Zur Lage der Industrie 4.0

Riskantes Spiel auf Zeit

Zu viele Unternehmen spielen bei der Digitalisierung auf Zeit, sie unterschätzen die Dynamik der Digitalwirtschaft, sagt eine Studie der Staufen AG.

Mitarbeiter mit Tablet vor Werkzeugmaschine

Industrie 4.0 entsteht erst langsam

„Wir machen wie bisher weiter. Es wird schon nicht so schlimm. Der Digitalkram wird überschätzt.“ So lassen sich einige Ergebnisse der Studie „Deutschen Industrie 4.0 Index 2017“ der Staufen AG in Alltagssprache übersetzen. Zwar sind Digitalisierung und Industrie 4.0 geläufige Fachbegriffe in der deutschen Wirtschaft, ein Großteil der 394 befragten Unternehmen beschäftigt sich damit. Doch die Studie deutet auf zwei große Missverständnisse hin. Das erste: Für die Digitalisierung reicht es vollkommen aus, die Geschäftsprozesse noch ein wenig effizienter zu machen als bisher. Das zweite: Disruptive Geschäftsmodelle sind vorerst keine Gefahr für etablierte Marktführer.

Industrie 4.0 ist vor allem im Maschinenbau stark

In den Ergebnissen zeigt sich, dass die digitale Transformation in der deutschen Wirtschaft angekommen ist. Weit über 90 Prozent der Unternehmen haben erkannt, dass sie nicht mehr an dem Thema vorbeikommen. Lediglich ein Viertel hält sich noch zurück und beobachtet die Entwicklungen am Markt. Bei vielen gibt es zumindest Pilotprojekte und 40 Prozent der Firmen nutzen bereits Konzepte wie „Smart Factory“ in einzelnen Projekten. Allerdings: Die vollständige Durchdringung mit Industrie 4.0 ist noch selten, nur 7 Prozent sprechen von einem umfassenden operativen Einsatz.

Vorreiter und Profiteur von Industrie 4.0 zugleich ist der Maschinen- und Anlagenbau: Die Nachfrage nach „digitalisierten“ Produkten und Services stärkt diese Branche. Entsprechend verändern 55 Prozent der Unternehmen ihre Abteilungen für Forschung und Entwicklung und rüsten sie für die Industrie 4.0 auf. Zum Vergleich: In der Automobilindustrie sind es nur 38 Prozent. Doch die Motive für dieses vergleichsweise starke Engagement sind altbekannt: Interne Effizienz steigern (82 Prozent), Abläufe transparent machen (75 Prozent), Kosten senken (60 Prozent).

Noch mehr Effizienz ist noch keine Digitalisierung

Dr. Jochen Schlick, Senior Partner bei Staufen Digital kritisiert diesen Fokus auf die Effizienz von Produktionsprozessen. Es bestehe die Gefahr, dass deutsche Unternehmen mittelfristig zu reinen Produzenten degradiert werden, während die Gewinne von denen eingefahren werden, die sich mit den disruptiven Potenzialen der Digitalisierung beschäftigen. „Für Anbieter smarter Dienstleistungen bietet die Digitalisierung komplett neue Möglichkeiten, über den gesamten Lebenszyklus von bereits verkauften Produkten zusätzliche Umsätze zu erzielen,“ betont Schlick. „Der Hersteller des ursprünglichen Produkts ist bei diesen Umsätzen außen vor und wird mitunter nach und nach von der Kundenschnittstelle verdrängt.“

Für ihn ist das eine bislang ungenutzte Chance für deutsche Unternehmen und er fordert: „Die selbst definierten Systemgrenzen des eigenen Produkts müssen überwunden werden.“ Eine gewisse Ahnung der Herausforderungen lässt sich an der Studie ablesen, denn die deutsche Industrie erwartet spürbare Veränderungen vor allem im Verhältnis zu den Kunden sowie im Bereich Forschung und Entwicklung. Ein klares Bild über die Richtung der Entwicklungsaktivitäten gibt es derzeit allerdings noch nicht. Knapp die Hälfte der Unternehmen erwartet, dass sich ihr Geschäftsmodell verändern wird.

Branchenfremde Wettbewerber werden unterschätzt

Allerdings lässt sich aus der Studie auch ablesen, dass viele Unternehmen neue Wettbewerber weiterhin unterschätzen. So erwarten lediglich etwa 10 Prozent der Unternehmen in der Automobilindustrie in den nächsten zwei Jahren einen Angriff durch junge, stärker digital ausgerichtete Unternehmen. Das verwundert die Studienautoren: „Erstaunlich, haben doch gerade die Autohersteller in der jüngsten Vergangenheit bereits mit den zahlreichen digitalen Mitfahrplattformen und Carsharing-Modellen einen Vorgeschmack darauf bekommen, wie schnell disruptive Geschäftsmodelle mittlerweile Marktreife erlangen.“

Ähnlich erstaunlich ist die Haltung der Befragten zur Plattformökonomie: Sogar ein Viertel der Unternehmen mit einschlägiger Industrie-4.0-Erfahrung nutzen oder entwickeln keine Plattformen und wollen dies in Zukunft auch nicht tun. Offensichtlich unterschätzen die Manager und Vorstände die Dynamik der Digitalwirtschaft und die Geschwindigkeit, mit der exponentielle Entwicklungen ablaufen. So finden mehr als drei Viertel der befragten Unternehmen, dass Plattformen erst in zehn Jahren in ihrer Branche eine große Bedeutung erhalten werden. Auch hier ist die Automobilindustrie wieder ein Ausreißer nach unten. Sie misst Plattformen eine deutlich geringere Bedeutung bei als der Durchschnitt.

Unternehmen sind enttäuscht von Predictive Maintenance

Die digitale Zurückhaltung zeigt sich auch bei einer Leitanwendung für die Industrie 4.0: Predictive Maintenance, die vorausschauende Wartung. Das Auswerten von Daten zur frühzeitigen Erkennung von Problemen ist bereits heute relativ einfach möglich, etwa zwei Drittel der Unternehmen nutzen nach eigener Auskunft dieses Prinzip. Allerdings wird nicht genau klar, wie viele tatsächlich prognostische Algorithmen einsetzen und wie viele lediglich ein etwas aufgebohrtes Condition Monitoring nutzen - die Übergänge sind fließend. Eines wird aber deutlich: Sehr viele Anwender sind unzufrieden. Etwa drei Viertel sehen in Predictive Maintenance im Moment keine geeignete Technik. Sie sei noch ausbaufähig und würde nur geringen Nutzen bringen.

Auch hier ist wieder Zurückhaltung bei konkreten Maßnahmen in Richtung Digitalisierung zu erkennen. Dies betrifft nach der Studie auch Organisationsstrukturen und Unternehmenskultur, dabei wird viel zu sehr auf ein Weiterbestehen der traditionellen Herangehensweise beharrt. Es zeige sich eine Schere zwischen neun Technikverständnis und altem Denken, die Schnelligkeit der digitalen Transformation werde erheblich unterschätzt. „Trotz aller Fortschritte spielen viele Unternehmen immer noch auf Zeit“, konstatiert Wilhelm Goschy, der COO der Staufen AG. „Ein riskantes Spiel.“

Bildquelle: Thinkstock

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