Mobile Szene Hamburg

Hanseatische Tugenden in Hamburgs Digital-Branche

Weniger reden, mehr machen: Die Gründer der digitalen Branche in Hamburg setzen auf alte hanseatischen Tugenden. Zwischen Großverlagen und Handelsriesen hat sich die mobile Szene an Elbe und Alster professionalisiert.

  • Hamburg – insbesondere Sankt Pauli und das benachbarte Schanzenviertel stellen aufgrund ihrer kulturellen Vielfalt für Agenturen und Start-ups ein inspirierendes Umfeld dar.

  • „Hamburg besticht durch seinen maritimen Charme und ist für mich die schönste und grünste Stadt Deutschlands“, so Jascha Samadi, Geschäftsführer und Gründer von Apprupt.

  • „Die Hafenmetropole ist als „Tor zur Welt“ international. „Die Stadt ist mit ihren vielen Möglichkeiten attraktiv für potentielle neue Kollegen aus der ganzen Welt. So haben wir u. a. Kollegen aus Kroatien, Argentinien oder Kolumbien,“ so  Marvin Hackstein vom Hamburger Spezialisten für Mobile Messaging Whatever Mobile.

  • „Als überzeugte Mobilista freue ich mich ganz besonders, dass wir in Hamburg immer mehr Initiativen haben, die Kindern und Jugendlichen das Programmieren näher bringen wollen, wie z. B. die Appcamps und auch die Hacker School“, Heike Scholz, Gründerin von „Mobile Zeitgeit“.

  • „Am interessantesten sind die Veranstaltungen rund um die Start-up-Szene. Die Leidenschaft der Gründer hinter ihren Projekten regt zu neuen Ideen an und ermöglicht spannende Kooperationen“, Sabela Garcia Cuesta, Visibility Managerin, Appmotion.

"Hamburg ist eine Hafenstadt, von Kaufleuten geprägt. Pragmatismus und Understatement sind weit verbreitete Tugenden. Fragen Sie einen der vielen Millionäre in Hamburg, wie es ihm geht, er wird antworten ‚Ich komm‘ zurecht.’ Diese Umgebung ist Gold wert, will man unternehmerisch tätig sein“, erklärt Heike Scholz, Gründerin des Onlinemagazines „Mobile Zeitgeist", die Besonderheiten Deutschlands zweitgrößter Stadt.

Understatement – sich selbst nicht so wichtig zu nehmen und lieber unter- als überschätzt zu werden – ist eine angenehme hanseatisches Tugend. Sie prägt auch das Geschäftsge­baren und Selbstverständnis der mobilen Szene, die wenig mit dem lauten, hippen Marketinggeschrei amerikanischer oder Berliner Start-ups anfangen kann. „In Hamburg wird – was typisch ist für den Norden – wenig geredet und mehr gemacht. Das ist für geschäftliche Beziehungen äußerst förderlich“, bestätigt Sabela Garcia Cuesta, Visibility Managerin der Appmotion GmbH. Sie findet: „Hamburg ist eine Großstadt mit Dorfcharakter. Die mobile Szene ist überschaubar, beinhaltet jedoch sehr viele spannende Projekte mit hohem Potential.“

Understatment als Tugend

Understatment muss man sich aber auch leisten können – durch Nähe zur (Meinungs-)Macht und gute Geschäfte: Hamburger Großverlage dominieren die deutsche Publikumspresse, auch online sind sie mittlerweile gut aufgestellt. Die Mächtigen des Internets haben sich ebenfalls in der Hansestadt niedergelassen, Google wie auch Facebook. Twitter sah sich kürzlich gezwungen, einen Umzug von Berlin nach Hamburg zu dementieren. ((UPDATE)) Also doch: Twitter hat ein neues Zuhause in der Hamburger HafenCity. Hamburger Zeitungen hatten spekuliert, Berlin sei zwar günstig und attraktiv, aber die großen Werbeetats würden eben an der Elbe vergeben.

Das ist wahr. Multimedia-Agenturen und Onlinevermarkter sind der wichtigste Teil des digitalen Ökosystems der Hansestadt. Jascha Samadi, Geschäftsführer und Gründer des mobilen Vermarktungsspezialisten Apprupt, erklärt: „Hamburg ist ein starker Medienstandort. Nicht nur zahlreiche große Medien- und Verlagshäuser, sondern auch viele Media-Agenturen sind hier vertreten. Für uns ist diese Nähe ausgesprochen wichtig.“

>Hier geht es zu vier spannenden Orten in Hamburg<

Starker Medienstandort

Gerade in der Dienstleistungsnische für die etablierten Medien- und Handelsunternehmen lässt sich gut verdienen. Ganz in der Tradition der hanseatischen Kaufleute legen auch die digitalen Unternehmungen aus der Stadt Wert darauf, möglichst von Anfang an Geld zu verdienen und Geschäftsideen konsequent zu monetarisieren.

Erfolgreiche Beispiel sind der Hamburger Webbaukasten Jimdo mit 180 Mitarbeitern weltweit und über zehn Millionen Webseiten, die mithilfe des Tools erstellt wurden. Die bekannte Online-Partner­Agenturen Parship und das Business-netzwerk Xing kommen aus Hamburg. Jüngere Beispiele für erfolgreiche digitale Unternehmungen, die gerade von Hamburg aus ganze Branchen aufmischen, sind die Protonet GmbH mit ihren Mini-Servern (siehe nächste Seite) oder die Intelligent Apps GmbH mit ihrem mobilen Mytaxi-Dienst. Die Hamburger Gründer von Kreditech kalkulieren mithilfe von Big Data, anhand von Onlinespuren, die Kreditwürdigkeit von Konsumenten. Weniger fragwürdig, ebenfalls erfolgreich, ist Facelift, spezialisiert auf Facebook-Marketing. Wie Facelift spielen viele Erfolgsgeschichten aus der Hansestadt im B2B-Bereich und werden in Investorenkreisen hoch gehandelt, ohne übertriebenen Hype und Lärm.

Bei allem gepflegten Understament könnte dennoch ein wenig mehr Lärm der digitalen Gründerszene an Elbe und Alster gut tun. Mit der u.a. vom Hamburger Senat getragenen „nextMedia.Hamburg“-Standortinitiative der Hamburger Digital- und Medienwirtschaft entsteht zurzeit ein Hub, der es sich zum Ziel gesetzt hat, Kooperationen anzuregen und vor allem die Vernetzung zwischen den großen Inhaltehäusern, dem digitalen Mittelstand und Start-ups zu unterstützen. „Das Engagement der Macher ist großartig und ich freue mich, meinen Teil zu diesem Vorhaben beitragen zu können“, so Heike Scholz.

Start-ups fördern soll auch die IFB Innovationsstarter GmbH, eine Tochter der Hamburgischen Investitions- und Förderbank, mit ihrem „Innovationsstarter Fonds Hamburg“ sowie dem Programm „InnoRampUp“. Desweiteren will die Initiative „Hamburger Start-ups“ von Sanja Stankovic, Tim Jaudszims und Sina Gritzuhn die Medien- und Handelsstadt auch als Gründerstadt vernetzen. „Hamburgs Gründerszene wird oft unterschätzt. Es gibt jedoch eine versteckte, lebendige und wachsende Start-up-Szene in unserer Hansestadt, die noch viel Potential birgt“, so die Start-up-Sympathisanten. Auch der bekannte Hamburger Digital-Investor Hanse Ventures wurde in letzter Zeit wieder aktiver. Neuestes Projekt ist Talocasa, eine Immobilienberatung. Auch explizit mobile Unternehmungen finden sich im Hanse-Portfolio: Appioneers will Nutzer für das Herunterladen von Apps mit Gutscheinen belohnen.

Mobile First

Dass heute eigentlich jede digitale Unternehmung stets mobil sein muss, wissen auch die Hanseaten. „Was sich in letzter Zeit verändert hat, ist die zunehmende Akzeptanz von Geschäftsideen und -modellen, die einen reinen ‚Mobile First‘-Ansatz verfolgen. Es wird heute allgemein verstanden, dass es nicht mehr darum geht, etwas für Desktoprechner zu entwickeln und dies dann für die mobilen Geräte zu ‚verkleinern’“, erklärt Heike Scholz. „In Hamburg haben erfolgreiche Start-ups wie Mytaxi gezeigt, was mobile Services sind und wie disruptiv sie auf etablierte Branchen wirken können. Wir haben auch in unserer Hansestadt den aufgeregten Hype hinter uns gelassen und wenden uns nun immer mehr dem soliden Business zu.“

Das bestätigt auch Jascha Samadi von Apprupt: „Mobile ist definitiv erwachsen geworden. Dies macht sich vor allem in den Ausgaben und dem gesteigerten Stellenwert von Mobile im Mediamix vieler Kunden bemerkbar. Den damit einhergehenden Ansprüchen der Kunden müssen wir gerecht werden, insbesondere in Sachen Werbemittelstandards, Targeting-Möglichkeiten und Leistungsnachweisen.“ Traditionelle Unternehmen hätten den digitalen und mobilen Wandel verstanden und stünden kleinen Agenturen offen gegenüber, freut sich Sabela Garcia Cuesta von Appmotion über die zunehmende Annährung zwischen hanseatischen Medien- und Handelsunternehmen und den jungen digitalen Pionieren: „Wir haben für uns festgestellt, dass wir noch lange in dieser Stadt arbeiten können und wollen.“ 

www.appmotion.de

www.mobile-zeitgeist.com

www.apprupt.com

www.whatevermobile.com

Bildquelle: Thinkstock

 

 

©2019Alle Rechte bei MEDIENHAUS Verlag GmbH

Unsere Website verwendet Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu bieten. Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung zu. Weitere Infos finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

ok