Breitbandausbau

Träum' ich vom Breitband in der Nacht

Deutschland habe bei der Breitbandversorgung einen EU-Spitzenplatz, meint Wirtschaftsminister Rösler. Und nun zu etwas völlig anderem, nämlich der Realität.

Glasfaserkabel bringen Breitbandinternet

In der Parallelwelt der Berliner Politik gibt es nur Erfolge: Der Breitbandausbau geht zügig voran. Die Pressemitteilung aus dem Rösler-Ministerium (für Wirtschaft und Gedöhns) versprüht Zahlen wie Sternchen aus dem Zauberstaub. Sa-gen-haft: Über 99 Prozent aller Haushalte können sich auf Wunsch via Breitband an das Internet anschließen. Ganz Deutschland ist flächendeckend mit schnellem Internet ausgerüstet.

Ganz Deutschland? Nein, ein paar weiße Flecken gibt es schon noch. Zum Beispiel in Blankenheim-Mühlheim, nur rund 75 Kilometer vom LTE-Versuchsfeld Köln entfernt. Oder direkt um die Ecke, in Leverkusen-Steinbüchel. Oder, oder, oder. Wer nicht gerade zentral in einer größeren Stadt wohnt, hat Pech gehabt - er gehört nicht zu den 99%. Die erscheinen aber auch nur im Breitbandatlas des Wirtschaftsministeriums.

Wer das "Reality Distortion Field" der Politik verlässt, stellt überrascht fest: Breitband, das ist schon DSL 1000. So wird natürlich ein Erfolg daraus. In anderen Ländern dagegen verstehen auch Politiker unter Breitband das, was die Europäische Kommission 2010 in ihre Digital Agenda schrieb: 30 Megabit für alle und 100 für die Hälfte der Haushalte.

Allerdings setzt Deutschland dabei nicht auf FTTH ("Fibre To The Home"), also den leistungsfähigen und zukunftssicheren Glasfaseranschluss für jeden. Zu teuer, denn sonst müssten ja wie beim Nachbarn Frankreich in den nächsten Jahren 20 Milliarden Euro in einer konzertierten Aktion aus Politik und Wirtschaft investiert werden.

Die deutsche Telekom propagiert das Aufrüsten der vorhandenen Hausanschlüsse und mit ein paar Glasfiber-Backbones hat bald jeder VDSL 100 im Haus. Das ist nicht so teuer wie der Komplettausbau eines vollkommen neuen Leitungsnetzes. Mit etwas Glück, dem Router hart am Wind und vorher gut geölten Bytes hat der "Breitband"-Anschluss dann auch tatsächlich mehr als 50 Prozent seiner Nennleistung.

Im europäischen Vergleich reicht das nicht aus. Es wäre auch für Politiker hilfreich, gelegentlich ein Blick über den geistigen Sichtschutzzaun um den innenpolitischen Schrebergarten zu wagen: Der FTTH-Ausbau in Europa beschleunigt sich, nur Deutschland ist nach wie vor mangels ausreichender Anschlüsse nicht in der Statistik vertreten.

Anders ausgedrückt: Ganz Europa bastelt am Netz der Zukunft, nur Deutschland erlaubt sich einen Sonderweg in die Sackgasse. Denn die vorhandenen Kabel von den Vermittlungsstellen bis zu den Häusern sind häufig noch zweiadrige Museumsstücke aus der Wählscheibenära. Sie sind bestenfalls eine Übergangstechnologie und werden relativ bald an ihre Grenzen stoßen - Vectoring hin oder her.

Der Grund für den Verzicht auf den Komplettausbau mit Glasfaser ist natürlich die Höhe der notwendigen Investitionen. Im Prinzip handelt es sich um eine ähnlichen Aufgabe wie der Ausbau des Straßen- und Autobahnnetzes auf den heutigen Stand. Und eine ähnliche Bedeutung für die Wirtschaft dürfte FTTH ebenfalls haben.

Kleine Länder ohne große industrielle Vergangenheit und ohne die entsprechenden - auch mentalen - Beharrungskräfte setzen auf einen radikalen FTTH-Ausbau. Wer zum Beispiel unkompliziert eine Firma aufbauen will und dafür maximale Bandbreite braucht, der kann dank EU-Niederlassungsfreiheit nach Litauen gehen: Es gibt dort für 35 Euro im Monat eine Leitung mit 300 Megabit.

Bildquelle: Alex dreher / pixelio.de

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