Logistik ist intelligente Vernetzung

So helfen Datenbrillen im Lager

Software gewinnt für die Logistik weiter an Bedeutung. Es geht um die bessere Information über die gesamte Lieferkette. Dabei helfen intelligente Endgeräte ebenso wie autonome Transportsysteme oder auch Datenbrillen im Lager.

  • Erik Düwel, Produktmanager Automation and Systems der Still GmbH

    „Moderne Kommissionier-fahrzeuge sind mit allen Pick-Produkten kombinierbar.“ Erik Düwel, Produktmanager Automation and Systems der Still GmbH

  • Fritz Mayr, Geschäftsführer der CIM GmbH

    „Das Ergebnis übersichtlicher Auswertungen sind sich selbst immer weiter optimierende Systeme.“ Fritz Mayr, Geschäftsführer der CIM GmbH

  • Markus Müllerschön, Geschäftsleitung Vertrieb bei Viastore Software

    „Beim Einsatz des ‚Internet of Things‘ im Lager stehen wir erst am Anfang!“ Markus Müllerschön, Geschäftsleitung Vertrieb bei Viastore Software

  • Autonome Fahrzeuge im Hermes-Versand-zentrum Haldensleben: Die „Weasel“ werden elektrisch angetrieben und bewegen sich entlang einer optischen Spur.

In Industrie und Handel ist zuverlässige und kostengünstige Logistik mehr gefragt denn je. „Lieferketten sind heute durchgängig organisiert und vernetzt – von den Ursprungspunkten der Rohstoffe bis hin zur Lieferung an die Haustür des Verbrauchers“, weiß Dr. Christoph Beumer, geschäftsführender Gesellschafter der Beumer Group. Und nicht nur das – auch Retouren, Entsorgung und Recycling seien mitvernetzt. Der Kunde erwarte eine auf seine individuellen Interessen und Bedürfnisse zugeschnittene Lieferung.

Die Anforderungen an die Logistik werden daher immer komplexer und individueller, nicht zuletzt durch die Vernetzung der beteiligten Systeme im Kontext von Industrie 4.0. „Unsere Kunden erwarten innovative Lösungen, die zu einer Steigerung der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit und Produktivität führen“, konstatiert Klaus Tersteegen, Geschäftsführer bei SSI Schäfer in Neunkirchen. „Die Antwort darauf liegt nicht nur in der intelligenten Verknüpfung aller Hard- und Software-Komponenten, sondern auch in der perfekten Abstimmung aller Logistikprozesse beim Kunden.“

Bewährte Software stößt an Grenzen


Derzeitige Datenbankmodelle und Supply-Chain-Management-Module stoßen dabei an ihre Grenzen, wenn es um die geforderte Transparenz, Geschwindigkeit und Flexibilität geht. Hier gilt es, auf neuen Wegen mit innovativer IT ein möglichst perfekt abgestimmtes Zusammenspiel der drei Supply-Chain-Bereiche Lagerlogistik, Transportsystem und Track & Trace untereinander sowie mit der gesamten Warenwirtschaft zu ermöglichen – bis hin zur direkten ERP-Integration von KEP-Dienstleistern und Speditionen.

Speziell die Weiterentwicklung der Lagerlogistik wird dabei durch die großen IT-Trends geprägt. Digitalisierung und Vernetzung unterschiedlicher Prozesse, Arbeitsplätze und Ladungsträger sowie von Verpackungseinheiten und Lagerbereichen gehören hier längst zum Alltag. „Verschiedene Anlagen und Anlagenteile kommunizieren über das Internet miteinander und mit den Mitarbeitern“, beschreibt Markus Müllerschön, Geschäftsleitung Vertrieb Viastore Software, den Status Quo. Die Lager-Software gibt dann in Echtzeit Auskunft über Standort, Zustand und Stammdaten der Ware. „Die völlige Vernetzung in Verbindung mit autonomen, sich selbst steuernden Einheiten, das Internet of Things, vereinfacht die Abläufe in der Lagerlogistik heute schon erheblich“, so Müllerschön weiter. „Aber wir stehen hier erst am Anfang.“

Die Geräte werden autonomer


Automatisierte Geräte, etwa Regalbediengeräte, ­Shuttles oder Roboter, werden immer intelligenter und damit autonomer, so dass die Lagerverwaltungssoftware zunehmend weniger für die Steuerung, sondern mehr für Überwachung genutzt wird. Ereignisgesteuerte Leitsysteme, die komprimiert die wichtigsten Kennzahlen übersichtlich anzeigen, werden benötigt. Insgesamt werden die Systeme komplexer, die Überwachungsmechanismen jedoch ausgeklügelter und damit einfacher für den Bediener.

Die aktuellen Trends gehen dahin, diese verknüpften Prozesse weiter zu optimieren und für den Nutzer intuitiv zu gestalten. Fritz Mayr, Geschäftsführer der CIM GmbH, rückt hier den Anwender und seine Software in den Fokus. „Anwender möchten ihre Software heute von jedem Ort, zu jeder Zeit und mit jedem beliebigen Endgerät bedienen können“, so Mayr. „Hierfür müssen die Voraussetzungen geschaffen werden, beispielsweise mit Apps für Smartphones, Pick-by-Voice-Geräten oder mit der mobilen Datenbrille.“

Für diese Anwendungen wird es künftig zunehmend unterschiedlichere Benutzergruppen geben, so dass sich die Benutzeroberfläche und das Endgerät selbst immer stärker an die Bedürfnisse des Bedieners anpassen müssen. Denn die erhöhte Bedienerfreundlichkeit senkt die Schulungskosten und steigert die Freude bei der Arbeit.

Die Sendungen werden kleiner


Die Sendungsgrößen werden durch die Variantenvielfalt der Produkte immer kleiner – und dadurch kommen immer kurzfristigere Saisonalitäten mit starken Mengenschwankungen ins Spiel. „Unsere Kunden müssen ihre Prozesse flexibler gestalten können, um wettbewerbsfähig zu bleiben“, beschreibt Erik Düwel, Produktmanager Automation and Systems bei der Still GmbH in Hamburg, die Prämisse bei der Entwicklung des Kommissionierfahrzeugs iGo Neo CX 20, das je nach Bedarf manuell, assistierend oder autonom eingesetzt werden kann. „Das autonom agierende Fahrzeug kollaboriert mit dem Bediener bei der Arbeit und steigert dadurch die Effizienz und die Geschwindigkeit von Logistikprozessen“, so Düwel. Das reduziere die Dauer des Produktions- und Vertriebsprozesses „time to customer“.

Moderne Kommissionierfahrzeuge sind laut Düwel mit allen Pick-Produkten dieser Art kombinierbar. „Diese Assistenzsysteme unterstützen die Arbeitsweise mit den Kommissionierern“, so der Still-Experte. Um hier aber auch die Lagertauglichkeit zu gewährleisten, kommt es vor allem auf die Verlässlichkeit und die Robustheit dieser Produkte an.

Die zunehmende Vernetzung verstärkt den Informationsaustausch und sorgt damit für eine Datenflut; Themen wie Big Data und damit verbunden Data Mining werden daher auch in der Lagerlogistik immer wichtiger. Das macht laut Müllerschön auch In-Memory-Datenbanken immer interessanter, mit denen es möglich ist, die immer größer werdenden Datenmengen schnell zu erfassen und in Echtzeit auszuwerten. Es wird gefordert, dass über alles, was ein Gerät, ein Mitarbeiter oder ein System erledigt, Daten gesammelt werden. „Diese Daten müssen sinnvoll strukturiert und zielführend ausgewertet werden“, sagt CIM-Chef Mayr. „Denn das Ergebnis übersichtlicher Auswertungen sind sich selbst immer weiter optimierende Systeme.“

In diesem Zusammenhang fällt häufig der Begriff „Kontextbasierte Systeme“. Dabei handelt es sich um Systeme, die sich durch eine hohe Vernetzung und verschiedene Endgeräte auszeichnen. Sensoren wie die Datenbrille, Lichtduschen oder die Bilderkennung können dem Bediener die Informationen sehr viel kontextbezogener anzeigen. Die Erstellung kontextbezogener Oberflächen, die alle Informationen auswerten und dem Bediener die Ergebnisse einfach und verständlich mitteilen, wird in Zukunft immer wichtiger werden.

Für Müllerschön ist es vor allem wichtig, dass sich all diese neuen Techniken und Systeme in ihre bestehende Umgebung integrieren. „Auch die Mitarbeiter müssen sofort mit der Veränderung zurechtkommen und die Arbeitsprozesse möglichst intuitiv ausführen“, verweist der Viastore-Experte auf Trendthemen wie „Augmented Reality“. Mobile Endgeräte wie Tablets, Smartphones oder Datenbrillen geben dem Mitarbeiter eine visuelle Hilfestellung, die ihn dabei unterstützt, die Arbeitsschritte korrekt auszuführen. Dabei übernimmt das Endgerät nicht nur die visuelle Führung, sondern erhebt auch technische Daten.

Bei Pick-by-Vision hapert’s noch


Kommissioniermethoden wie Pick-by-Voice haben sich schon seit Jahren etabliert, sind ausgereift und bei vielen Mittelständlern erfolgreich im Einsatz. Pick-by-Vision funktioniert zwar technisch bereits hervorragend und ist in moderne Lagersoftware integriert, doch laut Müllerschön muss man „noch an der Industrietauglichkeit der Geräte arbeiten“. Die Zukunft liege sicher in einer Kombination unterschiedlicher Wearables – Brillen, Gestensteuerung, Fingerscanner, Sprachsteuerung. Wearables seien oft in Nischen hilfreich, z. B. wenn man mit beiden Händen zupacken muss, im Kühllager oder in der Textildistribution. Für hohe Pick-Leistungen sind Kommissioniertunnel und Ware-zur-Person-Konzepte unschlagbar.

Bei Datenbrillen bemängelt Müllerschön nicht nur die Robustheit, sondern auch die Akkulaufzeiten, die Qualität der Darstellung und die Ergonomie. Und er stellte praktische Fragen: Wie gehe ich als Nutzer damit um, wenn die Brille rutscht – ich aber beide Hände voll habe? Wie setze ich die Datenbrille ein, wenn ich Brillenträger bin? Wie kann ich Quittierungen und komplexe Datenerfassung ergonomisch gestalten? Außerdem könne der Mehrwert von Pick-by-Vision für den industriellen Einsatz auch noch durch die Kombination mit anderen Technologien wie z.B. Voice deutlich erhöht werden.

Aktuell fehlt Pick-by-Vision leider noch eine praktikable Möglichkeit, um den Lagerplatz zu bestätigen. Die auf dem Markt befindlichen Kameras haben nicht die Qualität in der Bilderkennung, dass sie durch Kopfbewegungen zur Bestätigung verwendet werden können. Also ist man weiterhin auf andere Scanner-Lösungen angewiesen, was dann den Vorteil dieser Technik, also u. a. beide Hände frei zu haben, teilweise wieder verschwinden lässt.

Visuell eingehende, kontextbezogene Informationen


Auch CIM-Geschäftsführer Fritz Mayr erwartet aber eine Verbesserung des Pick-by-Vision, da das Auge für die Kommissionierung deutlich ergonomischer verwendbar ist als das Gehör. Die visuell eingehende und kontextbezogene Darstellung der benötigten Informationen hilft, Fehler zu reduzieren, und erhöht so die Kommissionierqualität. Außerdem haben die Kommissionierer durch die neue Technik beide Hände frei. Aufgrund dieser Tatsache und durch das parallele Anzeigen verschiedener Informationsarten – wie z. B. Weg- und Pick-Informationen – ist zudem eine Leistungssteigerung beim Kommissionieren zu erwarten.

Für das Zusammenspiel der autonomen Systeme im Lager mit der zentralen ERP- bzw. Lager-Software ist die Positionserfassung über „Trackingsystem“ ebenso wichtig wie etwa die performante und sichere Datenübertragung, z. B. von Auftragsdaten oder von Quittier- und Korrekturmeldungen. Bei herkömmlichen Datenfunkgeräten ist das Tracking mittels Barcodescanner gelöst. Stolpersteine kann es geben, wenn die Handhabung der Geräte nicht angepasst ist; man kann nicht erwarten, dass Benutzer, die mit Handschuhen arbeiten, durch die Kommissionierung am Smartphone glücklich werden.

Es gibt auch Tricks


Auch der Einsatz von Pick-by-Voice muss von Projekt zu Projekt sehr unterschiedlich beurteilt werden. Müssen z. B. Chargennummern eingegeben werden, ist ein solches System nicht praktikabel. Allerdings gibt es auch „Tricks“, wie man die richtige Chargennummer trotzdem in das System bekommt, ohne sie eingeben zu müssen.

Das hängt jedoch vom jeweiligen Prozessdesign ab. Jede Technik, jedes Datenfunkgerät, Pick-by-Voice, Pick-by-Light oder Pick-by-Vision haben ihre speziellen Anforderungen, die unter Umständen nicht zu jedem Prozess passen. Die Prozesse müssen individuell gut geplant werden. Und zwar so, dass sie von einer Standard-Lagerverwaltungssoftware ohne Anpassungen abgebildet werden können.

 Bildquelle: Thinkstock / iStock

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