Microsoft-Chefs Courtois & Illek im Gespräch

Berliner Ventures Accelerator fördert Start-ups

Microsoft verstärkt die Förderung von Gründerunternehmen – unter anderem im Berliner Accelerator, wo IT-Start-ups und ihre Entwickler die nötige Infrastruktur und unternehmerische Beratung finden. MOBILE BUSINESS sprach darüber mit Jean-Philippe Courtois, President Microsoft International und Microsoft-Deutschland-Chef Christian P. Illek. Die Gründer Pouya Azimi und Steffen Braun berichten aus der Praxis.

  • „Hohe Innovationsfähigkeit geht vor allem von jungen Firmen aus. Die wiederum können in der Anfangsphase Unterstützung von Konzernen brauchen. Aus diesem Grund starteten wir bereits vor fünf Jahren unsere Start-up-Initiative BizSpark“, sagt Jean-Philippe Courtois, President Microsoft International.

  • „Als wir unser Unternehmen gründeten, versuchten wir, aus der Vogelperspektive auf die verschiedenen Ökosysteme zu schauen – vor allem aus technologischer Sicht“, rekapitulieret Pouya Azimi, Geschäftsführer des Kölner Start-Ups MobiLab. Die Entscheidung fiel aus zugunsten von Microsoft Azure.

  • Microsoft-Deutschland-Chef Christian P. Illek: „Berlin etabliert sich neben London gerade als der Start-up-Hub in Europa. Diesen Impuls müssen wir nutzen, um die Risikoscheu deutscher Unternehmer in Sachen neuer Geschäftsideen zu überwinden."

Um jungen Software-Unternehmen mit guten Ideen bessere Chancen im internationalen Wettbewerb zu verleihen, engagiert sich Microsoft seit Jahren im Rahmen seiner BizSpark-Initiative. Nun wird die Förderung von Gründerunternehmen noch verstärkt – unter anderem im Berliner Accelerator, wo IT-Start-ups und ihre Entwickler optimale Arbeitsbedingungen und Raum zur Umsetzung ihrer Konzepte vorfinden sollen. Für die nötige Infrastruktur und unternehmerische Beratung sorgt Microsoft ebenfalls.

Über diese und weitere Aktivitäten sprachen wir mit Jean-Philippe Courtois, President Microsoft International und Microsoft-Deutschland-Chef Christian P. Illek. Als Beleg dafür, welche Effekte diese Unterstützung hervorruft, schildern Pouya Azimi und Steffen Braun ihre Erfahrungen aus der Praxis. Azimi ist Geschäftsführer des Kölner Start-ups MobiLab Solutions, das sich auf mobile Bezahlverfahren fokussiert hat, während Braun als Geschäftsführer der Schwesterfirma KI Business Performance GmbH bei der notwendigen strategische Ausrichtung unterstützt.

Herr Courtois, in welchem Bereich will Microsoft derzeit Akzente setzen?
Courtois:
Mobility, Cloud, Social und Big Data sind die Trends. Unserer Neuausrichtung hin zu einem Komplettanbieter für Software, Hardware und als „Services & Devices Company“ ist hierauf die Antwort. Wir decken dabei die komplette Bandbreite an Technologien von der Produktions- und Unternehmens-IT  bis hin zum Consumerbereich ab und sind somit der einzige Player im Markt, der Lösungen und Antworten für  alle diese Schlüsseltechnologien und Trends anbietet. Aber natürlich ist ein weit größeres Ökosystem vonnöten, als nur unsere Microsoft-eigenen Komponenten: innovative Services und Apps von einem breiten Spektrum an Partnern.

Welchen Ansatz verfolgen Sie dabei?
Courtois:
Hohe Innovationsfähigkeit geht vor allem von jungen Firmen aus. Die wiederum können in der Anfangsphase Unterstützung von Konzernen brauchen. Aus diesem Grund starteten wir bereits vor fünf Jahren unsere Start-up-Initiative namens BizSpark. Als Verantwortlicher für das internationale Microsoft-Geschäft bin ich erfreut, dass wir heute schon 50.000 Unternehmen im Rahmen dieser Initiative als Mitglieder begrüßen und unterstützen dürfen.

Gibt es bereits einen messbaren Erfolg durch Ihre Initiative?
Courtois:
Die geförderten Unternehmen, die allen Größenordnungen angehören, haben im Durchschnitt sechs bis sieben Jobs geschaffen, was damit allein schon aus ökonomischer Sicht relevant ist.

Basierend auf diesem Erfolg werden wir die Initiative unter dem Namen BizSpark Plus künftig ausbauen und erweitern. Genau an dieser Stelle beginnt auch unsere Partnerschaft mit Unternehmen wie MobiLab Solutions, wo es insbesondere um die Einbindung von Cloud-Technologien auf Basis von Windows Azure geht. Darüber hinaus wird es eine verstärkte Zusammenarbeit mit Partnerunternehmen geben, um deren Microsoft-Geschäft in Deutschland und hoffentlich auch international anzukurbeln.

Wie soll dies geschehen?
Courtois:
Zum einen können wir finanzielle Unterstützung im Rahmen unseres Risikokapitalfonds geben. In Einzelfällen übernehmen wir sogar Equity-Anteile. Zum anderen, und meines Erachtens noch viel wichtiger als die Finanzierung, ist die partnerschaftliche Unterstützung mit Zugang zu den vielen Millionen Kunden und Geschäftspartnern unseres Konzerns.

  • „Im Microsoft Ventures Accelerator sind neun Unternehmen, die wir aus über 300 Bewerbungen ausgewählt haben."


Darüber hinaus starteten wir just im November in Berlin den Microsoft Ventures Accelerator mit neun Unternehmen, die wir aus über 300 Bewerbungen ausgewählt haben. Dies allein belegt die Relevanz unseres Programms – es gibt innerhalb der Start-up-Szene eine große Nachfrage nach tiefergehenden Kooperationen und Partnerschaften.

Dann fragen wir doch gleich einen dieser innovativen Gründer, Pouya Azimi, Geschäftsführer von MobiLab Solutions, warum er seit drei Jahren BizSpark-Partner ist?
Azimi:
Als wir unser Unternehmen gründeten, versuchten wir, aus der Vogelperspektive auf die verschiedenen Ökosysteme zu schauen – vor allem aus technologischer Sicht. Es ging und geht immer noch um das Erkennen von Trends und das Ausloten von Möglichkeiten, sich im Devices- und Services-Markt bestmöglich zu plazieren. Da ist es nur natürlich, dass man hinsichtlich seines Geschäftsmodells auf mobile Endgeräte – Tablets und Smartphones – setzt, die um ein Vielfaches größere Wachstumsraten aufweisen als beispielsweise Laptops. Hinzukommen all die Services, die die Anwender nicht mehr selbst vorhalten, sondern in die Cloud verlagert haben.

Die Frage ist dann, wie man sich diese Entwicklungen im Sinne seiner eigenen Geschäftsidee zunutze machen kann. Als es darum ging, unseren Backbone zu bauen – wir waren bereits BizSpark-Partner – schauten wir uns natürlich das Microsoft-Angebot genau an. So stießen wir auf Windows Azure. Diese Technologie lässt sich für einen gewissen Zeitraum für Start-ups umsonst nutzen und ist im Vergleich zu anderen Plattformen unkompliziert zu bedienen. Wir konnten unsere Applikationen sehr einfach auf Azure aufsetzen, wodurch wir uns darauf konzentrieren konnten, eine leicht zu handhabende App zu bauen, die ohne die üblichen Schnittstellenhürden auskommt. Dies zählt vor allem im Business-Umfeld.

Der Entschluss, auf Azure als Plattform zu setzen, reifte also relativ früh?
Azimi:
Eigentlich gleich von Beginn an. Hinsichtlich des Backbone sollte man gleich die notwendigen Investitionen einkalkulieren. In anderen Fällen mag „Trial & Error“ eine mögliche Herangehensweise sein, nicht aber beim Backbone. Dort muss eine sehr sorgfältige Auswahl erfolgen, die sowohl die Technologie als auch die Kosten berücksichtigt. Für uns war ziemlich schnell klar, dass Azure die Plattform sein würde, mit der wir unsere Ziele am schnellsten erreichen würden.

 

  • Das Mobile Business ist ein schnelllebiges Segment, in dem man äußerst zügig agieren muss."

Ging es im Wesentlichen darum, Applikationen schneller entwickeln zu können?
Azimi:
Nicht unbedingt, es ging vor allem darum, sie kostengünstig pflegen zu können. Der Vorteil von Azure ist die Menge der Schnittstellen, die ein Unternehmen mit der Marktdurchdringung von Microsoft ganz einfach bietet. Es ist sehr viel einfacher, sich in diese Service-Welt einzubinden. Für ein Start-up zählt diese Marktmacht natürlich ganz besonders.

Das Mobile Business ist ein schnelllebiges Segment, in dem man äußerst zügig agieren muss, um erfolgreich zu sein. Denn der Wettbewerb findet nicht nur in Deutschland, sondern in Europa, Asien und Nordamerika statt.

Welche Services bietet MobiLab an?
Azimi:
Wir haben auf Basis von Azure eine Payment Engine entwickelt, um die herum sich drei zusätzliche Services gruppieren. Ein Modul ist Mobile Payment, das zweite ist eine Mobile Gift Card und das dritte Mobile Ordering. Die drei Module werden auf Tablets und Smartphones als Applikationen angeboten und können beliebig miteinander kombiniert werden. Durch die verschiedenen angebotenen Services können unsere Geschäftskunden – z.B. Händler und Gastronomiebetreiber – verschiedene Services rund um das Thema Payment anbieten und neue Wege in der Interaktion mit den eigenen Kunden einschlagen.

Mit dem Mobile-Ordering-Modul können beispielsweise Restaurantkunden von unterwegs aus ihr Menü zusammenstellen, ihre Ankunftszeit angeben und aus der Applikation heraus bezahlen. Dieser Service fungiert für den Restaurantbetreiber wie eine virtuelle Kasse bietet somit auch eine zusätzliche Einnahmenquelle. Für Geschäftskunden bieten wir die Module als White Label Lösungen an, so dass sie nach den Designvorgaben des Kunden angepasst werden und in bereits existierende Applikationen des Kunden integriert werden können. Das Thema Integrationsfähigkeit ist für MobiLab folglich ein wichtiger Punkt.

Braun:
Erwähnen sollte man, dass wir aus strategischer Sicht stark in die Plattformdiskussion involviert waren. Anders als vor einigen Jahren, als Azure noch nicht so heterogen aufgestellt war, bekamen wir im Rahmen von BizSpark eine genaue Vorstellung davon, in welche Richtung Microsoft zielt. Wichtig war die Integration über die verschiedenen Plattformen hinweg, zu iOS oder Android beispielsweise. Diese Funktionalitäten gab es vor zweieinhalb Jahren in der jetzigen Ausprägung noch nicht, nun aber ist das Vorgehen klar erkennbar.

  • „Wichtig war die Integration über die verschiedenen Plattformen hinweg, zu iOS oder Android beispielsweise."


Die verschiedenen Plug-in-Services auch für die anderen mobilen Plattformen waren neben den Kosten und der Einfachheit des Systems ausschlaggebend für unsere Entscheidung pro Azure. Heute ist die damals vorgetragene Vision der Plattformoffenheit und der Integration bereits umgesetzt. Auf dieser Grundlage wird die Entwicklung von Software und Apps deutlich beschleunigt, was für ein Start-up natürlich von unschätzbarem Wert ist. Und die Entwicklung von Azure ist unserer Einschätzung nach noch lange nicht am Ende, wir befinden uns auf einem kontinuierlichen Wege.

Inwieweit zählt denn Offenheit und Integrationsfähigkeit zur Azure-Gesamtstrategie?
Courtois:
Azure startete vor einigen Jahren als ein Platform-as-a-Service mit der Maßgabe, moderne, nativ in der Cloud entwickelte Applikationen einzubinden. Es ging darum, sämtliche Vorteile jener neuen Business-Modelle zu nutzen, die aus der Cloud kommen oder die rund um die Cloud entstehen. Entscheidende Aspekte sind dabei beispielsweise Skalierbarkeit und bedarfsgerechte Bereitstellung.

Uns war von Beginn an klar, dass wir durchgängige Cross-Plattform-Funktionalitäten bereitstellen müssen. Dies ist einerseits gut für die Anwender, andererseits bietet diese Strategie den Entwicklern ein wesentlich breiteres Spektrum an Möglichkeiten. Neben .NET, das viele Unternehmen für die Entwicklung ihrer Legacy-Anwendungen nutzen, laufen auch Java, Eclipse, viele Open-Source-Programme und andere auf Azure. Sogar einige der umfangreichsten heterogenen Business-Applikationen laufen mittlerweile darauf.

An welchem Punkt des kontinuierlichen Weges sehen Sie Azure heute?
Courtois:
In den vergangenen sechs bis neun Monaten sind wir entscheidend weitergekommen. Wir bieten Infrastructure-as-a-Service auf Azure an, beispielsweise Storage. Datenspeicherung kann damit viel kostengünstiger betrieben werden als auf anderen Plattformen, ebenso Disaster Recovery.

Und schaut man rein aus Entwicklerperspektive, so haben wir zusammen mit der  Entwicklergemeinde eine ganze Reihe von Services basierend auf Azure erstellt. Microsoft bietet nativ mehr als 50 Services an, darunter auch Media Streaming, was ein immer größeres Thema wird.

Nebenbei bemerkt: Wir haben die Verfügbarkeit von Azure für China angekündigt. Damit sind wir das einzige globale IT-Unternehmen, das in China über die Cloud operiert. In diesem Zusammenhang haben wir 15 neue Kunden gewonnen. Eines von ihnen ist ein sehr großes Online-Unternehmen, das 200 bis 300 Millionen Menschen in Asien Zugang zu TV-Streams bietet. Dieses Unternehmen bewerkstelligte die Bereitstellung innerhalb weniger Monate, inklusive all der Services, die ein TV-Betreiber benötigt.

Können Sie weitere Beispiele nennen?
Courtois:
Ein anderes Beispiel sind Virtual Machines (VM). Für viele Unternehmen ist es unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten höchstinteressant, mehrere Instanzen auf einer virtuellen Maschine zu betreiben – nicht nur auf Microsofts VM, sondern auch auf denen anderer Hersteller.

Ein anderes Beispiel ist der Bereich Telematik in der Automobilindustrie. Für Toyota haben wir gemeinsam mit einigen Start-ups ein System für Smart Cars bzw. E-Cars entwickelt, das dem Fahrer hilft, die beste Route aufgrund der derzeitigen Verkehrssituation oder – wichtiger noch – den nächstgelegen Batterieaufladeplatz mit dem günstigsten Preis zu finden. Alle diese Backend-Aktivitäten, die eine Reihe von Big-Data-Analysen erfordern, passieren in Echtzeit mit Azure. Die Anzeige erfolgt über das Cockpit im Auto, mit eingebetteter Software. Diese Beispiele zeigen die Reichhaltigkeit der Entwicklungsmöglichkeiten des Toolkits und der Plattform von Windows Azure.

  • „Für Toyota haben wir gemeinsam mit einigen Start-ups ein System für Smart Cars bzw. E-Cars entwickelt."


Azimi: Herr Courtois sprach Big-Data-Analysen an: Viele unserer größeren Kunden fragen uns nach den Möglichkeiten zur Erstellung von Berichten und Reports auf Basis von Azure. Wir zeigen ihnen dann, wie einfach es ist, auf dieser Plattform Reports zu entwickeln und bereitzustellen. Der Nutzer erhält sehr bedienerfreundliche Dashboards zur Darstellung.

Welche Datenbanken nutzen Sie zur Generierung der Reports?
Azimi:
Beispielsweise Microsoft SQL Server, aber auch andere sind möglich.

Courtois:
Wie bereits erwähnt sind wir sehr offen, so dass selbst Oracle ankündigte, seine Lösungen auf Azure als der Plattform ihrer Wahl laufen zu lassen. Das sagt einiges.

Zurück zu den Erstellern der Services: Welche Möglichkeiten hat ein Start-up, sein Potential Microsoft gegenüber sichtbar zu machen?
Courtois:
Das Potential der Start-ups zu erkennen, ist eine der Hauptaufgaben von BizSpark. Wir versuchen über das Web und viele andere Kanäle junge Unternehmer anzusprechen und unsere Initiative vorzustellen, um im Gegenzug von deren Aktivitäten und Entwicklungen zu erfahren. Zunächst gilt es, in Dialog zu treten.

Somit helfen wir ihnen bevor sie BizSpark-Mitglied sind oder bevor sie ihr Business überhaupt richtig gestartet haben. Wenn diese Unternehmen dann einen guten Job machen und einen guten Business-Plan besitzen, führen wir tiefergehende Gespräche über die weitere Unterstützung und darüber, wie die Start-ups das Maximum aus unseren Plattformen, unseren Devices und auch Windows 8 herausholen können. Ganz nebenbei: Windows 8 spielt in Zukunft eine ganz entscheidende Rolle, es wird eine ganze Reihe neuer Apps in diesem Umfeld geben.

  • „Sobald eine bestimmte Applikation der große Hit in Deutschland ist, werden wir natürlich versuchen, sie weltweit publik zu machen."


Und wie gewährleisten Sie, dass bei 50.000 BizSpark-Mitgliedern nicht mehrfach an ähnlichen Projekten gearbeitet wird?
Courtois:
Zum einen haben alle Mitglieder die Möglichkeit, in Kontakt zueinander zu treten – es ist eine große globale Community. Zum zweiten verfolgen wir natürlich, welche Trends und Szenarien sich weltweit weiterentwickeln und durchsetzen. Wir identifizieren solche Unternehmen, die führend in ihrem jeweiligen Bereich sind. Sobald eine bestimmte Applikation der große Hit in Deutschland ist, werden wir natürlich versuchen, sie weltweit publik zu machen, weil unsere Plattform dadurch öfter im Backend eingesetzt und insgesamt populärer wird.

Illek: MobiLab ist dafür ein sehr gutes Beispiel. Ich glaube, es gibt wenig Zweifel dahingehend, dass mobile Bezahlverfahren künftig eine wichtige Rolle spielen und eventuell einige der traditionellen Bezahlverfahren ergänzen und/oder ersetzen werden. Aber niemand kann Stand heute wirklich sicher sagen, welche Technologien und Geschäftsmodelle sich etablieren werden. Manche Dinge zeichnen sich ab, derzeit arbeiten jedoch viele Unternehmen und Start-ups parallel an verschiedenen Mobile-Payment-Verfahren und -Ansätzen. Über die Zeit wird eine Konsolidierung stattfinden. Dennoch mag es ratsam sein, verschiedene Richtungen im Blick zu behalten, wenn noch nicht klar ist, welches System sich durchsetzen wird. Für uns ist es wichtig, zu erkennen, welche wichtigen Technologietrends die Start-ups verfolgen. An einem bestimmten Zeitpunkt müssen wir dann abwägen, wer die potentiellen Technologieführer sein werden.

Welche Besonderheiten gelten an dieser Stelle für Ihre Zusammenarbeit mit Start-ups im B2B-Segment?
Courtois:
MobiLab ist hier auch ein gutes Beispiel für eine Kooperation im B2B-Umfeld. Will heißen: MobiLab adressiert einige große Unternehmen in Deutschland, die wiederum eine große Anzahl an Kunden haben. Somit bietet sich die Option, diese Unternehmen über einen realen Service wie Mobile Payment mit Azure in der Cloud in Kontakt zu bringen. Die Nutzung wird ihr Vertrauen in die Microsoft-Technologie ebenso erhöhen wie unsere Chancen, unsere Services auf andere Bereiche auszuweiten.

Herr Braun, wie bewerten Sie Microsofts Rolle im Start-up-Segment?
Braun:
Der Unterschied zu anderen liegt in meinen Augen zum einen in Microsofts Software-Technologien und zum anderen in dem reichen Erfahrungsschatz beim Arbeiten mit Partnern und Anwendern in einem großen Netzwerk. Letzteres ist ein großes Faustpfand, das Microsoft bei der Zusammenarbeit mit Start-ups einbringen kann. Microsoft kann die Türen öffnen, die kleineren Unternehmen verschlossen blieben.

Dieses Öffnen von Türen ist also mindestens genauso hilfreich wie finanzielle Unterstützung?
Illek:
Dies ist genau der Vorteil, den ein Corporate Venture (CV) geltend machen kann. Natürlich kann man Start-ups finanziell unterstützen, wir können darüber hinaus jedoch auch moderne Technologien sowie unser großes Kunden- und Partnernetzwerk in die Waagschale werfen. Gerade in Deutschland besteht in Sachen Corporate Ventures noch reichlich Verbesserungspotential. Es existieren zwar einige CV, das Modell ist allerdings noch nicht sehr etabliert.

  • „Selbst wenn wir keine direkten finanziellen Mittel bereitstellen, hilft unser Name, Gelder zu akquirieren."


Azimi: Ein weiterer großer Unterschied zwischen Corporate Ventures und Venture Capitalists (VC) ist das Verhalten in der Krise. 2008 zogen viele VC ihre Geldeinlagen zurück, was vor allem Start-ups das Überleben kostete. Corporate Ventures tun dies in der Regel nicht so schnell wie VC, weil sie wissen, dass neue Technologien eine gewisse Entwicklungszeit benötigen. CV sind nicht so abhängig vom schnellen Geld, sondern handeln perspektivisch.

Courtois: Selbst wenn wir keine direkten finanziellen Mittel bereitstellen, hilft unser Name, Gelder zu akquirieren. Das ist nur fair. Wir tätigen eine starke Support-Aussage für junge Unternehmen, die noch keine Erfolge vorweisen können, von deren technologischem Ansatz wir jedoch überzeugt sind. Auf der anderen Seite helfen uns diese Unternehmen, unsere Technologien und Plattformen im Markt bekannt zu machen und zu verbreiten. Yammer beispielsweise war ein BizSpark-Unternehmen.

Wie kommunizieren die BizSpark-Mitglieder untereinander, um eventuell gemeinsame Projekte voranzutreiben?
Azimi:
Es gibt eine ganze Reihe von „Evangelist Shows“, auf denen Microsoft-Spezialisten neue Technologien vorstellen. Diese Veranstaltungen bieten sich geradezu dazu an, in Kontakt mit anderen Gründern zu treten.

Es gibt auch Online-Communities, die sich jedoch eher auf einem technischen Niveau bewegen. Dort kann man auch talentierte Leute für das eigene Unternehmen finden. Um wirkliche Geschäfte zusammen zu machen, geht man allerdings nicht online, sondern sucht den Vis-á-vis-Austausch in Gesprächen und Diskussionen.

Courtois: Das ist auch der Grund dafür, dass wir solche Center gründen wie den Microsoft Ventures Accelerator in unserem neuen Berlin-Office „Unter den Linden“. Ähnliches gibt es in Paris und anderen großen Städten. Wir wollen junge Unternehmen in die Lage versetzen, Gespräche aufzunehmen und zusammenzuarbeiten.

Was genau machen Sie in Berlin?
Illek:
Das Netzwerken zwischen den Start-ups untereinander und der IT-Industrie ist eine ziemliche Herausforderung. Daher etablieren wir solche Kristallisationspunkte wie den in Berlin – neben denen in Paris, London, Tel Aviv und Silicon Valley. Wir fördern neun Start-up-Unternehmen in einer viermonatigen so genannten Klasse, wobei nicht nur diesen neun Unternehmen die größtmögliche Unterstützung zukommen soll. Wir wollen Berlin zu einem der Orte zu machen, wo innovative Jungunternehmer die essentiellen Informationen bekommen und Netzwerke aufbauen können. Mit dem Hightech-Gründerfond und Seedcamp haben wir bedeutende Frühphaseninvestoren mit an Bord.

Courtois: Fakt ist, dass das Investitionsniveau weltweit unterschiedlich ist, vor allem zwischen den USA und Europa. Zum Vergleich: Im Silicon Valley werden ca. 81 Mrd. Euro investiert, in Großbritannien sind es etwa sechs Mrd. und in Deutschland nur drei. Es geht aber nicht allein ums Geld, sondern um den nächsten Entwicklungsschritt. Die globale Sichtweise scheint ein Problem für viele europäische Unternehmen zu sein. Häufig beschränken sie sich zu Beginn auf wenige ausgewählte (Nachbar-) Länder, was in Ordnung ist, aber zu lange dauert, wenn man eine großartige Lösung in petto hat. Andere sind in der Zwischenzeit vielleicht mit einer ähnlichen Lösung schneller am Markt.

Diese Unternehmen haben eben nicht Microsofts Marktmacht...
Courtois:
Dies ist der Grund, warum Technologie-Unternehmen wie wir helfen können. Wir sind technologieseitig immer auf der Höhe der Zeit und investieren global – in China, in den USA und in Europa. Aus unserer Sicht ist es nur vorteilhaft, wenn politische Führungskräfte wie Neelie Kroes das Thema „Entrepreneurship“ auf die Agenda heben. Doch es bleibt eine Menge zu tun.

Woher stammt dieser gewaltige Unterschied im Investitionsverhalten zwischen den USA und Europa?
Azimi:
Ich glaube, er hat seinen Ursprung bereits in der schulischen Ausbildung – dort, wo Menschen lernen, unternehmerisch zu denken. Software-Entwicklung zeigt es: Manchmal muss man nicht einmal studiert haben, um ein großartiger Programmierer zu werden. Man kann Menschen dazu ermuntern, eine persönliche Affinität zum Programmieren aufzubauen und damit ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Und das bereits in der Schule. An dieser Stelle und auch in der Methodik, wie Software-Entwicklung vermittelt wird, sind uns die Vereinigten Staaten um einiges voraus.

  • „Was die Start-up-Szene anbelangt, gibt es noch Luft nach oben."


Besteht dieser Unterschied auch innerhalb der europäischen Start-up-Szene?
Courtois:
Traditionell gibt es Orte, wo innovativer entwickelt und schneller investiert wird als in Deutschland. Dennoch stellen wir derzeit fest, dass Deutschland Fahrt aufnimmt – speziell im Bereich Software-Entwicklung. Es gibt eine große Anzahl mittelständischer Softwarehäuser, die über die letzten Jahre in den deutschen Schlüsselindustrien wie Automotive sehr gute Arbeit geleistet haben.

Was die Start-up-Szene anbelangt, gibt es noch Luft nach oben. Insgesamt holt Europa auf, mit Großbritannien an der Spitze. Auch in Frankreich tut sich eine Menge, besonders in Paris. Generell beobachten wir in diesem Umfeld einen verstärkten Wettbewerb der Städte und Metropolen – was natürlich bis zu einem gewissen Grade eine politische Angelegenheit ist.

Illek: Es gibt einen weiteren Aspekt, der zunehmend an Attraktivität gewinnt: Und das ist Berlin selbst. Berlin etabliert sich neben London gerade als der Start-up-Hub in Europa, was an der Attraktivität der Stadt an sich liegt, aber auch an dem vergleichsweise niedrigen Kostenniveau. Diesen Impuls müssen wir nutzen, um die Risikoscheu deutscher Unternehmer in Sachen neuer Geschäftsideen zu überwinden. Wir können diese DNA nicht von einem Tag auf den anderen komplett verändern, aber wir können die Einstiegshürden verringern. Insofern fokussieren sich die meisten Aktivitäten – auch unsere – ziemlich auf den Schmelztiegel für Start-ups Berlin. Dort können wir die Entwicklung beschleunigen.

  • „Es gibt einen weiteren Aspekt, der zunehmend an Attraktivität gewinnt: Und das ist Berlin selbst."


Braun:
Das kreative Potential Berlins zieht natürlich viele Investoren an. Hier kann ein „Beschleuniger“ wie Microsoft dafür sorgen, dass die kreativen Köpfe ihre Ideen rasch in valide Geschäftsmodelle übertragen können.

Herr Braun, könnten Sie Ihre spezielle Rolle in diesem Zusammenspiel zwischen Microsoft und Start-ups wie MobiLab ein wenig mehr erläutern?
Braun:
Wir sind Microsoft-Partner für Business Intelligence und nutzen die Technologien bereits seit zehn Jahren. Zudem sind wir BizSpark-Partner und verhelfen Start-ups zur Teilnahme an dem Netzwerk. Meine persönliche Aufgabe ist es hiernach, diese Unternehmen in einer CEO-gleichen Rolle zu unterstützen und ihnen bei ihrem Wachstum zu verhelfen. Wir helfen z.B. bei der Kundengewinnung und fungieren als Inkubatoren.

Die kreativen Leute mit den Ideen sind auf der einen Seite, und die kühlen Rechner auf der anderen?
Braun:
Wir versuchen beide Seiten bestmöglich zu vereinen. Wir sind z.B. bei MobiLab Solutions Mitbegründer, der auch investiert und intensiv  beim Auf- und Ausbau des Geschäftsmodells hilft.

Herr Courtois, Sie erwähnten Oracle, das nun auch auf Azure entwickelt. Gibt es zudem Partnerschaften mit anderen großen Software-Unternehmen?
Courtois:
Bis jetzt nicht. Aber Oracle ist natürlich eine weitverbreitete Marke, auf deren Lösung viele andere geschäftskritische Applikationen laufen. Für uns war die Oracle-Ankündigung folglich ein technologischer Vertrauensbeweis. Aber auch ohne Partnerschaften sehen wir eine wachsende Zahl von Software-Unternehmen und -Entwicklern, die auf Azure entwickeln, etwa in den Bereichen Accounting und ERP. Die SAP-Lösungen eines der größten Buchhaltungs-/ERP-Softwarehäuser in China laufen beispielsweise auf Azure.

Und täglich kommen mehr als 1.000 Neukunden hinzu, das gesamte Azure-Geschäft hat mittlerweile einen Umfang von einer Mrd. Dollar. Am meisten überzeugt die Bandbreite der Plattform – von Infrastructure-as-a-Service bis hin zu mobilen Applikationen-as-a-Service. Dieses Spektrum umfasst natürlich auch unsere Windows-8-Devices.

Windows 8 – ein gutes Stichwort ...
Courtois:
Windows 8 ist eines der zentralen strategischen Elemente unserer Start-up-Initiative. Wir wollen ein mächtiges Ökosystem um dieses Betriebssystem herum aufbauen, um mehr Unternehmen für die Möglichkeiten von Windows Phone, Windows-8-Tablets und anderen Devices zu begeistern.

Braun: Auch hier ist MobiLab wiederum ein gutes Beispiel: Da Mobile Payment eine Consumer-App ist, müssen wir natürlich auf allen verfügbaren mobilen Plattformen präsent sein. Auf der anderen Seite muss sich die Mobile-Payment/Ordering-Lösung in die Prozesse der Unternehmen integrieren lassen. Da bietet sich Windows 8 in Kombination mit den Servertechnologien im Backend und durch das sehr gute Zusammenspiel mit Windows Phone geradezu an. Den Integrationsgedanken kann man gar nicht hoch genug bewerten und hoffentlich nehmen Windows Phone und die dazugehörigen Geräte den gleichen Weg, den Azure genommen hat.

Inwiefern ist es für einen Software-Entwickler von Vorteil, wenn ein IT-Anbieter Infrastruktur, Software und sogar eigene Hardware anbietet?
Courtois:
Uns unterscheidet von den meisten Mitbewerbern, dass wir sowohl im Consumer- als auch im Business-Umfeld investieren. Für viele namhafte Unternehmen stellen wir seit Jahren essentielle IT-Funktionalitäten und Infrastrukturdienste – auch in der Cloud – bereit. Wenn wir mit ihnen nun über Azure-Services reden, würdigen sie die Tatsache, dass wir mit konkreten Geschäftslösungen auf sie zukommen.

Kurzum: Wir bringen alle Komponenten zusammen: Hardware, Windows 8 und das Backend, für Consumer und Unternehmen. Damit bieten End-to-End-Lösungen, auf die Unternehmen für ihre Produkte und Lösungen aufsetzen können.

  • Microsoft Ventures Accelerator:
    Am 11. November nahm der Microsoft Ventures Accelerator seine Arbeit auf und die ersten IT-Startups bezog die zwei Gründeretagen bei Microsoft in Berlin. Im Rahmen des viermonatigen Programms, das mit dem Demo Day vor Investoren und Partnern abschließt, werden die Gründer sowohl von Microsoft als auch von erfahrenen Mentoren wie Tim Schumacher (Sedo Holding AG), Frank Thelen (doo) oder Stefan Menden (JustBook!) beraten und gecoacht. Zu den zentralen Partnern von Microsoft zählen der High-Tech Gründerfonds (HTFG) und Seedcamp, zwei der bedeutendsten Frühphaseninvestoren. Der HTGF wird die Räumlichkeiten von Microsoft zudem als Anlaufstelle für Gründer und Netzwerkpartner nutzen. Seedcamp stellt seinen finanzierten Startups kostenlose Coworking Spaces zur Verfügung und veranstaltet Ende November die renommierte „Seedcamp Week“ mit internationalen Gründern, Investoren, Technologie-, Marketing- und Wirtschaftsexperten erstmalig in Berlin. 

    https://www.microsoftventures.com/Accelerators/Berlin.aspx


Bildquelle: Microsoft

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