M-Health

Den Körper unter Kontrolle

Immer mehr mobile Lösungen für den Einsatz im Gesundheitswesen drängen auf den Markt. Kaum eine Woche vergeht, in der nicht irgendeine bahnbrechende Neuheit präsentiert wird, die das Herz von Ärzten höher schlagen lässt – zumindest in der Theorie. Im rauen Klinikalltag kommen indes nur wenige mobile Innovationen bei den Patienten an.

Healthcare boomt der mobile Forschergeist. Dabei sind einerseits IT-Anbieter ganz weit vorne, andererseits haben auch dedizierte Gesundheitsspezialisten mobile Technologien für sich entdeckt. So beispielsweise der französische Anbieter Withings, der bereits 2009 seine erste mit dem Internet verbundene Personenwaage auf den Markt gebracht hat. Bei dem jüngsten Baby der Franzosen, dem „Smart Body Analyzer“, handelt es sich mit um eine intelligente Waage, die Herzfrequenz, Luftqualität, Körperfettanteil sowie das Gewicht misst. Mit einem Schritt auf das Gerät werden die Messdaten erfasst und via WLAN oder Bluetooth an Smartphones, Tablet-PCs (iOS, Android) oder den heimischen PC bzw. die kostenlose Gesundheitsbegleiter-App von Withings weitergeleitet.

Die App liefert eine detaillierte Verlaufshistorie. Sie zeigt die Entwicklung von Gewicht, Body-Mass-Index (BMI), Körperfett sowie der Herzfrequenz an und gleicht diese mit den von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfohlenen Werten ab. Dabei soll die Waage automatisch bis zu acht verschiedene Benutzer erkennen – und sich so als Familienmodell eignen. Zusätzlich zu den physischen Daten des Benutzers misst das Gerät die Luftqualität der Umgebung durch Temperatur- und Kohlendioxid-Überwachung. Der Hintergrund: CO2 ist ein Gas, das durch Stoffwechseltätigkeit entsteht und dessen Konzentration in geschlossenen Räumen schnell übermäßig ansteigen kann. Hohe CO2-Niveaus können eine Reihe von negativen Folgen für die Gesundheit haben wie zum Beispiel eine schlechtere Schlafqualität, Kopfschmerzen, Schwindel, Unruhe, Atemprobleme, erhöhte Herzfrequenz oder verstärktes Schwitzen. Eine regelmäßige Kontrolle der Luftqualität kann die Nutzer dazu veranlassen, häufiger und länger zu Lüften und dadurch das Raumklima zu verbessern.
Auch die auf medizinische Geräte spezialisierte Beurer GmbH aus Ulm hat sich dem Thema „Mobile“ verschrieben. Mit der Produktlinie „Connect World“ bietet man vernetzte Produkte, die mit den dazugehörigen Health-Manager-Anwendungen ein umfängliches Gesundheitsmanagement ermöglichen sollen. Beispielsweise kann die Diagnosewaage BF800 alle ermittelten Körperwerte per Bluetooth auf das Smartphone senden, wo sie mittels der Health-Manager-App verwaltet werden können.

Ganz schön grün im Gesicht

Neben den Gesundheitsprofis bleiben auch die IT-Anbieter nicht untätig. So präsentierten etwa die Fujitsu Laboratories im Frühjahr eine Pulsmessung mittels Smartphone-Kamera. Dabei genügt es, die Kamera für einige Sekunden auf das Gesicht einer Person zu richten. Die Technologie macht sich zunutze, dass das Hämoglobin im Blut grünes Licht absorbiert und sich die Helligkeit der Haut mit dem Puls leicht verändert.

Das Verfahren funktioniert wie folgt: Die Kamera dient dazu, kurze Videofrequenzen des Gesichts aufzunehmen. Auf Basis dieser Werte berechnet eine Software RGB-Farbwerte für jedes Einzelbild eines bestimmten Gesichtsbereichs. Für die grüne Komponente des Lichts ergibt sich dabei eine Helligkeitskurve, aus der die Lösung dann den eigentlichen Puls ermitteln kann. Eine Pulsmessung könne so in nur fünf Sekunden erfolgen, verspricht der Anbieter. Damit die Messungen auch wirklich genau sind, verwirft das System
Kameraaufnahmen, in denen sich der Nutzer zu stark oder falsch bewegt, beispielsweise, wenn die Person den Kopf zur Seite dreht oder während einer Präsentation plötzlich aufsteht. Von diesen nötigen Korrekturen abgesehen wäre die Technologie auch geeignet, um den Puls eines Users rund um die Uhr zu überwachen – vor allem, wenn dazu verschiedene Kameras genutzt werden. Eine Spiegelkamera könnte beispielsweise den Puls am Morgen ermitteln, das Smartphone beim Surfen oder Lesen von E-Mails unterwegs und die Webcam im PC während des Arbeitstags.

Doch nicht nur international läuft die Forschung auf Hochtouren. Hierzulande erweisen sich vor allem die Fraunhofer-Institute als äußerst umtriebig. Erst vergangenen Juli präsentierte man unter dem Motto „Labor für das Krankenhaus der Zukunft“ ein neues Vorzeigeprojekt: Hinter dem neueröffneten „Hospital Engineering Labor“ in Duisburg verbirgt sich eine Forschungs- und Kooperationsplattform, in deren Rahmen erprobt wird, wie sich Kliniken aufstellen und organisieren sollten, um künftig effizient zu arbeiten. Dabei gilt es, dem wirtschaftlichen Druck standzuhalten und zugleich die Versorgungsqualität der Patienten sicherzustellen. Um dies zu erreichen, müssten die Kliniken ihre Behandlungsabläufe verbessern, unnötige Kosten minimieren und Lösungen für das Personal- und Materialmanagement überarbeiten. Eine der Herausforderungen liegt dabei darin, sämtliche Bereiche zu integrieren: die medizinische Expertise, Hightechsysteme sowie die eng verzahnten Abläufe zwischen Verwaltung, Stationen, Ärzten und Zulieferern, beispielsweise für medizinische Produkte oder Lebensmittel.

Vor diesem Hintergrund bietet das Labor auf rund 350 Quadratmetern eine Entwicklungs- und Testumgebung mit OP-Saal, Patienten-, Schwestern- sowie Arztzimmer, Reha-Bereich mit Trainingsgeräten sowie Lager- und Funktionsräumen. Hier lassen sich zahlreiche Klinikszenarien unter Alltagsbedingungen analysieren: von der Material- über die Energieversorgung bis hin zur informationstechnischen Vernetzung, z.B. mit angeschlossenen Reha-Einrichtungen oder niedergelassenen Ärzten. Selbst neue Abläufe oder Verfahren können mit Blick auf Patientensicherheit und Kostenaufwand bewertet werden.

Bislang haben sich in der Testklinik mehrere Schwerpunkte herausgebildet, etwa die Arbeit mit sensorgestützten Assistenzsystemen. Diese ermöglichen es, die Umgebung an spezielle Patientenbedürfnisse auszurichten – beispielsweise eine automatische Höhenanpassung der Badausstattung an Patienten, die nicht stehen können. Ein weiteres Thema sind mobile Funkchips auf Basis von Radio Frequency Identification (RFID). Über solche RFID-Etiketten lassen sich Vorgänge im OP überwachen und automatisiert dokumentieren – sei es um festzustellen, welcher Patient und welches Personal gerade im OP-Saal anwesend ist, oder ob die benötigten Materialien und Hilfsmittel für einen Eingriff vollständig vorliegen.

Die mobile Patientenakte

Ein weiteres hiesiges Pilotprojekt widmet sich der Etablierung einer mobilen Patientenakte. Hierzu startete das DAI-Labor (Distributed Artificial Intelligence Laboratory) der TU Berlin im August den Feldtest mit der Tablet-App „Agneszwei“ – ausformuliert die „arztentlastende medizinische Fachangestellte zur Gewährleistung einer nachhaltig effizienten Patientenbetreuung mit Spezialausbildung im Fallmanagement“.

Die Anwendung wurde von der Kassenärztlichen Vereinigung Brandenburg, der AOK Nordost sowie der Barmer GEK ins Leben gerufen. Die Tablet-App wird bei Patientenbesuchen der Pflegekräfte eingesetzt. Mit dem aktuellen Feldtest will man überprüfen, inwiefern die Versorgung der Patienten verbessert und die Arbeit der eingesetzten Fachkraft erleichtert werden kann. Unterstützen soll die App im Fallmanagement, etwa bei der Kontrolle der verordneten Arznei-, Hilfs- oder Heilmittel sowie bei der Koordinierung von Arztterminen. Ebenso ist die App bei der Dokumentation anderer Tätigkeiten wie Blutdruckmessung, Blutentnahme oder Wundkontrolle nützlich.Im Umfang der App ist folgendes inbegriffen: Neben einem Kalender, in dem Termine, Besuchsprotokolle sowie Tageszusammenfassungen für Arztgespräche dokumentiert werden können, gibt es die Kontaktverwaltung, in der Daten von Patienten, Ärzten, aber auch Apotheken, Angehörigen und Pflegestützpunkten abgerufen werden können. Desweiteren können notwendige Formulare ausgefüllt und ausgedruckt werden.

Wie man sieht, scheinen der Erforschung mobiler Technologien im Gesundheitswesen kaum Grenzen gesetzt zu sein. Doch wie sieht es mit dem Einsatz von Apps und Mobile Devices im grauen Klinikalltag und in den tausenden Arztpraxen hierzulande aus? Betrachtet man die verzweifelten Versuche einer flächendeckenden Einführung der elektronischen Gesundheitskarte (eGK) in den vergangenen Jahren, wird schnell klar, dass die Nutzung umfänglicher Mobility-Lösungen alles andere als in naher Ferne realistisch ist.

Sicherlich gibt es Kliniken, in denen die Ärzte ihre Diagnosen nicht mehr handschriftlich dokumentieren, sondern mit Tablet-PC oder Notebook zu Gange sind und damit am Patientenbett sämtliche Daten erfassen. „Viele Ärzte nutzen Tablets und Smartphones privat und wollen deren Vorteile auch im Beruf genießen“, glaubt Timo Baumann, Leiter Kliniken und strategisches Geschäftsfeld Gesundheit bei der Telekom. Damit seien klinische Daten ständig und ohne Verzögerung verfügbar. „Bei akuten Rückfragen kann der Arzt damit nahezu ortsunabhängig auf alle notwendigen Daten zugreifen“, so Baumann. Da er mobilen Zugriff auf die Patienten- und Fallakten inklusive sämtlicher Labor-, Vital- sowie Bilddaten erhält, sei er laut Baumann permanent auskunftsfähig. Doch nicht nur Ärzte können von mobilen Einsatzszenarien profitieren, wie Dr. Thomas Königsmann vom Fraunhofer-Institut für Software- und Systemtechnik (ISST) in Dortmund betont: „Hinsichtlich mobiler Lösungen werden zwar oft nur Ärzte während der Visite oder medizinische Notfallszenarien berücksichtigt.“ Damit vergesse man jedoch die vielen Tätigkeiten im Pflegebereich, die die Bestellung von Medikamenten und Verbrauchsmaterialien, dem Management von Betten, Reinigung und Verpflegung der Patienten umfassen. „Mobile Lösungen können hier helfen, das Personal zu entlasten“, berichtet Königsmann. Nicht zuletzt kommen Mobillösungen dank Alarmierungs- oder Lokalisierungsfunktionen auch direkt bei den Patienten an. Solche mit Sensorik arbeitenden Patientenarmbänder können Fehler bei der Medikationsgabe oder gar OP-Verwechslungen vermeiden. Im nächsten Schritt sind laut Bernhard
Thibaut, Leiter Vertrieb Healthcare bei SAP, auch Service-Apps denkbar, die Patienten fallspezifisch in der Nachsorge unterstützen und einen Austausch mit dem behandelnden Arzt ermöglichen.Geht es um sensible Patientendaten werden allerdings häufig Datenschutz und Sicherheit kontrovers diskutiert. „Aufgrund dessen Technologien wie Patientenarmbänder jedoch pauschal zu verteufeln, kann keine Lösung sein“, warnt Thomas Königsmann. Denn Ortungs- und Identifikationssysteme helfen, die Patientensicherheit zu erhöhen. Von daher gilt es für die Verantwortlichen, „die richtige Balance aus technischer Unterstützung und Wahrung der eigenen Privatsphäre zu finden“, so Königsmann.

In der Regel aber reicht es nicht aus, dass die Verantwortlichen einfach ein paar hundert mobile Geräte anschaffen. Vielmehr müssen diese nahtlos in vorhandene Prozesse und existierende IT-Systeme eingebunden werden. „Hinsichtlich der Schnittstellen sind Bereiche wie Bildablage- und Kommunikationssysteme (z.B. Picture Archiving and Communication System, kurz PACS) vergleichsweise offen, da die Hersteller flexible Schnittstellen als Mehrwert für ihre Produkte erkannt haben“, so Königsmann. Im Bereich der Krankenhaus-Informations-Systeme (KIS) sieht die Sache anders aus. Hier fordern die Hersteller die Datenhoheit für ihr System – so wird das Schaffen von Schnittstellen ein Aufwand, den jeder Kunde individuell erbringen muss. Bernhard Thibaut stimmt mit dieser Aussage eher nicht überein und verweist auf die hauseigene Software: „Unsere App ‚SAP Electronical Medical Record‘ ist die bislang erste mobile Patientenakte, die prinzipiell an sämtliche KIS, egal ob auf SAP-Technologie basierend oder nicht, sowie weitere klinische Backend-Systeme wie Labor, PACS und Archiv angeschlossen werden kann.“
In einer Gesellschaft, in der ohne mobile Endgeräte kaum noch etwas geht, gibt es seitens der Endnutzer auch eine gestiegene Nachfrage nach Gesundheitsapplikationen für unterwegs. Ein Blick in die einschlägigen App Stores zeigt, dass das eine oder andere Programm sicherlich Nützliches leisten kann. Andere Apps sind allerdings weniger nützlich oder können gar gesundheitsgefährdend sein. Dabei ist momentan rechtlich nicht klar definiert, wer haftet, wenn aufgrund fehlerhafter Informationen einer App ein Mensch zu schaden kommt. „Besonders im Bereich Haftung und Datenschutz werfen Apps rechtliche Fragestellungen auf“, betont Beatrix Reiß vom ZTG Zentrum für Telematik und Telemedizin GmbH in Bochum. Dies könne Heilberufler und Verbraucher gleichermaßen verunsichern. „Außerdem decken trotz der enormen Vielfalt der Lösungen noch nicht alle den tatsächlichen Bedarf der Anwender“, glaubt Reiß. Mit mobilen Diensten wollen die Akteure vernetzt zusammenarbeiten. Allein die Technologie kann die bestehenden Grenzen zwischen den Behandlern in unterschiedlichen Sektoren jedoch nicht einfach auflösen.

Fehlende Transparenz der Angebote sowie ein unübersichtlicher Markt sind laut Reiß derzeit die größten Hindernisse, die einer weiteren Verbreitung von Gesundheits-Apps im Wege stehen. Bei vielen Apps fehlen zudem Hinweise darüber, ob und inwieweit welche medizinische Kompetenz an der Entwicklung beteiligt war. „Das kann bereits bei Ernährungstipps relevant sein, ist spätestens bei Dosierhilfen für Medikamente eine berechtigte Forderung“, so Reiß. Der Nutzen der Anwendung würde beeinträchtigt, falls Fehler bei der Datenerhebung, -verwaltung oder -weitergabe geschehen oder ein Datenmissbrauch nicht ausgeschlossen werden kann.

Damit Fach- wie Endanwender bei Gesundheits-Apps auf der sicheren Seite sein können, hat das ZTG im vergangenen Jahr unter www.gesundheitsapps.info eine Bewertungsplattform ins Leben gerufen. „App Check stellt eine Art Beipackzettel für Gesundheits-Apps dar, der weiterführende Informationen rund um das Thema zur Verfügung stellt. Zudem stellt die Plattform Stärken und Schwächen von ausgewählten Apps dar“, berichtet Beatrix Reiß. Außer dieser unabhängigen Bewertungsplattform gibt es derzeit keinen systematischen Ansatz der Prüfung oder gar Zertifizierung von Gesundheits-Apps, wie Reiß berichtet. Mit dem Angebot will man Nutzern Instrumente und Bewertungsdimensionen an die Hand geben, damit sie die Qualität und den Nutzern einer App bestmöglich selbst beurteilen können. 

Bildquelle: Thinkstock/ iStockphoto

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