Moderne Arbeitszeiten

Ausgeglichene Work-Life-Balance

Im Interview berichtet Matthias Stöcklein, COO und Leiter Professional Services bei dem Software-Anbieter Mobile X AG, warum der Austausch im Büro von vielen mehr geschätzt wird als die Rückzugsmöglichkeit in den eigenen vier Wänden – Stichwort „Home Office“.

„Man sollte davon Abschied nehmen, alles regeln zu können und zu müssen – damit widerspricht man einem Grundprinzip des modernen Arbeitens: der Selbstbestimmtheit“, betont Matthias Stöcklein von der Mobile X AG.

Herr Stöcklein, modernes Arbeiten geht immer seltener mit starren Arbeitszeiten einher, stattdessen arbeiten die Mitarbeiter flexibel von unterwegs oder vom Home Office aus. Welche gesetzlichen Dinge sollten die Verantwortlichen dabei auf jeden Fall beachten?
Matthias Stöcklein:
Tatsächlich ist in Deutschland der Trend zu Home Office seit Jahren deutlich rückläufig. Laut einer aktuellen Analyse des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung nimmt hierzulande die Zahl der Arbeitnehmer, die keine Anwesenheitspflicht im Büro haben, seit sieben Jahren kontinuierlich ab. Nur knapp acht Prozent aller Arbeitnehmer arbeiten ganz oder teilweise in den eigenen vier Wänden.

Damit liegt Deutschland im Bereich Home Office mittlerweile deutlich unter dem EU-Durchschnitt. Während es in den Niederlanden seit Juli sogar ein Gesetz gibt, nach dem jeder Arbeitnehmer das Recht darauf hat, von zuhause aus zu arbeiten, so lange der Arbeitgeber keine guten Gründe dagegen nennen kann, gibt es hierzulande keinen Rechtsanspruch auf Home Office. In Deutschland hat man im Gegenzug dafür ein Recht darauf, einen Arbeitsplatz vom Unternehmen gestellt zu bekommen. Erlaubt die Firma „Working from Home“, sollten die Konditionen dafür im Arbeitsvertrag festgehalten werden. Auch für das Arbeiten am PC in den eigenen vier Wänden gilt übrigens die Bildschirmarbeitsverordnung. Danach muss der Arbeitgeber Mindeststandards am heimischen Arbeitsplatz garantieren.

Welche Rolle spielt der Betriebsrat bei der Ausgestaltung flexibler Arbeitsmodelle?
Stöcklein:
Viele erfolgreiche Unternehmen begreifen die konstruktive Zusammenarbeit zwischen Betriebsrat und Unternehmensführung als große Chance. Die aktive, gemeinsame Gestaltung und Steigerung der Mitarbeiterzufriedenheit kann direkte positive Effekte auf die Produktivität, die Einstellung zum Unternehmen und damit letztlich auf den Firmenerfolg haben.

Aufgrund der zunehmenden Verbreitung mobiler Endgeräte sind viele Mitarbeiter „always on“. Inwieweit sollten die Arbeitgeber konkrete Regelungen für deren Erreichbarkeit bzw. Einsatzfähigkeit treffen?
Stöcklein:
Einige Konzerne versuchten in der jüngeren Vergangenheit, mit grundsätzlichen Regelungen für Klarheit zu sorgen. Solche Modelle haben allerdings immer Lücken und bringen auch Nachteile für den Mitarbeiter mit sich. Man sollte davon Abschied nehmen, alles regeln zu können und zu müssen – damit widerspricht man einem Grundprinzip des modernen Arbeitens: der Selbstbestimmtheit. Die Erwartungshaltung sollte insbesondere durch die Führungsmannschaft klar formuliert und vorgelebt werden. Grundsätzlich liegt es aber auch an jedem Arbeitnehmer selbst zu entscheiden, wann er außerhalb der „normalen Arbeitszeiten“ erreichbar sein will oder muss.

Was denken Sie, wie viel „Work“ und wie viel „Life“ machen heutzutage den Alltag von Mitarbeitern aus? Inwieweit werden sich die Grenzen künftig verschieben?
Stöcklein:
Der Begriff Work-Life-Balance impliziert immer, dass die Arbeit kein Teil vom Leben ist. Eigentlich müsste es korrekterweise Work-Leisure-Balance heißen. Wenn es einem Unternehmen gelingt, eine Arbeitsumgebung zu schaffen, in der die Mitarbeiter gerne arbeiten und sich wohl fühlen, wird der Job zu einem echten und vor allem positiven Bestandteil des Lebens. Nach der Verwischung der äußeren Grenzen zwischen beruflichem und privatem Leben durch Home Office, flexible Arbeitszeiten und mobile Endgeräte können sich dann auch die inneren, mentalen Grenzen auflösen.

Ein Blick in Ihren eigenen Betrieb: Wie sorgen Sie für eine ausgeglichene Work-Life-Balance der Mitarbeiter?
Stöcklein:
Unsere Unternehmenskultur ermöglicht es unseren Mitarbeitern, sich selbst ein Umfeld zu schaffen, das mit ihren Lebenszielen kongruent ist und ihre individuelle Work-Life-Balance unterstützt. Dazu zählt auch die Möglichkeit, von zuhause aus zu arbeiten oder in verschiedenen Teilzeitmodellen. Manche Kollegen gehen tagsüber ins Fitnessstudio nebenan und bleiben dafür abends länger. Bei uns gibt es keine festen Anwesenheitszeiten getreu dem Motto: „Arbeit ist etwas, das man tut, nichts, wohin man geht“. Mit unserem Vertrauensarbeitszeit-Modell kann jeder Kollege größtenteils selbst entscheiden, wann er arbeitet. Die Zusammenarbeit im Team wie Besprechungen haben die Kollegen dabei selbst im Blick.

Zudem schätzen unsere Mitarbeiter, dass sie sich ihre Aufgaben selbst einteilen können – soweit sich das mit ihren Projekten vereinbaren lässt. Die meisten Kollegen arbeiten allerdings tatsächlich fast immer vom Büro aus. Der Austausch im Team ist ein wesentlicher Faktor, der von vielen noch mehr geschätzt wird als die Rückzugsmöglichkeit in den eigenen vier Wänden. 



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