App-Entwicklung: Marktmacht siegt

Alpha-Apps dominieren

Die meisten Nutzer verbringen ihre Zeit nur noch mit ganz wenigen Apps, den sogenannten „Alpha- Apps“, die von einer Handvoll großer US-Konzernen stammen. Alle anderen haben es schwer.

Großer und kleiner Mann

Sogenannte Alpha-Apps dominieren auf den mobilen Endgeräten – kleine Entwickler haben es sehr schwer, gegen die Marktmacht der großen Konzerne anzukommen.

Vorbei sind die Zeiten, in denen passionierte Smartphone-Nutzer die App-Stores auf der Suche nach unbekannten Anwendungen durchstöberten und täglich diverse Apps herunterluden. Vorbei sind die Zeiten, in denen eine gute Idee und eine schnell programmierte App einen jugendlichen Entwickler über Nacht reich machten.

Genutzt werden von den meisten Usern heute nämlich nur noch ganz wenige relevante Apps. Diese sogenannten „Alpha-Apps“ stammen meist von den großen US-Konzernen. Die Entwicklung macht es für unabhängige Entwickler und Unternehmen ungleich schwerer, einen App-Hit zu landen.

Das Phänomen ist grundsätzlich von anderen Mediengattungen bekannt: Die meisten Menschen lesen – wenn überhaupt – nur eine Tagszeitung und auch niemand nutzt die 500 Satelliten-Kanäle im TV wirklich. Etwa 80 Prozent der TV-Nutzung entfallen auf durchschnittlich nur sechs Sender pro Konsument, sagt eine Studie von Sevenonemedia. Eine ähnliche Entwicklung hat sich im Mobile-Markt verfestigt. „Je nach Studie sind es zwischen drei bis zehn Apps, die wir regelmäßig nutzen“, erklärt Mobile-Expertin Heike Scholz aus Hamburg. „Man bezeichnet diesen kleinen Kreis der intensiv und regelmäßig genutzten Apps auch als ‚Relevant Set’.“

Dass die Nutzer nicht mehr so experimentierfreudig sind, hat einerseits damit zu tun, dass Smartphones schon lange nicht mehr die Spielzeuge neugieriger Early Adopter sind, sondern als alltägliche Gebrauchsgegenstände heute wenige konkrete Aufgaben erfüllen sollen. Diese sehen die meisten Nutzer mit einer Handvoll Alpha-Apps abgedeckt: vorinstallierte Apps von Apple und Google sowie Facebook (mit seinen diversen Apps, zu denen auch Whatsapp und Instagram zählen) und Amazon – kurz: AGFA, die großen Vier.

Es gibt zwar eine Ausnahme in der großen und ertragreichen App-Store-Rubrik „Spiele“. Die Kategorie ist zugegeben ein wenig anders: Irgendwann sind die meisten Spiele durchgespielt und ein neues muss her. Aufgeschlossenere Nutzer, neue Varian-ten alter Ideen und auch an Blockbuster-Filme gekoppelte Neuerscheinungen sorgen zudem für mehr Leben in dieser Kategorie.

In fast allen anderen Kategorien ist jedoch die Goldgräberstimmung vorbei. Aufgrund der App-Müdigkeit der Nutzer, der „App Fatigue“, wie sie US-Analysten nennen, ist es für unabhängige Entwickler und kleine Teams ungleich schwerer geworden, mit einer App Reichweite zu generieren. Sicher, die Monetarisierungsmöglichkeiten mit In-App-Payment und In-App-Advertising sind ausgefeilter geworden, aber Downloads sind dafür die Grundlage.

Ein weiterer Grund, der die Dominanz der Alpha-Apps zementiert, ist die geschickte Strategie der großen Player, die Nutzer gar nicht mehr aus ihren Apps herauszulassen. Ohne Medienbruch öffnen sich Videos, Artikel und Songs längst in den Apps von Facebook und Co. Insbesondere Messenger entwickeln sich zu Meta-Apps, die Funktionalitäten anderer Dienste integrieren.

Diese Entwicklung wird noch fortschreiten, wie man am Mega-Mobil-Markt China beobachten kann: Weixin, im Ausland Wechat genannt, startete als Chat-Programm und ist längst eine Plattform zur Organisation des kompletten Alltags der Nutzer geworden: Einkäufe, Überweisungen, Ticketbuchungen, alles erledigen Millionen chinesische Nutzer innerhalb dieser einen App.

Meta-App Facebook

Auch Facebook treibt diese Evolution Richtung Meta-App voran, eingebettete Artikel und Videos sind da nur der Anfang. In den Laboren des Social-Media-Giganten rüstet man sich bereits für die letzte Schlacht der Alpha-App-Konzerne. Unlängst enthüllte das Technologie-Portal The Information, dass Facebook bei einigen Android-Nutzern Verbindungsprobleme der App vorgetäuscht hat, um das Treueverhalten der Nutzer zu überprüfen: Wechseln diese ohne funktionierende App in den Browser zur mobilen Facebook-Seite? Das Resultat des Versuchs soll positiv gewesen – die Nutzer wechseln in der Mehrzahl. Dies wird Mark Zuckerberg freuen, sollte nämlich eines Tages ein Zerwürfniss mit Google anstehen, könnten Facebook-Apps aus dem Google Play Store entfernt werden. Damit wäre der Distributionskanal auf Millionen Android-Smartphones verbaut. Es wäre nur noch „händisch“ möglich, Facebook-Apps zu installieren oder die Nutzer müssten eben zurück in den Browser wechseln.

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Wechat und Facebook zeigen, wohin die Reise auf dem App-Markt geht. Die bereits dominierenden Alpha-Apps werden geschickt mit den besten Entwicklern, größten Marketing-Budgets und schlauen Kooperationen zu Meta-Apps ausgebaut, die der Nutzer nicht mehr verlassen muss.

Was tun?

Unternehmen müssen sich auf diese Entwicklung hin zur Meta-App Facebook einstellen. Einige Verleger haben sich im Rahmen der „Instant Article“ darauf eingelassen:  Der Spiegel und Bild veröffentlichen Inhalte bereits direkt auf Facebook. Uber-Fahrten können in den USA bereits auf Facebook gebucht werden, wie auch Hyatt-Hotels ihren Service dort anbieten. Bald könnten es auch Händler sein, die ihre Artikel dort direkt verkaufen.

Da es im deutschsprachigen Markt die eine Meta-App aber noch nicht gibt und vielleicht auch nie geben wird, ist die eigene App nach wie vor für viele Unternehmen ein wichtiger Kanal zum Kunden oder ein hilfreiches Werkzeug für diesen im Kontext anderer Leistungen des Unternehmens. Sei es die Info-App der Versicherung oder die Einkaufs- und Bezahl-App des Lebensmittelhändlers. Hier geht es um Service, Sichtbarkeit und Kundennähe. Diese Apps müssen nicht in den Top 50 der App-Stores landen, sie müssen aber trotzdem gut und relevant sein. Gerade hier gibt es noch viel Luft nach oben, sprich Arbeit für die Entwickler.

Geld verdienen lässt sich damit – wenn auch nicht immer unmittelbar mit der App. Unternehmensentscheider scheinen zufrieden mit ihren mobilen Projekten: Red Hat hat kürzlich Ergebnisse der „Mobile-Maturity-Studie“ vorgestellt. Die Untersuchung ergab, dass die Mehrheit einen positiven Return on Investment (ROI) ihrer Mobile-Projekte verzeichnet. Investitionen in mobile Applikationen zahlen sich also durchaus aus.

Es gibt also gute Gründe trotz dominanter Alpha-Apps und drohender Meta-Apps weiter eigene mobile Projekte voranzutreiben. Und natürlich glauben App-Entwickler an den Kapitalismus: Schon morgen kann uns alle eine schlaue und schicke App aus einer kleinen Programmierschmiede glücklich machen. Aber sie wird die Ausnahme bleiben.


Bildquelle: Thinkstock/ iStock

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