Hubs und Bildungsoffensiven

Der letzte nationale IT-Gipfel

Nächstes Jahr kommt dann der Digitalgipfel, mit der altbekannten, schmeichelnden Gipfelperspektive.

Wirtschaftsminister Gabriel verbreitete gute Stimmung: „Die Digitalkompetenz der Unternehmen ist gestiegen.“ Der Satz fiel auf dem nationalen IT-Gipfel, dem letzten seiner Art. Doch die zahlreichen Spötter angesichts der konzernlastigen Wohlfühl-Veranstaltung dürfen nicht aufatmen: Nächstes Jahr geht es weiter, als Digital-Gipfel.

Tust du mir nix, tu ich dir nix

Auch das wird vermutlich wieder so eine freundliche, lockere „Tust du mir nix, tu ich dir nix“-Veranstaltung, wie zahlreiche Kritiker seit Jahren beklagen. Tatsächlich sind dieses und die Gipfeltreffen davor von dem Bemühen gekennzeichnet, nicht allzu viel Kritik an der erschreckend lahmen Digitalisierung laut werden zu lassen und einen durch die Lupe des Wohlwollens geschärften Blick auf kleinere und größere Erfolge zu richten.

Politik also. Doch das kommt nicht bei jedem an. Wolfgang Wahlster beispielsweise, der Doyen der KI-Forschung in Deutschland, ist nicht erfreut. Der Informatikprofessor und Leiter des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz (DFKI) in Saarbrücken kritisiert den deutschen digitalen Rückstand. Dabei ist er nicht allein. Sein „Saarbrücker Manifest“ hat er zusammen mit dem Informatiker und Unternehmer August-Wilhelm Scheer verfasst und von diversen Kollegen unterzeichnen lassen, etwa Henning Kagermann, dem Präsidenten der acatech (Deutsche Akademie der Technikwissenschaften) oder Wolfram Jost, dem CTO der Software AG.

Das Fazit der Erklärung: Deutschland darf die Chancen durch die Digitalisierung nicht ungenutzt lassen und sollte sich nicht wie bisher mit der Rolle des Käufermarktes zufriedengeben. Scheer und Wahlster appellieren an Wirtschaft, Politik, Verbände, Sozialpartner und die Wissenschaft, die aktuelle Welle der Digitalisierung aktiv zu gestalten. Gefragt seien innovative Ideen, Produkte und Lösungen zu entwickeln, die sich auch international durchsetzen können.

Die digitale Kluft wächst

Auch Mitunterzeichner Henning Kagermann stört der digitale Rückstand: In einem kurz vor dem IT-Gipfel erschienenen Diskussionspapier warnt die Akademie vor einer doppelten digitalen Kluft. Sie öffne sich einerseits zwischen hoch- und niedrigqualifizierten Arbeitnehmern und andererseits zwischen großen und kleineren Unternehmen. Deutschland brauche deshalb eine nationale Bildungsoffensive für die Digitalisierung.

Die Bildungsministerin startet bereits: Auf dem IT-Gipfel stellte sie das Projekt der Bildungscloud vor, die langfristig möglichst viele digitale Bildungsangebote sammelt und damit eine Plattform bietet, auf der sich jeder lebenslang fortbilden kann. In der ersten Ausbaustufe soll zunächst eine Schulcloud aufgebaut werden, die die nur an Schüler und Lehrer richtet.

Eine ganz ähnliche Initiative forderte fordert die acatech in ihrem Diskussionspapier: Eine neutrale Bildungsplattform, die vorhandene und zukünftige Qualifizierungsangebote unternehmensübergreifend bündelt. Ein solches Angebot dürfte sogar leichter aufzubauen sein, denn alle schulischen Initiativen aus dem Bund haben ein kleines Problem: Bildung ist Ländersache und so ohne weiteres darf der Bund nicht in die Schulen hineinregieren. Eine weitere Schwierigkeit: Digitale Lerninhalte sind selten, vor allem die Schulbuchverlage halten sich sehr stark zurück.

Zudem finden sich gerade in den Schulen viele Digitalskeptiker und -verweigerer. Das im Oktober angekündigte IT-Finanzierungsprogramm hat sofort die üblichen Verdächtigen auf den Plan gerufen. Doch auch Digitalexperten sind skeptisch, denn bei dem Finanzierungsprogramm ist unklar, wer die laufenden Kosten für Administration, Softwarelizenzen und die Wartung der Geräte zahlt.

Digitale Hubs für Deutschland

Obwohl das Thema Bildung einer der Schwerpunkte des IT-Gipfels war, gab es auch noch andere Themen. So hob Angela Merkel in ihrer Rede hervor, dass die Zeit der Datensparsamkeit vorbei sei. Und forderte gemeinsam mit Vizekanzler Sigmar Gabriel die Wende zur Datensouveränität. Außerdem ging es wieder um E-Government: Der Bund will eine gemeinsame Datenplattform für alle Bürger schaffen.

Außerdem stellte Sigmar Gabriel auf dem IT-Gipfel seine Digital-Hub-Initiative vor. Ein solcher Hub ist ein Treffpunkt, in dem deutsche und internationale Startups, Wissenschaftler, Investoren und Unternehmen miteinander kooperieren sollen. Ein erster Hub ist bereits in Frankfurt entstanden, er hat einen Fintech-Schwerpunkt. Vier weitere Hubs in Dortmund und Hamburg (Logistik), Berlin (IoT) und München (Mobilität) gehen demnächst an den Start.

Bei den Hubs steht der Austausch zwischen Digitalwirtschaft und dem Mittelstand im Vordergrund. Unternehmen sollen dort Schreibtisch an Schreibtisch arbeiten, Erfahrungen und Lösungsansätze austauschen. „In einem solchen Hub sollen künftig Vorstände von etablierten Unternehmen von Startups lernen können“, betont Bitkom-Präsident Thorsten Dirks. „Ohne nach Kalifornien fliegen zu müssen.“

Bildquelle: Thinkstock

 

 

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