Mitarbeiter begeistern

Unternehmen fit für die Digitalisierung machen

„Wichtig ist vor allem, dass es genügend Personen im Unternehmen gibt, die die Digitalisierung verstehen, Chancen und Risiken bewerten sowie Teams und Mitarbeiter für ihre Mission begeistern können“, betont Julia Saswito, Practice Leader Reply Digital Experience und geschäftsführende Partnerin bei Triplesense Reply.

Julia Saswito, Practice Leader Reply Digital Experience und geschäftsführende Partnerin bei Triplesense Reply

„Vielen Unternehmen fällt es schwer zu definieren, wo sie mit der Digitalisierung beginnen sollten“, weiß Julia Saswito, geschäftsführende Partnerin bei Triplesense Reply.

ITM: Frau Saswito, wo stehen mittelständische Unternehmen in Deutschland hinsichtlich der Digitalisierung ihrer Geschäftsprozesse?
Julia Saswito:
In punkto Digitalisierung hat der Mittelstand nach wie vor Nachholbedarf. Zwar ist im Vergleich zu vor zwei Jahren grundsätzlich eine Art „Aufbruchsstimmung“ spürbar, zumindest in einzelnen Branchen wie der produzierenden Industrie, im Automobil- und im Finanzbereich. Insgesamt kann man jedoch noch immer von einer Investitionszurückhaltung sprechen: Laut einer aktuellen Studie investiert nur jedes vierte kleine und mittlere Unternehmen (26 Prozent) überhaupt in den Einsatz neuer oder verbesserter digitaler Technologien für Prozesse, Produkte oder Dienstleistungen. Dabei bewegt sich das eingesetzte Budget pro Jahr durchschnittlich nur um die 18.000 Euro für Digitalisierungsvorhaben (Quelle: KFW Research zur Digitalisierung im Mittelstand, März 2018).

ITM: Wer oder was hat den Mittelstand bislang bei der digitalen Transformation ausgebremst?
Saswito:
Der deutsche Mittelstand ist klassischerweise eher sicherheitsorientiert: Entscheider haben oft Angst vor Fehlinvestitionen sowie ungelösten Fragen hinsichtlich Datensicherheit und des Datenschutzes. Daher prüfen sie sehr genau, wo und wann sie Investitionen tätigen, da diese oft aus der eigenen Tasche oder dem Cashflow kommen. Entsprechend bedarf es einer großen Portion unternehmerischen Mutes und einer klaren Vision, sich den Herausforderungen der Digitalisierung mit den entsprechenden Etats zu stellen. Oft mangelt es an entsprechender Erfahrung, an Fachwissen und nicht zuletzt an entsprechenden Fachkräften: So findet jedes fünfte Unternehmen nicht genug Personal und investiert deshalb nicht oder zu wenig in die Digitalisierung ihres Geschäfts (Quelle: EY-Studie, März 2018).

ITM: Wo verbergen sich die Risiken solcher Digitalisierungsprojekte?
Saswito:
Große finanzielle Risiken entstehen besonders dann, wenn Entscheider blind auf eine neue Technologie und ihre (Heils-)Versprechen vertrauen, darauf aufbauend große Digitalisierungsprojekte initiieren, aber nicht in der Tiefe verstehen, welche Veränderungen damit insgesamt für ihr Unternehmen einhergehen. Dadurch werden dann gerne Implementierungskosten und -dauer unterschätzt, ebenso wie mögliche Kollateralschäden für Unternehmenskultur.

Digitalisierung ist eine langfristige Angelegenheit, daher können auch zu viel Ungeduld oder das Bestreben, alles auf einmal zu ändern, hinderlich für eine erfolgreiche Umsetzung sein und die Motivation der beteiligten Personen schwächen.

Als gute „Wirkstoff“-Kombination zur Risikominimierung gelten eine gute, aber nicht zu detaillierte Planung, die die eigenen Kapazitäten berücksichtigt, sowie eine realistische Kosteneinschätzung. Darüber hinaus ist der Wille, aus kleineren Projekten schnell und konsequent zu lernen und den erarbeiteten Plan agil anzupassen, von Vorteil.

ITM: Welche mittelständischen Branchen haben nichtsdestotrotz ihre Geschäftsprozesse bereits gut digitalisiert? Woran liegt es, dass sie die Nase vorn haben? Können Sie konkrete Beispiele nennen?
Saswito:
Es gibt im Mittelstand einige Unternehmen, die sich dem Thema „Digitalisierung“ aktiv und erfolgreich stellen. Beispielsweise im Maschinen- und Anlagenbau. Dort wird viel in innovative, digitale Lösungen wie Predictive Maintenance oder Virtual Reality (VR) investiert, um etwa Produktionsprozesse oder Wartung zu optimieren.

Wie der digitale Wandel erfolgreich vollzogen werden kann, zeigt der ehemalige Hersteller von Lichtschaltern Gira, der heute komplexe Hausautomationssysteme anbietet. Ein anderes Beispiel ist Vorwerk als Produzent einer hochwertigen Küchenmaschine, der sich mit einer kostenpflichtigen Plattform für digitale Rezepte eine weitere Einkommensquelle erschloss.

ITM: Was muss 2019 generell geschehen, um die Digitalisierung weiter voranzutreiben? Wer kann hier wie dem Mittelstand unter die Arme greifen?
Saswito:
Generell gilt es, bestehende Hemmnisse und Bedenken seitens der Unternehmen zügig abzubauen. Dabei ist insbesondere der Austausch zwischen erfahrenen Unternehmenslenkern und Start-ups sowie innovativen Dienstleistern wichtig. In gemeinsamen Projekten und Initiativen können neue Wege gewinnbringend ausprobiert werden. So profitiert das traditionsreiche Unternehmen von neuen Impulsen, das Start-up von verbessertem Markt- und Kundenzugang.

Natürlich helfen auch erfahrenen IT-Beratungen und Digitalagenturen Unternehmen dabei, eine Digitalisierungsstrategie auf- und umzusetzen. Besonders gut machen es Dienstleister, die von Anfang an sehr eng und co-kreativ mit ihrem Auftraggeber arbeiten und einen Wissenstransfer ins Unternehmen nicht scheuen.

Zudem kann auch die Politik dem Mittelstand unter die Arme greifen: Nicht nur, indem sie Aufklärungsarbeit über Nutzen und Möglichkeiten der Digitalisierung leistet und den Ausbau des Breitbandnetzes vorantreibt. Es gilt auch, das digitale Bildungssystem auszubauen und zu optimieren – etwa im Bereich der Hochschulen oder in punkto dualer Aus- und Weiterbildung.

ITM: Welche Rolle kommt in diesem Transformationsprozess konkret den „Digitalagenturen“ bzw. IT-Beratungen zu?
Saswito:
Dienstleister, die Mittelständler bei der digitalen Transformation beraten, müssen gut zuhören, um die Strategie jedes einzelnen Unternehmens ganz individuell zu verstehen – das gilt für Digitalagenturen, aber auch für IT-Beratungen. Design-Thinking-Sessions helfen in der Startphase, Geschäftsmodelle, Prozesse und Kunden besser kennenzulernen. Dann gilt es, das Unternehmen hinsichtlich der Fragestellung zu beraten, wie es am erfolgversprechendsten und effizientesten die großen Themenkomplexe der Digitalisierung in der richtigen Reihenfolge und mit den entsprechenden Technologien angeht. Teil der Rolle eines Transformationspartners ist es auch, Produkte und Dienstleistungen und damit gegebenenfalls das angestammten Geschäftsmodell zu überprüfen. Auch hier können insbesondere Methoden aus dem sogenannten Service-Design-Thinking ausgesprochen hilfreich sein.

Außerdem übernehmen Digitalagenturen und IT-Beratungen auch die Funktion eines Trendscouts und helfen den Unternehmen dabei, für sich selbst zu bewerten, welche Trends am relevantesten für den eigenen Geschäftserfolg sind – etwa digitales Service-Design, Cloud-Dienste und -Anwendungen, Virtual Agents, Robotic Process Automation (RPA) oder Cyber Security und Fraud Prevention.

ITM: Mit welchem personellen, finanziellen und zeitlichen Aufwand muss in Digitalisierungsprojekten i.d.R. gerechnet werden?
Saswito:
Hierzu kann es keine pauschale Antwort geben – und vor allem ist Digitalisierung ja kein einzelnes Projekt, sondern sinnvollerweise strategischer und operativer Bestandteil aller Planungen und Projekte eines Unternehmens. Daher müssen sich Entscheider maßgeblich die Frage stellen, welche Anstrengungen sie unternehmen müssen, um ihr Unternehmen in einer immer technischer und digitaler werdenden Welt zukunftssicher aufzustellen.

ITM: Welchen Stellenwert schreiben Sie hierbei einem Chief Digital Officer (CDO) zu?
Saswito:
Ein CDO als Allheilmittel funktioniert sicher nicht, wenn er als Einzelkämpfer agiert und die Unternehmensleitung nicht vollständig hinter ihm steht. Wichtig ist vor allem, dass es insgesamt genügend Personen in einem Unternehmen gibt, die die Digitalisierung verstehen, Chancen und Risiken bewerten sowie Teams und Mitarbeiter für ihre Mission begeistern können.

ITM: Welche Fehler passieren häufig in Digitalisierungsprojekten?
Saswito:
Vielen Unternehmen fällt es schwer zu definieren, wo sie mit der Digitalisierung beginnen sollten und was das konkret bedeutet – übrigens sind nicht nur Mittelständler hiervon betroffen. Entscheidend ist, dass ein Unternehmenslenker für sich klar und frühzeitig erkennt, an welcher Stelle ihm die Digitalisierung von Prozessen und Geschäftsmodellen in Bezug auf Kundenzufriedenheit, Mitarbeiterproduktivität und Erschließung neuer Marktpotentiale wirklich einen Nutzen bringt – und dann konsequent in die Exekution geht.

Zu den größten Hemmnissen zählt, sich bereits in der Digitalisierungsstrategie zu verzetteln oder gar nicht erst mit deren Umsetzung anzufangen – aus Angst vor Fehlentscheidungen oder gescheiterten Projekten. Oder das gegenteilige Problem: Unternehmen fangen an zu hetzen und wollen so viele Bereiche wie möglich parallel digitalisieren – und das womöglich noch mit unrealistischen Erwartungen. Um sich und die Mitarbeiter nicht mit zu großen Veränderungen zu überfordern, empfiehlt es sich, mit kleineren Pilotprojekten oder Märkten zu beginnen.

ITM: Was raten Sie demnach Unternehmen, die sich die Digitalisierung ihrer Geschäftsprozesse für 2019 fest vorgenommen haben?
Saswito:
Grundsätzlich gebe ich meinen Kunden immer folgende Überlegungen mit auf den Weg:
– In Möglichkeiten und Chancen, anstatt in Risiken denken: Wer die Digitalisierung nicht richtig angeht, wird sicherlich auch nicht von ihr profitieren.
– Vertrauen ist wichtig, Verstehen ist besser: Unternehmen sollten auf Berater und Dienstleister hören, aber auch versuchen, selbst nachzuvollziehen, wie Dinge zukünftig funktionieren – zumindest in ein oder zwei Themenbereichen.
– Bestehende Prozesse sollten hinterfragt und neu gedacht werden, bevor man Digitalisierungsprojekt angeht.
– Verantwortliche sollten das für sie richtige Vorgehensmodell finden und auf Basis dessen eine Roadmap aufstellen.
– Es ist hilfreich, technisch offen zu sein und einfach mal loszulegen, um Chancen zu ergreifen.
– Unternehmenslenker sollten ins Team investieren, Mitarbeiter miteinbeziehen und auf ihr Können vertrauen.
– Alle Maßnahmen müssen strikt menschenzentrisch gedacht und umgesetzt sein.

Bildquelle: Triplesense Reply

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