Beim Sport überwacht

Fitness-Armband als Datensammler

Körperliche Aktivität ja, Überwachung von Gesundheitsdaten nein – ist das in Zeiten von Fitnessarmbändern und speziellen Sport-Apps überhaupt noch möglich?

Körperliche Aktivität ja, Überwachung von Gesundheitsdaten nein – ist das in Zeiten von Fitnessarmbändern und speziellen Sport-Apps überhaupt noch möglich?

Seit längerem bereits liegt es schwer im Trend, der Welt die eigene Sportlichkeit mitzuteilen. Sei es beim Tauchgang im Roten Meer, bei der Abfahrt auf der Streif oder beim Abreiten der Monsterwelle von Scheveningen – immer ist die Action Cam am Start. Und sollte man beim Youtube-Studium der eigenen krassen Moves einmal vergessen haben, die tägliche Mindestzahl an Schritten zu machen, erinnert einen das Fitnessarmband oder die Smartphone-App daran. Hört sich gut an. Eines jedoch sollte man im Hinterkopf behalten: Gesundheitsdaten sind sehr persönlich, sie sollten nicht in falsche Hände geraten.

Laut einer Studie von Juniper Research werden die jährlichen Erlöse mit vernetzten und digitalen Healthcare- und Fitness-Services bis 2019 auf 2 Mrd. Dollar weltweit anwachsen. Vor nicht allzu langer Zeit waren noch 320 Mio. Dollar für 2019 vorhergesagt worden. Dieses sechsmal höhere prognostizierte Wachstum zeigt das Potential, das in der Messung und Verarbeitung persönlicher Gesundheitsdaten liegt.

Vordergründig profitieren die Nutzer solcher Services, wenn sie gesünder leben, sich mehr bewegen und weniger Kalorien zu sich nehmen. Zumindest beruhigen sie ihr Gewissen. Doch derartige Daten sind auch von enormem wirtschaftlichen Interesse. Geben sie doch Aufschluss über höchstindividuelle Gewohnheiten, Interessen und Aktivitäten. Auf dieser Basis lassen sich wunderbar gezielte Werbeansprachen formulieren, was der eine oder andere ja sogar noch gut finden könnte.

Nur anonymisierte Daten in der Cloud?

Sollte sich allerdings eine ähnliche Entwicklung abzeichnen wie derzeit im Kfz-Bereich, ist Wachsamkeit geboten. Autoversicherungen bieten ihren Kunden an, sogenannte Blackboxes in ihren Fahrzeugen zu installieren, die das Verhalten im Straßenverkehr aufzeichnen und in die Cloud senden. Anonymisiert natürlich, wie die Anbieter betonen.

Aber ob anonymisiert oder nicht: Auf jeden Fall findet nach dem Hochladen der Daten in die Wolke ein wie auch immer gearteter Abgleich zwischen dem individuellen Fahrverhalten und den Bedingungen auf der abgefahrenen Route statt. Stellt sich heraus, dass sich die Fahrer ordentlich betragen, vor roten Ampeln gehalten und sich brav ans jeweilige Tempolimit gehalten haben, stehen die Chancen gut, spezielle, auf sie zugeschnittene und vor allem günstigere Policen zu erhalten.

Super, klasse, denkt man spontan. Bis einem vielleicht in den Sinn kommt, dass aus der freiwilligen Installation einer Blackbox schnell eine Pflicht werden kann – und dass dann diejenigen, die ihre Bewegungsdaten nicht in der Cloud sehen wollen, in Zukunft den höheren Beitrag zahlen müssen.

Dieser Gedanken weitergesponnen und übertragen auf die Krankenkassen, lässt das Fitnessarmbändchen schnell zu einer zentnerschweren Last werden. Logisch – solange die Träger jung, aktiv und sportiv sind, ist alles gut. Aber auch die „Digital Natives“ werden einmal älter. Und ob sie es mit 55 oder 60 immer noch ähnlich cool finden, persönlichste und intimste Daten in die Welt hinauszuposaunen, sei einmal dahingestellt. Und Gesundheitsdaten sind nun einmal so mit das intimste, das es gibt. Warum gäbe es sonst die ärztliche Schweigepflicht?

Wer wertet was aus?

Der Super-GAU in diesem Zusammenhang wäre der, dass auch die Bereitstellung dieser Daten schleichend von der derzeitigen Freiwilligkeit in den Pflichtmodus übergeht und dass die Kassen und Versicherer Menschen aufgrund des gesammelten Materials – anders als heute – nur noch zu überteuerten Konditionen oder gar nicht mehr aufnehmen. Beispielsweise, weil sich gesundheitliche Prädispositionen leichter erkennen lassen, weil die gesamte Krankenhistorie abrufbar ist oder weil erblich bedingte genetische Defekte bekannt sind.

Dies ist zum Glück noch (!) düstere Zukunftsmusik. Doch allein die Tatsache, dass aktuell viele der Anwendungen, Geräte und Tools aus den USA stammen und den dortigen Datenschutzbestimmungen unterliegen, sollte die Nutzer hellhörig werden lassen.

Die von uns befragten Hersteller von Fitness-Apps und -Devices versichern unisono, die Sicherheit der Kundendaten stünde für sie an erster Stelle. Gleichzeitig betonen einige Anbieter, dass die Nutzer eindeutig darauf hingewiesen würden, welche Daten erhoben werden. Und sie verweisen auf die Eigenverantwortlichkeit der Nutzer. Was das allerdings heißen soll, wird nicht ganz klar. Ist es eigenverantwortlich, Gesundheitsdaten überhaupt in die Cloud zu senden?

Einzig der französische Hersteller Withings äußert sich konkret zum Thema Vertraulichkeit von Nutzerdaten und Privatsphäre und weist auf die EU-Datenschutzrichtlinie 95/46/CE hin. Neben den Aspekten, die man als Verbraucher eigentlich erwarten darf, geht diese Richtlinie so weit, dass der Anwender ein Recht darauf hat, vergessen zu werden. Dass er also den Anbieter jederzeit bitten kann, seine Daten zu löschen. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit, auf die im digitalen Zeitalter jedoch explizit hingewiesen werden muss. Withings tut dies.

Design entscheidet

Doch diese Bedenken einmal beiseite gelassen ist es ja grundsätzlich positiv, wenn Menschen sich sportlich betätigen. Die Vielzahl unterschiedlicher Produkte zeigt, dass der Markt riesig ist. Dabei scheint es drei unterschiedliche Nutzergruppen zu geben: Zum einen diejenigen, die solche Devices und die dazugehörigen Apps wirklich ausschließlich während der Ausübung ihres Sports und zur Auswertung der eigenen Leistungsfähigkeit nutzen. Dann diejenigen, die es sowohl als Messgerät für ihre Aktivitäten und gleichzeitig als Designobjekt tragen. Und letztlich die Gruppe, für die solche Devices im Grunde nicht mehr als hübsche Accessoires darstellen, die gerade hip sind und einen jugendlichen „Lifestyle“ transportieren.

Für Thorsten Piontek, Geschäftsführer des Hamburger Unternehmens Seven Mobile, ist das Design neben der Marke denn auch der entscheidende Faktor, da die große Masse der Geräte in seinen Augen nahezu identische Funktionen besitzt. Dies zeige sich auch darin, dass es bei der Produktentwicklung weniger um neue Funktionalitäten geht als vielmehr darum, die Leistungsfähigkeit der Akkus oder der Prozessoren zu verbessern. Als Beispiel führt er Apple an: Dort würden derzeit keine wirklichen Innovationen hervorgebracht, sondern Verbesserungen bewährter Produkte. Dennoch werden diese Verbesserungen nachgefragt – und die Produkte gekauft.

Noch können die Nutzer digitaler Fitness-Devices selbst entscheiden, wie sie mit ihren Daten umgehen – ob sie sie für eigene Trainingspläne verwenden oder ihre Laufrouten über Facebook öffentlich machen. Bleibt zu hoffen, dass dies so Bestand hat und es nicht Schritt für Schritt in einer digitalen Überwachung des Lebenswandels des Einzelnen mündet. Denn das kann keiner wollen.

 

Bildquelle: Thinkstock/ iStock

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