Digitalisierung im Mittelstand

Praxisorientierte Strategien für den digitalen Wandel

Im März lud Microsoft zum Praxistag rund um die ERP-Software Dynamics 365 nach Köln ein. Mit dabei waren Anwenderunternehmen wie Stihl, Ulla Popken und der Textilmaschinenhersteller Trützschler, die jeweils Einblick in ihre laufenden Digitalisierungsvorhaben gaben.

  • Trennschleifer Stihl TS 800

    Mitarbeiter auf der Baustelle mit dem Trennschleifer Stihl TS 800

  • Qualitätssicherheit bei Stihl

    Qualität wird bei Stihl – wie hier bei der Produktprüfung im Werk 4 – groß geschrieben.

Alle Welt spricht von Digitalisierung, sodass auch Mittelständler nicht umhin kommen, sich mit den aktuellsten Entwicklungen der Informations- und Kommunikationsbranche auseinanderzusetzen. „So schnell wie in den letzten zwölf Monaten hat sich die Welt für IT-Verantwortliche noch nie gedreht“, meint Ralph Alkemade, bei Stihl seit November 2017 verantwortlich für die IT-Sicherheit. Das schwäbische Familienunternehmen mit Hauptsitz in Waiblingen ist in über 160 Ländern aktiv. Es entwickelt, fertigt und vertreibt motorbetriebene Geräte für die Forstwirtschaft, Landschaftspflege und die Bauwirtschaft. Zu den bekanntesten Produkten des Unternehmens zählen wohl die Motorkettensägen. Hinzu kommen das Gartengerätesortiment von Viking – darunter Häcksler und Rasenmäher – sowie eine Produktsparte mit Hochdruckreinigern.

Hinsichtlich der Digitalisierung sehen IT und Fachbereiche gleichermaßen neue Anforderungen auf sich zu kommen. Laut Alkemade geht es um die Vernetzung der Produkte, den Vertrieb über das Internet, Cloud-Services und die verstärkte Nutzung von Social Media und Collaboration-Tools. Wichtig sei ebenfalls die Verwendung moderner Akku-Technologien: „Mittlerweile funktionieren unsere Produkte mit Akkus, wobei ein Akku für alle Geräte passt“, ergänzt Ralph Alkemade. Generell treibe man die digitale Vernetzung der Produkte auf Basis der Microsoft Azure Cloud voran. „Auf Basis dessen melden unsere Produkte bereits heute und automatisch, wann der nächste Wechsel einer Kette anstehen sollte.“

Neben den Produkten hat man auch die internen Strukturen auf den digitalen Prüfstand gestellt. Dabei hat man sich laut Alkemade klar gegen eine Cloud-First-Strategie entschieden. Allerdings nutzt man Cloud-Services an allen Stellen, an denen es sinnvoll erscheint. „Infolgedessen bauen wir auf eine hybride System- und Anwendungslandschaft“, ergänzt der Sicherheitsverantwortliche.

Dass man die Bedeutung digitaler Strukturen bei Stihl bereits erkannt hat, zeigt die Etablierung eines Chief Digital Officers (CDO) im September 2017. Parallel hierzu erweiterte man das Entwicklerteam für die Herstellung digitaler Produkte, womit auch die Bildung agiler Teams einherging. Nicht zuletzt setzt man bewusst auf die Förderung von Start-ups, beispielsweise im Rahmen der Initiative „Activatr“ oder durch Beteiligung an dem israelischen Start-up GreenIQ sowie an High-Tech-Gründerfonds. Alles in allem sieht Ralph Alkemade einen starken Wandel innerhalb der IT bei Stihl. „Dazu passt, dass wir im vergangenen Jahr einen neuen Leiter der Anwendungsentwicklung erhalten haben und es gab einen Wechsel in der IT-Bereichsleitung. Hinsichtlich unserer Software-Landschaft ergibt sich künftig ein erhöhter Bedarf an Windows10- und SAP-Ressourcen. Auch, da wir in den nächstenJahren vollständig auf Office 365 umsteigen und bis zum Jahr 2012 SAP Hana eingeführt haben wollen.“

Omni-Channel: Alle Vertriebswege im Griff

In einem weiteren Vortrag erklärte Axel Peters, IT-Verantwortlicher bei dem Modespezialisten Ulla Popken, worauf es bei der Warensteuerung im Omnichannel ankommt. Das Textilhaus entstand im Jahr 1968 unter dem Namen „Mami & Baby“ als Geschäft für Umstandsmoden und Babyausstattungen. 1977 entstand das Konzept für eine bundesweite Filialkette für Umstandsmoden. Im nächsten Schritt wollte man einen Nischenmarkt für große Kleidergrößen erschließen und gründete 1987 die Firma „Ulla Popken, Junge Mode ab Größe 42“.

Mittlerweile betreibt man über 630 Filialen, zudem läuft das Geschäft über den Versand- und Internethandel. Neben der Marke „Ulla Popken“ gehört auch die Herrenmarke „JP 1880“, benannt nach dem Gründer Johann Popken, zum Unternehmen. Auch sie wird in eigenen Filialen, per Katalog und online vertrieben. Zum 1. Januar 2012 hat Ulla Popken die Buddelei Mode GmbH & Co. KG mit Sitz in Oldenburg übernommen. Das Unternehmen wird unter der neuen Firma Gina Laura GmbH & Co. KG fortgeführt. „Heute beschäftigen wir insgesamt 4.000 Mitarbeiter, wovon 3.000 Kollegen in den Filialen und rund 1.000 in unserer zentralen Verwaltung im niedersächsischen Rastede tätig sind“, berichtet Axel Peters.

Im Rahmen ihres Geschäftsmodells setzen die Norddeutschen auf eigene Ladengeschäfte, Shop-in-Shop-Standorte, Franchise-Nehmer für den Auslandsvertrieb sowie den Verkauf per Katalog und Webshop. Dabei unterliegt die Modebranche ständig neuen Trends. „Wir bringen mittlerweile zwölf Kollektionen jährlich heraus. Aufgrund dieser engen Taktung ist es für die Filialen schwierig, Nachbestellungen zu ordern oder Waren auf Lager zu halten“, berichtet Peters. Generell arbeitet man mit einem Zentrallager mit einer Logistikfläche von über 50.000 Quadratmetern, wobei die Verteilung der Waren an die Filialen und Endkunden mittlerweile annähernd in Echtzeit erfolgen muss.

Um alle Warenströme besser steuern zu können, führen die Niedersachsen aktuell das ERP-System Dynamics 365 ein, das voraussichtlich im Mai 2019 ausgerollt wird. „Bislang besitzen wir IT-seitig noch eine äußerst heterogene Applikationslandschaft“, so Peters. Parallel zur ERP-Einführung will man daher auch die Harmonisierung von Prozessen und Software-Tools umsetzen.

Vernetzung von Textilmaschinen

Desweiteren beleuchtete Martin Drude, IT-Leiter bei dem Textilmaschinenhersteller Trützschler, wie IT-Abteilungen ihr Image als „Business Enabler“ verbessern können. Der Mittelständler aus Mönchengladbach stellt Maschinen für Spinnereien her, die auf die Weiterverarbeitung von Baumwolle spezialisiert sind. Weltweit beschäftigt man 3.000 Mitarbeiter, in Deutschland arbeiten 1.000 davon.

Als Basis für die IT dient bei dem Mittelständler noch Dynamics AX 2009. „Gemeinsam mit einem externen Partner haben wir das System in der Vergangenheit auf unsere Bedürfnisse hin angepasst“, erklärt Martin Drude. Dabei lassen sich die produzierten Maschinen bereits im Internet der Dinge vernetzen, sodass sie während des Betriebs kontinuierlich Daten sammeln, die anschließend wiederum zur Optimierung der Auslastung oder der Wartung herangezogen werden können. Laut Drude muss aktuell allerdings noch die Frage geklärt werden, wem die während des laufenden Betriebs gesammelten Daten eigentlich gehören – den Kunden oder dem Hersteller der Maschine? In diesem Zusammenhang wünscht man sich künftig – auch seitens des Gesetzgebers – mehr Rechtssicherheit.

Nicht zuletzt verfährt man bei Trützschler hinsichtlich der Cloud-Strategie ähnlich wie bei Stihl: „Cloud-Services machen einen Teil unserer IT-Strategie aus. Bereits heute nutzen wir Skype, One Drive, Office 365 oder Exchange aus der Microsoft-Cloud. Allerdings würden wir sensible Bereiche wie unsere CAD-Daten nicht in eine öffentliche Wolke geben“, erklärt Martin Drude.

Bildquelle: Andreas Stihl AG & Co. KG

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