Internationale IT-Freelancer

Zeitweise exzellent

Der „War for Talent“ ist in vollem Gang und Mittelständler, die den Sprung aufs internationale Parkett schaffen möchten, sind gut beraten, sich von alten Recruiting-Strukturen zu verabschieden, wenn sie die passenden IT-Fachkräfte finden möchten. Im Interview erklärt Vincent Huguet, CEO der IT-Freelancer-Plattform Malt, wie Unternehmen vom Know-how der international besten IT-Talente profitieren können.

  • Mann steht auf Berg

    Die passenden IT-Talente zu finden ist schwierig, aber nicht unmöglich – hier gilt es, neue Ansätze zu probieren. ((Bildquelle: Gettyimages/iStock))

  • Vincent Huguet, Malt

    „Die Anzahl der Freelancer wächst stetig – allein in der EU haben sie gerade die Elf-Millionen-Marke überschritten", stellt Vincent Huguet von Malt fest. ((Bildquelle: Malt))

ITM: Herr Huguet, im War for Talent versuchen viele Unternehmen, die besten IT-Talente zu finden und in ihr Unternehmen zu holen – doch passt ein fixes Angestelltenverhältnis zu den Vorstellungen dieser Spezialisten?
Vincent Huguet:
Weltweit haben Unternehmen mit dem Fachkräftemangel zu kämpfen und nur die wenigsten haben tatsächlich Zugang zu den besten Talenten – gerade in der IT. Geografisch betrachtet verteilt sich „Talent“ sehr gleichmäßig, doch das trifft nicht unbedingt auf Unternehmen und Job-Möglichkeiten zu. Die Konsequenz ist eine regionale Kluft bei der Talentverteilung. Verkompliziert wird die Situation noch dadurch, dass immer mehr dieser IT-Profis Freelancing gegenüber traditionellen Arbeitsverträgen bevorzugen. Dafür gibt es etliche Gründe: Zum einen sind sie sich der großen Nachfrage nach ihrem Können sehr bewusst, zum anderen empfinden sie aber auch Flexibilität und Autonomie als lebenswert. Das schlägt sich in der Anzahl von Profilen auf unserer Freelancer-Plattform nieder – wir haben bereits über 120.000 Profile und mehrere Tausend kommen jeden Monat hinzu.

Die Anzahl der Freelancer wächst stetig – allein in der EU haben sie gerade die Elf-Millionen-Marke überschritten. Gemeinsam mit dem European Forum of Independant Professionals haben wir gerade eine Studie durchgeführt – und die Ergebnisse sind überraschend. Gemeinhin nimmt man ja oft an, Freelancer würden gezwungenermaßen ohne Festanstellung arbeiten, da es an stabileren Angeboten mangelt. In Wahrheit entscheiden sich aber über 90 Prozent der befragten Tech-Freelancer bewusst für dieses Modell. Ich denke, dieser Trend wird das Umdenken bei CEOs, HR und Personalbeschaffung beschleunigen.

ITM: Ist dieses Phänomen bei den IT-Entscheidern in den Unternehmen inzwischen angekommen und kann man schon eine Änderung der Mentalität feststellen?
Huguet:
Man kann schon eine Veränderung feststellen: Viele Start-ups haben neue Arbeitsmethoden angenommen und etliche vorausschauende Unternehmen arbeiten ebenfalls an einer Transformation. Sie haben verstanden, dass sie den IT-Talenten zusätzliche Freiheitsgrade bieten müssen und dass diese Talente nicht immer langfristig innerhalb des Unternehmens verbleiben möchten. Dieser Wandel braucht jedoch Zeit, Mühe und die Vision, die Schwerfälligkeit, die oft gerade in größeren Organisationen vorherrscht, zu durchbrechen.

Einige Beispiele verdeutlichen den Paradigmenwechsel verdeutlichen und sind Treiber einer „sanften Revolution“: Viele Unternehmen haben verstanden, dass sie weg von einer linearen, hin zu einer eher agilen Organisationsstruktur kommen müssen, um Innovationen anzutreiben. Während sie ihren festen Kern behalten, setzen sie daneben agile Projekte auf, die in Sprints arbeiten. Diese akzeptieren auch mal einen Fehlschlag, ändern die Richtung und machen weiter. Software-Entwicklung bedarf keiner Wasserfall-Prozessplanung. Erfolgreiche Unternehmen gestalten die Prozesse so agil, wie es sein muss.

In der IT-Branche ist es nicht essentiell, um Punkt sieben Uhr am Arbeitsplatz zu sein – dass man stets die besten Talente im Team hat, schon. Ab und an vor Ort zu sein und Vertrauen und Teamgeist aufzubauen, bleibt wichtig, besonders, wenn man komplexe Probleme mit vielen Stakeholdern lösen muss. Aber neue Technologien wie Slack oder Github für das mobile Arbeiten ermöglichen es heute gerade im digitalen Bereich, effektiv auch über verschiedene Orte hinweg zusammenzuarbeiten.

Viele der heutigen IT-Professionals möchten als Freelancer arbeiten. Diese Flexibilität kann für beide Seiten Vorteile bringen. Die besten Unternehmen setzen die oft hochspezialisierten Fähigkeiten der Freien ein, um ihre festangestellten Arbeitskräfte zu ergänzen und können durch sie wichtige Projekte personell flexibel besetzen.

ITM: Können Sie erklären, wie sich Deutschland und Europa allgemein in Bezug auf das Phänomen  „Freelancing“ von etwa den USA oder Asien unterscheidet?
Huguet:
Den Trend findet man überall, unabhängig von Ort, Kultur oder Arbeitsrecht. Dennoch gibt es natürlich Unterschiede: In den USA z.B. sind Angestellte oft bereit, ein gewisses Wagnis einzugehen und Vertrauen vorzuschießen, wenn es darum geht, in die Selbstständigkeit zu gehen. In Asien sind die Wurzeln zwar andere, aber das Ergebnis ist dasselbe. Aber wie bereits gesagt, auch in Europa gibt es immer mehr Freelancer. Unternehmen sollten in ihrer Auswahl der passenden Talente nicht gehindert werden – gleich, welche Art von Vertrag die Gegenseite bevorzugt.

ITM: Wie können Freelancer dabei helfen, neue Perspektiven, Kontakte und Touchpoints zu entwickeln? Wie – abgesehen von finanziellen – Aspekten profitieren Unternehmen davon?
Huguet:
Die meisten Freien verfügen über Expertenwissen in einer ganz bestimmten Nische. Da die von Unternehmen nachgefragten Fähigkeiten und Kenntnisse sich schnell ändern, müssen sie sich ständig weiterbilden, um immer die aktuellen Themen bedienen zu können. Oft kommt es auch vor, dass sie bereits für andere Unternehmen an ähnlichen Projekten gearbeitet haben – so können spätere Kunden auch von ihren vorherigen Erfahrungen profitieren.

Freelancer können einen zusätzlichen Erfahrungsbereich einbringen, von dem Unternehmen profitieren. Sie können dabei helfen, die Art, wie ein Unternehmen arbeitet zu verändern, z.B. dadurch, dass sie agile Methoden, mobiles Arbeiten oder den Umgang mit neuen Tools oder Methoden vorleben. Viele von ihnen sind auch gut mit der Tech-Szene allgemein vernetzt, da sie selbst schon für Start-ups oder in Coworking Spaces gearbeitet haben. So bietet die Arbeit mit ihnen Unternehmen Zugang zu einer diversen Gruppe von Menschen, die – falls clever eingesetzt – das gesamte Unternehmen positiv beeinflussen kann. Wir glauben, dass sie selbst eher traditionelle Organisationen mit der Digitalkultur „infizieren“ können.

ITM: Wie wird sich Ihrer Einschätzung nach der Arbeitsmarkt im Laufe des nächsten Jahrzehnts verändern?
Huguet:
Wir erwarten, dass die Veränderungen, die wir bereits heute sehen, sich im Laufe der Zeit weiter beschleunigen. Der War for Talents wird intensiver und Unternehmen werden gezwungen sein, sich noch schneller an die sich verändernde Umwelt anzupassen.

Klassische, tradierte Karrieren werden immer mehr ersetzt durch Menschen, die über Erfahrungen auf verschiedenen Feldern verfügen: z.B. als Unternehmer, als Freelancer, als Angestellte. Im Zuge dessen werden mehr Experten ganz bewusst die Entscheidung treffen, Freelancer zu sein. Arbeit wird mobiler und ortsunabhängiger, da (gar nicht mal so neue) Technologien wie Videokonferenzen, unternehmensweite Chats und andere Tools auf mehr Akzeptanz stoßen – selbst in sehr traditionellen Unternehmen. Wir selbst glauben weniger an ein reines „digitale Nomadentum“, sondern eher an ein hybrides Modell, in dem sich mobiles Arbeiten und physische Anwesenheit die Waage halten. Auch muss man damit rechnen, dass Fort- und Weiterbildungen für Angestellte und Freelancer während des gesamten Arbeitslebens immer wichtiger werden.

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