Drei Fragen an Jochen Wießler, SAP und Heiner Bünting, Adobe

Software-Lizenzverträge und die Cloud

Wir befragten zwei Experten zur Lizenzproblematik: Jochen Wießler, Leiter des Mittelstandsgeschäfts in Deutschland bei SAP und Heiner Bünting, Rechts­anwalt bei Adobe Deutschland.

  • Heiner Bünting, Rechts­anwalt bei Adobe Deutschland

    "Auch bei Mobilfunkverträgen liegt es im Interesse des Herstellers, leicht verständ­liche Modelle zu schaffen.“ Heiner Bünting, Rechts­anwalt bei Adobe Deutschland

  • Jochen Wießler, Leiter des Mittelstandsgeschäfts in Deutschland bei SAP

    „Die Regelungen im Zusammenhang mit der EU Data Protection zeigen die Fortschritte innerhalb der EU.“ Jochen Wießler, Leiter des Mittelstandsgeschäfts in Deutschland bei SAP

Der Kauf von Software ist in der Regel ein kompliziertes Unterfangen. Jeder Software-Hersteller hat seine eigenen Lizenzverträge, die beim Kauf zu unterzeichnen sind. Darin ist z. B. haarklein geregelt, wie viele User mit der Software arbeiten dürfen, und bei Client/Server-Software gerne auch, wie viel Server-Power im Hintergrund stehen darf. Je mehr User oder Server-Power, desto höher der Preis.

Letztlich sind der Kreativität keine Grenzen gesetzt: Es gibt Einzel- und Volumenlizenen, Standort- und Unternehmenslizenzen – und dabei unterschiedliche Klassen (Vollversionen, Upgrades, Downgrades und Updates, Add-ons) sowie Lizenztypen bzw. -metriken (z.B. Gerät, Nutzer, Zeit, Nutzungsvorgang). Lizenzgebühren lassen sich umsatzbezogen staffeln, aber auch nach der Anzahl der durch die Software verarbeiteten Transaktionen oder nach der Stückzahl der damit gefertigten Produkte.

Lesen Sie mehr zu Software-Lizenzen im Mittelstand in unserem neuem Schwerpunkt.

Weil ein Mittelständler fast immer Software vieler Hersteller im Einsatz hat, wird das Szenario schnell so komplex, dass der IT-Chef sich gezwungen sieht, eine spezielle Software nur für das Asset- und Lizenzmanagement zu nutzen – zumal es weder den Standard-User noch den genormten Server gibt und die meisten Hersteller mehrere produktspezifische Lizenzmodelle nutzen.

Windows-, Unix- und Linux-Server werden ebenso unterschiedlich gehandhabt wie traditionelle Host-Systeme. Manche Hersteller legen die Zahl der Prozessorkerne (Cores) zugrunde, für andere ist die Gesamtzahl der genutzten Prozessoren wichtig. Wieder andere beziehen die Speicherkapazität oder andere Konfigurationsmerkmale mit ein. Noch komplizierter wird es, sobald virtuelle Maschinen und Server-Cluster ins Spiel kommen, wie es heute eher die Regel als die Ausnahme ist.

Außerdem versteht jeder Hersteller unter einem User etwas anderes; viele bieten hier mehrere Optionen an. Es gibt „Named User“, „Concurrent User“ oder  „Floating User“, es gibt „Specific User“, „Indirect User“ und „Active User“. Meistens ist laut Vertrag eine Obergrenze für Server-Power oder Nutzerzahlen festgeschrieben; manchmal wird kulant für eine Schonfrist das Überschreiten dieser Grenzen erlaubt. So kann der IT-Chef Lastspitzen oder Ausnahmesituationen wie einen Server-Crash überbrücken, ohne gleich einen Software-Vertrag aushandeln zu müssen. Der Nutzerkreis kann sich ebenso dynamisch ändern wie die Server-Infrastruktur. Dann wird auch der gutwilligste IT-Chef trotz Lizenzmanagement-Software nicht immer alle Regeln einhalten können. Auf der anderen Seite kann man aber auch die Hersteller verstehen, die für gute Software gutes Geld erhalten wollen.

Nicht zu verstehen ist allerdings, dass diese Hersteller dem IT-Chef das Leben so schwer machen – und mit nervigen Software-Audits zur Überprüfung der Lizenzsituation drohen. Deshalb hat IT-MITTELSTAND zwei Experten zur Lizenzproblematik befragt.

ITM: Ist mit dem Umstieg auf Cloud-Lösungen auch eine Vereinfachung der Lizenzverträge geplant? Falls ja: Wie? Falls nein: Warum nicht?
Heiner Bünting:
Nein. Lizenzverträge bei Cloud-Lösungen erfordern einen hohen Detailgrad. Im Interesse des Lizenznehmers sind zusätzliche Vertragsbestanteile zu klären. Zu einem sind zwischen dem Kunden als Auftraggeber und Adobe als Auftragnehmer datenschutzrechtliche Vereinbarungen zu treffen, wobei insbesondere Anforderungen an schriftlich fixierte Konzepte zur Datensicherheit gestellt werden. Zum anderen wünschen sich Kunden zurecht Klarheit über die Verfügbarkeit der gehosteten Software und auch Reaktionszeiten für die Störungsbeseitung, die in sogenannten Service-Level-Agreements vereinbart werden. Diese Vertragsbedingungen werden zusätzlich zu den Bedingungen für traditionell lizenzierte Software vereinbart.

Jochen Wießler: Ja, natürlich! So ist z. B. für Business One geplant, die Lizenzverträge mit den SAP-weit standardisierten Lizenzverträgen für Partner zu harmonisieren. Dafür nutzen wir unsere zentrale Anlaufstelle für Partner: Partner-Edge. Partner profitieren unmittelbar von der Vereinheitlichung der Business-One-Verträge mit all unseren anderen Cloud-Angeboten. Da Business One ausschließlich über Partner in einem Wiederkaufsmodell vertrieben wird, obliegt dem Partner die Ausgestaltung des Lizenzvertrags mit den Kunden. Auch zur Lizenzierung anderer Produkte wird es weitere Vereinfachungen geben. Unser Motto „Run Simple“ bestimmt auch hier unser unternehmerisches Denken und Handeln.

ITM: Was halten Sie von der Idee eines internationalen Standards für Lizenzverträge, um durch eine Vereinheitlichung den Kunden die Einhaltung dieser Verträge zu erleichtern, weil Mittelständler ja in der Regel sehr viele unterschiedliche Software-Produkte verschiedener Hersteller nutzen?
Wießler:
Die Entwicklung hin zu einem internationalen Standard ist wünschenswert. SAP engagiert sich auf europäischer und internationaler Ebene seit längerem mit dem Ziel, die europäische Gesetzgebung hinsichtlich eines Cloud-Standards zu harmonisieren. Dies betrifft beispielsweise eine Vereinheitlichung sowohl des Datenschutzes als auch von Regelungen hinsichtlich der Nutzung von Cloud-Angeboten. Denken Sie beispielsweise an Standards wie den, dass unternehmenseigene Daten von einem Cloud-Anbieter zum nächsten „umgezogen“ werden können. Als weiteres Beispiel zeigen die Regelungen im Zusammenhang mit der „EU Data Protection“ die Fortschritte innerhalb der Europäischen Union.

Bünting: Was datenschutzrechtliche Aspekte betrifft, gibt es bereits europaweit einheitliche Regelungen, etwa die beim Datentransfer aus EU-Staaten in die USA anwendbaren EU-Standardvertragsklauseln. Auch die existierenden Zertifizierungsstandards für die Sicherheit von Rechenzentren – z.B. ISO 27001, oder SOC2 und SOC3 – werden anerkannt. Bei den Lizenzierungskonditionen gibt es natürlich auch marktübliche Konventionen. Etwa bei den Lizenzmetriken, wo Lizenzen pro Nutzer oder pro Gerät angeboten und abgerechnet werden. Eine weitere Vereinheitlichung würde aber dem Marktprinzip widersprechen und Herstellern Probleme mit dem Wettbewerbsrecht einhandeln. Wie beispielsweise auch bei Mobilfunkverträgen liegt es im Interesse des Herstellers, möglichst leicht verständliche Modelle und für den Kunden passgenaue Leistungspakete zu schaffen.

ITM: Ist in der Cloud-Ära ein Lizenzvertrag überhaupt noch zeitgemäß – und falls ja: warum? Müsste man Cloud-Apps nicht viel mehr einfach nach der Devise „pay per use“ spontan nutzen können, ohne vorher einen Kauf-, Miet- oder Abovertrag unterzeichnen zu müssen?
Bünting:
An einem Lizenzvertrag führt auch heutzutage kein Weg vorbei. Es ist im Sinne des Kunden, dass Fragen zum Dienstleistungsumfang und Haftungsfragen geklärt sind. Die Bindung an eine mehrjährige Vertragslaufzeit wird von den Kunden sogar sehr begrüßt. Das verschafft ihnen Planbarkeit. Bei „Pay per use“-Metriken wird der geschätzte Verbrauch vor der Vertragslaufzeit festgelegt und entsprechend bepreist. Diese Modelle sind ähnlich wie bei Mobilfunkverträgen. Um zu evaluieren, ob die cloud-basierten Software-Lösungen für ein Unternehmen passen, testen viele Kunden im B2B-Bereich die Technologie und Anwendungen im Rahmen von „Proof of Concepts“, so wie Adobe dies im B2C-Bereich als „Trial-Versionen“ für private Endkunden ermöglicht.

Wießler: Reine „Pay per use“-Angebote werden sich zukünftig sicherlich weiter durchsetzen. Allerdings stellen wir bei unseren Kunden unterschiedliche Ansprüche fest. Je näher die Cloud-Nutzung eines Unternehmens sich am sogenannten „Digital Core“ befindet, also den unternehmenskritischen Geschäftsprozessen, desto mehr legen Unternehmen Wert auf Planungssicherheit und eine Ausgestaltung der Lizenzverträge, die dem hohen Stellenwert der Anwendung innerhalb des Unternehmens Rechnung trägt. Grundsätzlich ist der Anspruch der SAP, die Einstiegshürde für Cloud-Anwendungen so niedrig wie möglich zu halten. Dies betrifft das Lizenzmodell genauso wie das vertragliche Rahmenwerk.

©2019Alle Rechte bei MEDIENHAUS Verlag GmbH

Unsere Website verwendet Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu bieten. Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung zu. Weitere Infos finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

ok