen Unternehmen KTW gehörte, dann zwischenzeitlich von SoftM und schließlich von Comarch übernommen wurde.

Es liegt allerdings nicht nur die IT in meinem Verantwortungsbereich, sondern auch das Controlling. Das passt ganz gut, weil ich das gesamte Datenmaterial zusammenstellen kann und weiß, wie ich die Zahlen aufbereiten muss.
Nur am Rande sei erwähnt, dass ich mit einer der beiden Geschäftsführerinnen verheiratet bin (Schmunzelt). Ob das jetzt gut ist, dass ich der Geschäftsleitung verwandtschaftlich verbunden bin, ist eine andere Frage. Aber im Ernst: Die Kombination aus IT und Controlling mit dem direkten Draht zur Geschäftsleitung passt sehr gut.

ITM: Beim Produktionsstandort für PVC-Bälle denken viele wohl eher an Fernost als an Bayern. Was spricht für diesen Standort?
Hirth:
Die Produktion hier in Freilassing ist über die Jahre immer weiter gewachsen, sie wurde ausgebaut und stetig erneuert, vor allem auch im Hinblick auf den Umweltschutz. Gerade in Deutschland sind die Vorschriften und Auflagen in Sachen Umweltschutz sehr streng – auch was die Beschaffenheit der Produkte anbelangt.

ITM: Die strengen Umweltauflagen nehmen Sie bewusst in Kauf?
Hirth:
Die Regelungen für einen besseren Umweltschutz gelten im Grunde europaweit, nur dass sie in Deutschland immer noch ein wenig strenger ausgelegt werden. Ich kann mir nicht vorstellen, dass unsere Konkurrenz in Spanien oder Italien mit der gleichen Akribie in Sachen Umweltschutz konfrontiert werden wie wir.  Das ist für uns vordergründig ein kleiner Wettbewerbsnachteil. Auf der anderen Seite wird der hiesige Standort mit dem einhergehenden Güte­siegel „Made in Germany“ von unseren Kunden durchweg positiv gesehen. Denn nur, was man selbst herstellt, kann man zu hundert Prozent kontrollieren, inklusive Wareneingangskontrolle und Vorlieferanten.

Wir arbeiten mit Firmen wie BASF zusammen, folglich wissen wir, welche Inhaltsstoffe enthalten sind. Das Thema Weichmacher beispielsweise ist immer aktuell. Dort dürfen bestimmte Grenzwerte nicht überschritten werden. An der Stelle können wir bei unseren Lieferanten sicher sein.

ITM: Die können die Herkunft ihrer Rohstoffe ja auch genau zurückverfolgen?
Hirth:
Wir kaufen unsere Materialien tonnenweise ein. Die Hersteller wie BASF liefern uns immer die entsprechenden Erklärungen zu deren Herkunft und Beschaffenheit. Das ist für uns ein ganz wichtiges Thema, weil beinahe alle großen Handelsketten zu unserem Kundenkreis zählen: Aldi, Lidl, Rewe, Edeka, Kaufland. Alle diese Unternehmen haben sehr hohe Auflagen in Sachen Produktbeschaffenheit, die wir erfüllen müssen. Zwar beliefern wir auch kleinere Ketten und Sportgeschäfte, die wirklichen Umsätze machen wir jedoch mit den großen Handelsunternehmen.

ITM: Wie können sie denn preislich mit den ­Produkten aus Fernost mithalten?
Hirth:
Das Verkaufsargument ist definitiv „Made in Germany“. Für dieses Prädikat, das inzwischen wieder einen immensen Stellenwert besitzt, sind die Unternehmen bereit, einen höheren Preis zu zahlen. Wir garantieren, dass unsere Produkte zu einhundert Prozent den gesetzlichen Vorschriften entsprechen und dass bestimmte Stoffe gar nicht enthalten sind. Das kann kein chinesischer Ballhersteller garantieren.

Wir haben auch einiges an Lehrgeld zahlen müssen, weil man seine Produktion nicht von heute auf morgen einfach umstellen kann. Vielmehr ist es ein Prozess über Jahre.

ITM: Können Sie diesen Prozess näher beschreiben?
Hirth:
Wir mussten viele Materialien testen und umstellen. Bei Umweltauflagen geht es mitunter um Kleinstmengen. Wird ein Tank, in dem sich einmal phtalathaltige Substanzen befanden, mit einer Tonne nicht-phtalathaltigem Mittel befüllt, ist der „Schadstoff“ immer noch enthalten. In Labortests kann man diese Kleinstmengen immer noch nachweisen. Das ist unter gesundheitlichen Aspekten jedoch völliger Irrsinn, weil man täglich 20 Bälle vertilgen müsste, damit es zu Beeinträchtigungen käme.

ITM: Für Sie zahlt sich die Umstellung inzwischen aber aus?
Hirth:
Das ist richtig. Allerdings haben wir bei anderen Produkten, die wir aus China hinzukaufen, immer noch ähnliche Probleme, weil die dortigen Unternehmen die Inhaltsstoffe nicht immer lückenlos nachweisen können. Deshalb beschäftigen wir einen Mitarbeiter vor Ort, der die Qualitätssicherung verantwortet. Das ist in Deutschland oder Europa in dieser Form nicht notwendig.

ITM: Haben Sie selbst nie im Ausland produziert?
Hirth:
Grundsätzlich haben wir immer hier in Freilassing produziert. Zusätzlich haben wir in China einen Partner aufgebaut, den wir hinsichtlich der Qualitätsanforderungen genauestens instruiert haben. Es mag die eine oder andere optische Abweichung geben, was manchmal durch klimatische Einflüsse wie hohe Luftfeuchtigkeit bedingt wird. Die chemische Zusammensetzung ist jedoch exakt dieselbe wie bei uns.

Erwähnt sei, dass „Made in China“ nicht mehr grundsätzlich billiger ist. Bei komplexeren Elektronikbauteilen mag es noch so sein, bei vergleichsweise einfachen Teilen wie Plastikbällen können wir in Deutschland fast billiger produzieren, weil sowohl die Transportproblematik als auch der  organisatorische Aufwand entfallen. Zudem spielt der Dollarkurs eine Rolle: Wird der schlechter, wird eine Produktion in China uninteressant.

ITM: Viele Konsumenten sind bereit, für Qualität mehr zu bezahlen.
Hirth:
Im Prinzip auch zurecht, ich bin nur der Meinung, dass manche Verbraucherschutzregularien an der Realität vorbeizielen. Gerade in Deutschland sind die Bestimmungen sehr streng, was manchmal ärgerlich ist, weil die Bevölkerung verunsichert wird.

In Zahnbürsten sind z.B. mehr Schadstoffe enthalten als in jedem Spielzeug. Niemand regt sich darüber auf, obwohl Kinder mindestens zweimal täglich die Zähne putzen. Die Spielzeugrichtlinie ist mit die schärfste überhaupt, teilweise schärfer als im  medizinischen Bereich. Deshalb haben wir mittlerweile eine eigene Qualitätssicherung im Hause installiert, die nichts anderes tut, als Testreports für die Kunden und für uns zu erstellen.

ITM: Prüfen die Handelsketten dies auch selbst nach?
Hirth:
Sie prüfen nicht selbst, es gibt aber ständige Kontrollen durch den TÜV hinsichtlich der Produktionsbedingungen und der Ware im Fertigungszustand. „Made in Germany“ nimmt inzwischen den Druck, unbedingt in Fernost fertigen lassen zu müssen.

ITM: Sie waren bereits in den 90er Jahren bei einer ERP-Einführung dabei. Welche Lehren konnten Sie aus diesem frühen Projekt ziehen?
Hirth:
Bei der Einführung der ersten Software (AMS4U) war ich federführend dabei – natürlich gemeinsam mit den Technikern. Ich organisierte die Schulungen mit, kümmerte mich um die Datenbanken und befasste mich generell schon sehr umfassend mit dem Thema ERP – ich weiß gar nicht, ob das bereits so hieß.
Unsere damals eingeführte Software war definitiv weiter und moderner als alle anderen Softwareprodukte. Sie beinhaltete außer der Fibu alle wichtigen Module und besaß Funktionalitäten, die sehr innovativ waren. So kam es, dass ich dank des breiten Spektrums der Software Einblick in jeden einzelnen Unternehmensbereich bekam.

Als wir dann 2003 mit der Einführung von Semiramis begannen, verfügte ich bereits über einen großen Fundus an Unternehmens- und IT-Wissen. Ich kenne alle Mitarbeiter und weiß, welche Informationen sie benötigen. Daher kann ich Verbesserungspotential relativ schnell erkennen.

ITM: Würden Sie sagen, alle wichtigen Prozesse zu kennen?
Hirth:
2013 mussten wir im Rahmen einer ISO-Zertifizierung sämtliche Prozesse in einer bestimmten Form zu Papier bringen. 80 Prozent dieser Prozesse rund um die IT und die Abwicklung kannte ich in der Tat auswendig, was natürlich von Vorteil ist.

Deshalb war auch die Einführung von Semiramis sehr einfach für mich, wenngleich sie natürlich extrem aufwendig war. Ich habe diese Einführung im Grunde alleine durchgeführt. Auf Basis der Ablaufkenntnisse habe ich evaluiert, welches Customizing, welche Belege und welche Buchungsarten wir brauchten.

ITM: Semiramis galt damals als recht innovative Software?
Hirth:
Es war die einzige webbasierte Software, die auch mit Verlinkungen arbeitete. Man konnte sich bereits 2003 ortsunabhängig via Browser ins System einloggen, ein Zertifikat vorausgesetzt. Das hatte es so noch nie gegeben. Das Verlinken von Prozessen war bereits auf einem technischen Niveau, von dem andere Anbieter nur träumten.

Auch die Plattformunabhängigkeit dank Webbasiertheit war wegweisend. Folglich habe ich mich mit den Mitbewerbern in den letzten Jahren gar nicht mehr intensiv auseinandergesetzt, weil ich nach wie vor mit dem System zufrieden bin.

ITM: Heißt das, dass Sie die Software seit 2003 unverändert im Einsatz haben?
Hirth:
Mehr oder weniger. Es gab über die Jahre natürlich verschiedene Upgrades und neue Versionen. Derzeit sind wir bei Semiramis 4.4 und befinden uns in der Vorbereitung auf 5.2, was ein Riesenschritt für uns ist. Von der Oberfläche her hat sich gar nicht viel verändert, allein die darunterliegende Funktionalität wird immer umfangreicher und flexibler. Flexibel war die Software damals schon, sie wurde jetzt nochmals verbessert.

ITM: Ist die Fibu denn mittlerweile inbegriffen?
Hirth:
Die Fibu ist noch separat. Letztes Jahr hat Comarch ERP, wie die Software heute heißt, das Rechnungswesen, die Anlagenbuchhaltung und das Personalwesen hinzuprogrammiert. All dies ist erst jetzt mit der 5er Version verfügbar.

ITM: Was hatten Sie in der Zwischenzeit im Einsatz und ist die Ablösung dieser Software geplant?
Hirth:
Das war Varial World Edition. Ob eine Ablösung erfolgt, ist noch nicht entschieden, weil die Software eigentlich gut funktioniert. Vom Grundsatz her ist es natürlich erstrebenswert, wenn die gesamte Software aus einer Hand kommt. Ob es uns das allerdings wert ist, werden wir noch sehen. Wir machen den Umstieg nur dann, wenn die Vorteile klar ersichtlich sind.

ITM: Wie unterscheidet sich John hinsichtlich der Prozesse von anderen Mittelständlern?
Hirth:
Lassen Sie es mich so ausdrücken: Wir nutzen die ERP-Software zu 95 Prozent im zur Verfügung gestellten Standard. Wir haben lediglich kleinere Änderungen vorgenommen. Diesen Standard könnte jedes andere Handels- oder Produktionsunternehmen grundsätzlich auch einsetzen.

Ich glaube, dass wir im Vergleich zu manch anderen Unternehmen aus unserer Branche ganz gut dastehen, weil wir Auswertungen fahren können und diese auch auf einzelne Bereiche herunterbrechen können. Wir verfügen über sehr exaktes und detailliertes Zahlenmaterial, da sind andere Unternehmen vielleicht nicht ganz so gut aufgestellt.

ITM: Nutzen Sie ein spezielles Werkzeug zur Auswertung der Zahlen?
Hirth:
Ja, wir nutzen Crystal Reports, das nahtlos in Semiramis integriert ist. Wenn ich eine Auswertung im Crystal-Report-Format schreibe, kann ich sie mit gewissen Parameterfeldern in das ERP-System importieren, wobei die Mitarbeiter die Daten einfach eingeben können. Crystal Report läuft im Hintergrund, die Mitarbeiter nehmen es gar nicht wahr.

ITM: Was macht denn die Flexibiltät der ERP-Software aus?
Hirth:
Man kennt es von früher: Wollte man auf einer Rechnung ein bestimmtes Feld hinzufügen, kostete es extra. Ebenso wenn man in der Umsatzauswertung ein Extra benötigte. Das gibt es bei Semiramis überhaupt nicht mehr. Somit bin ich aber auch derjenige, der all die kleinen Wünsche erfüllen muss. Egal, ob es um ein zusätzliches Eingabefeld geht oder ob Grafiken oder Produktfotos eingebunden werden sollen.

Folglich kann ich auf jeden Bedarf sofort reagieren, übrigens auch auf Kundenanforderungen. Wenn die Kunden bestimmte Wünsche hinsichtlich ihrer Rechnungen haben, dann setzen wir diese um. Dies ist auch ein Riesenvorteil des Crystal-Reports-Tools, dass man sich seine Formulare, Belege, Auswertungen und Statistiken genau so gestalten kann, wie man sie individuell benötigt.

ITM: Inwieweit betrifft diese Individualisierung die Releasefähigkeit?
Hirth:
Überhaupt nicht. Wir haben uns den vorgegebenen Standardprozessen angepasst, das Drumherum kann ich jedoch gestalten wie ich will.
Denn man muss sich in meinen Augen einmal ehrlich hinterfragen: Was soll an unserem Vertriebsablauf grundsätzlich so anders sein? Der Kunde fragt an, will ein Angebot, er bestellt und bekommt eine Auftragsbestätigung, danach wird ein Kommissionsschein erstellt, dann der Lieferschein und am Ende kommt die Rechnung. Das ist ein Standardprozess ohne Schnörkel. Die Flexibilität erhalten wir über die individuellen Gestaltungsmöglichkeiten der Benutzeroberfläche und der Formulare.

Der wahrscheinlich größte Aufwand besteht darin, alle Reports auf ihre Releasefähigkeit hin zu prüfen. Derzeit schaue ich mir unsere wichtigsten Prozesse und die zehn wichtigsten Dokumente an – Formulare, Rechnungen, Auftragsbestätigungen etc. – und teste sie. Alles weitere geschieht dann im Livebetrieb auf Zuruf. Ein Beschaffungsauftrag des Einkauf etwa ist schnell angepasst.

ITM: Haben Sie denn in der Vergangenheit auch schon Releases ausgelassen? So ein Wechsel kann ein sehr umfangreiches Projekt sein?
Hirth:
Wir haben nicht jedes Release mitgemacht. Bei anderen Unternehmen kann ein Releasewechsel in der Tat schon einmal so aufwendig sein wie eine ERP-Einführung. Bei John eher nicht, weil wir eben nahe am Standard geblieben sind. Unsere Modifikationen kosten natürlich Geld, wir bewegen uns jedoch in finanziell unkritischen Sphären.

ITM: Inwieweit haben Sie geprüft, ob es nicht vielleicht eine besser passende Software geben könnte?
Hirth:
Wenn ich nicht wechseln müsste, weil Semiramis 4 aus der Wartung fällt, würde ich es nicht tun. Weil eben das System alle meine Anforderungen jetzt schon erfüllt. Aber man weiß ja nie: Vielleicht bietet die neue Version Funktionalitäten, die ich jetzt noch nicht vermisse, weil ich gar nicht weiß, dass es sie gibt.

ITM: Inwieweit ist Ihre Produktion in das ERP-System eingebunden?
Hirth:
Die Produktion ist voll umfänglich eingebunden. Wir benötigen allerdings kein sehr detailliertes PPS. Viele andere Unternehmen brauchen eine komplette Bedarfsplanung. Wir reden bei uns aber nicht über kleine Stückzahlen, sondern über Produktionslosgrößen von 5.000 bis 10.000 Bällen und mehr.

Der weiße Ball an sich ist immer gleich, lediglich die Aufdrucke ändern sich. Wenn wir einen Fertigungsauftrag über 50.000 Bälle erhalten, ist das eine einfache Losgröße. Wir arbeiten mit so vielen Tonnen an Materialien, dass sie nicht ausgehen können. Das Material ist immer da. Natürlich ist es hinterlegt in der EDV, aber wir sind mit dem Auge wahrscheinlich schneller als wenn wir die Bestände immer über das ERP-System kontrollieren müssten – was natürlich funktioniert und in Teilbereichen auch genutzt wird.

Auch das Problem fehlender Auslastung existiert bei uns nicht. An verschiedenen Öfen stellen wir bestimmte Produkte her. Wir wissen ganz genau, wann diese ausgelastet sind und wann nicht. Das brauchen wir EDV-technisch nicht zu ermitteln, weil an dieser Stelle zu viele Variablen hineinspielen – die Krankheit von Mitarbeitern etwa. Es gibt andere Parameter, die wesentlich stärker ins Gewicht fallen als eine minutengenaue Planung.

ITM: Betreiben Sie die IT hier im Hause?
Hirth:
Die IT befindet sich komplett im Hause. Ich betreibe das ERP-System und alle angrenzenden Bereich alleine. Das ist aber auch nicht sonderlich schwer, weil seit Jahren alles sauber läuft – ohne Serverausfälle oder dergleichen. Früher hieß es ja immer, man müsse eine AS/400 betreiben, um auf der sicheren Seite zu sein. Seit mittlerweile zehn Jahren jedoch setzen wir Windows-Server ein und nie ist etwas passiert.

ITM: Wäre es für Sie ein Thema, die IT auszulagern?
Hirth:
Nein, denn unsere Hardware-Investitionen bewegen sich in einem Rahmen, der ein Auslagern nicht rechtfertigt. Würde der finanzielle Aufwand anwachsen, würden wir sicher über ein Auslagern nachdenken.

ITM: Wie informieren Sie sich über Fortentwicklungen Ihrer ERP-Software? Besuchen Sie Anwendertreffen?
Hirth:
Diese Treffen gab es eine Weile, vor allem in der Zeit rund um die KTW-Insolvenz 2007 und 2008. In der Usergroup, die damals extra aus diesem Grunde gegründet wurde, sollten diese Dinge besprochen werden. Ich habe mich dann aber wieder aus der Anwendergruppe herausgezogen, weil nicht viel Produktives erreicht wurde. Wenn ich heute etwas brauche, wende ich mich direkt an Comarch.

ITM: Bekommt man bei diesen Eigentümerwechseln und Aufkäufen nicht manchmal kalte Füße? Ein Argument der großen ERP-Anbieter ist ja immer die Investitionssicherheit …
Hirth:
Für uns sind beide Übernahmen gut verlaufen. Aber es ist heute schon ein anderes Gefühl, weil Comarch im Gegensatz zu seinen Vorgängern ein richtiger IT-Konzern ist. Das persönliche Verhältnis, das ich als einer der Pilotkunden zu Semiramis hatte, ist jedoch nicht mehr ganz so eng. Ich hatte als Pilotkunde im übrigen sehr viele Referenzbesuche hier im Hause, bin auch zu Interessenten gefahren und habe viele Vorträge gehalten.

ITM: Wie sahen diese Vorträge aus?
Hirth:
Ich habe mich via Laptop live in unser System eingeloggt und konnte remote alle Prozesse vorzeigen. Viele Zuhörer waren sehr erstaunt, zum einen wegen der Geschwindigkeit und zum anderen, weil ich nicht mittels Powerpoint-Präsentation über Theoretisches gesprochen habe, sondern den Prozess auf Rückfrage sofort im Live-System zeigen konnte.

Man kennt das ja: Wenn ein Software-Anbieter 100 vorgefertigte Bewegungssätze im System vorbereitet hat und alles super flutscht, ist das eine Sache. Wenn es aber ans Eingemachte geht, sprich: Man hat 50.000 Rechnungen geschrieben mit einer Million Bewegungssätzen, und es funktioniert immer noch, dann ist das Etwas ganz anderes.

ITM: Mit Webtechnologie lassen sich mobile Geräte schnell einbinden. Planen Sie in diese Richtung?
Hirth:
Noch nicht, aber mit der neuen Version ist das uneingeschränkt möglich. Entscheidend ist die Frage nach den Einsatzfeldern. Ich persönlich brauche Unternehmensdaten nicht zwingend auf dem Smartphone. Wenn ich mobil arbeite, dann mit dem Laptop. Aber: Wir werden ausprobieren, was auf Smartphones und Tablets funktionieren kann.

ITM: Gibt es Dinge, die Sie in näherer Zukunft IT-seitig umsetzen möchten?
Hirth:
Es stehen keine größeren Projekte an, allerdings möchte ich das Thema Auswertungen vorantreiben. Dass man vielleicht doch Cubes aufbaut und nicht nur über Crystal Reports auswertet, sondern auch über Business Intelligence.
Auswertungen werden immer wichtiger, weil man genau wissen muss, was wir  an welchem Produkt verdienen, wo die Deckungsbeiträge liegen, welche Menge verbraucht wurden und von welchem Produkt mit welchem Motiv welche Stückzahlen verkauft wurden.

Die Datenflut wird immer größer, man will immer mehr wissen. Mit Crystal Report stößt man jedoch irgendwann an Grenzen. Dort muss man dann auf BI zurückgreifen, weil es einfach schneller geht. Außerdem ist die grafische Aufbereitung oft viel besser.

ITM: Inwieweit besteht die Gefahr, dass man sich in der Fülle der Informationen verliert?
Hirth:
Natürlich muss man aufpassen, solche Projekte nicht aus reinem Selbstzweck zu initiieren. Ziel sollte ein konkretes Ergebnis sein, das in der Folge positiven Effekt für das Unternehmen hat. Ich glaube, an diesem Punkt kann ich relativ gut abschätzen, was uns Nutzen bringt und was nicht.

Fakten sind definitiv besser als Vermutungen: Ich will wissen, welche Frachtkosten eine Handelskette mehr verursacht als eine andere – in welchem Land bei welchem Produkt. Ich will wissen, wie viele kundenspezifische Artikel wir im Sortiment haben, wie viele Etiketten wir aufkleben und wie viele Mitarbeiter zusätzlich daran arbeiten. Denn dies hat konkrete Auswirkungen auf die Angebotserstellung im nächsten Jahr.

Es geht ja nicht nur um das Verhindern von Zusatzaufwand. Wenn man diesen Aufwand aber kennt, kann man besser auf bestimmte Situationen reagieren. Denn mit dem zusätzlichen Wissen lassen sich zum einen Angebote besser kalkulieren, zum anderen liefert es mir Argumente im Gespräch mit dem Kunden, warum sich ein Angebot eventuell verändert hat.

Letzteres ist ein entscheidender Punkt: Wenn wir aufgrund der vorhandenen Zahlen einen Preis am untersten Limit machen, kann der Vertrieb dies mit gutem Gewissen kommunizieren und dem Kunden im Zweifel raten, bei der Konkurrenz anzufragen.

ITM: Frage zum Schluss: Wieviele konkrete Anfragen erhielten Sie von anderen ERP-Anbietern, als die Insolvenz bzw. die beiden Übernahmen anstanden?
Hirth:
Ganz zu Anfang wollten uns wirklich einige Anbieter überzeugen. Das hat mich aber nie wirklich interessiert, weil unser ERP-System damals schon die für uns beste und flexibleste Software war. Es gab keinen nachvollziehbaren Grund für einen Wechsel. Wenn ich mit Kunden und Partner spreche, stelle ich immer wieder fest, dass gerade in Familien- und Traditionsunternehmen im Mittelstand das Thema Software zu kurz kommt. Dort wird sich häufig nicht intensiv genug mit dem Thema auseinandergesetzt. Wenn man mit Kunden, Partnern, Lieferanten oder anderen Externen spricht, denen wir Zahlen und Fakten zur Verfügung stellen können, dann finden die das oftmals außergewöhnlich gut. Nach dem Motto: Das kennen wir auch anders.

Ich stelle an mich selbst jedenfalls den Anspruch, das Thema IT ständig voranzutreiben und Schritt für Schritt besser zu werden.



Markus Hirth

  • Alter: 45 Jahre
  • Familienstand: verheiratet
  • Beruflicher Werdegang: Lehre, Zivildienst, JOHN
  • Derzeitige Position: Leiter IT / Controlling
  • Hobbys: Musik, Sport, Reisen


Die John GmbH…
… produziert mit ca. 110 Mitarbeitern bis zu 10 Millionen PVC-Bälle jährlich. Angereichert wird das Sortiment durch Finess-, Outdoor- und Camping-Equipment. Das Unternehmen fertigt fast ausschließlich in Freilassing und setzt auf das Gütesiegel „Made in Germany“, dass – so IT-Chef Markus Hirth – wieder zunehmend an Bedeutung gewinnt.
www.john-toys.com

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