Ist Eile geboten?

Zwangsinnovation All-IP

Die Unternehmen stehen unter Zugzwang, denn Ende 2018 ist Schluss mit ISDN. Doch noch gestaltet sich der Umstieg auf All-IP schleppend. Nicht nur im Mittelstand herrscht durchaus Aufklärungsbedarf. Welche Chancen bringt die IP-Technologie tatsächlich mit sich und mit welchen Herausforderungen müssen Firmen zugleich rechnen?

Die Deutsche Telekom will bis spätestens 2018 ihr Netz zukunftssicher machen und dieses von ISDN auf IP-Technologie umstellen. Für Unternehmen heißt das: Sie müssen handeln! Schon jetzt sollten sie sich mit den Möglichkeiten und Anforderungen des Umstiegs auf All-IP auseinandersetzen, damit dieser zügig und ohne Stolpersteine vonstatten gehen kann. Laut Jürgen Städing, CPO der Nfon AG, ist All-IP die Antwort auf die vielen Rufe der Industrie und Geschäftskunden nach mehr und flächendeckender Bandbreite. Und diese gebe es nur, wenn man sich auf eine Kerntechnologie konzentriere, auf der alle Kommunikationsprozesse abgebildet werden.

Mit der Umstellung ist im Grunde (nicht nur) für mittelständische Unternehmen die Chance verbunden, in das Thema „Unified Communications“ (UC) einzusteigen – mit allen Annehmlichkeiten, die eine moderne UC-Lösung mit sich bringt: effektiveres Arbeiten, auch international über mehrere Standorte hinweg, sowie Zugang zu Anwendungen, die die Mitarbeiter bereits aus dem Privatleben kennen wie z.B. Chat und Videokonferenz. „Natürlich setzt dies erst einmal die Investition in eine Modernisierung der Infrastruktur voraus“, gesteht Dagmar Geer, Vorstandsvorsitzende der Innovaphone AG, „denn mit einer alten Telekommunikationsanlage (TK) lassen sich moderne UC-Lösungen nur schwer umsetzen.“ Doch unterm Strich zahle sich diese Investition sehr schnell in Form von optimierten Arbeitsvorgängen aus.

„Betrachten wir einmal die Tatsache, dass ISDN und der Großteil der aktuell betriebenen Telefonanlagen schlicht veraltet sind“, bekräftigt Jürgen Städing, „können Unternehmen mit dieser Zwangsinnovation einfach nur gewinnen.“ Ganze Industrien und Branchen verlagern große Teile ihrer IT-Services in die Cloud. Die Cloud wird ein Teil der Unternehmensprozesse. Die Unternehmen kleiden die Kommunikation in ein fortschrittliches und effizientes Format. Das ist laut Städing nicht nur eine logische Konsequenz, sondern auch eine Notwendigkeit, die schon allein in der Ernsthaftigkeit von Transformationsprozessen begründet liege.

Zweifel an der neuen Technik


Doch hat der Mittelstand All-IP überhaupt auf dem Schirm? Dagmar Geer meint, dass sich das Bewusstsein über die Umstellung auf All-IP und die damit verbundenen Veränderungen noch in Grenzen halten. „Manchmal werden Mittelständler erst durch eine Mitteilung der Telekom darauf gestoßen, dass es in Kürze kein ISDN mehr gibt.“ Doch seit Ende 2015 und vor allem im Verlauf des Jahres 2016 wurde das Thema in den Medien präsent und soll die Entscheider in den Unternehmen erreicht haben. „Das zeigen die Anfragen und Projekte bei unseren Partnern ganz deutlich“, meint zumindest Florian Buzin, Geschäftsführer der Starface GmbH.

Generell erfolgt die Umstellung im Mittelstand aber eher schleppend. Hierfür soll es gute Gründe geben: Verschiedenste Netzbetreiber geben beispielsweise Zusagen zur Fortführung der ISDN-Technik bis 2022. Warum sollte man also jetzt schon umsteigen? Zudem sind die sich bietenden Vorteile aus der Vernetzung und Vereinfachung nicht bekannt. Und: Das Angebot zur Bereitstellung benötigter Anschlüsse ist teilweise noch nicht erfolgt.

Dies ist ein Artikel aus unserer neuen Print-Ausgabe. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo frei Haus.

„Auch gibt es Mittelständler, die die weitere Entwicklung zunächst beobachten und abwartend handeln“, weiß Ingo Lindt, Geschäftsführer der Tiptel.com GmbH Business Solutions. Der Grund: Wer mit seiner Telefonanlage zufrieden ist, hat wenig Motivation, sein funktionierendes System auszutauschen. Schließlich ist der Mensch ein Gewohnheitstier und „vom Gewohnten loszulassen, fällt schwer“, weiß Jürgen Städing. „Hinzu kommen natürlich“, so wiederum Frank Schuster, Partner Solutions Architect EMEA bei Shoretel, „die mit dem Umstieg verbundenen Investitionskosten für ein Upgrade oder einen kompletten Austausch.“

Nicht zuletzt gibt es laut Regina Dettmer Sicherheitsbedenken sowie die Befürchtung, dass bei Nutzung der IP-Telefonie mit schlechterer Sprachqualität zu rechnen ist. „Stand heute hat erst gut ein Viertel der mittelständischen Unternehmen auf IP-basierte Telefonie umgestellt“, liefert die Marketing-Managerin von Auerswald konkrete Zahlen. Laut Aussage der Deutschen Telekom stehe die All-IP-Migration aktuell noch bei mehr als 20 Millionen Anschlüssen aus. Letztlich zweifeln also noch viele Unternehmen an der neuen Technik, denn es fehlen die Erfahrungen und damit das Vertrauen. „Hier müssen Anbieter und Vermittler jetzt Aufklärungsarbeit leisten, um den Kunden abzuholen“, betont Martin Wittig, Vertriebsleiter der Consense GmbH.

Die Mitarbeiter von Anfang an „mitnehmen“


Je früher und bewusster die Umstellung geplant wird, desto besser sind die Aussichten auf eine optimal zugeschnittene Lösung. Mit einem Satz: Ein gutes Projektmanagement ist auch hier unverzichtbar. „Generell sollte die All-IP-Umstellung nicht als Bedrohung, sondern als Chance verstanden werden“, betont Regina Dettmer. Wichtig ist hier zunächst eine Bestandsaufnahme. Der Kunde braucht eine IP-fähige Telefonanlage, entweder vor Ort oder aus der Cloud, sowie genügend Bandbreite seiner Datenleitung, um die Telefonie abbilden zu können. „Als Faustregel gilt ca. 100 kbit/s pro Gespräch im Up- und Download“, erklärt Martin Wittig. Zudem müsse die interne Infrastruktur „IP-ready“ sein, also Switches, Firewall usw. Das seien die wichtigsten Kriterien für die Telefonie. Allerdings gibt es besondere Punkte, die bei jedem Unternehmen individuell zu betrachten sind, wie etwa Faxgeräte, Gegensprechanlagen, Alarmanlagen und Notrufsysteme.

Da das Angebot auf dem Markt mindestens so groß wie vielseitig ist, braucht es letztlich einen Partner und keinen Verkäufer, um die richtige Lösung für alle diese Anforderungen zu finden. Wenn dann alles im Detail vorbereitet ist, könnte die Migration gut und schnell vonstatten gehen. Doch wie einfach ist der Wechsel tatsächlich? In erster Linie hängt es natürlich davon ab, für welche Lösung sich ein Unternehmen entscheidet. „Wir entlasten unsere Kunden, indem wir sie bei der Koordination unterstützen und im Vorfeld alles prüfen, sodass ein Standort an einem Tag umgestellt werden kann“, berichtet Martin Wittig aus der Praxis. „Bei uns dauert ein Umstieg in der Regel nicht länger als eine Stunde“, verspricht indes Frank Schuster von Shoretel.

Am besten ist es jedoch, wenn die Planungen mindestens ein halbes Jahr vor dem Umstieg in Angriff genommen werden. „Am Tag der Umstellung wird dann die neue Anlage von uns in Betrieb genommen, konfiguriert und die Endgeräte werden getauscht“, so Wittig. Wie bei Umstellungen bzw. Anpassungen allgemein üblich, benötigen Menschen allerdings etwas Zeit, um sich an die neue Situation zu gewöhnen. So wird es auch bei der Umstellung auf IP-Technologie eine Weile dauern, bis alle im Unternehmen sicher im Umgang sein werden. Vor allem ältere Arbeitnehmer stehen moderner Technologie und einer neuen Art und Weise zu kommunizieren eher skeptisch gegenüber. Man sollte die Mitarbeiter deshalb von Anfang an „mitnehmen“ und ihnen erklären, welche Möglichkeiten die Umstellung zu All-IP bietet. Begleitende Schulungen können die Mitarbeiter an dieser Stelle zusätzlich unterstützen.

Laut Dagmar Geer gibt es generell zwei Möglichkeiten beim Umstieg: Man kann erstens die Investition auf einmal tätigen und einen kompletten Anlagenaustausch vornehmen. Oder, zweitens, man migriert Schritt für Schritt und kann die Kosten mit dieser Vorgehensweise auf einen längeren Zeitraum verteilen. Innovaphone bietet beispielsweise letztere Möglichkeit unter dem Stichwort „sanfte Migration“ an. „Prinzipiell ist der Wechsel zu All-IP kinderleicht“, verspricht Geer. „Im ersten Schritt benötigt man lediglich ein VoIP-Gateway zum Umsetzen von ISDN auf IP.“

Herausforderungen: Mobilgeräte und Sicherheit


Und dennoch kann es Stolpersteine geben. So sollten auf jeden Fall die Laufzeiten der bestehenden Anschlüsse im Blick behalten werden, da diese eventuell gekündigt und portiert werden müssen. Besitzt ein Unternehmen mehrere Standorte, liegen oftmals unterschiedliche Laufzeiten vor – das muss beachtet werden. Ferner werden analoge Endgeräte wie z.B. Faxe oder Alarmanlagen von der IP-Technik nicht mit hundertprozentiger Funktionsgarantie unterstützt. An dieser Stelle müssen entweder Endgeräte getauscht werden oder analoge bzw. digitale Gateways zum Einsatz kommen. Darüber hinaus sollten Alarmanlagen nach VDE-Empfehlung nicht an Telefonanlagen angeschlossen werden. Nicht zuletzt sind eine stabile und hohe Netzwerkqualität und Bandbreite entscheidend.

Abhängig vom verwendeten System lassen sich dann auch Mobilgeräte als Nebenstelle in die Telefonanlage mit einbinden – entweder als Weiterleitung oder mit einer App, die auf dem Smartphone installiert wird. Über eine Datenverbindung – z.B. WLAN oder LTE – kann der Nutzer mit seinem Mobilgerät Anrufe mit seiner Festnetznummer annehmen bzw. absetzen. Zudem sollen meistens auch Präsenzinformationen von Kollegen sowie der Zugriff auf ein globales Telefonbuch vorhanden sein. Die Integration von Mobilgeräten in eine All-IP-Umgebung gestaltet sich laut Frank Schuster letztlich „absolut problemlos“.
Unproblematisch soll auch das Thema „Sicherheit“ sein.

Martin Wittig bestätigt: „Die Sicherheit der IP-Telefonie, ob nun mobil oder stationär, ist nicht schlechter als bei bisherigen Telefonanlagen.“ Gespräche bei IP-Telefonie könnten bei den meisten Systemen auf Wunsch verschlüsselt werden, um eine zusätzliche Sicherheit zu gewährleisten. Dies erhöhe allerdings den Bandbreitenbedarf pro Gespräch. Um sich grundsätzlich vor schädlichen Angriffen zu schützen, sollten alle Systeme mit komplexen Passwörtern geschützt werden, empfiehlt der Consense-Vertriebsleiter. Doch: „Verschlüsselung kostet in der Regel Geld, da sie mit Aufwand, Lizenzen etc. verbunden ist“, weiß Jürgen Städing. Viele Kunden würden nach Sprachverschlüsselung fragen – doch nicht alle buchen diese dann auch.

Nur eine Marketing-Phrase?


Ein Begriff, der übrigens im Zusammenhang mit All-IP immer häufiger fällt, lautet „Next Generation Network“ oder kurz: „NGN“. Was verbirgt sich dahinter? Man könnte eine reine Marketing-Phrase vermuten. Doch die Anbieter wehren ab: „Als Next Generation Network oder NGN bezeichnet man ein durchgängiges IP-basiertes Netz (‚All-IP’) für eine sehr hochwertige Sprachübertragung“, erklärt Florian Buzin. Voraussetzung dafür sei eine eigene Netzarchitektur, um Sprache und Daten voneinander zu entkoppeln. Insofern gehörten All-IP und NGN zusammen und seien „absolut keine Marketing-Phrasen“.

Dagmar Geer sieht das etwas anders: „Im Moment wird der Begriff ‚Next Generation Network’ schlagwortartig und auch gern für Marketing-Zwecke verwendet.“ Im Prinzip soll der Begriff aber nichts anderes als die Umstellung auf All-IP bezeichnen. Unterschiedliche Dienste – Kommunikation, aber auch Fernsehen etc. – werden nur noch in einer Infrastruktur abgebildet, daher auch der Begriff „All-IP“. Durch die Umstellung könnten auch andere Player als bisher wie beispielsweise Internet-Provider oder Google diverse Telekommunikationsdienste anbieten.

Doch Phrase hin oder her: Den Unternehmen sollte klar sein, dass All-IP kommt und ISDN geht. Und langsam ist Eile geboten, denn eine zu späte Entscheidung für den Umstieg wird für Probleme sorgen. Warum? Weil dann in kürzester Zeit eine große Anzahl von Firmenkunden auf All-IP umgestellt werden müsste, erklärt Städing. So würde am Ende schlichtweg die Zeit fehlen, all diese „Zögerer“ auf einmal gut zu beraten und beim Umstieg auf All-IP an die Hand zu nehmen.

Bildquelle: Thinkstock / iStock

©2019Alle Rechte bei MEDIENHAUS Verlag GmbH

Unsere Website verwendet Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu bieten. Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung zu. Weitere Infos finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

ok