60-Stunden-Woche bleibt Wunschdenken

Arbeitsbedingungen in Asien

Andreas von Angerer, Analyst bei den Marktforschern von Oekom Research in München, skizziert im Gespräch mit MOBILE BUSINESS die – trotz der Foxconn-Selbstmorde vor fünf Jahren – noch immer miserablen Arbeitsbedingungen in den asiatischen Produktionsstätten der IT-Industrie.

  • Andreas von Angerer, Marktforscher bei Oekom Research

  • Zahlreiche NGOs berichten regelmäßig über schlechte Arbeitsbedingungen in chinesischen Betrieben.

Herr von Angerer, wie gestaltet sich aktuell die Herstellung mobiler Endgeräte?
Andreas von Angerer:
Die meisten Anbieter betreiben keine eigenen Produktionsstätten, sondern lassen ihre mobilen Endgeräte von Auftragsfertigern produzieren. Generell setzen vor allem die US-Anbieter auf die Fremdproduktion, während asiatische Anbieter noch eigene Produktionsstandorte betreiben, die sich zumeist in China befinden. Dabei gestalten sich die Arbeitsbedingungen im Reich der Mitte deutlich schlechter als beispielsweise in Europa.

Von welchen US-Anbietern sprechen Sie?
von Angerer:
Von Apple, Dell, HP oder auch Lenovo. Bei letzterem handelt es sich zwar um einen chinesischen Hersteller, der jedoch nach wie vor die ehemaligen Standorte von IBM in den USA unterhält und erst kürzlich den US-Anbieter Motorola Mobility von Google übernommen hat.

Wie sehen die Arbeitsbedingungen in den asiatischen Produktionsstätten aus?
von Angerer:
Nach dem Skandal um die Selbstmorde beim Apple-Fertiger Foxconn im Jahr 2010 sowie dem dadurch entstehenden öffentlichen Druck hat sich in China einiges zum Besseren gewendet. Die Arbeitslöhne sind in den letzten Jahren gestiegen und es entstehen Möglichkeiten der betrieblichen Mitbestimmung, auch wenn es nach wie vor ausschließlich staatliche Gewerkschaften gibt.

Wie ist es um die Produktion in anderen Ländern bestellt?
von Angerer:
Neben China gibt es mit Thailand, Malaysia oder Vietnam Länder mit teilweise noch geringeren Lohnkosten. Zudem lassen insbesondere US-Unternehmen zunehmend in Mexiko fertigen, da dort nicht nur niedrige Löhne gezahlt werden, sondern auch die Nähe zum Absatzmarkt gegeben ist und dadurch Logistik- sowie Transportkosten gespart werden.

Zurück zu Foxconn: Wie hat sich die Situation nach den Selbstmorden vor fünf Jahren inzwischen verändert?
von Angerer:
Hinsichtlich der Größe des Unternehmens war die Anzahl der Selbstmorde 2010 relativ. Damals arbeiteten so viele Menschen für Foxconn, dass die Selbstmordrate entsprechend der Zahl an Mitarbeitern sogar unter der durchschnittlich üblichen Rate lag. Dennoch waren die Arbeitsbedingungen zu diesem Zeitpunkt sehr schlecht und auch nach wie vor sind sie alles andere als gut. Nicht nur von verschiedenen Nichtregierungsorganisationen (NGO) werden alle sechs Monate Berichte über die schlechten Arbeitsbedingungen in chinesischen Betrieben veröffentlicht, sondern auch die Medien prangern die Zustände an – zuletzt beispielsweise der britische TV-Sender BBC, der in einer Reportage Ende letzten Jahres zahlreiche Missstände bei dem Apple-Zulieferer Pegatron ans Licht brachte.

Generell müssen die Mitarbeiter unzählige Überstunden leisten, weil die Löhne nach wie vor sehr gering sind. Zudem stellt die zunehmende Zahl an Wanderarbeitern innerhalb Chinas sowie aus anderen Ländern wie Myanmar oder Nepal ein großes Problem dar. Denn Wanderarbeiter werden noch stärker ausgenutzt. So müssen sie in der Regel zunächst hohe Gebühren bezahlen, um überhaupt in einer Fabrik arbeiten zu dürfen. Häufig dauert das Abarbeiten dieser Gebühren sehr lange, was man durchaus als Zwangsarbeit ansehen kann.

Wie gehen die Endanbieter mit diesen Zuständen um?
von Angerer:
Apple forderte mittels einer Direktive, erhobene Zwangsgebühren an die Mitarbeiter zurückzuzahlen. Desweiteren war HP das erste Unternehmen, das in seinen Zulieferstandards, dem „Supplier Code of Conduct“, klare Richtlinien gegen die Ausnutzung von Wanderarbeitern aufgenommen hat. Diese besagten u.a., dass Wanderarbeiter nur direkt und nicht über Arbeitsagenturen angestellt werden dürfen. Inwieweit dies bereits in den Audits überprüft wird, steht jedoch auf einem anderen Blatt, da die Auditoren in den Fabriken eine Vielzahl an Themen überprüfen müssen.

In der Regel werden die Fertigungsstätten von einem dichten Netz an Zulieferern versorgt. Wie gestalten sich die Arbeitsbedingungen in diesen Firmen?
von Angerer:
Je tiefer man in die Zulieferkette eintaucht, desto schlechter werden in der Regel die Arbeitsbedingungen. Teilweise reichen die offiziellen Zulieferer ihre Aufträge an sogenannte Sublieferanten weiter oder beschäftigen vorwiegend Angestellte von Zeitarbeitsfirmen. Für die Endanbieter gestaltet sich die Überprüfung dieser Firmen schwierig, da oft nicht klar ist, von wem ein Auftrag tatsächlich realisiert wurde und ob dieser unter der Hand weitergegeben wurde.

Desweiteren kommt es auf die Art der benötigten Teile an. So gibt es sehr spezielle Komponenten, wie etwa Mikrochips, bei deren Produktion sich die Arbeitsbedingungen besser als bei weniger wertvollen Teilen gestalten. So werden beispielsweise Kabel von namenlosen Firmen produziert, die einfach und schnell austauschbar sind. Generell gilt: Je spezifischer das benötigte Produkt, desto besser sind die Arbeitsbedingungen. Je austauschbarer die Zulieferer, desto schlimmer das Arbeitsumfeld.

Wie gestalten sich die Arbeitszeiten?
von Angerer:
Allgemein hat man sich auf eine Regelarbeitszeit von maximal 60 Stunden pro Woche inklusive Überstunden geeinigt. Aufgrund der niedrigen Löhne sind die meisten Arbeitnehmer jedoch darauf angewiesen, möglichst viele Überstunden zu machen. Zudem wird oftmals auch die Regelung, dass die Mitarbeiter alle sieben Tage einen freien Tag zur Verfügung haben, nicht eingehalten. Gerade in den Stoßzeiten, etwa wenn der Launch eines neuen iPhones ansteht, werden solche Pausen missachtet. Dann arbeiten die Menschen mitunter ununterbrochen bis zu drei Monaten am Stück durch.

Sie sprachen die Überprüfungen von Auftragsfertigern und Zulieferern an – wann sind diese effektiv?
von Angerer:
Um die Arbeitsbedingungen effektiv zu kontrollieren, sollten sowohl angekündigte als auch unangekündigte Audits durchgeführt werden – im Idealfall mehrfach im Jahr. Entscheidend ist auch, dass die Arbeiter der Zulieferer in einem vertraulichen Umfeld interviewt werden, also außerhalb des Firmengeländes. All das geschieht unter dem herrschenden Zeitdruck leider oft nicht.

Wie könnten mögliche Strafen für Missstände aussehen?
von Angerer:
Hier sind die Endanbieter in der Pflicht, entweder die Zusammenarbeit mit dem Zulieferer komplett zu beenden oder über einen gewissen Zeitraum geringere Mengen bei ihm einzukaufen. Wir würden letzteres bevorzugen, denn die Endanbieter sollen sich beim Zulieferer aktiv einbringen, um dadurch herrschende Missstände ausmerzen zu können.

Wie ist es um den Schutz der Gesundheit der Mitarbeiter bestellt?
von Angerer:
Zum einen erkranken Mitarbeiter unmittelbar in der Produktion, wenn sie beispielsweise ungeschützt mit Lösungsmitteln bei der Reinigung von Bildschirmen oder Endprodukten in Berührung kommen. Diese Mittel sind zumeist krebserregend und teilweise fallen Mitarbeiter beim Verrichten solcher Tätigkeiten sogar in Ohnmacht. Neben diesen direkten Einwirkungen treten zum anderem Langzeitschäden auf, etwa bei der Herstellung von Computerchips, bei der zahlreiche ätzenden Gase zum Einsatz kommen. Die Auswirkungen treten bei den betroffenen Arbeitern sowie auch bei deren Kindern meist erst Jahre später in Form von Leukämie oder anderen Krebsarten auf.

Dann geht es eher um Altlasten aus den 80er- und 90er-Jahren?
von Angerer:
Nicht nur, denn noch immer sind Arbeiter giftigen sowie krebserregenden Stoffen ausgesetzt. So wird in der Produktion nach wie vor sehr häufig das krebserregende Lösungsmittel Benzol eingesetzt. Ist man diesem Stoff ohne Schutz ausgesetzt, kann sich das Risiko einer Krebserkrankung deutlich erhöhen. Diese können bereits fünf bis zehn Jahre nach Ende der Tätigkeit auftreten. Zahlreiche Fälle können das belegen.

Ist der Nachweis solcher Langzeitfolgen überhaupt möglich?
von Angerer:
Eine genaue Zuordnung zu einzelnen Produktionsstandorten gestaltet sich schwierig, insbesondere wenn die Arbeiter über Jahre hinweg in verschiedenen Fabriken tätig waren.

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