Mittelstand: Opfer der eigenen Schöpfung

Verwirrtes Bild von Cloud-Services

„Der deutsche Mittelstand hat ein teils gesundes bis verwirrtes Bild von Cloud-Services“, meint Jürgen Städing, CPO der Nfon AG, im Interview. Davon sei die ganze Branche betroffen. Es mangele an Vertrauen und es gebe auch Desinformation, durch die sich der Mittelstand zum Opfer seiner eigenen Schöpfungen und Innovationen mache. Der Mensch sei ein Gewohnheitstier und vom Gewohnten und Gelernten loszulassen, falle schwer.

Jürgen Städing, Nfon

„Viele Kunden fragen nach Sprachverschlüsselung, nicht alle buchen diese dann auch“, verrät Jürgen Städing von Nfon.

ITM: Herr Städing, welche Chancen bietet der Übergang von ISDN zu All-IP für den deutschen Mittelstand?
Jürgen Städing:
Die Unternehmen bekommen schon jetzt die Chance, ihre Kommunikation der Zukunft zu realisieren. Betrachten wir einmal die Tatsache, dass ISDN und der Großteil der aktuell betriebenen Telefonanlagen schlicht veraltet sind, können Unternehmen mit dieser Zwangsinnovation einfach nur gewinnen. Ganze Industrien und Branchen verlagern große Teile ihrer IT-Services in die Cloud. Die Cloud wird ein Teil der Unternehmensprozesse. Die Unternehmen kleiden die Kommunikation in ein fortschrittliches und effizientes Format; das ist nicht nur eine logische Konsequenz, sondern auch eine Notwendigkeit, die schon alleine in der Ernsthaftigkeit von Transformationsprozessen begründet liegt.

Was ist denn All-IP eigentlich? Es ist die Antwort auf die vielen Rufe der Industrie und Geschäftskunden nach mehr und flächendeckender Bandbreite. Diese gibt es nur, wenn man sich auf eine Kerntechnologie konzentriert, auf der alle Kommunikationsprozesse abgebildet werden. Dass TCP/IP hier beste Voraussetzungen schafft, wissen wir längst. All-IP ist der erste große strategische Schritt für mehr und flächendeckende Bandbreite – und dies zu wirtschaftlichen Kosten. Mehr und qualitativ hohe Internetbandbreite ist also die entscheidende Grundlage für die moderne Business-Kommunikation aus der Cloud. Sie ist die Königsdisziplin und mit den typischen Cloud-Merkmalen wie Flexibilität, Kosteneffizienz, Verfügbarkeit, Ausfallsicherheit und mehr in eine neue Zukunft zu starten, kann keine Frage sein, sondern die Chance überhaupt.

ITM: Inwieweit haben Mittelständler das Thema „All-IP“ überhaupt auf dem Schirm und sind sich über dessen Bedeutung bewusst?
Städing:
Ich kann hier nur für Erkenntnisse unseres Unternehmens sprechen. Die Antwort: ein klares „ja“. Auch der Mittelstand wendet sich an uns, um die ideale Lösung ab 2018 zu finden. Dass es aber Aufklärungsbedarf gibt, ist sicherlich unumstritten.

ITM: Wie weit ist die Umstellung auf All-IP im Mittelstand vorangeschritten?
Städing:
Ich kann auch hier nur aus Erkenntnissen berichten, die uns vorliegen: also Erfahrungen mit und von unseren Kunden und Partnern. Gerade Prozesse wie rechtskonformes Voice-Recording und Contact-Center-Lösungen sind im Mittelstand stark nachgefragt. Aber auch das Einbinden von Sensorik und Aktoren ist ein großes Thema. In der alten Welt waren z.B. simple Klingelköpfe bis hin zu komplexen Meldesystemen – Alarm, Brand, Feldbus und vieles mehr – mit der Telefonanlage verbunden, um Meldungen kund zu tun. Wir haben Lösungen für diese Anforderungen und bieten diese in Kombination mit unserer Cloud-Telefonanlage an. So decken wir einen immer stärker werdenden Bedarf ab. Zudem schreitet der Mittelstand in der Digitalisierungsdebatte immer weiter voran, denn er sucht keine Telefonieprodukte, sondern Partner, die ihr Angebot als Service anbieten, das Unternehmen und die Anforderungen bis ins Detail verstehen und schlicht und einfach ein Angebot mit dem Qualitätsmerkmal „Made in Germany“ offerieren.

ITM: Was hält das eine oder andere Unternehmen noch davon ab, auf All-IP umzusteigen?
Städing:
Wir sind ein paneuropäisch agierendes Unternehmen mit einem Wirkungskreis in zwölf Ländern. Über alle Ländergrenzen hinweg stellen wir fest, dass es technisch eigentlich keine Hinderungsgründe gibt. Voraussetzung ist, und das ist schon ein Hinderungsgrund, dass ein All-IP-Anschluss überhaupt verfügbar ist. Nicht alle Länder sind da gleich gut aufgestellt und bieten Breitband-Internetanschlüsse inklusive VoIP-Telefonie an. Natürlich gibt es auch andere Gründe, hauptsächlich getrieben durch Vorbehalte gegen Cloud-Telefonie, denn All-IP heißt sinnvollerweise, auch die Telefonie in die Cloud zu verlagern. Hier stellen wir fest, dass im Ländervergleich die deutschen Unternehmen noch die größten Vorbehalte haben. Vorsichtig ausgedrückt: Auch der deutsche Mittelstand hat ein teils gesundes bis verwirrtes Bild von Cloud-Services. Davon ist unsere ganze Branche betroffen. Es mangelt an Vertrauen und es gibt auch Desinformation, durch die sich der Mittelstand zum Opfer seiner eigenen Schöpfungen und Innovationen macht. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier und vom Gewohnten und Gelernten loszulassen, fällt schwer. Das kennen wir. Mit „Made in Germany“ und den zahlreichen Sicherheitsaspekten überzeugen wir aber letztendlich. Ist das einmal klar kommuniziert, gibt es für das betreffende Unternehmen auch kein Halt mehr.

ITM: Welche Anforderungen müssen für einen Umstieg auf All-IP zunächst erfüllt sein?
Städing:
Das Unternehmen muss eigentlich nur die Anforderung erfüllen, wirklich mit der Business-Kommunikation in die Cloud wechseln zu wollen. Die größte und wichtigste Anforderung ist, klipp und klar zu kommunizieren, was das Unternehmen genau möchte. Das Angebot auf dem Markt ist mindestens so groß wie vielseitig. Es braucht einen Partner und keinen Verkäufer, um die richtige Lösung für die Anforderungen zu finden. Soll z.B. nur die Telefonie in die Cloud wechseln oder welche Bereiche müssen noch abgedeckt werden? Was wird in Sachen „Mobility“ verlangt? Auch die Anforderungen an die Bandbreite können ein Thema sein. Die Migration kann schnell von statten gehen, sie geht aber nur gut, wenn alles fein und im Detail vorbereitet ist. Hat z.B. ein mittelständisches Unternehmen ein Call-Center, bietet es sich ja an, die Telefonanlage aus der Cloud ebenfalls zu integrieren. Genauso betrifft es Alarmierungsprozesse oder rechtskonforme Voice-Recording-Lösungen. Wenn Einigkeit darüber herrscht, findet sich zügig ein Prozess, um die Anforderungen bestens zu erfüllen.

ITM: Wie „einfach“ ist der eigentliche Wechsel tatsächlich? Sprich: Mit welchen zeitlichen, personellen und finanziellen Herausforderungen müssen die Anwender beim Umstieg rechnen?
Städing:
Das hängt immer davon ab, welche Anforderungen das betreffende Unternehmen hat. Eine pauschale Antwort können wir nicht geben, dann würden wir das Unternehmen nicht ernst nehmen. Wir begegnen einem Individuum mit vielen Angestellten und für diese muss die ideale Lösung aus der Cloud auf den Tisch. Grundsätzlich ist es aber sehr einfach. Beispiel „Zero-Touch-Provisionierung“: die einfachste, denkbare Möglichkeit, mit minimalstem Aufwand Telefone beim Kunden auszurollen. Die finanziellen Herausforderungen sind keine Herausforderungen, sondern von Beginn an können bis zu 50 Prozent der Kosten eingespart werden – einhergehend mit einer gleichzeitigen Steigerung von Effizienz.

ITM: Was gilt es bei der Migration auf jeden Fall zu beachten Welche Stolpersteine können auftreten?
Städing:
Unternehmen sollten sich auf jeden Fall einen Plan machen, wie sie die Telefonanlage heute schon benutzen, was sie heute gut finden und was sie schon immer gestört hat. Sie sollten versuchen, sich über die neuen Möglichkeiten zu informieren, die ihnen die Cloud mitbringt – z.B. Heimarbeitsplätze, Filialen alle in einer Anlage und mehr. Sie sollten sich daraufhin eine Wunschliste erstellen, was die neue Lösung, die neue Service-Leistung, können muss. Auf jeden Fall muss das Firmennetz VoIP-ready sein. LAN-Verkabelung, aktive Komponenten wie Switch und Router und die Firewall müssen den Schritt in die neue Welt mitmachen. Unternehmen schützen sich vor bösen Überraschungen, wenn sie einfach mal eine Cloud-Telefonanlage testen. Denn einer der Vorteile der Cloud ist es, sie recht unkompliziert in Betrieb nehmen zu können.

ITM: Wie gestaltet sich die Integration von Mobil-Geräten in eine All-IP-Umgebung?
Städing:
Das hängt stark vom Anbieter ab. Alle Lösungen haben ihre Vor- und Nachteile. Eine App auf dem Smartphone bietet neben vielen Features den Vorteil, unabhängig vom Mobilfunkanbieter agieren zu können. In den meisten Firmen gibt es Mobilfunkverträge mit unterschiedlichen Anbietern, so dass eine Integration auf Basis einer Mobilfunknetzkopplung, die eine Integration ohne App ermöglicht, nicht alle Nutzer erreicht. Natürlich setzen die großen Carrier auf diese Lösung, um ihren Kunden nicht nur die Telefonanlage zu verkaufen, sondern auch alle Mobilfunkverträge abzudecken. Die Optimierung von Tarifen fällt damit dann schwer. Beide Ansätze bieten viel Funktionalität, im Wesentlichen nutzen die Anwender die Möglichkeit, dem Kunden nur noch ihre Festnetznummer zu signalisieren, auch wenn sie vom Mobilfunktelefon aus telefonieren. Letztlich bedeutet All-IP mit Mobilfunk nichts anderes als die Möglichkeit, die Mobiltelefone als Nebenstelle der Telefonanlage zu nutzen. Ein weiterer Schritt im Trend: weg von den Tischtelefonen.

ITM: Wie ist es hierbei um die Sicherheit bestellt?
Städing:
VoIP lässt sich verschlüsseln, auch wenn man VoIP vom Smartphone aus nutzt. Verschlüsselung kostet in der Regel Geld, da sie mit Aufwand, Lizenzen etc. verbunden ist. Viele Kunden fragen nach Sprachverschlüsselung, nicht alle buchen diese dann auch.

ITM: Ein Begriff, der in Zusammenhang mit All-IP häufiger fällt, lautet „Next Generation Network“. Was verbirgt sich dahinter? Nur eine Marketing-Phrase?
Städing:
Nein, damit ist schlicht ein Technologiesprung gemeint. Was genau die nächste Generation sein soll, liegt im Auge des Betrachters. Aber wie anfangs gesagt, Internet ist einer der entscheidenden Motoren unserer Wirtschaft geworden, der Ruf nach mehr Bandbreite und günstiger kam sehr früh hoch. Auch die Aussage, man könne alles über IP machen, Video, Telefonie etc. – das hat man schon vor vielen Jahren gesagt. Die sogenannte Konvergenz aller Kommunikationsströme auf ein Netz ist die Grundvoraussetzung, um das Netz weiter ausbauen zu können. Die vielen alten Technologien wie ISDN, analoges Telefonnetz, Telex, Telefax etc. halten den Wandel nur auf.

ITM: Welche Problematiken sehen Sie noch bis 2018 bezüglich All-IP auf die Unternehmen zukommen?
Städing:
Die sind eher zeitlicher Natur. Eine zu späte Entscheidung kann zu falschen Entscheidungen oder falscher Beratung führen. Warum: Weil in kurzer Zeit eine große Anzahl von Firmenkunden auf All-IP umgestellt werden müssen. Durch die vielen „Zögerer“ baut sich eine immer größer werdende Bugwelle derer auf, die nicht umgestellt sind. Es gibt schlicht nicht die Zeit, alle diese Firmen dann auf einmal gut zu beraten und bei der Umstellung an die Hand zu nehmen.

Bildquelle: Nfon

©2019Alle Rechte bei MEDIENHAUS Verlag GmbH

Unsere Website verwendet Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu bieten. Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung zu. Weitere Infos finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

ok