Corona-Krise

Unternehmen auf dem Prüfstand

Die Corona-Krise hat vielen Unternehmen in den letzten Wochen und Monaten gezeigt, wo in den eigenen Prozessen Digitalisierungslücken bestehen, die schnell geschlossen werden müssen bzw. mussten. Für zahlreiche Mittelständler kein leichtes Unterfangen ...

  • Grundsätzlich ist es wichtig, nicht überstürzt zu handeln und in Krisenzeiten wie der jetzigen zu schnell Software einzuführen.

    Grundsätzlich ist es wichtig, nicht überstürzt zu handeln und in Krisenzeiten wie der jetzigen zu schnell Software einzuführen.

  • Jan Marius Marquardt, Coyo

    „Hauptsächlich Software-Lösungen, die die Arbeit aus dem Home Office vereinfachen, sind aktuell besonders gefragt – so beispielsweise auch Social Intranets.“ (Jan Marius Marquardt, Coyo)

  • Marcus Metzner, Arvato

    „Digitalisierung insgesamt ist nicht nur ein technologisches Thema, sondern basiert neben der IT als wesentlichem Faktor auch auf den Säulen Strategie, Organisation und nicht zuletzt Kultur.“ (Marcus Metzner, Arvato)

Grundsätzlich scheinen mittelständische Unternehmen in Deutschland anno 2020 hinsichtlich der Digitalisierung sehr unterschiedlich aufgestellt zu sein. Während viele bereits intensiv auf Cloud Computing setzen und die dadurch entstehenden Vorteile erkannt haben, sind andere weiterhin skeptisch. Das kann Marcus Metzner von Arvato nur bestätigen: „Viele Unternehmen haben es ihren Mitarbeitern bereits ermöglicht, durch moderne digitale Arbeitsplätze ohne Reibungsverluste außerhalb von Firmenstandorten zu arbeiten, während sich manche bis zum heutigen Tage – auch außerhalb eigentlicher Produktionsstrecken – damit schwertun“, so der Chief Marketing Officer. „Der deutsche Mittelstand – und dabei sprechen wir von sehr vielen und sehr unterschiedlichen Unternehmen – ist bzgl. des Themas ‚Digitalisierung‘ sehr heterogen aufgestellt.“

Laut einer Bitkom-Studie betrachtet eine Mehrheit der mittelständischen deutschen Unternehmen die Digitalisierung noch mit Skepsis. 58 Prozent sehen sich als Nachzügler, auch wenn sie sich der Notwendigkeit der Digitalisierung bewusst sind, um Geschäftsprozesse zu verbessern und die Profitabilität zu sichern. Besonders die Verbesserung der Kundenbeziehungen soll vielen Unternehmen am Herzen liegen. „Darum wird die Transformation aus unserer Sicht in diesem Bereich am schnellsten im Mittelstand Fuß fassen“, ist sich Elisabetta Castiglioni, CEO von A1 Digital, sicher.

Digitalisierungsexperten trommeln seit Jahren dafür, dass der Mittelstand – aber auch Großunternehmen – mehr in die Digitalisierung investieren müssen. Jetzt zeigt sich wohl, meint Jan Marius Marquardt, CEO und Gründer von Coyo, „dass deren Argumente nicht nur heiße Luft waren, sondern das Überleben von Unternehmen tatsächlich stark vom Grad der Digitalisierung abhängt“. Die Corona-Krise gebe aber aktuell allen Unternehmen einen Stoß in die richtige Richtung. Auch Elisabetta Castiglioni sieht die aktuelle Krise als Faktor, der die Digitalisierung vorantreibt: „Man könnte sogar von der ‚Stunde der Digitalisierung‘ sprechen“, so die Expertin. Unternehmen, die schon vor der Krise stark auf digitale Geschäftsmodelle und Verkaufskanäle vertraut haben, kämen nun am besten durch die schwere Zeit.

Kulturwandel ist Herausforderung

„Die Corona-Krise stellt Unternehmen natürlich in vielerlei Hinsicht auf den Prüfstand“, betont Michael Hollauf, Mitgründer und CEO von Meister. Ein ganz großes Thema sei bei vielen Unternehmen das erzwungene Arbeiten in (teil-)virtuellen Teams. Das sei selbst mit viel Vorlauf, den richtigen Tools und einer entsprechend darauf ausgerichteten Unternehmenskultur schon herausfordernd genug. „Wenn einer oder mehrere dieser Faktoren fehlen, dann ist das entsprechend eine kurzfristig kaum lösbare Mammutaufgabe“, weiß er aus der Praxis zu berichten.

Bei der Umsetzung von Digitalisierungsprojekten tauchen demnach dann auch recht häufig Stolpersteine auf. Oft wird die Digitalisierung nicht als ganzheitliche Maßnahme gesehen, die den gesamten Betrieb betrifft. Zudem haben viele Unternehmen Sicherheitsbedenken, die es auszuräumen gilt. A1 Digital etwa betrachtet die Digitalisierung als einen Dreiklang, der aus Internet-of-Things-Lösungen (IoT) für smarte Assets, Cloud-Diensten auf Basis einer sicheren und leistungsstarken europäischen Plattform und übergreifenden Sicherheitslösungen besteht. Entscheidend für den Erfolg in der Praxis sei der individuelle Ansatz, denn kein Unternehmen gleiche dem anderen.

Laut Meister stellt der Kulturwandel eine große Herausforderung für Mitarbeiter und Management dar. Sich von alten Management-Prinzipien zu lösen und generell loszulassen, ja sozusagen gefühlt die Kontrolle ein wenig zu verlieren, ist sicherlich nicht einfach. Hinzu kommt der große Zeitaufwand, der für einen Wandel oftmals notwendig ist. Mitarbeiter müssen sich z.B. intensiv mit digitalen Produkten am Markt auseinandersetzen, diese testen, ob sie den eigenen Bedürfnissen gerecht werden, und die neuen Tools schließlich mit viel Geduld ins Unternehmen integrieren. Michael Hollauf kennt diese Herausforderungen gut. Sein Unternehmen setzt daher bewusst auf intuitiv nutzbare Tools, die den Umstieg zu und Einstieg in digitale Arbeitslösungen einfacher machen sollen. Digitalisierungsexperten können hier außerdem Abhilfe schaffen: Sie können durch individuelle Beratung Ressourcen schonen und gleichzeitig verhindern, dass jedes Unternehmen in Sachen „Kulturwandel“ das Rad neu erfinden muss.

Grundsätzlich ist es wichtig, nicht überstürzt zu handeln und in Krisenzeiten wie der jetzigen zu schnell Software einzuführen. Gute Recherche vorab ist das A und O, damit die Software auch die Bedürfnisse aller Mitarbeiter trifft und von ihnen akzeptiert wird. „Am besten bezieht die Unternehmensführung deswegen Mitarbeiter in den Auswahlprozess mit ein“, empfiehlt Jan Marius Marquardt. „Denn Software, die nicht genutzt wird, nützt niemandem und trägt auch keinen Schritt zur Digitalisierung bei.“

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 7-8/2020. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.


Wer auf einen Digitalisierungsexperten zurückgreift, um die Unternehmensprozesse jetzt und in Zukunft in die richtige Bahn zu lenken, sollte grundsätzlich ein paar Dinge beachten: Denn viele ITK-Unternehmen haben das Thema „Digitalisierung“ für sich entdeckt und versuchen nun, ihre Produkte über jene Schiene zu verkaufen. Das macht sie nach Meinung von Elisabetta Castiglioni nicht per se zu Digitalisierungsspezialisten. „Es gibt kaum Anbieter, die speziell zu dem Zweck gegründet wurden, Unternehmen auf dem Weg in die Digitalisierung mit einer breiten Produktpalette sowie individuellen Lösungen zu unterstützen“, warnt sie. Michael Hollauf kennt das Problem ebenfalls: „Praktisch jeder kann sich heutzutage Experte nennen und mit einer schön gestalteten Webseite den Eindruck vermitteln, dass er legitim ist.“ Wer einen Experten für das eigene Unternehmen engagiert, sollte demnach als Erstes dessen Zertifikate prüfen. Diese werden teilweise von Software-Entwicklern wie Google, Microsoft oder Meister vergeben. „Außerdem ist es wichtig“, so Hollauf, „dass sich der Experte tatsächlich in der Branche des Unternehmens auskennt und mit dessen speziellen Prozessen und Herausforderungen vertraut ist.“ Oft lohne es sich, die Referenzen des Experten durchzugehen und vorab einen Referenzkunden zu kontaktieren.

Zertifikate der Experten prüfen

Marcus Metzner findet es zudem wichtig, dass Dienstleister auf Augenhöhe mit mittelständischen Unternehmen agieren und sich als Partner ihrer Kunden verstehen. Und das bedeute, sie müssen im besten Fall Branchenkenntnisse mitbringen und gleichzeitig die spezifischen Bedürfnisse des Mittelstands kennen. „Wenn das gepaart ist mit entsprechender Erfahrung in Digitalisierungsthemen – und zwar sowohl was Beratung und Umsetzung als ggf. auch den Betrieb von Systemen angeht –, sollten die wesentlichen Voraussetzungen für erfolgreiche gemeinsame Projekte erfüllt sein“, so der CMO von Arvato Systems.

Stellt sich nur noch die Frage, wie viel Digitalisierung(swahn) auch nach der Corona-Pandemie dem Mittelstand erhalten bleiben wird. Geht es dann z.B. für alle Mitarbeiter wieder zurück ins Büro und das Home Office ist direkt vergessen? „Der Wahn der Digitalisierung wird sich in eine realistische Erkenntnis der Notwendigkeit der Digitalen Transformation wandeln“, ist sich Elisabetta Castiglioni sicher. Corona habe jetzt schon viele Unternehmen in einem Ausmaß verändert, welches vorher kaum vorstellbar war. Ganz sicher habe das Virus dem Home Office in Deutschland zum Durchbruch verholfen.

„Früher oder später wird sich zeigen, dass es ‚Digitalisierungsverweigerer‘ immer schwerer am Markt haben werden, weil sie anderen Unternehmen schlicht und ergreifend unterlegen sind“, ergänzt Marcus Metzner. „Demzufolge wird in jedem Fall sehr viel Digitalisierung bestehen bleiben oder besser gesagt zukünftig weiter erfolgen.“ Und auch Jan Marius Marquardt hofft, dass nach der Corona-Krise viel Digitalisiertes erhalten bleibt. Schließlich kann die nächste Krise, in welcher Form auch immer, „schneller kommen, als uns lieb ist“, warnt der Coyo-CEO abschließend.

Bildquelle:Gettyimages/iStock / Coyo / Arvato

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