Eine lernende Organisation schaffen

Steigender Recruiting-Druck für Unternehmen

„Karrieren verlaufen immer seltener linear, sondern verlangen ständige Weiterqualifikation“, betont Lucia Falkenberg, Chief People Officer (CPO) und Leiterin der Kompetenzgruppe New Work im Eco – Verband der Internetwirtschaft e.V., im Interview. „Wenn Führungskräfte und Mitarbeiter die Notwendigkeit des lebenslangen Lernens erkennen, dann schaffen sie eine lernende Organisation.“

Lucia Falkenberg, Chief People Officer (CPO) und Leiterin der Kompetenzgruppe New Work im Eco – Verband der Internetwirtschaft e.V.

„Die Digitalisierung macht es immer einfacher, orts- und zeitunabhängig zu lernen“, stellt Lucia Falkenberg vom Eco – Verband der Internetwirtschaft e.V. fest.

ITM: Frau Falkenberg, welchen Einfluss übt die Digitalisierung auf das Personalmanagement der Unternehmen aus?
Lucia Falkenberg:
Die Digitalisierung führt zu einer steigenden Nachfrage nach qualifizierten Mitarbeitern. Insbesondere IT-Experten fehlen, stellte das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) im April 2018 fest. Die IT-Expertenlücke hat sich zwischen 2014 und 2018 von 16.000 auf 39.600 mehr als verdoppelt. Damit steigt der Recruiting-Druck für Unternehmen. Auf dem heutigen Arbeitsmarkt müssen sich Unternehmen um die Fachkräfte bewerben. Umso wichtiger ist es für die Firmen, authentisch aufzutreten und die vielfältigen Kriterien zu berücksichtigen, die junge Talente ihrer Berufsentscheidung zugrunde legen. Bewerber bevorzugen beispielsweise Arbeitsplätze mit gestaltenden Aufgaben, neuer Arbeitskultur und modernem Führungsverständnis. Das HR-Management muss hier eine Gestalterrolle einnehmen und Treiber sein, auch für den Ausbau der IT-Kompetenzen im Unternehmen. Die Digitalisierung klassischer HR-Tätigkeiten, etwa Personalverwaltung und Bewerber-Screening, gibt den HR-Verantwortlichen die notwendigen Ressourcen an die Hand, das eigene Unternehmen als Digitalisierungsgestalter zu unterstützen.

ITM: Welche Rolle spielen bislang die sogenannten Chief Digital Officer (CDOs) im Mittelstand? Werden sie überhaupt benötigt?
Falkenberg: Eine Digitalisierungsstrategie umzusetzen, ist für praktisch alle mittelständischen Unternehmen entscheidend für den wirtschaftlichen Erfolg. Die Verantwortlichkeiten zur Entwicklung einer solchen Strategie und die Umsetzung innerhalb der bestehenden Strukturen sollten die Mittelständler klar regeln. Dafür brauchen sie nicht unbedingt einen CDO, wenn das Bewusstsein in der Geschäftsleitung vorhanden ist. Wichtig ist nur, dass die Aufgaben identifiziert, benannt und dann tatsächlich angepackt werden.

ITM: Inwieweit zeigen die (bisherigen) Mitarbeiter Bereitschaft, neue digitale Kompetenzen zu erwerben?
Falkenberg:
Die Bereitschaft wird oft unterschätzt. Innerhalb der Internetwirtschaft ist sie sowieso sehr groß. Aber auch wenn diese Bereitschaft von Unternehmen zu Unternehmen und von Mitarbeiter zu Mitarbeiter unterschiedlich stark ausgeprägt ist, sie ist so gut wie überall vorhanden. Laut einer repräsentativen und aktuellen Studie von IZA und Xing begegnen die Beschäftigten dem Wandel der Arbeitswelt mit Zuversicht und haben kaum Angst davor, ihre aktuelle Tätigkeit könnte in den nächsten fünf Jahren durch den Einsatz moderner Technologien wegfallen.

ITM: Inwieweit haben sich bereits IT-Weiterbildungsstrategien in den mittelständischen Betrieben etabliert?
Falkenberg:
Die Vermittlung von allgemeinen IT-Kenntnissen spielt in den Weiterbildungsstrategien deutscher Unternehmen eine zentrale Rolle, zeigt eine aktuelle Untersuchung des Instituts der Deutschen Wirtschaft. Immer mehr Mittelständler sind sich dessen bewusst, dass Digitalkompetenz mehr ist als technisches Know-how. Um Gewinner der Digitalisierung zu sein, gilt es gleichermaßen, kommunikative Fähigkeiten und Führungskompetenzen weiter zu entwickeln. Das Prinzip des lebenslangen Lernens wird in sehr vielen mittelständischen Unternehmen bereits gelebt.

ITM: Welche Rolle spielt hierbei das E-Learning?
Falkenberg:
Die Digitalisierung macht es immer einfacher, orts- und zeitunabhängig zu lernen. Diese E-Learning-Angebote passen damit hervorragend zu der weiteren Entwicklung unserer Arbeitswelten mit ihren Möglichkeiten, orts- und zeitunabhängig produktiv zu sein. Sie ergänzen damit die bisherigen Formen der betrieblichen Weiterbildung um attraktive neue Möglichkeiten: Bildungschancen sind damit für alle Mitarbeiter leichter zugänglich.

ITM: Worin bestehen die Herausforderungen beim elektronisch unterstützten Lernen?
Falkenberg:
Der regelmäßige persönliche Kontakt zu Dozenten und Mitlernenden bleibt auch in der digitalisierten Welt nach wie vor wichtig. Die Vorteile, sich immer und überall fortbilden zu können, überwiegen jedoch deutlich. Die Motivation der Mitarbeiter zu lebenslangem Lernen wird so von den technischen Möglichkeiten optimal unterstützt.

ITM: Welche Bedeutung schreiben Sie dem „lebenslangen Lernen“ generell zu?
Falkenberg:
Karrieren verlaufen immer seltener linear, sondern verlangen ständige Weiterqualifikation. Wenn Führungskräfte und Mitarbeiter die Notwendigkeit des lebenslangen Lernens erkennen, dann schaffen sie eine lernende Organisation – also ein Unternehmen, das Mitarbeitern persönliche Weiterentwicklung ermöglicht. Das ist für Unternehmen in unserer digitalen Gesellschaft überlebenswichtig. Mitarbeiter können so ihre potentiellen Fähigkeiten optimal entfalten und sich selbst verwirklichen – und so die Spitze der Bedürfnispyramide nach Maslow erreichen.

Bildquelle: Eco

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