Nachgefragt bei Simone Cronjäger, Guardus

Standards als Entwicklungsmotor

Interview mit Simone Cronjäger, Vorstand der Guardus Solutions AG

Simone Cronjäger, Guardus

„Der Produktionsprozess wird mit ‚Industrie 4.0’ weitestgehend automatisiert“, weiß Simone Cronjäger, Vorstand der Guardus Solutions AG.

ITM: Frau Cronjäger, „Industrie 4.0“ war das Schlagwort auf der diesjährigen Hannover Messe. Laut einer VDE-Studie von Anfang April 2013 lässt „Industrie 4.0“ allerdings vorerst auf sich warten. Wie schätzen Sie die Lage ein? Ist eine „Integrated Industry“ noch eine Vision oder bereits Status quo?
Simone Cronjäger:
Die Suche nach mehr Produktionseffizienz und höherer Flexibilität ist in Zeiten der Globalisierung enorm groß. Dieses Streben ist sicherlich ein Hauptgrund für die kontinuierlich wachsende Marktdurchdringung von Manufacturing-Execution-Systemen (MES), da ein MES die schnelle Kommunikation zwischen Enterprise Resource Planning (ERP) und Steuerungsebene ermöglicht. Bereits seit einigen Jahren realisiert die Guardus Solutions AG als MES-Hersteller Projekte, in denen die Identifikation von Einzelteilen sowie die Erfassung detaillierter Informationen zu jedem produzierten Teil von besonderer Bedeutung sind. Diese Daten werden dann u.a. zur Steuerung und Dokumentation des Produktionsprozesses verwendet. Somit sind die Vorläufer von „Industrie 4.0“ bereits in der Praxis angekommen.

Einige Projekte beginnen bereits im Engineering: Daten aus der Entwicklung und Konstruktion, welche die Basis für Prüf- und Produktionsvorgaben legen, werden durch unser MES automatisiert übernommen (z.B. über die Integration zu CAD/PLM-Systemen) und dem Produktionsmitarbeiter passend zum Fertigungsauftrag online bereit gestellt. Allerdings sind das heute nur Teilprozesse, die entweder bei besonders innovativen Unternehmen oder auch bei Projekten „auf der grünen Wiese“ realisiert wurden.

ITM: Welches Potential bietet „Industrie 4.0“? Welche Ziele werden konkret damit verfolgt?
Cronjäger:
Das Potential sowie die daraus resultierenden Flexibilisierungschancen sind immens. Ein Großteil der Unternehmen könnte ihre Produktions- und Energieeffizienz drastisch steigern. Auch wir als Softwarehersteller würden die Realisierung der „Industrie 4.0“-Idee sehr begrüßen, denn historisch betrachtet haben sich „Standards“ für den Standort Deutschland stets bewährt und als Entwicklungsmotor bewiesen. Deshalb engagieren wir uns auch aktiv. Als Leiter des DIN-Arbeitskreises AK3 und  Convenor ISO TC 184/SC5/WG9 ist unser Vorstand Andreas Kirsch federführend an der Standardisierung von MES-Kennzahlen beteiligt.

ITM: Doch was sind die aktuellen Bremsklötze?
Cronjäger:
„Industrie 4.0“ hat in vielen Chefetagen noch einen visionären Charakter. Für eine flächendeckende Umsetzung fehlt es vor allem an der notwendigen IT-Durchdringung in der Produktion. Aber auch mangelhafte Datenqualität und abteilungszentrierte Organisationskulturen gehören zu den großen Bremsklötzen.

ITM: Welche Relevanz bringt „Industrie 4.0“ grundsätzlich für den MES-Markt mit sich?
Cronjäger:
Die Implementierung eines innovativen MES ist Voraussetzung für „Industrie 4.0“. Es würde den MES-Markt deutlich nach vorne bringen. Insbesondere die damit verbundene internationale Standardisierung der Steuerungsebene würde die Realisierung von „Industrie 4.0“-Projekten deutlich effizienter gestalten.

ITM: Inwiefern ist das Thema schon bei den mittelständischen Anwendern/Produktionsbetrieben angekommen? Inwieweit gestalten sie ihre Unternehmensstruktur bereits „4.0“-fähig?
Cronjäger:
Um „Industrie 4.0“ in aller Konsequenz zu implementieren, wären neue Formen der Unternehmenskultur und Ablauforganisation notwendig – eine vollständige Ausrichtung an Prozessen anstatt an Abteilungen, Aufgaben und Ländern.

ITM: Mit welchem Aufwand ist die Umrüstung einer Produktionsanlage bzw. eines Produktionsplanungssystems auf „4.0“ verbunden? Und worauf müssen die Anwender achten?
Cronjäger:
Seitens Guardus beschränkt sich der Aufwand auf die Entwicklung bzw. Erweiterung der Schnittstellenstandards. Da hier bereits eine hochflexible Integrationsplattform geboten ist, sind wir schon heute weitestgehend gerüstet und rechnen mit vergleichsweise geringen Kosten. Aus Sicht der Anwender können diese innovativen Konzepte bei Neu-Investitionen in Produktionsanlagen ohne weiteres berücksichtigt werden. Ein Hemmschuh ist jedoch das große Anlagenvermögen der Unternehmen. Vor allem bei älteren Maschinen ist ein Aufrüsten kaum wirtschaftlich zu meistern. Aus unserer Erfahrung wird es deshalb Kompromisse geben, um die erforderliche Transparenz in der Produktion zu erreichen und gleichzeitig die Investitionen in die Anlagen- und Produktintelligenz auf ein Minimum zu reduzieren. Es wird also ein langer Prozess der Veränderung werden.

ITM: Wie kann eine durchgängige Integration des MES im Sinne von „4.0“ in die Unternehmens- und Produktionsprozesse gewährleistet werden? Wie gestaltet sich beispielsweise die Verknüpfung von MES und ERP?
Cronjäger:
Die Verknüpfung von ERP und MES ist bereits heute Standard und Bestandteil jedes Guardus-Projekts. Sie ist eine wesentliche Voraussetzung, um die Daten der administrativen bzw. planerischen Ebene im ERP mit der ausführenden und produktionsnahen Ebene des MES zu verbinden. In diesem Umfeld sind jedoch die Expertise und technischen Voraussetzungen soweit ausgereift, dass die Integration unkritisch und bereits heute Stand der Technik ist. So haben wir Schnittstellen zu ca. 20 verschiedenen ERP-Systemen mit einer Standardlogik realisiert.

ITM: Welche Rolle spielt das Thema „Mobility“ bei dem Ganzen?
Cronjäger:
Der Produktionsprozess wird mit „Industrie 4.0“ weitestgehend automatisiert, so dass der Mitarbeiter sich auf Prozessabweichungen oder das Änderungsmanagement fokussiert. Die dafür erforderlichen Informationen wie beispielsweise Kennzahlen, Warnungen und Ereignisse müssen weltweit mobil zur Verfügung stehen – und das natürlich in Echtzeit.

ITM: Wie kann bei der Vernetzung der gesamten Produktionsanlage mit dem Internet höchstmögliche Sicherheit gewährleistet werden?
Cronjäger:
Dieses Thema spielt natürlich eine wichtige Rolle. Wobei es dabei vor allem darum geht, dass Informationen nicht verfälscht bzw. unvollständig übertragen oder gar abgegriffen werden und damit die Gefahr der Industriespionage oder der Sabotage vorschubgeleistet wird. Hier sind vor allem verbesserte Verschlüsselungstechniken auf der Kommunikationsebene sowie die Identifikation und Zugriffsschutzthematik gefragt. Es werden standardisierte Verschlüsselungstechniken wie z.B. SSL etc. zum Einsatz kommen müssen.

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