Digitalwirtschaft in NRW

Aufbruch zum digitalen Marathon

Alle reden von der digitalen Transformation, NRW prescht schon mal vor - jedenfalls ein paar Schritte. Doch bis zur kompletten Digitalwirtschaft ist es ein Marathon.

Der Kölner Mediapark beherbergt viele Startups

Nordrhein-Westfalen wird aktiv: Ein Beauftragter für digitale Wirtschaft, ein Preis der digitalen Wirtschaft (der DWNRW Award 2014), ein Botschafter-Team mit bekannten Namen wie Thomas Bachem, Ibrahim Evsan oder Klemens Skibicki und ein twitternder Minister, der die digitale Transformation unterstützt.

NRW-Wirtschaftsminister Garrelt Duin (SPD) ist aufgewacht und hat sich vom eher traditionell orientierten Industriepolitiker aus dem Seeheimer Kreis zu einem Verfechter der digitalen Transformation entwickelt. Dieser Wandel könnte schon beim Betrachten der nackten wirtschaftlichen Rahmendaten in seinem neuen Einsatzort geschehen sein.

Digitale Wirtschaft ist bereits bedeutend

Denn die Digitalwirtschaft, vor allem aber die IKT-Branche gehört inzwischen zu den stärksten Wirtschaftsbereichen in Nordrhein-Westfalen. Etwa 23.000 Unternehmen beschäftigen knapp unter 200.000 Mitarbeiter und erwirtschaften damit 92 Milliarden € Umsatz.

Das sind immerhin 17 % des Bruttoinlandsproduktes von NRW und fast die Hälfte des gesamten deutschen IKT-Umsatzes. Das ist nicht ganz so überraschend, wenn man sich die Liste der Top100-Unternehmen im deutschen IKT-Sektor anschaut: Etwa 22 von ihnen kommen aus NRW.

Ein weiterer Pluspunkt für NRW ist die unglaublich vielfältige Hochschullandschaft. Kein anderes Bundesland kann mit so vielen Institutionen glänzen. Es gibt 69 Hochschulen, von denen 30 Informatik oder Elektrotechnik anbieten. Auch im außeruniversitären Bereich gibt es zahlreiche Organisationen: 50 Forschungseinrichtungen und dazu noch sieben Fraunhofer-Institute mit IKT-Schwerpunkt.

Ergänzt wird dies durch eine sehr aktive Kreativwirtschaft und eine nicht minder umtriebige Startup-Szene, die sich besonders in Köln, Düsseldorf, Dortmund und Münster konzentriert. Vor allem Digital- und Kreativunternehmen durchmischen sich sehr stark.

Startups wie Readfy (Lese-App) oder Coupies (Gutschein-App) sind kaum noch in die schlichte Zweiteilung nach IT-/Non-IT-Unternehmen einzuordnen. Ähnlich ist das bei vielen E-Commerce-Startups, aber auch bei zahlreichen Content-Anbietern wie Contilla.

Diese Unternehmen nutzen IT, um ihre digitalen Services und Produkte überhaupt erst „herzustellen“. Es gibt jenseits der klassischen IT eine enorme wirtschaftliche Entwicklung, die traditionelle Branchengrenzen sprengt.

Kleines Zeitfenster für die Politik

Die Politik ist erst langsam dabei, dies als einmalige Zukunftschance zu erkennen. Wegen der enormen Dynamik der Digitalwirtschaft ist das Zeitfenster, in dem Politiker gestalten und eingreifen können, recht klein. Dies zeigt sich zum Beispiel bei der Suchmaschinentechnologie, für die es inzwischen keinen Markt mehr jenseits von Google gibt.

Das war vor knapp 15 Jahren noch anders. So hatte die deutsche Suchmaschine Fireball einen deutlichen Marktanteil (22% im Binnenmarkt). Doch der enorme Innovationsdruck durch die kontinuierliche Weiterentwicklung und Verbesserung von Google hat die Suchmaschine rasch marginalisiert. Seinerzeit war wohl niemand bereit, das für eine eigenständige Weiterentwicklung notwendige Geld in die Hand zu nehmen.

Aus heutiger Sicht gesehen ein gigantischer und nicht wieder gutzumachender Fehler. Mit Konsequenz und ohne Angst vor Risiken hätte man die 99-Prozent-Übermacht von Google im Suchmaschinenmarkt verhindern können. Ebenso wie die kleine Suchmaschinen-Szene in Deutschland sehr schnell ausgetrocknet ist, könnte es auch Startup aus anderen Bereichen gehen.

Denn das größte Problem ist die noch lange nicht ausreichende Finanzierung von Unternehmensgründungen im IKT-Sektor und der Digitalwirtschaft. Der NRW-Beauftragte für die Digitalwirtschaft, Professor Dr. Tobias Kollmann hat im letzten Jahr mit seinem Lehrstuhl für E-Business und E-Entrepreneurship an der Universität Duisburg-Essen die Rahmenbedingungen der Gründerszene in NRW untersucht und dabei den Blick vor allem auf Venture Capital gerichtet.

Das Ergebnis der Studie: Es gibt zu wenige Business Angels, zu wenige formelle Beteiligungsgesellschaften und zu wenig Risikokapital für die einzelnen Gründungen. „Das ist ein wichtiger Grund dafür, dass es deutschen Startups schwer fällt, vitale Weltmarktführer zu werden“, meint Kollmann. „Wer wachsen will, um über Reichweite eine große Marktbedeutung zu erlangen, benötigt auf den Fall Venture Capital.“

Gründerzentren und Inkubatoren unterstützen

Kollmann fordert in der Studie eine deutliche Förderung von Venture Capital: „Das steckt hier noch in den Kinderschuhen.“ Seiner Erfahrung nach sind alle entsprechenden Zahlen in den USA um mehrere Faktoren höher - es gibt dort mehr Business Angels, mehr Investoren und höhere Investitionssummen. Kollmann schlägt vor, die Förderung stark auf den Raum Düsseldorf/Köln zu richten und dort vor allem den Aufbau von Gründerzentren, Inkubatoren und anderen Plattformen zu unterstützen.

In seiner neuen Funktion als Digitalbeauftragter kann er gleich in diese Richtung arbeiten und hat in dem knappen Dreivierteljahr seit seiner Ernennung ein wahres Feuerwerk an Aktionen und Initiativen abgebrannt. Denn seine wichtigste Aufgabe ist das Marketing für Nordrhein-Westfalen als Innovationsregion.

Da gibt es viel Nachholbedarf. Die Startup-Szene in diesem Bundesland wird gerne mal übersehen, wenn es um die Digitalwirtschaft geht. Mit Initiativen wie dem Preis für digitale Wirtschaft kann er Marketing und die Förderung von konkreten Unternehmen sinnvoll verknüpfen.

Für ein erstes Halbjahr in diesem Job ist das ein großer Erfolg. Doch wichtig wird sein, ob solche Initiativen die Hürde der nächsten Landtagswahl überwinden. Frisch in ein Amt gewählte Politiker neigen dazu, Initiativen von Vorgängerregierungen einzustellen. Doch notwendig ist eine nachhaltige Förderung der Digitalwirtschaft für mindestens 10 Jahre. NRW ist jetzt vorgeprescht, hat aber den Marathon noch nicht gewonnen.

Bildquelle: Thorsten Liers / pixelio.de

Links:

©2020Alle Rechte bei MEDIENHAUS Verlag GmbH

Unsere Website verwendet Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu bieten. Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung zu. Weitere Infos finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

ok