Konferenzassistent für Google Glass

Durchblick mit Google Glass

Interview mit Dr. Michael Schmidt, Produktmanager bei Fluid Operations, über die Entwicklung eines Konferenzassistenten auf Basis der Datenbrille Google Glass

"Für den Einsatz von Datenbrillen im öffentlichen Raum ergeben sich eine Vielzahlt ethisch-moralischer Fragestellungen", gibt Dr. Michael Schmidt, Produktmanager bei Fluid Operations, zu bedenken.

Herr Dr. Schmidt, wie funktioniert der Konferenzassistent?
Dr. Michael Schmidt:
Das Konferenzassistenzsystem versorgt den Nutzer über ein sogenanntes Head Mounted Display (HDM) – eine Datenbrille mit integriertem Computer, Sensoren und Bildschirm – auf Basis semantisch verknüpfter Daten zur Konferenz sowie aus sozialen Netzwerken und weiteren öffentlichen Quellen, ubiquitär mit situativ relevanten Informationen. Das bedeutet, dass das System proaktiv ohne explizite Informationsanforderung durch den Nutzer Situationen erkennt, daraus Handlungsempfehlungen zur Unterstützung der Konferenzplanung und des Social Networkings berechnet und diese dem Nutzer nebenläufig als unverbindliche Zusatzinformationen zur Verfügung stellt.

Welche Anwendungsfälle werden von Ihrer Lösung konkret unterstützt?
Schmidt:
Die Palette reicht von vergleichsweise banalen Anwendungsfällen, wie dem automatischen Sammeln, Taggen und Publizieren von Fotos, die Teilnehmer während der Konferenz mit ihren Datenbrillen aufgenommen und freigegeben haben, bis hin zu komplexen Anwendungsfällen. In diesem werden dem Träger der Datenbrille basierend auf seiner bisherigen Interaktionshistorie und seinem aktuellen Kontext – beispielsweise unter Berücksichtigung der Zeit, seines derzeitigen Aufenthaltsorts und dem Konferenzprogramm – personalisierte Vorschläge zu laufenden Diskussionen und Vorträgen gemacht.

Interessant sind Informationen aus sozialen Netzwerken: Oftmals wird während eines Konferenzvortrages bereits auf sozialen Netzwerken wie Twitter diskutiert – solche Informationen können Nutzern des Systems dann nebenläufig auf der Brille eingeblendet werden.
Auch die automatische Erkennung von Aktivitäten der Konferenzteilnehmer am Abend ist ein interessantes Szenario: Wenn sich viele Träger gleichzeitig an einem Ort wie z.B. einer Bar aufhalten, kann dies vom System erkannt und an andere Konferenzteilnehmer kommuniziert werden; das in der Brille integrierte Navigationssystem kann den Träger dann auf Wunsch sogar direkt dorthin navigieren. Spannend werden solche Szenarien, wenn bei den Event-Empfehlungen Themengebiete und Interessen der Teilnehmer berücksichtigt werden, so dass das System zielgerichtet Leute zusammenführt, die gemeinsame Interessen verfolgen.  
 
Wie sieht Ihr Vermarktungsmodell aus?
Schmidt:
Die Vermarktungsstrategie sieht ein endnutzergetriebenes Modell vor, in dem das Konferenzassistenzsystem Konferenzteilnehmern als „App“ in Form eines kostenpflichtigen Downloads zur Verfügung gestellt wird. Auf Basis der gelieferten Mehrwerte für die Konferenzveranstalter ist aber ergänzend auch die direkte Vermarktung an Organisatoren von großen Konferenzen und Messen denkbar.

Mit den im Projekt entwickelten Grundlagen lassen sich perspektivisch auch weitere Anwendungsszenarien abdecken. Die zugrunde liegende Kombination von mobilen, kontextsensitiven Systemen mit offenen Daten, wie sie zunehmend im Zuge von Open-Data-Initiativen veröffentlicht werden, bietet unserem Unternehmen die Chance, sich frühzeitig in einem aufstrebenden Marktsegment zu positionieren. Auf Basis der Information Workbench, einer von Fluid Operations entwickelten Plattform für semantische Technologien, kombiniert mit den im Projekt entwickelten Algorithmen zur integrierten Verarbeitung von Kontextinformationen und den bedarfsgerechten Empfehlungsdiensten, sind innovative Produkte für unterschiedliche Sparten, wie zum Beispiel eine neue Generation mobiler Museums- und Stadtführer, Systeme zur Unterstützung bei der Wartung von Industrieanlagen oder Shopping-Systeme, denkbar.

Mit welchem Partner arbeiten Sie zusammen?
Schmidt:
Das Projekt wird im Rahmen des Zentralen Innovationsprogramms Mittelstand (ZIM) vom Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie gefördert. Projektpartner ist der Lehrstuhl für Datenbanken und Informationssysteme des Instituts für Informatik der Universität Freiburg. Der Projektpartner unterstützt uns bei der Bearbeitung zentraler wissenschaftlicher Fragestellungen, insbesondere bei der Entwicklung neuer Technologien zur kontextbasierten Anfragebearbeitung sowie innovativen Empfehlungsdiensten, die in nahezu Echtzeit Handlungsempfehlungen basierend auf dem sich potentiell schnell ändernden, situativen Kontext des Nutzers liefern können.
 
Was gilt es hinsichtlich des Datenschutzes zu beachten?
Schmidt:
Wir nehmen das Thema Datenschutz sehr ernst. Das Konferenzassistenzsystem ist so ausgelegt, dass die zentralen Anwendungsfälle allein auf Basis öffentlich zugänglicher Daten realisiert werden können. Ob sensitive private Daten, wie zum Beispiel die aktuelle Lokation, die im privaten Profil gepflegten Vorlieben oder der private Terminkalender, verwendet werden sollen, kann der Nutzer selbst entscheiden. Wichtig für uns ist es auch, den Nutzer aufzuklären, welche Daten genau letztlich wofür verwendet werden.
 
In den USA gibt es bereits Lokalitäten, die die Benutzung der Google-Brille verbieten. Wie soll die Gesellschaft Ihrer Meinung nach mit solchen Geräten im öffentlichen Raum umgehen?
Schmidt:
Während der Konferenzassistent sehr stark auf den Einsatz im Umfeld einer bestimmten Konferenz ausgelegt ist und somit lediglich die Akzeptanz in einer eingegrenzten Community voraussetzt, ergeben sich für den Einsatz von Datenbrillen im öffentlichen Raum eine Vielzahl ethisch-moralischer Fragestellungen. So Bedarf zum Beispiel deren Einsatz zur nebenläufigen Aufnahme von Fotos und Videos im öffentlichen Raum, die prinzipiell sehr einfach mit einer Software zur Gesichtserkennung kombiniert werden könnte, einer breiten gesellschaftlichen Diskussion und Aufklärung.
Hier sind zum einen die Gesetzgeber in der Pflicht, durch entsprechende Richtlinien und verbindliche Gesetze – kombiniert mit einer breit angelegten Aufklärungsinitiative – einen Rahmen zu schaffen, der innovative Anwendungen auch im öffentlichen Raum zulässt, jedoch klare Grenzen zum Schutz der Privatsphäre zieht. Auch die Brillenhersteller sollten im Rahmen der Weiterentwicklung der Technologie solche Fragestellungen berücksichtigen und bedenkliche Funktionalitäten eingrenzen oder gar nicht erst zur Verfügung stellen. Um das vorherige Beispiel aufzugreifen:
Das Aufnehmen eines Videos signalisiert die Datenbrille von Google zwar durch ein blinkendes rotes Licht, ob dies jedoch hinreichend ist, muss – selbst nachdem eine breite gesellschaftliche Aufklärung erfolgt ist – ergebnisoffen diskutiert werden. Denkbar ist hier auch der Einbau technischer Barrieren, welche das Filmen über Datenbrillen auf öffentlichen Plätzen unmöglich machen.

Letztlich entscheidend ist aber meiner Meinung nach nicht die Technologie selbst, sondern die Art und Weise, wie diese von Anwendungsentwicklern aufgegriffen und genutzt wird. Die Hersteller von Software sind bei der Produktentwicklung in der Pflicht, sich an den ethisch-moralischen Grundsätzen und geltendem Recht zu orientieren.

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