Das ERP-System als Betriebssystem der Geschäftsprozesse

Plattformen für Applikationsvernetzung

Die unterschiedlichen Trends der Industrie 4.0 verändern alle Bereiche der Unternehmenswelt. Doch welche Auswirkungen hat diese Entwicklung auf den ERP-Sektor? Sollten ERP-Systeme in Zeiten der Vernetzung nicht als Basis der Vernetzung von Applikationen auf Unternehmensebene dienen?

Spinnennetz

Vernetzung von Applikationen: Bei der Nutzung einer plattformbasierten Lösung liegt die Verantwortung für die Funktionalität von Schnittstellen vollständig beim Anbieter.

Die großen ERP-Anbieter bieten für diverse Geschäftsprozesse Standardlösungen, während viele kleinere Softwarehäuser auf Branchen angepasste Systeme entwickelt haben. Demnach haben die Anwender grundsätzlich die Möglichkeit, ihre Geschäftsprozesse den Annahmen des Systemanbieters entsprechend anzupassen oder die Software individuell umzugestalten (Customizing). Solche Änderungen sind zumeist mit erheblichem zeitlichen und finanziellen Aufwand sowie allgemeinen Projektrisiken behaftet. Oftmals richten die Anwender ihre Prozesse daher am System aus, um mit standardisierten Lösungen zu arbeiten.

Analogie zum Mobilfunkmarkt

Schaut man sich die Entwicklung im Mobilfunksegment an, stellt sich die Frage, ob es nicht auch einen dritten Weg gibt: Noch im Jahr 2006 nutzte fast jeder mit seinem Mobiltelefon eine standardisierte Alltagslösung und richtete seine täglichen Gewohnheiten bei der Kommunikation an den Fähigkeiten seines Mobiltelefons aus. Erst im Jahr 2007 erhielten die Nutzer die Option, das System durch Individualisierung nach seinen Vorlieben durch Applikationen zu gestalten. Kaufte man früher Mobiltelefone aufgrund der Stärken einer bestimmten Funktionalität, so kauft man heute eine möglichst leistungsstarke (Betriebssystem-)Plattform, die man nach seinen Bedürfnissen anpasst. Einige ERP-Anbieter versuchen nun die Übertragung dieses Prinzips auf ihre Softwareprodukte.

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Die Nutzung von standardisierten ERP-Lösungen erzeugt eine gewisse Abhängigkeit an die Entwicklungsrichtung sowie die Release-Politik des Anbieters. Die Erfahrung zeigt jedoch, dass die Realität nicht ganz so einfach abzubilden ist. Viele Standardlösungen sind über die Jahre immer weiter personalisiert worden. Anwender sehen sich dabei zwei elementaren Problemen ausgesetzt: Die Systempflege obliegt in solchen Fällen oftmals der hausinternen IT oder man zahlt einen erhöhten Support-Beitrag, zudem wird somit oft auf die Nutzung der neuesten Systemsoftware verzichtet. Denn die Angst vor einem möglichen Systemversagen aufgrund der durchgeführten Individualisierungen führt zu einer Entwicklungsbremse, weil die ERP-Systeme nicht häufig genug aktualisiert werden.

Das Ziel: größere Flexibilität

Bei der Nutzung einer plattformbasierten Lösung liegt die Verantwortung für die Funktionalität von Schnittstellen vollständig beim Anbieter. Der Anbieter der ERP-Plattform ist zuständig für die Wartung und Pflege der Systemsoftware. Schnittstellen werden dabei nicht verändert. Der Anwender gewinnt durch die Öffnung des Systems nicht nur Flexibilität, sondern kann die für den spezifischen Verwendungszweck am besten geeignete Softwarekomponente einsetzen.

Beispielhaft sei die Pflege von Rohstoffpreisen im ERP-System skizziert: Auf einer ERP-Plattform kann eine Applikation mittels Künstlicher Intelligenz und Mustererkennung zur Absicherung und Fehlervermeidung während der manuellen Eingabe installiert werden (Pull-Befüllung). Zudem kann eine App des Bezugspartners in-stalliert werden, welche eine automatisierte Befüllung mit aktuellen Marktpreisen gewährleistet (Push-Befüllung). Zur Erlangung der Preistransparenz können in Ergänzung dazu weitere Applikationen eingesetzt werden. Diese würden dabei dem Support des jeweiligen Anbieters unterliegen und auf fest definierte Schnittstellen der ERP-Plattform zugreifen.

Die Experten des FIR in Aachen raten Anwendern von individualisierten ERP-Systemen, den Austausch mit ihrem ERP-Anbieter zu suchen und sich über die Entwicklungsrichtung im Kontext der ERP-Plattformen zu informieren, um eine Entscheidung für die unternehmerische Zukunft zu treffen. 

Leitfragen für den Einsatz von Plattform-ERP

  • Ist derzeit ein erhöhter Grad an individualisierten Lösungen im Einsatz?
  • Wird eine veraltete Version des Systems genutzt?
  • Sind die laufenden Kosten des Systems zu hoch?
  • Ändert sich das Unternehmensumfeld stark?
  • Wie gestaltet sich die Entwicklungs-strategie des ERP-Anbieters?
  • Wie viel Zeit beansprucht die Datenpflege?
  • Soll mehr Flexibilität in der Lösungsauswahl erreicht werden?

Quelle: FIR, Aachen

Bildquelle: Thinkstock/iStock

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