Open-Source-Projekte

Typo3 mit großem Leistungsumfang

Im Interview betont Olivier Dobberkau, Präsident der Typo3 Association und Geschäftsführer der Dkd Internet Service GmbH, dass Unternehmen immer noch nicht die immense Tragweite von Open-Source-Modellen realisiert haben.

Olivier Dobberkau, Typo3 Association

„Ohne Einnahmen bei den beteiligten Anbietern von Lösungen wird ein CMS nicht von Dauer am Markt bestehen können“, meint Olivier Dobberkau von der Typo3 Association.

ITM: Herr Dobberkau, welchen Stellenwert haben heutzutage Open-Source-Content-Management-Systeme (CMS) im Vergleich zu Standard-Content-Management-Software?
Olivier Dobberkau:
Open-Source-Content-Management-Systeme sind mittlerweile fester Bestandteil der Software, die in Organisationen und Unternehmungen für die Erstellung von Webpräsenzen und der Kommunikation eingesetzt werden.

ITM: Wie gestaltet sich das derzeitige Interesse des Mittelstands an Content-Management-Systemen auf Open-Source-Basis?
Dobberkau:
Das Interesse an Content-Management-Systemen wie Typo3 besteht unvermindert. Die große Basis an Installationen und die zunehmende Nutzung mobiler Geräte bestätigt die Entscheidung für Open-Source-basierte Lösungen, da durch die hohe Flexibilität die Anpassung schnell und kostengünstig erfolgen kann.

ITM: Was hält das eine oder andere Unternehmen noch von Open-Source-Modellen im CMS-Bereich ab?
Dobberkau:
Wir glauben, dass Unternehmen immer noch nicht die immense Tragweite von Open-Source-Modellen realisiert haben. Und es gibt Berührungsängste, die wir leicht nehmen können. Denn eine aktive Beteiligung an Open-Source-Projekten ermöglicht es auch zu antizipieren, wohin sich Herausforderungen bewegen, und damit im Wettbewerb Vorteile zu haben.

ITM: Welche Vorteile und Möglichkeiten bieten sich jenen Unternehmen, die auf Open-Source-CMS vertrauen?
Dobberkau:
Open-Source-Systeme wie Typo3 CMS bieten einen großen Leistungsumfang. Die Offenheit des CMS erlaubt die Erweiterung des Produkts für das eigene Anforderungsfeld. Auch ist der Zugang zu Wissen, welches in einer Community zu Verfügung steht, das eigentliche Potential von Open Source. Dieses kooperative Umfeld ermöglicht das Bilden von Interessensgemeinschaften. Und natürlich sparen sich Nutzer von Open-Source-Software die Kosten für Lizenzen oder die Eigenentwicklung.

ITM: Inwiefern bedeutet „Open Source“ tatsächlich Kostenfreiheit und mehr Flexibilität?
Dobberkau:
Je nach Projekt kann der Kostenfaktor tatsächlich die Entscheidung für Open Source beeinflussen. Das war gerade am Anfang der Fall, als die ersten Open-Source-CMS auf dem Markt verfügbar waren. Kostendruck und wirtschaftliche Krisen zwangen die Unternehmen, Kosten zu sparen. Gerade Lizenzkosten waren erste Sparkandidaten. Die Quelloffenheit bringt heute ein hohes Maß an Flexibilität, dazu ist es allerdings erforderlich, eigenes Wissen zu erarbeiten.

ITM: Was sind die Nachteile und Hürden von Open-Source-CMS im Vergleich zu Standardsoftware?
Dobberkau:
Ich würde hier eher von kognitiver Dissonanz sprechen. Die Verlockung von Standardsoftware ist das Gefühl, ein Werkzeug gefunden zu haben, das exakt ein gedachtes Problem löst. Einmal im Einsatz, ergeben sich aber meist weitere Probleme, die man vorher nicht sehen konnte oder wollte. Während ich bei der Standardlösung meine weiteren Probleme nicht ohne Hilfe von teurem Costumizing beseitigen kann, besteht bei einem Open-Source-CMS die Möglichkeit, dass jemand dieses Problem bereits für sich gelöst hat. Vielleicht ist aber auch die generelle Ungewissheit eine Hürde, die gegen Open-Source-CMS spricht. Mein Tipp: Wer noch keine Open-Source-Erfahrungen gemacht hat, sollte sich hier vorsichtig reintasten und erste Schritte in eine Community machen. In der Typo3-Welt bieten sich Community-Events wie Barcamps und unsere Konferenzen dafür an.

ITM: Welche Kriterien sollte ein gutes CMS erfüllen?
Dobberkau:
Hier kommt es auf die richtige Mischung aus Verlässlichkeit und Innovation an. Jeden Tag werden neue CMS vorgestellt. Jedes System kommt mit einer Interpretation der zu lösenden Aufgabe. Auf den ersten Blick verlockend, da dieses vielleicht einen ersten Schmerz beim Kunden abstellt. Ein gutes CMS deckt große Teile der Anforderungen ab und ist robust, genug mit der Zeit zu gehen. Ferner ist es wichtig, auf die Dokumentation und das Umfeld der professionellen Anbieter zu achten.

ITM: Wie gestaltet sich die jeweilige Kompatibilität/Integrierbarkeit zu/mit anderen Systemen?
Dobberkau:
Dieses Thema rückt immer weiter in den Vordergrund. Noch gilt, dass die Lösung den Standard schafft, aber perspektivisch werden sich offene Standards bei den Schnittstellen und Content-Modellen durchsetzen. Anwendern können wir raten, darauf zu achten, dass es nicht zum Solutions-Lock-In kommt. Das ist die Situation, in der ein Anbieter nahezu alle Anforderungen löst, es aber keine Möglichkeit gibt, andere Schnittstellen zu nutzen, die nicht vom Hersteller kommen.

ITM: Welche Anforderungen stellen Open-Source-CMS an die Leistungs- und Konfigurationsfähigkeit eines verwendeten Servers?
Dobberkau:
In Zeiten der Cloud rückt diese Frage zum Glück immer mehr in den Hintergrund. Leistung lässt sich nahtlos nachbuchen. Für Anwender, die hier noch Skepsis verspüren, bieten sich auch spezialisierte CMS-Hosting-Anbieter an. Die IT-Landschaft ist hier gut vorangekommen und es findet sich das passende Gegenstück zu jeder Anforderung.

ITM: Wonach entscheidet sich, ob ein Open-Source- oder Standardmodell für ein Unternehmen in Frage kommt?
Dobberkau:
Dazu sollte sich ein Unternehmen Fragen stellen wie: Wie eng ist das zu lösende Problem? Wie stark ist es in die Prozesse und in der Wertschöpfung des Unternehmens eingebunden? Wie lange soll die Lösung genutzt werden? Welches Umfeld technischer und personeller Natur ist vorhanden? Wie hoch ist der finanzielle Rahmen für den Initial-Invest? Was dürden der Betrieb und die Erweiterung kosten? Welche Chancen und Risiken gibt es?

ITM: Wie sollten Mittelständler bei der Anbieter- bzw. Lösungsauswahl vorgehen?
Dobberkau:
Generell ist es von Vorteil, die Entscheidungsfindung auf mehrere Schultern zu verteilen. Alle, die später von der ausgewählten Lösung betroffen sind, sollten auch in den Prozess eingebunden sein. Hier helfen sicher eine Reihe von Workshops sowie die Recherche, wie andere es machen, weiter. Whitepapers und CMS-Websites helfen bei der Übersicht der vorhandenen Lösungen. Ideal ist es, wenn ein Kriterienkatalog entsteht, der die Lösungen vergleichbar macht, doch bei der Interpretation der Kriterien gilt es auch vorsichtig zu sein. Nicht alles lässt sich übergreifend vergleichen.

ITM: Mit welchem Aufwand ist die Einführung eines Open-Source-CMS verglichen zu einem Standardsystem verbunden?
Dobberkau:
Wie vorher schon angedeutet: Ich glaube der Aufwand zu Beginn eines Projektes ist fast identisch. Was den Unterschied macht ist, wie nachhaltig das System über einen Horizont von fünf Jahren eingesetzt werden soll. Auch sollten sich die Inhalte immer mehr dezentral verwalten lassen.

ITM: Wie ist es um die Sicherheit sowie Zukunftsfähigkeit von Open-Source-CM-Modellen bestellt?
Dobberkau:
Was die Sicherheit von Open-Source-CMS angeht, so denke ich, dass alle hier ihre Hausaufgaben gut machen. Jede Community ist sehr um das Vertrauen seiner Benutzer bemüht, und ein sicheres System ist ein guter Indikator für ein aktiv eingesetztes System. Bei der Zukunftsfähigkeit gilt es Ausschau zu halten, in welcher Geschwindigkeit und welcher Tiefe neue Versionen auf dem Markt gebracht werden. Auch die Installationsbasis und die Größe einer Community um das CMS sind hier Zukunftsgaranten. Dennoch: Ohne Einnahmen bei den beteiligten Anbietern von Lösungen wird ein CMS nicht von Dauer am Markt bestehen können.

ITM: Wie gestaltet sich der Support durch den Hersteller bzw. Entwickler bei Open-Source-Modellen?
Dobberkau:
Es gibt verschiedene Modelle, wie Support geleistet wird. Dieser kann direkt und unverbindlich als Community-Support passieren oder auf Service-Levels basierend durch die Lösungsanbieter. Je nach Problemstellung kann ersteres gut helfen. Viele der Lösungsanbieter haben auch Angebote, die dynamisch angepasst werden können.

ITM: Welcher Trend ist im CMS-Bereich abzusehen? Wohin geht es zukünftig?
Dobberkau:
Zwei Trends, die wir beobachten, sind die Personalisierung und die dezentral kooperative Erstellung und Verteilung von Inhalten. Das klassische Publishing von Webkatalogen und Unternehmenspräsentationen wird nicht ganz verschwinden, aber durch die Veränderung zum Mobilen wird die Benutzerfreundlichkeit noch wichtiger. CMS sollten sich an die Nutzungsmuster der Anwender anpassen. Da gibt es noch viel Innovationspotential.

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