Jost Hecken und Rainer Emmerich, Zutra Speditionsgesellschaft

Rübenernte mit Cloud Computing

Vor zwei Jahren wurde das Projekt field2factory mit dem Ziel ins Leben gerufen, den Transport von geernteten Zuckerrüben in die Fabrik deutlich zu beschleunigen. Die dafür notwendigen Logistiksysteme bezieht die am Projekt beteiligte Zutra Speditions-Gesellschaft aus der Cloud.

Rainer Emmerich (li.) und Jost Hecken (re.)

Bis in der Zuckerfabrik in Jülich in der Haupterntezeit Millionen von Rüben zur Weiterverarbeitung ankommen, haben sie mitunter einen weiten Weg zurückgelegt. Zudem sind verschiedenste Teilnehmer in den Lieferprozess eingebunden: Neben den Landwirten zählen dazu Rodungsunternehmen, Hauptfrachtführer, die die Verladung und Organisation des Rübentransports übernehmen, sowie die Frachtführer, die die Rüben letztlich in die Zuckerfabrik bringen.

Als hundertprozentige Tochterfirma steuert die Zutra Speditionsgesellschaft für den Zuckerproduzenten Pfeifer & Langen in Köln die gesamte Rübenlogistik. Neben der Erstellung von Frachtabrechnungen für Rüben- und Produkttransporte organisiert das Unternehmen eine beleglose Rübenanfuhr und entwickelt bzw. vertreibt Logistiklösungen sowie Geoinformationssysteme.

Bei dem vor zwei Jahren gestarteten Projekt field2factory (www.field2factory.de) hat man sich gemeinsam mit zwei Partnerunternehmen auf die Fahne geschrieben, die Prozesse der Rübenlogistik transparenter zu machen und zu beschleunigen. Im Gespräch mit IT-MITTELSTAND – vor Ort in der Zuckerfabrik in Jülich – beleuchteten Zutra-Geschäftsführer Jost Hecken und Logistikmanager Rainer Emmerich die einzelnen Projektschritte und erklärten, warum man den Betrieb wichtiger Systemressourcen in die Hände des Kölner IT-Dienstleisters Pironet NDH gegeben hat.

ITM: Herr Hecken, welches Einzugsgebiet betreuen Sie mit der Zutra Speditionsgesellschaft?
Hecken:
Wir sind für die Rübenanbaugebiete in Westdeutschland zuständig und steuern die Logistik für die Zuckerfabriken in Elsdorf, Jülich, Euskirchen, Appeldorn sowie in Lage bei Bielefeld. Darüber hinaus übernehmen wir die Logistik und Verwaltung aller Rübenströme für die Zuckerfabrik in Könnern in Sachsen-Anhalt.

ITM: Mit wie vielen Anbaubetrieben arbeiten Sie zusammen?
Hecken:
Insgesamt mit rund 7.000 Landwirten. Dabei handelt es sich um Betriebe, die von einem bis hin zu 11.000 Hektar Land bestellen. Eine sehr heterogene Gruppe, wobei man insbesondere im Osten großflächige Betriebe antrifft, während im Rheinland eher kleinere Betriebe ansässig sind. Dies impliziert jeweils unterschiedliche Herausforderungen für die Rübenlogistik.

ITM: Herr Emmerich, wie viel Zucker produzieren die Zuckerfabriken von Pfeifer & Langen durchschnittlich pro Jahr?
Emmerich:
In diesem Jahr erzeugen wir aus voraussichtlich rund sieben Millionen Tonnen an Rüben eine Million Tonnen Zucker. Dabei läuft die gesamte Zuckerproduktion in einem Zeitraum von knapp über vier Monaten ab – von September bis Januar. Es gibt also ein sehr enges Zeitfenster, in dem die Rüben geerntet und verarbeitet werden können – worauf wir alle unsere Prozesse hin ausgerichtet haben.

ITM: Steht Ihre Produktion dann ab Januar still?
Hecken:
Nein, nach dem Ende der Zuckerproduktion folgt eine Ablauf- oder Dicksaftkampagne, in deren Rahmen wir Rübensäfte weiterverarbeiten. Anschließend verarbeiten wir Zuckerrohr aus Afrika zu Rohrohrzucker, einem nicht raffinierten Rohzucker.

ITM: Welche weiteren Prozesse laufen von Januar bis August in einer Zuckerfabrik ab?
Hecken:
Nach jeder großen Kampagne stehen intensive Wartungsarbeiten an, denn Zuckersäfte sind sehr aggressiv und greifen die Rohrleitungen an. Von daher müssen wir diese immer wieder reinigen und teilweise auch erneuern. Darüber hinaus investieren wir in neue Anlagen oder den Bau weiterer Speichersilos. Einen Stillstand gibt es in den Zuckerfabriken so gut wie nie.

Emmerich: Der von uns produzierte Zucker wird entweder direkt nach der Produktion an Industriebetriebe weitergeleitet oder in unseren eigenen Silos bevorratet. Denn wir benötigen große Lagerbestände, da unsere Kunden den Zucker das ganze Jahr über anfordern.

ITM: Nutzen Sie softwarebasierte Tools, um Absatzprognosen zu erstellen?
Hecken:
Nein, denn in der Regel gibt es mit den Industriebetrieben feste Jahreskontrakte, die von unserer Warenwirtschaft und dem Vertrieb gemeinsam erarbeitet werden.

Unsere Vertriebsmannschaft weiß genau, was auf den Feldern wächst und mit wie viel Zucker man für die nächste Saison planen kann. Dieses Wissen fließt wiederum in die Verträge mit der Industrie ein, denn wir können nicht mehr Zucker verkaufen als wir produzieren.

ITM: Wann wissen Sie genau, wie viel Zucker produziert werden kann?
Hecken:
Die Ernte und die damit verbundenen Produktionsprozesse sind immer wetterabhängig. Daher können wir die genauen Produktionsmengen erst kurz vor der Hauptkampagne bestimmen. Gerade in den letzten Jahren verzeichneten wir sogar während der Erntesaison einen enormen Zuwachs beim Rübenertrag und somit auch beim Zuckergehalt der Rüben.

Emmerich:
Unser Logistikprozess sieht vor, nicht alle Rohstoffe in den Fabriken, sondern teilweise am Feldrand – in den so genannten Mieten –einzulagern. Liegt zwischen der Rodung und der Abholung der Rüben mehr als eine Woche und herrscht zu dieser Zeit wärmeres Wetter, veratmet der Zucker und ist für uns nicht mehr ausbeutbar.

Hecken: Der Landwirt wird unter anderem nach dem Zuckergehalt bezahlt, der bei unserer Eingangsverwiegung in den Rüben ermittelt wird. Daher versuchen wir, den Rübenbestand in den Fabriken so gering wie möglich zu halten, damit sich der Zucker nicht verflüchtigen kann. Im Werk Jülich können wir derzeit bis zu 16.000 Tonnen Zuckerrüben an einem Tag verarbeiten.

ITM: Also müssen die Rüben genau dann vom Feld kommen, wenn Sie direkt verarbeitet werden können?
Emmerich:
Genau, einerseits soll der Zucker nicht auf dem Werksgelände veratmen, andererseits soll der Landwirt am Feldrand aber ebenfalls keinen Zuckergehalt verlieren und weiterhin hohe Erlöse erwirtschaften. Ansonsten wäre der Rohstoff „Zuckerrübe“ bald nicht mehr lukrativ und würde nicht mehr angebaut werden. Von daher bewegen wir uns in sehr engen Zeitfenstern und sorgen mit unseren Lieferplanungen dafür, dass zwischen der Rodung und der Abholung der Rüben zur Weiterverarbeitung möglichst wenig Zeit liegt.

ITM: Welche Rolle spielt die IT bei diesen Prozessen?
Emmerich:
Eine wesentliche, so läuft unsere gesamte Lieferplanung IT-basiert ab. Denn verarbeitet man wie in Jülich in hundert Tagen bis zu 1,6 Mio. Tonnen Rüben, muss jeder einzelne landwirtschaftliche Betrieb in der Planung berücksichtigt werden.

Die Organisation sieht dabei wie folgt aus: Entweder transportieren der Landwirt selbst, ein landwirtschaftlicher Maschinenring oder ein gewerblicher Frachtführer die Rüben zur Fabrik. Gerade die beauftragten Logistiker benötigen verlässliche Lieferpläne, wie viele Rüben sie wann und auf welchem Feld abholen können. In der Regel roden die Landwirte die Felder eine Woche vor dem eigentlichen Abholtermin. Hier müssen wir die geeignete Anzahl an LKWs in einem möglichst kleinen Umkreis einsetzen, damit diese am Tag mindestens 16.000 Tonnen Zuckerrüben nach Jülich bringen können.

ITM: Vor gut zwei Jahren haben Sie das Projekt field2factory ins Leben gerufen. Was steckt dahinter?
Emmerich:
Mit field2factory wollen wir die Kommunikationsstrukturen und Prozesse bei der Zuckerrübenernte beziehungsweise dem Transport in die Fabrik genau definieren, weiter verbessern und verschiedene Einspar- sowie Synergiepotentiale aufspüren.

Hecken: Wir führen das Projekt gemeinsam mit den Softwarepartnern AED-SICAD und GEOsat durch und erhalten Fördermittel von der Europäischen Union sowie vom Land Nordrhein-Westfalen. Im Rahmen von field2factory werden mithilfe des globalen Satellitennavigationssystems GPS alle Anbauflächen erfasst und die optimalen Anfahrtswege für die LKWs berechnet. Beim Abtransport der am Feldrand gelagerten Zuckerrüben wird das Ladegut exakt den jeweiligen Produzenten zugeordnet.

ITM: Wie gestaltet sich die Kommunikation in der Erntephase?
Emmerich:
Zutra ist als Partner der Rohstofflieferanten für die Abrechnung und Disposition, d.h. für die gesamte Planung und den daraus resultierenden Datentransfer, verantwortlich.

Zudem legen wir anhand eines Vertrags mit den Frachtführern die Lieferplanmengen fest, übermitteln Stammdaten und geben die Rahmenbedingungen für die Abholung und den Transport der Rüben vor. Anschließend kommunizieren wir mit dem Landwirt, um die genauen Rodungs- und Abholtermine zu ermitteln bzw. zu koordinieren. Danach erfolgen der Einsatz eines Rode- und Ladegerätes sowie schließlich der Transport der Rüben.

Hecken: Im Rahmen von field2factory gibt jeder Beteiligte Informationen in ein Geoinformationssystem mit zentralem Portal ein – so sendet der Rodungsbetrieb eine Meldung, wann das Feld abgeerntet ist, woraufhin der Frachtführer automatisch das entsprechende Ladegerät und die Abholung der Rüben einplant. Anhand dieser Daten erkennen wir, wie viele Zuckerrüben gerade am Feldrand lagern oder noch im Boden vorhanden sind und richten unsere Produktionsprozesse darauf aus.

ITM: Wann könnte diese Wertschöpfungskette ins Stocken geraten?
Emmerich:
Tritt während der Ernte ein Kälteeinbruch ein, behindern Schnee und Eis den Rübentransport. An dieser Stelle müssen wir für ein effizientes Frostmanagement sorgen, da unsere Werksleiter stets die geplanten Lieferungen benötigen. Denn hat man die Produktion in der Fabrik einmal in Gang gebracht, kann man sie nicht auf Knopfdruck abstellen. Sind Engpässe bei der Rohstofflieferung erkennbar, müssen wir vielmehr die Geschwindigkeit der Anlagen herunterfahren, um den Knappheitszeitraum zu überbrücken.

Hecken: Zudem müssen wir die Anlieferungen detailliert planen. Sie erfolgen nämlich mit unterschiedlichen Fahrzeugtypen, darunter Schlepper- und Gliederzüge oder Sattelrückwärtskipper. Wir müssen in der Lage sein, alle diese Fahrzeuge entladen zu können, da etwa ein Schlepperzug die Ladung nicht selbst abkippen kann. Die Art der Entladung wirkt sich wiederum auf die Umlaufzeiten in der Fabrik aus.

ITM: Wie häufig arbeiten die Beteiligten mit field2factory?
Emmerich:
Das System befindet sich derzeit noch in der Testphase. Für den späteren Produktivbetrieb erwarten wir, dass wir insbesondere während der Hauptkampagne hohe Zugriffsraten auf das zentrale Portal verzeichnen werden. Denn dann greifen die Frachtführer und Maschinenringe sowie die Landwirte auf das System zu.

Alle Beteiligten liefern einerseits selbst Input in das Portal, andererseits greifen sie darüber auch auf die Informationen zu, die sie für ihre eigene Arbeit benötigen. Nach dem Ende der Kampagne im Januar wird die Zahl der Zugriffe deutlich abnehmen. Das Portal wird dann nur noch für die restlichen Abrechnungen oder die Auswertung der letzten Saison genutzt. Im März erfolgen zunächst die Aussaat der Landwirte sowie die Flächenaufnahme der Rübenfelder, wodurch die Zugriffe wieder steigen. Aufgrund der unterschiedlichen Auslastung müssen wir Systemressourcen möglichst flexibel vorhalten können.

ITM: Wie federn Sie die eben beschriebenen Lastspitzen ab?
Emmerich:
Wir haben mit Pironet NDH Datacenter einen externen IT-Dienstleister mit dem Betrieb der Geoinformations- und Logistiksysteme sowie des Portals beauftragt. Die von uns benötigten Systemressourcen beziehen wir entsprechend des Bedarfs über virtualisierte Server aus der Business Cloud von Pironet NDH.

ITM: Warum haben Sie sich für die Nutzung von Cloud Computing entschieden?
Emmerich:
Aspekte wie Sicherheit und Hochverfügbarkeit sind für uns sehr wichtig, da wir mit sensiblen Daten arbeiten. Dabei handelt es sich zwar nicht um datenschutzrelevante Informationen, sondern eher um Betriebsgeheimnisse. Dennoch sind die Landwirte sehr vorsichtig, welche Informationen sie preisgeben. Sollten etwa Ertrags- oder Flächendaten durchsickern und in falsche Hände geraten, hätte dies direkte Auswirkungen auf den Produktionsprozess. Daher lagern wir unsere Systeme an einen IT-Dienstleister aus, der uns Datensicherung, Hochverfügbarkeit und das Abfedern auftretender Lastspitzen garantieren kann.

ITM: Aus Angst um ihre Daten wollen viele Mittelständler diese gerade nicht in fremde Hände geben ...
Emmerich:
Diese Bedenken gab es bei uns nicht, da wir bei Pironet NDH eine eigene private Cloud nutzen und nicht auf IT-Ressourcen aus einer öffentlichen Wolke setzen. Letzteres war nie ein Thema für uns, auch wegen der Ressentiments vieler Landwirte, die sich sehr um die Sicherheit von Informationen über ihre Anbauflächen sorgen.

ITM: Was sprach noch für ein Outsourcing?
Hecken:
Ein Eigenbetrieb der Lösung wäre für uns nicht wirtschaftlich – einerseits aufgrund der hohen Anschaffungskosten der Systeme, andererseits aufgrund des benötigten leistungsfähigen Netzes. Über unseren Outsourcing-Partner lassen wir die Daten aller Landwirte nicht nur an einem neutralen Ort hosten, sondern greifen auch auf ein Rechenzentrum zu, das den geforderten Auflagen und Zertifizierungen entspricht, beispielsweise der internationalen IT-Sicherheitsnorm ISO 27001.

Nicht zuletzt ging es um die Frage der Akzeptanz von field2factory: Als wir das Projekt beim rheinischen Rübenanbauerverband präsentierten und erklärten, dass wir mit einem namhaften Provider zusammenarbeiten, der die Daten sicher und hochverfügbar vorhält, kam dies gut an. Hätten wir die Daten bei Zutra selbst oder im Rechenzentrum unserer Muttergesellschaft Pfeifer & Langen vorliegen, wären die Landwirte sicherlich misstrauischer gewesen.

ITM: Wie lief der Auswahlprozess für den externen Dienstleister ab?
Hecken:
Wir hatten mehrere Anbieter in der Auswahl, wobei es keine großen Preisunterschiede gab. Da wir bei Pironet NDH auch die Zutra-Webseite hosten lassen, kannten wir den Anbieter bereits. Zudem orientierten wir uns an der IT-Tochter unserer Muttergesellschaft, die ebenfalls Teile ihrer IT an das Kölner Unternehmen ausgelagert hat. Daher wussten wir, dass ein Outsourcing mit diesem Partner gut funktioniert.

ITM: Welches Abrechnungsmodell liegt den Cloud Services zugrunde?
Hecken:
Wir haben mit dem Dienstleister einen Pauschalbetrag vereinbart, der sich an den genutzten Oracle-Lizenzen orientiert und auf Basis des benötigten Speicherplatzes abgerechnet wird. Sollte die bis dato vereinbarte Performance für die Zugriffe während einer Kampagne nicht ausreichen, können wir flexibel nachjustieren.

Emmerich: Der Erfolg des Portals steht und fällt mit seiner Funktionsfähigkeit. Wäre das System just in dem Moment nicht erreichbar, in dem die Landwirte ihre Flächen- oder Maschinendaten eingeben wollen, würden sie es einfach sein lassen. Von daher suchten wir nach einem zuverlässigen Partner, der benötigte Ressourcen kurzfristig zur Verfügung stellen und sofort Support leisten kann, wenn etwas schieflaufen sollte.

ITM: Zurück zu field2factory – wie funktioniert das hinterlegte System genau?
Emmerich:
Das Portal besitzt ein webbasiertes sowie ein mobiles GIS-Framework (GIS = Geoinformationssystem), wobei letzteres auf den Bordrechnern der Ladegeräte und Transportfahrzeuge installiert ist. Zudem arbeiten wir mit der Software Arc Server und Arc Monitor des US-amerikanischen Anbieters Esri. Alle diese Lösungen sind über eine XML-Schnittstelle mit dem SAP-System von Pfeifer & Langen sowie dem Telematiksystem TomTom Work in den Transportfahrzeugen verknüpft.

Hecken: XML schien uns dabei als das gängigste und zukunftssicherste Format für die Datenanbindung zu sein. Die Daten selbst fließen über eine herkömmliche HTTP-Verbindung via Webclient in das Portal ein.

ITM: Wie haben Sie die Zugriffsrechte organisiert?
Emmerich:
Wir haben ein Rollenkonzept hinterlegt, mit dem die Landwirte oder Frachtführer jeweils nur die auf sie zugeschnittenen Informationen abrufen bzw. einsehen können. So besitzt jeder Anbauer einen eigenen Zugang, mit dem er seine Kennzahlen und Anbauflächen sowie den Erlös, den er generiert, abrufen kann.

ITM: Welche Informationen werden über das Portal ausgetauscht?
Emmerich:
Der Landwirt informiert sich über die Rodung oder den Liefer- bzw. Verladezeitpunkt seiner Rüben und gibt Informationen über die Wegbeschaffenheit zu seinen Feldern ein. Zudem bestätigt er die Größe seiner Anbaufläche und die zu erwartenden Menge an Zuckerrüben. Er kann über das System auch einen Mietenschutz in Auftrag geben, etwa wenn seine Rüben nach der Ernte am Feldrand abgedeckt werden sollen.

Der Rodungsbetrieb holt sich aus dem Portal Meldungen zur Anbaufläche und den geplanten Mietenplatz, der sich aufgrund der Bodenverhältnisse verschieben kann. In das Portal liefert er das Erntedatum und den Ist-Lagerplatz, wo die Rüben tatsächlich abgelegt wurden.

Der Frachtführer des Ladegeräts liefert den Status der Anbaufläche – z.B. dass man gerade mit der Verladung begonnen hat oder bereits fertig ist. Oder er informiert über Besonderheiten, zum Beispiel faule Rüben. Dies hat wiederum Auswirkungen auf die Produktion, da man faulige Früchte nicht einlagern kann, sondern direkt verarbeiten muss. Das Ladegerät zeigt überdies seinen genauen Standort an und steuert somit die Transportkapazitäten. Auf diese Weise wissen die LKW-Fahrer genau, wohin sie fahren und welche Liefermengen sie transportieren müssen.

ITM: Welche Synergien ziehen Sie aus dem Projekt?
Emmerich:
Pfeifer & Langen ist damit stets über den Status des Flächenabbaus und der Rohstoffverfügbarkeit informiert, was sich positiv auf die Produktionsplanung auswirkt. Außerdem können wir das Frostmanagement besser steuern, Rückverfolgbarkeit garantieren sowie einen weiteren Baustein für unsere Beratungsdienstleistungen schaffen.

Hecken: Nicht zuletzt lassen sich Energie- und Logistikkosten senken. Denn mithilfe des Portals können wir die Verkehrsbelastung reduzieren und mit bis zu zehn Prozent weniger LKW-Aufkommen im Gesamtprozess arbeiten. Zudem werden unsere Prozesse dank transparenter Informationen wesentlich planungssicherer.

Und auch die Landwirte profitieren. Sie verfügen über aktuelle flächenbezogene Informationen, die sie für den Weiteranbau nutzen können. Überdies erhält jeder Anbauer zeitnahe Lieferübersichten, wie viele Rüben er genau in die Zuckerrübenfabrik geliefert hat und wie sein Erlös dafür aussieht.

ITM: Sie sprachen Ihre Beratungsleistungen an. Welche sind das?
Emmerich:
Auf Basis der Auswertung der Portalinformationen bieten die Spezialisten der landwirtschaftlichen Abteilung von Pfeifer & Langen zum Beispiel Beratung in Sachen Pflanzenschutz und Anbaumethodik an.

Allerdings nutzen wir den Datenpool des Portals nicht, um den Landwirt anzuschreiben oder ihm aufzuzeigen, dass seine Erlöse gegenüber der Nachbaranbaufläche hinterherhinken. Eine solche Transparenz wird von der Landwirtschaft gefürchtet, da Industriebetriebe die Anbauer aufgrund eines geringeren Ertrags ablehnen oder eine Staffelung in A-, B- oder C-Lieferanten vornehmen würden. Ein solches Reglement möchten weder wir noch die Landwirte, von daher muss eine Beratung stets aktiv von den Landwirten nachgefragt werden.

Hecken: Dieses Vorgehen war eine Grundforderung des Zuckerrübenverbandes. Hätten wir von Anfang an gesagt, wir nehmen solche Auswertungsmöglichkeiten in Anspruch, wäre field2factory bereits zu Beginn gestorben. Denn dann hätte das Portal seitens der Landwirte keine Akzeptanz gefunden und sie hätten keine Informationen geliefert. Ohne den Dateninput aller Beteiligten kann field2factory allerdings nicht praktikabel funktionieren.

ITM: Wie viele Landwirte arbeiten derzeit mit dem Portal?
Emmerich:
Langfristig ist es das Ziel, dass alle 7.000 Anbauer das System nutzen. Für die Testphase planen wir zunächst mit 100 Landwirten. Zur Nutzung benötigen sie einen Internetzugang mit einigen spezifischen Browserspezifikationen sowie ein Passwort zur Anmeldung.

ITM: Wie sehen die künftigen Projektphasen aus?
Emmerich:
Wir wollen neben den Landwirten und Frachtführern weitere Prozessteilnehmer integrierten – nämlich die Rodungsbetriebe und die Firmen, die für die Abdeckung und Pflege der Mieten zuständig sind. Angedacht ist es, das Portal bereits für die Aussaat der Rüben zu nutzen oder auf Basis von Wetterdaten Wachstumsprognosen zu erstellen, womit man genau erkennt, auf welchen Anbauflächen welche Niederschläge heruntergegangen sind.

Hecken: Wir nannten das Projekt field2factory, weil wir einen von der Zuckerindustrie losgelösten Begriff bevorzugten. Das Modell kann für alle Industrien angewandt werden, die Rohstoffe geliefert bekommen und weiter verarbeiten – etwa für die Kartoffelverarbeitung oder die Erzindustrie.

Jost Hecken
Alter: 45
Familienstand: verheiratet
Werdegang: verantwortlich für die Distribution der Zutra, danach auch für die komplette Informationstechnik des Unternehmens, schließlich Speditionsleiter
Derzeitige Position: Geschäftsführer bei der Zutra Speditionsgesellschaft mbH

Rainer Emmerich
Alter:
41
Familienstand: verheiratet
Werdegang: u.a. verantwortlich für Landesgeschäft Polen, verantwortlich für Rübenlogistik Könnern (Sachsen-Anhalt) und Lage (NRW), verantwortlich für die beleglose Rübeneinfuhr, Projektleiter field2factory
Derzeitige Position: Logistikmanager bei Zutra

Die Zutra Speditionsgesellschaft mbH

Die hundertprozentige Tochter der Pfeifer & Langen KG, Köln, ist seit über 40 Jahren in verschiedenen Regionen Deutschlands sowie im europäischen Ausland im Bereich der Zuckerrübenlogistik tätig. Die Aufgaben erstrecken sich über die Disposition und Planung von Transporten bis hin zur Erstellung der Frachtabrechnungen.

Weitere Kompetenzen der Zutra liegen unter anderem in der Entwicklung und dem Vertrieb von Geoinformationssystemen und der Entwicklung und Umsetzung von Logistiklösungen, beispielsweise für den Import von Rohrrohzucker, Export von Weißzucker und die entsprechende Lagerlogistik.

Mitarbeiter: zehn
Umsatz: 30 Mio. Euro
Tonnage: 6,5 Mio. Tonnen
Transporte: 250.000
Internet: www.zutra.de

Bildquelle: Aleksander Perkovic

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