Macht das Kapital der vielen rundum glücklich?

Crowdinvesting als Alternative Finanzierung für Start-ups

Crowdinvesting ist zwar noch eine kleine Finanzierungsform, doch sie wächst: Bis Ende 2014 sind über die deutschen Plattformen etwa 37 Mio. Euro eingesammelt worden.

Sie ist da. Endlich, nach drei langen Jahren. Seit kurzem kann jeder die Panono bestellen. Im Internet, wo sonst. Sie ist eine  Panoramakamera,i aber was für eine: Sie sieht aus wie ein Ball, hat 36 gleichmäßig über die Kugeloberfläche verteilte Drei-Megapixel-Objektive und wird zum Auslösen in die Luft geworfen. Das Ergebnis ist ein 360x360-Grad-Rundum-Panorama, bei dem es auch oben und unten gibt.

Mal ehrlich: Welcher deutsche Investor hätte diesem Konzept eine Chance gegeben? Wer hätte gut zweieinhalb Millionen Euro rausgerückt, um die Entwicklung des Prototypen zur Produktreife und die Fertigung der ersten Exemplare zu finanzieren? Hier in Deutschland, wo es schon als unkalkulierbares Risiko gilt, ein Hundertstel dieser Summe zu investieren?

Die vermutlich abschlägige Antwort hat Jonas Pfeil auf einen anderen Weg geführt. Der Entwickler der Kamera und Mitgründer (neben Björn Bollensdorf und Qian Qin) der Berliner Panono GmbH hat sich an die Öffentlichkeit gewandt, im Internet.

Dort stellte er eine andere Frage: Wer glaubt an das Konzept und ist bereit, eine dieser Kameras vorzubestellen oder in die Panono GmbH zu investieren? Sein Unternehmen hat in einem Crowdfunding (so etwas wie Vorbestellungen) bei Indiegogo und einem Crowdinvesting (so etwas wie ein Minikredit von Kleinanlegern) bei Companisto zusammen gut 2,6 Mio. Euro von mehr als 4.600 Unterstützern eingesammelt.

Auf anderem Wege wäre die Summe vermutlich nicht zusammengekommen. Das Konzept ist ungewöhnlich, der potentielle Markt eher klein. Wer kauft schon eine Kamera, die wegen der verbauten Technik und des aufwendigen Cloud-Backends zur Berechnung der Panoramen gut 1.500 Euro kostet?

Dabei ist die Panono ein typischer Ableger des sehr zarten Pflänzchens „Gründerkultur in Deutschland“. Jonas Pfeil entwickelte den ersten Prototyp für seine Diplomarbeit in Computergraphik an der TU. Danach folgte eine Zeit im Start-up-Inkubator des Centre for Entrepreneurship der TU Berlin, gefördert durch Gelder des Exist-Gründerstipendiums und das Förderprogramm Start-up+.

Junger Markt mit Rekorden

Das zeigt: Es gibt in Deutschland durchaus Möglichkeiten, auch ungewöhnliche Ideen zum Geschäftsmodell und Prototyp auszubauen. Die Politik und die Wirtschaft haben die Probleme schon länger erkannt und machen gründungswilligen Leuten eine Vielzahl an Angeboten. Ein System aus Start-up-Förderung, IHK-Gründerzentren, Frühphasen-Inkubatoren und Business Angels deckt die Zeit vor und kurz nach der Gründung gut ab.

Doch danach wird es schwierig, es gibt nicht genügend Maßnahmen zur Finanzierung von Wachstum. Banken fallen sofort weg, denn sie verlangen Sicherheiten und harte Zahlen. Also müssen andere Finanzierungsmodelle her. Die im zu häufig und viel zitierten Silicon Valley übliche Finanzierungsform in dieser Phase ist Venture Capital: Ein Unternehmen nutzt Risikokapital, das mit einer Beteiligung des „Venture Capitalist“ (VC) verbunden ist.

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Davon gibt es in Deutschland zu wenig. Es gibt vor allen Dingen kaum Großinvestoren, die große Summen in die Hand nehmen. Auch das Hamburger B2B-Unternehmen Secucloud hat deshalb Crowdinvesting gewählt: Kapital von sehr vielen Kleinanlegern. Das Team um den Secu-cloud-CEO Dennis Monner bietet Managed Security aus der Cloud, eine Komplettlösung für kleinere Unternehmen.

Auf der Plattform Seedmatch stellten sie ihr Projekt vor und bekamen 500.000 Euro von knapp 500 Investoren. Das Investment-Angebot im Herbst des letzten Jahres war bereits ihr zweiter Auftritt dort. Ein Jahr zuvor hatten sie eine halbe Million Euro von einer ähnlich hohen Anzahl an Geldgebern erhalten.

Diese Erfolgsgeschichte zeigt: Crowdinvesting, die alternative Finanzierungsform für Start-ups, ist fest etabliert. „Der Markt ist zwar noch jung, hat sich aber europaweit sehr stark entwickelt“, sagt Tamo Zwinge, Geschäftsführer der Plattform Companisto. „Das Investitionsvolumen steigt seit einigen Jahren stetig. Für 2015 ist ein neuer Rekord absehbar.“

Plattformen wie Companisto, Seedmatch oder Bettervest gehören inzwischen zu wichtigen Anlaufstellen für Start-ups. Sie helfen sogar beim Aufbau des Unternehmens, wie Tamo Zwinge betont: „Die Firmen haben den direkten Zugriff auf eine Community aus interessierten, kommunikationswilligen und kritischen Investoren, die wertvolle Hinweise zum Geschäftsmodell geben.“

Marketingeffekte einer Crowd-Kampagne

Eines funktioniert mit Crowdinvesting allerdings nicht: den schnellen Euro zu machen. Wer hofft, rasch an das locker sitzende Geld von naiven Privatleuten zu kommen, sollte sich z.B. die Diskussionen auf Companisto zu Gemüte führen. Ein Kleinanleger kann sicher nicht wie ein VC mit Riesensummen jonglieren, aber er ist mindestens ebenso vorsichtig und grillt die „Wantrepreneure“ nach allen Regeln der Kunst.

Die Investoren sind oft Tech-Enthusiasten. Tamo Zwinge: „Es gibt sehr viele Leute mit Interesse an Innovationen. Sie wollen daran teilhaben, vielleicht sogar ein wenig Einfluss auf die Gestaltung des Geschäftsmodells nehmen.“ Als Belohnung winken Zinsen auf die Investitionssumme, die auf einigen Plattformen bei 5 Euro beginnt.

Dank ihres wachsenden Erfolgs sind die Plattformen auch in den Blick von Business Angels und anderen Erstinvestoren geraten. Klemens Gaida betreibt in Düsseldorf den Inkubator 1stMover und unterstützt einige Start-ups mit Rat, Tat und Geld. „Wir sind ein kleiner Seed-Fund, der selbst bis zu 100.000 Euro investieren kann“, sagt Gaida. „Wenn der Prototyp eines neuen Produkts oder Dienstes fertig ist und funktioniert, helfen wir bei der Suche nach einer Anschlussfinanzierung. Das ist allerdings nicht einfach.“

Auch Gaida konstatiert eine große Lücke zwischen Anschub- und erster Wachstumsfinanzierung. „Schon mit einer halbe Million Euro kann man sehr gut in den Markt starten“, beschreibt der Business Angel seine Erfahrungen. „Leider gibt es in Deutschland nicht genügend Risikokapital für diese Entwicklungsphase eines Start-ups. Crowdinvesting kann die Lücke gut schließen.“

Gaida sieht die Vorteile neben der eigentlichen Finanzierung vor allen Dingen im Marketing. „Die Aufmerksamkeit durch eine Crowd-Kampagne ist nicht leicht auf anderem Wege zu erreichen.“ Ein gutes Beispiel ist das 1stMover-Projekt Readfy (eine App mit E-Book-Gratis-Flatrate), das im Frühjahr 2014 auf Companisto 500.000 Euro von über 1.300 Investoren eingesammelt hat. Die Investitionssumme wurde wegen der großen Nachfrage mehrfach erhöht.

Dass Crowd-Kampagnen so gut funktionieren, ist für Steffen Danschacher nicht verwunderlich. Der Vorsitzende der Gründungsengel e.V. unterstützt zahlreiche junge Unternehmen und hat eine interessante Beobachtung gemacht: „Das Vertrauen in die Banken ist weg. Viele jüngere Leute wollen lieber eigene Wege gehen. Sie vertrauen einer Gemeinschaft aus Gleichgesinnten mehr als Institutionen.“ Diese Einstellung ist für ihn die Basis des Aufstiegs der Schwarmfinanzierung. „Dadurch können Start-ups eine Community aus Unterstützern aufbauen und die Vernetzung in sozialen Medien einsetzen, um Projekte breit zu streuen.“ Diese Möglichkeiten werden zunehmend auch von etablierten Unternehmen gesehen, wie Danschacher feststellt.

Totalausfälle sind selten – noch

Der Vorteil ist, auf eine natürliche Community zurückgreifen zu können – nämlich die eigenen Kunden. Eine Crowd-Kampagne kann sie aktivieren und zu finanziellen Unterstützern machen. „Es gab z.B. die Kampagne einer kleineren Frisörkette,
die zwei neue Niederlassungen über die Beteiligung der Kunden finanziert hat“, erklärt Danschacher.

Solche Entwicklungen bemerkt auch der Crowd-investing-Experte Jörg Diehl, der die neue Finanzierungsform für den Mittelstand empfiehlt. Nicht nur der Werbeeffekt macht sie attraktiv, auch die Möglichkeit, die Ressourcen und die Community der Plattform als Beratungsangebot zu nutzen.

Diehl selbst hat in gut 60 Projekten investiert. „Ich habe eine möglichst breite Streuung verwirklicht“, beschreibt er seine Anlagestrategie. „Denn anfangs bin ich davon ausgegangen: Das Geld sehe ich nie wieder.“ Das Risiko bei der Investition in Start-ups ist groß: Wenn das Unternehmen scheitert, ist das Investment weg. Und die Wahrscheinlichkeit ist hoch, denn eine Grundregel lautet: Jedes zweite Projekt scheitert.

Doch Diehls Portfolio entwickelte sich gut, Totalausfälle waren eher selten: „Weniger als zehn Prozent. Außerdem gab es größere Erfolge. Ein Unternehmen hat mir nach drei Jahren das Siebenfache meiner Einlage gezahlt, ein anderes gab 150 Prozent zurück.“

Die positive Tendenz beobachtet auch Professor Dr. Ralf Beck, Betriebswirt und Crowdinvesting-Experte an der FH Dortmund. Der Grund ist für ihn die umsichtige Auswahl der einzelnen Projekte durch die Plattformen (Interview auf Seite 23). Das sorgt natürlich für ein gutes Image des Crowdinvesting. Trotzdem ist das Risiko hoch. Eine Reihe von Fehlschlägen gab es bereits, teils mit recht hohen Verlusten. So scheiterte Tollabox trotz enormer Medienpräsenz und kostete die etwa 600 Anleger zusammen gut 600.000 Euro. Auch ein paar kleine „Skandale“ hat die Szene vorzuweisen: Etwa die allzu rasche Insolvenz von Vibewrite kurz nach der Crowd-Kampagne oder die überraschende Pleite von NTS Energie- & Transportsysteme noch während der laufenden Finanzierung.

Sicher wird es noch weitere Ausfälle geben und nicht jede Kampagne ist erfolgreich. Trotzdem hat das dank Internet-Plattformen einfache Bündeln der Kräfte von Kleinanlegern inzwischen mehr als nur einen Nischenmarkt erobert. Crowdinvesting ist nicht aufzuhalten, findet Ralf Beck. „Es hat ein enormes Potential, das sich in den nächsten Jahren entfalten wird. Wir stehen hier erst ganz am Anfang.“

 

Darlehen vom Schwarm

Crowdinvesting bedeutet:
Eine große, über das Internet organisierte Gruppe von Geldgebern finanziert das Wachstum eines meist jungen Unternehmens. Dabei zählen schon Summen ab
5 Euro. Inzwischen ist das Finanzierungsmodell so interessant, das sich vereinzelt auch Großinvestoren mit Beträgen jenseits von 100.000 Euro beteiligen.

Die über 30 Plattformen in Deutschland sind ähnlich wie ein soziales Netzwerk organsiert. Die Unternehmen und Unternehmer stellen sich sowie ihre Produkte oder Services in ausführlichen Profilen vor. Die Anleger können mit ihrem Benutzerzugang ausführliche Diskussionen mit den Unternehmern und untereinander führen.

Die Gelder für die Unternehmen sind allerdings keine typischen Unternehmensbeteiligungen, wie sie in der Finanzbranche unter den Stichworten „Private Equity“ (außerbörsliches Beteiligungskapital) und „Venture Capital“ (Wagniskapital) auftauchen. Crowdinvesting nutzt dagegen Modelle, die dem Anleger keinerlei Stimm- oder Mitwirkungsrechte geben.

Fast schon zum Standard geworden ist das Werkzeug des partiarischen Nachrangdarlehens. Hierbei ist der Anleger ein Kreditgeber und gewährt dem Unternehmen zeitlich befristet einen Geldbetrag. Die Verzinsung ist „partiarisch“, als Gewinnbeteiligung ausgelegt und sieht beim Crowdinvesting, zusätzlich sogar eine Beteiligung an der Wertsteigerung vor. Der Verlust ist dabei auf das eingesetzte Kapital begrenzt.

Zudem wird das Darlehen im Insolvenzfall nicht wie Fremdkapital direkt bedient, sondern nach allen anderen Fremdkapitalgebern (Banken), aber vor dem Eigenkapital (z.B. VC-Beteiligungen). Da bei einer Insolvenz zumeist ohnehin nichts oder nur sehr wenig zu Geld zur Verteilung an die Gläubiger übrig ist, spielt es kaum eine Rolle für einen Crowdinvestor, welchen Rang er im Fall einer Insolvenz seines Investments hat.

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