20.12.2017

Schweizer Taschenmesser fürs Netz

Von: Süleyman Karaman

Zahlreiche Anbieter werben mit software-definierten WAN-Lösungen (SD WAN), doch nicht alle verstehen darunter das Gleiche. Die Verantwortlichen können zwischen hybriden und internet-basierten Lösungen wählen, wobei sie die Ausfallsicherheit und die Netzwerkverwaltung berücksichtigen sollten.

Software-defined WAN als Schweizer Taschenmesser

Software-definierte Netze funktionieren wie digitale Schweizer Taschenmesser für den Alltag.

Als Steve Jobs 2007 das erste iPhone vorstellte, präsentiert er dieses als ein „3 in 1“-Gerät, nämlich als iPod, Mobiltelefon und Internetgerät. Heute sind Smartphones noch viel mehr. Sie sind „X in 1“-Geräte. Sie sind Taschenlampen, Wecker und Videokameras. Sie sind Wörterbücher, Terminkalender und Lexika. Sie sind Landkarten, Telefonbücher und Fotoapparate. Oder anders: Sie sind das perfekte Beispiel für die Virtualisierung von Dingen. Niemand benötigt heute mehr X verschiedene Geräte und Produkte. Das Smartphone kann mit den richtigen Apps (fast) alles und wird zum digitalen Schweizer Taschenmesser für den Alltag. Das digitale Pendant dafür hinsichtlich Weitverkehrsnetzen (Wide Area Networks, WAN) heißt Software-defined WAN. Dabei übernimmt ein Server mittels spezieller Software die Funktionen von unterschiedlichen Geräten, zum Beispiel von Routern, Firewalls und Lastverteilern.

Aktuell werben zahlreiche Anbieter mit SD WAN, doch nicht alle verstehen darunter das Gleiche. Einige meinen damit ein virtuelles Netzwerk, welches nur über das öffentliche Internet zusammengeschaltet wird. Diese Lösung birgt verschiedene Nachteile. Denn wer nur auf das Internet setzt, hat keine Kontrolle über „sein“ Netzwerk. Es ist nicht garantiert, dass stets ausreichend Bandbreite zur Verfügung steht. Falls das Internet zusammenbricht, gibt es keine Backup-Lösung. Dies ist bei einem hybriden SD WAN, wie es beispielsweise Colt Technology Services anbietet, anders. Hier fließen nicht zeitkritische Daten zwar ebenfalls über das Internet bzw. durch einen sicheren Tunnel. Gleichzeitig kommen aber auch private Leitungen, wie MPLS-Verbindungen, zum Einsatz. Über diese privaten Leitungen fließen alle kritischen oder priorisierten Daten, darunter Daten, die für VoIP-Telefongespräche benötigt werden.

Ein Rechenbeispiel zeigt den finanziellen Vorteil von hybriden Lösungen: Angenommen, ein Mittelständler nutzt eine 10-Mbit/s-MPLS-Standleitung für 600 Euro im Monat. Die verantwortlichen Manager wollen deren Kapazitäten erhöhen. Wenn sie die Bandbreite der Standleitung auf 100 Mbit/s steigern, kostet sie das weit mehr als 1.000 Euro pro Monat. Alternativ können die Manager die vorhandene Standleitung mit einem normalen Internetanschluss kombinieren. Der ist in allen europäischen Ländern für weniger als hundert Euro erhältlich. Zusätzlich muss für etwa 100 Euro pro Monat ein SD-WAN-Device zum Einsatz kommen, d.h. ein Server mit spezieller Software. Das hybride SD WAN kostet damit 800 Euro pro Monat; 200 Euro weniger als eine Aufwertung der Standleitung –bei gleicher Leistung. Bei beiden Lösungen steht dem Mittelständler mehr Bandbreite zur Verfügung.

Die Zuverlässigkeit steigern

Bei einer reinen Internet-Lösung wissen Unternehmen oftmals nicht, welche Bandbreite sie tatsächlich nutzen können. Denn über das Internet fließen bekanntlich nicht nur Firmendaten. Vielmehr schauen Privatpersonen Filme an, zocken Online-Spiele oder hören Musik. All dies verbraucht Bandbreite, die dann den Unternehmen nicht mehr zur Verfügung steht. Solange nur unkritische Daten über das Netz fließen, ist das kein Problem. Allerdings müssen für den Unternehmenserfolg wichtige Daten immer schnell und sicher ihr Ziel erreichen. Das kann allein mit einer privaten Standleitung garantiert werden. Ein weiterer Vorteil: Bricht der Internetzugang zusammen, sind Unternehmen offline. Bei einem hybriden SD WAN gibt es in diesem Fall ein Backup: die Standleitung.

Welche Daten für ein Unternehmen wichtig sind oder Priorität genießen, kann sich immer mal wieder ändern. Ein hybrides SD WAN ist im Idealfall mit einem On-Demand-Portal verbunden. In diesem Portal können Kunden selbst einstellen, welche Daten zu welchem Zeitpunkt welche Priorität genießen und ob sie über das Internet oder die Standleitung fließen sollen. Momentan haben viele Unternehmen ihr WAN-Management an externe Dienstleister ausgelagert. Mit einem On-Demand-Portal ist das nicht mehr notwendig, denn die Portale sind einfach zu bedienen. Dadurch sparen Unternehmen die Kosten für externe Dienstleister und erhöhen gleichzeitig ihre Flexibilität. Über das Portal können sie ihre hybriden SD WANs mit wenigen Mausklicks in Echtzeit verwalten und konfigurieren.

Ein hybrides SD WAN kann sich demnach durchaus lohnen. Allerdings sollte man bei Standorten auf dem Land, die sich nicht an eigene Standleitungen anschließen lassen, über eine internet-basierte Lösung nachdenken. In allen anderen Fällen kann eine Kombination aus öffentlichem Internet und privater MPLS-Leitung verschiedene Vorteile bei den Kosten, der Zuverlässigkeit und der Netzwerkverwaltung mitsichbringen.

Bildquelle: Thinkstock/Stockbyte

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