Neue App

So macht die Blockchain den Palettentausch effizienter

Ein kürzlich abgeschlossenes Pilotprojekt zeigt, wie sich Logistikprozesse mittels mobiler App und der Blockchain deutlich verbessern lassen.

  • Türme von leeren Paletten in einem Lager

    Laden Spediteure auf Paletten befindliche Waren ab, nehmen sie parallel dazu wieder leere Paletten mit.

  • Mitarbeiter tauschen Daten per Handy aus

    Statt Papier auszufüllen und die Daten manuell abzutippen, dokumentieren die Projektteilnehmer den Palettentausch digital per Smartphone.

  • Eine auf der Blockchain basierende App

    Die neue auf der Blockchain basierende App soll für Effizienzgewinn an Laderampen, im Lager und in der Belegabwicklung sorgen.

  • Palettenschein aus mehreren Papierdurchschlägen

    Noch bestehen Palettenscheine zumeist aus mehreren Papierdurchschlägen.

Der Palettentausch gehört in der Logistik zum Alltag: Laden Spediteure auf Paletten befindliche Produkte im Wareneingang von Unternehmen ab, erhalten sie in der Regel möglichst die gleiche Anzahl an leeren Paletten zurück. Ein bislang aus mehreren Papierdurchschlägen bestehender Palettenschein gilt hierbei als Beleg. In der Regel werden die darauf befindlichen Daten anschließend manuell in die jeweiligen ERP-Systeme der beteiligten Unternehmen eingegeben. Ein ziemlich langwieriger und umständlicher Prozess. Zudem geht es auch um Geld, denn eine Euro-Palette kostet neu zwischen sechs und acht Euro. Aus diesem Grund setzte sich das jüngst abgeschlossene Pilotprojekt von GS1 Germany und verschiedenen Partnern das Ziel, eine App zu entwickeln, die den Palettentausch deutlich vereinfacht. Damit nicht genug soll die neue Software auf der Blockchain basieren.

Vergangene Woche wurden in Köln die Ergebnisse des Pilotprojekts vorgestellt. Stellvertretend für die insgesamt 36 Projektteilnehmer präsentierten Dr. Oetker, Lekkerland, Nagel-Group, PwC, SAP und GS1 Germany die wichtigsten Erkenntnisse der Initiative. Seit März erarbeiteten die Teilnehmer aus Handel, Industrie, Logistik, Wissenschaft, Gründerszene und Verbänden unter dem Dach von GS1 Germany eine blockchain-basierte Lösung für den offenen Palettentauschprozess. Im Oktober führten sie Praxistests im realen Tagesgeschäft durch.

Neben der grundsätzlichen Erprobung von Blockchain stand insbesondere folgende Frage im Fokus: Kann die Technologie die Zettelwirtschaft im Palettentausch digitalisieren? „Die Antwort lautet zunächst einmal ja“, erklärt Christian Grotowsky, Managing Director der Lekkerland IT-Tochter Lekkerland Information Systems. „Der Palettenschein lässt sich mit Blockchain digitalisieren und in einer App abbilden. Der Tauschprozess wird an mehreren Stellen effizienter. Sowohl an den Laderampen als auch in der Belegabwicklung ist der Effekt spürbar geworden.“ Ein weiterer Vorteil: Die meisten Mitarbeiter, die den Palettentauschprozess mit Blockchain in ihrem realen Tagesgeschäft getestet haben, würden die mobile Anwendung gern weiterhin nutzen, statt Palettenscheine auf Papier auszufüllen und abzuheften.

Testphase mit echten Paletten und Daten

„Uns war es wichtig, die Tests so realitätsnah wie möglich umzusetzen, um belastbare Erkenntnisse über Blockchain zu gewinnen“, berichtet Dr. Simon Papies, Hauptabteilungsleiter Logistik bei Dr. Oetker. 17 Unternehmen haben daher im Oktober nach monatelanger Planung und Vorbereitung an bundesweit 20 Lagerstandorten innerhalb von zwei Wochen rund 600 Palettentauschvorgänge mittels der Blockchain realisiert. Dafür wurden auch 13 Knoten bei unterschiedlichen Projektteilnehmern installiert. „Wir haben als Logistiker den Test mit unserem echten Supply-Chain-Partner Dr. Oetker durchgeführt – mit echten Paletten, echten LKW und echten Daten“, erklärt Tobias Siekmann, Head of Corporate Loading Equipment Management bei der Nagel-Group.

Torsten Zube, Leiter Blockchain bei SAP, betont in diesem Zusammenhang: „Das Projekt hat gezeigt, dass die Anforderungen aller Teilnehmer des Palettentauschprozesses mit der Multi-Chain-Technologie umgesetzt werden können.“ Auch das Zusammenwirken verschiedener Cloud-Infrastrukturen stellte laut Zube kein Problem im Verlauf dar. Sein Fazit: „Blockchain-Projekte lassen sich rein technisch unkompliziert umsetzen, solange Interoperabilität gewährleistet werden kann. Offenheit ist daher nicht nur in der Zusammenarbeit zwischen den beteiligten Unternehmen, sondern auch technologisch ein absoluter Erfolgsfaktor.“

Doch was ist nun der große Vorteil der Blockchain? Denn, so ein weiteres Fazit aus dem Test: Der Palettentausch ließe sich auf technischer Ebene auch ohne Blockchain und stattdessen mit alternativen Lösungen digitalisieren und umsetzen. „Der große Nutzen von Blockchain lag in unserem Projekt auf politisch-organisatorischer Ebene verborgen“, sagt Eric Stettiner, Director und Experte für Enterprise Architecture bei PwC Deutschland. „Die zugrundeliegende Distributed-Ledger-Technologie besitzt den Vorteil, dass Unternehmen ihre Daten in dezentrale Transaktionsdatenbanken geben und sie nicht einer einzigen zentralen Instanz anvertrauen müssen. Das hilft, Vorbehalte ab- und Vertrauen aufzubauen.“

Vertrauen in die Blockchain

Vertrauen ist ein wichtiges Stichwort, das im Zusammenhang mit Digitalisierung und Blockchain oftmals noch unterschätzt wird, weiß Regina Haas-Hamannt, Head of Innovation bei GS1 Germany. „Wir haben im Projekt am eigenen Leib erfahren, dass Vertrauen nicht automatisch durch Blockchain entsteht.“ Im Gegenteil herrsche zunächst Misstrauen gegenüber solch einer neuen, digitalen Technologie. „Betriebsräte bangen um Arbeitsplätze, Manager um Datenhoheit, Anwender vertrauen Papier mehr als einer digitalen Anwendung. Maßnahmen wie Mitarbeiterschulungen sind daher unabdingbar“, so Haas-Hamannt. Und auch der Mut zur Transparenz wächst erst mit dem Vertrauen in die Technologie und in die Netzwerkpartner.

Im Projekt entschieden sich die Teilnehmer letztlich für eine vertrauensvolle Zusammenarbeit – und damit für Transparenz über die gesamte Tauschhistorie zweier Geschäftspartner. „Für viele Unternehmen ein großer Schritt, denn selbst bei weniger heiklen Daten wie Palettenkontoständen existieren Befindlichkeiten hinsichtlich Datenschutz, Privacy oder wettbewerbsrelevanter Informationen“, so Haas-Hamannt.

Zwar ist das Pilotprojekt nun abgeschlossen, doch laut GS1 Germany treffen sich die Beteiligten im Januar 2019 erneut. Dann soll geklärt werden, ob und in welche Richtung man weiter machen möchte. Denkbar wäre es, die nahtlose Integration der App in vor- und nachgelagerte Systeme wie in die ERP-Software anzustreben. Eine andere Erweiterung könnte die Ausweitung über Euro-Paletten hinaus auf andere Warenträger wie Behälter betreffen.

Zum Hintergrund: Warum eigentlich der Palettenschein?
Der offene Palettentausch ist für Handel, Logistik und Industrie ein brisantes Thema. Dabei ist hier nahezu noch alles papierbasiert und von manueller Dokumentation sowie manuellen Tätigkeiten geprägt – das sorgt für Ineffizienzen und hohe Kosten. Ideale Voraussetzungen, um die Blockchain zu testen. Intransparenz ist ein weiteres Stichwort: Das Pilotprojekt fokussierte eine bestimmte Variante des heutigen Ladungsträgertauschs – nämlich ein System, bei dem die Beteiligten sich untereinander oft nicht kennen und es keine standardisierten Regeln, Rechte und Pflichten gibt. Genau so wenig wie einen Intermediär, der den Tausch überwacht.

Bildquelle: GS1 Germany

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