Kommentar

Wir können digital!

Hiesige Unternehmen sollten sich auf ihre Stärken besinnen und im Digitalgeschäft durchstarten.

Der Kommentator, Georg Faßbender, ist Innovationsberater und traut deutschen Unternehmen in Sachen innovative Verfahrenstechnik eine Menge zu – auch digital.

Bei der Digitalisierung und der gerade laufenden, vierten industriellen Revolution, Stichwort „4.0“, wird eines schnell vergessen: Dass europäische Unternehmen weit mehr können, als ihnen eingeflüstert wird. Verstärkt wird dieses Problem durch den Umstand, dass wir uns Takt und Methoden für die Realisation von Digitalisierungsprojekten von vermeintlich erfolgreichen Web-Firmen vorgeben lassen. Das geht auch anders!

Allein die „Landkarte Industrie 4.0“ des BMWi  bringt unzählige Beispiele aus Mechatronik, Design oder Engineering, in denen deutsche Mittelständler und Fachabteilungen von Großunternehmen zeigen, dass sie Digitalisierung beherrschen. Hinzu kommt, dass Europa bezüglich Bruttoinlandsprodukt, also dem Wert der innerhalb der Landesgrenzen hergestellten Waren und Dienstleistungen, derzeit laut IWF-Zahlen vor China und den USA auf Rang eins liegt.

Trotzdem hängen wir wie benommen am Tropf von US-Unternehmen wie Facebook, Amazon, Google, Netflix oder AirBnB. Die Web-Überflieger punkten zwar bei digitalen Inhalten und deren Vermarktung, nicht aber bei der Entwicklung und Produktion realer Waren und Dienstleistungen.

Warum sollten wir also weiter ertragen, dass die hiesige Öffentlichkeit bei Google und Co wie das Kaninchen in Duldungsstarre vor der Schlange hockt? Warum zulassen, dass sich der Eindruck verfestigt, Verbraucher wie Unternehmen könnten nur den Schlusslichtern eines abgefahrenen Zuges hinterhersehen? Besser ist es zu begreifen, dass Europa mehr kann als nur Internet, nämlich Industrie.

Die europäische Wirtschaftslokomotive hat genügend Kraft, Schwung, Esprit und Ausdauer, um bei der anstehenden Industrialisierung digitaler Geschäftsprozesse eine treibende Rolle zu spielen. Viele Einzelbeispiele beweisen das. So hat die Geers Hörakustik AG aus Iserlohn Geschäftsprozesse und Mitarbeiterauslastung verbessert, indem sie eine digitale Kommunikationslösung einführte, die Telefonie, Mail und Datenkommunikation integriert. Damit sind ständige Erreichbarkeit der Mitarbeiter zu den vereinbarten Geschäftszeiten, die Möglichkeit umfassender Beratung und somit eine höhere Kundenzufriedenheit sichergestellt.

Eigene Strategie entwickeln


Beim Lebensmittellieferdienst Emmas Enkel aus Düsseldorf können Kunden im virtuellen Laden auf einen Tablet-PC ihre Bestellung aufgeben, vollständige Online-Abwicklung und Bringservice inklusive. Die Mayersche Buchhandlung aus Aachen vermarktet mit anderen Buchhändlern den E-Book-Reader Tolino, zudem hat sie eine eigene App entwickelt. Über die bekommen Kunden zusätzliche Hintergrundinformationen zum Buch, wenn sie aus der App die Titelseite scannen. Gleichzeitig kann die Mayersche in der App nutzerspezifische Werbung abspielen.

Die Beispiele zeigen, dass die jeweiligen Unternehmensleitungen mit Augenmaß investieren. Das ist genau das richtige Vorgehen, denn es muss nicht alles laufen wie bei den Facebooks und Googles dieser Welt. Viel wichtiger ist es, eine eigene Zielsetzung und eine eigene Strategie zu haben, sprich an sich zu glauben. An der Diskrepanz zwischen gefühlter Wahrnehmung und fundierter Feststellung wird deutlich, dass Erfolg in Industrie 4.0 nicht eine Frage geschickten Marketings ist, sondern Ergebnis handfester und wohlorganisierter Fähigkeiten.

Genau hier können hiesige Unternehmen ihre Pfunde ausspielen und ausbauen. Denn nicht ohne Grund ist Prozess- und Fertigungserfahrung einer der zentralen Gründe für exzellente Exportzahlen und nachhaltiges Wachstum. Apropos nachhaltig: Jeder, der es wissen will, weiß, dass ungezügeltes, überproportionales Wachstum nur auf Kosten wertvoller Ressourcen möglich ist. Und die wertvollste Ressource ist der Mensch. In der Konsequenz bedeutet dies, dass auch „qualitatives“ Wachstum möglich, machbar, erstrebenswert und somit salonfähig geworden ist.

Nachhaltiges Wachstum


Da also Erfahrung und Wissen und insbesondere Persönlichkeit sowie eine potentialfördernde Unternehmenskultur nachhaltiges Wachstum implizieren, sollten Unternehmen gerade bei Digitalisierungsvorhaben auf genau dieses Wissen setzen, sich weiterentwickeln und es als Basis für ihren eigenen Wandel nutzen. Ein Großteil des Erfolgs etwa im Maschinenbau, in der Logistik oder in der Prozesstechnik liegt in der Fähigkeit, Erlerntes variabel, unkonventionell und neuartig zu nutzen, um daraus Methoden für bisher unmögliche oder bis dato unrentable Verfahren zu entwickeln. So stecken allein in der Nutzung erneuerbarer Energien, in der Energiespeichertechnik oder im Management neuartiger Verteilnetze enorme Potentiale, um in zukünftigen Marktsegmenten wie Elektromobilität, Smart Grids oder Kundenbetreuung tragende Rollen zu übernehmen.

Innovative Verfahrenstechnik hat übrigens nichts mit der angeblich schöpferischen Disruptivität der Internet-Technik zu tun, die lediglich auf schnelles Erreichen großer Kundenzahlen und anschließend das Vermarkten von Kundenbeziehungen aus ist. Sondern es ist das Wissen um die effektive Produktion und das nachhaltige Bereitstellen von Waren und Dienstleistungen – selbstverständlich auch digital.

In der Konsequenz heißt das: Wir tun gut daran, Wissen nicht nur zu fördern, also zu coachen und massiv auszubauen, sondern es auch regelmäßig auf den Prüfstand zu stellen:

  • Stimmen die Prozesse und Verfahren, mit denen unsere Kunden ihre Wertschöpfung erzielen?
  • Liefern unsere Technologien und Dienstleistungen genau das gewünschte Maß an Unterstützung?
  • Wo können wir mit Innovationen ansetzen, um Kundenwünsche noch besser zu begreifen?
  • Welche Fähigkeiten benötigen wir, um im Job gut zu kooperieren und vielleicht auch einmal mehr über uns hinauszuwachsen?
  • Welcher Wandel ist dazu nötig?

Fassen wir uns doch einfach mal an die eigene Nase:

  • Wollen wir wirklich einem Versicherer unser Fahrverhalten im Auto oder unsere Lebensgewohnheiten zu Hause preisgeben, nur um geringfügig günstigere Policen zu bekommen?
  • Würden wir unser Auto ausschließlich von externen Computer-Systemen steuern lassen?
  • Und was erwartet uns auf dem Gebiet der künstlichen Intelligenz, wenn beispielsweise der Twitter-Chatbot „Tay“ von Microsoft peinlicherweise vor allem Rassismus und Pöbeleien vom Internet lernte und anschließend zum Völkermord aufrief?

Bevor erdachte Anwendungen wie ständig überwachte Fahrzeuge, das „intelligente“ Haus oder automatische Meinungsführer uns und unseren Alltag bestimmen, werden wir hoffentlich rechtzeitig durchdachtere, praktikablere, nützlichere Produkte und Dienstleistungen zur Verfügung haben. Und wir werden hoffentlich damit klug und mit dem rechten Maß umgehen können. Ja, wir können das.

 

 

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