Alles und nichts

Unter dem Deckmäntelchen der Künstlichen Intelligenz

Ob KI bei vielen Unternehmen noch ein Mysterium ist? „Ja, absolut“, betont Peter Küssner, Geschäftsführer der Cubeware GmbH, im Interview. Denn unter dem Deckmantel der Künstlichen Intelligenz finde sich momentan alles und nichts.

Peter Küssner, Geschäftsführer der Cubeware GmbH

„Ich gehe davon aus, dass KI vor allem Ressourcen bei Mitarbeitern freisetzen wird“, so Peter Küssner, Geschäftsführer der Cubeware GmbH.

ITM: Herr Küssner, welche Relevanz besitzt das Thema „Künstliche Intelligenz“ (KI) anno 2019 im deutschen Mittelstand? Oder andersherum gefragt: Inwieweit ist KI für den deutschen Mittelstand (noch) ein Mysterium?
Peter Küssner:
KI wird in den nächsten Jahren zu einem festen Bestandteil unserer aller Lebenswelten werden. Davon bin ich überzeugt. Je digitaler unsere Realität wird, umso wichtiger wird auch KI. Allein schon aus Gründen der Bequemlichkeit. Wir als Menschen sind schon heute oft nicht mehr in der Lage, die Flut an Daten und Informationen sinnvoll zu sortieren, geschweige denn damit in Echtzeit zu interagieren und schnell valide Entscheidungen daraus abzuleiten.

Als Hersteller von Business-Intelligence- und Performance-Management-Software ist diese Entscheidungshilfe unser Kerngeschäft. Auch ohne KI hilft BI bereits dabei, Daten und Informationen zu sammeln, zu sortieren, zu analysieren, zu visualisieren und in handlungsrelevantes Wissen zu überführen und damit Entscheidungsprozesse zu beschleunigen. Wir stellen den individuellen Erfahrungen und dem Bauchgefühl einen objektivierten Kompass zur Seite.

Entwicklungen aus dem KI-Umfeld helfen uns und unseren Kunden dabei, darin noch besser zu werden. Der Markt dafür steckt aber auch im Jahr 2019 noch in den Kinderschuhen. Denn KI braucht die richtigen Grundlagen. Es geht nach wie vor um Themen wie Datenmanagement, Datenqualität und Datenherkunft. Gerade im Bereich Business Intelligence handelt es sich beim Einsatz von KI um einen evolutionären und keinen revolutionären Schritt. Deshalb ist das Thema Relevanz keine Frage der Unternehmensgröße, sondern der Unternehmensreife in Sachen Data Literacy.

Ob KI bei vielen Unternehmen noch ein Mysterium ist? Ja, absolut. Denn unter dem Deckmantel der Künstlichen Intelligenz findet sich momentan alles und nichts. Denn nur weil ein Algorithmus Vorhersagen für Umsatzzahlen in einer bis dato nicht gekannten Detailtiefe und Genauigkeit liefert, dass es intelligent anmuten mag, ist er es lange noch nicht. Hier bedarf es keiner Augenwischerei, sondern harter Fakten. Denn nur so können Lösungen mit Potential gefunden und auch Vorurteile zu diesem Thema abgebaut werden.

ITM: Für welche mittelständischen Branchen lohnt sich der Einsatz von KI-Lösungen besonders und warum?
Küssner:
Genauso wenig wie der Einsatz von KI abhängig ist von der Unternehmensgröße, ist er abhängig von einer bestimmten Branche. KI ist eine „enabling technology“. Das heißt, Methoden der KI erleichtern den Umgang mit bestimmten realweltlichen Herausforderungen. So automatisiert KI beispielsweise die Auswahl der Algorithmen für die Umsatzprognose oder lernt anhand von Beispieldaten, welche Variablen zur Berechnung des Algorithmus noch mit hinzugezogen werden müssen. KI-Methoden sind nicht branchenspezifisch. Sie können für wirklich jede Branche, jeden Anwendungsfall antrainiert werden.

ITM: Wie sehen konkrete Anwendungsmöglichkeiten/Einsatzfelder aus?
Küssner:
Prinzipiell kann KI überall eingesetzt werden. Zumindest überall da, wo genügend Daten und Informationen zur Verfügung stehen, um eine Künstliche Intelligenz anzulernen. Das ist die Grundvoraussetzung für alle KI- oder Predictive-Analytics-Projekte. Deshalb bieten sich auch gerade „klassische“ BI-Anwendungsfälle in besonderem Maße an. Denn hier ist in der Regel der Rückgriff auf eine qualitativ hochwertige Daten- und Informationsbasis gegeben. Konkret beginnt das beim automatisierten Forecast des Produktabsatzes über die Bewertung der Marketing- und Sales-Pipeline und hört bei Spezialanwendungen wie z.B. der Kündigungsprävention auf.

ITM: Inwieweit beeinflusst bzw. verändert Künstliche Intelligenz zugleich die Joblandschaft im Mittelstand?
Küssner:
Ich gehe davon aus, dass KI vor allem Ressourcen bei Mitarbeitern freisetzen wird, die heute – entgegen ihrer eigentlichen Jobbeschreibung – häufig noch durch operative Prozesse des Tagesgeschäfts von strategischen Überlegungen abgehalten werden. Ein gutes Beispiel dafür stellt die Fachabteilung Controlling dar. Für viele ist Controlling im Kopf gleichgesetzt mit der Finanzbuchhaltung. Das ist natürlich viel zu kurz gesprungen und geht am eigentlichen Controlling-Verständnis meilenweit vorbei. Denn eigentlich sollte das Controlling eine wesentliche Steuerungsfunktion im Unternehmen ausüben. Als Beispiel sei nur mal der Begriff der Balanced Scorecard angeführt. Oftmals lässt das Tagesgeschäft eines Controllers aber nicht viel mehr als die Verwaltung von Budgets zu (operatives Controlling). Das Analysieren des Marktes und die davon abgeleiteten Steuerungsmaßnahmen (strategisches Controlling) oder die Risikoanalyse kommen dabei viel zu kurz. Hier kann KI in Kombination mit BI-Software Ressourcen freisetzen, indem operative Prozesse durch sie übernommen werden.

ITM: An welchen Stellen übertrifft KI tatsächlich die Fähigkeiten des Menschen?
Küssner:
Immer dort, wo wir es mit einer unüberschaubaren Anzahl an Daten und Informationen zu tun haben. Unüberschaubar entweder aufgrund der schieren Masse oder aber aufgrund der Komplexität der Zusammenhänge und wechselseitigen Bedingungen. Wir betrachten und verwenden KI als Komplexitätsreduzierer. Egal bei welchem Anwendungsfall von KI, es geht immer darum, den Fokus des Menschen auf das Wesentliche zu lenken, indem die Komplexität der Ausgangssituation reduziert wird.

Ein Beispiel: Ein Key-Account-Manager betreut 500 Kunden. Sein Ziel: seine Kunden bei Laune zu halten und an sich zu binden. Sein größter Albtraum: die Kündigung eines Kunden. Da das Jahr aber nur 220 Arbeitstage hat, kann der Key Accounter sich nicht gleichermaßen um alle kümmern und läuft Gefahr, dass sich das auf die Kundenzufriedenheit auswirkt. An diese Stelle könnte eine KI-gestützte Kündigungspräventionslösung treten. Sie liefert tagesaktuell immer genau die Kunden, um die sich der Accounter dringend kümmern sollte, weil aufgrund der Daten- und Informationslage eine Kündigung droht. So werden aus 500 Kunden schnell mal nur noch 50, um die er sich im Jahr intensiv kümmern muss. Die Komplexität der Ausgangssituation wurde dadurch reduziert.

ITM: Wo gibt es hingegen noch Verbesserungsbedarf bei KI-Lösungen?
Küssner:
Gerade im Bereich der emotionalen Intelligenz sehe ich noch großen Verbesserungsbedarf. Hier stelle ich ganz klar infrage, ob dieses Feld überhaupt für den Einsatz von KI geeignet ist. Verlassen wir die technische Ebene und nehmen eine gesellschaftliche Perspektive ein, haben wir bei KI vor allem noch Verbesserungsbedarf bei der ethischen Dimension, die solche Lösungen nach sich ziehen.

ITM: Welche (weiteren) Entwicklungen erwarten Sie im KI-Bereich noch in diesem Jahr?
Küssner:
KI weist schon große Erfolge beim Einsatz in regelbasierten Systemen auf, z.B. bei der Übersetzung natürlicher Sprachen. Ich gehe also stark davon aus, dass sich KI in diesem Feld weiter professionalisieren wird.

Langfristig können wir vor allem im E-Commerce, wo es um die Kundeninteraktion im Einkaufsprozess geht, mit einem großen Entwicklungssprung rechnen. Eigentlich überall dort, wo es um das ganz große Geld geht. Dazu gehört für mich auch der Bereich Healthcare.

Bildquelle: Cubeware

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