Teuer bezahlte Showcases

Keine Transportdrohnen auf breiter Flur

Der fächendeckende Einsatz von Transportdrohnen in der Paketzustellung bleib mittelfristig pure Utopie, glaubt Martin Frommhold von Hermes Europe. Denn wichtige Parameter wie Reichweite, Nutzlast oder Sicherheit seien längst noch nicht ausgereift.

Martin Frommhold, Hermes Europe

Martin Frommhold, Unternehmenssprecher von Hermes Europe

Herr Frommhold, welche mobilen Hard- und Software-Lösungen werden Ihrer Ansicht nach die branchenspezifischen Prozesse von Brief- und Paketzustelldiensten in der Zukunft verändern?
Martin Frommhold:
Wir werden in den kommenden Jahren ganz verschiedene Lösungsansätze erleben, die die künftige Arbeitsweise der Paketdienstleister verändert – mal mehr, mal weniger stark. Eines jedoch wird allen Lösungen gemein sein: Sie tragen ihren Teil dazu bei, den Verbraucher und dessen individuelle Wünsche und Bedürfnisse immer weiter in den Mittelpunkt zu rücken. Ein gutes Beispiel hierfür ist sicherlich der mobile Paketschein, den wir bereits Ende 2014 deutschlandweit eingeführt haben. Mittlerweile nutzen monatlich mehrere hunderttausend Kunden dieses Feature – Tendenz noch immer steigend.

Welche Bedeutung spielen dabei Transportdrohnen für das Geschäftsmodell von Zustelldienstleistern?
Frommhold:
Der flächendeckende Einsatz von Transportdrohnen jeglicher Art in der Paketzustellung ist auch mittelfristig pure Utopie. Allerdings lässt sich genauso wenig von der Hand weisen, dass automatisierte Transportmittel – z.B. auch im Straßenverkehr – zumindest punktuell an Relevanz gewinnen können, etwa für bestimmte Produktgruppen oder in bestimmten Regionen. Das jedoch setzt eine fortlaufende Optimierung kritischer Stellgrößen wie Reichweite, Nutzlast und nicht zuletzt Sicherheit voraus.

Welche Projekte haben Sie hinsichtlich des Drohneneinsatzes bereits realisiert?
Frommhold:
Keines; allerdings beobachten wir den Markt und die Aktivitäten des Wettbewerbs seit geraumer Zeit sehr genau und tauschen uns hierzu fortlaufend mit verschiedenen Interessengruppen aus.

Wie lassen sich Transportdrohnen oder ähnliche Fluggeräte in die logistischen Abläufe der Paketzustellung einbinden?
Frommhold:
Eine ökonomisch wie logistisch sinnvolle Einbindung von Drohnen auf der Letzten Meile, also bei der Haustürzustellung, ist insbesondere in urbanen Regionen aktuell nicht möglich. Vielmehr sind speziell die Einsätze luftbasierter Transportdrohnen bislang nicht mehr als hochkomplexe, teuer bezahlte Showcases, die zwar medial großen Eindruck schinden, von der alltäglichen Transportrealität aber weit entfernt sind. Allerdings bin ich mir sicher, dass es in Zukunft durchaus möglich sein wird, automatische oder teilautomatische Transportsysteme in logistische Abläufe sinnvoll einzubinden.

Worin liegen Ihrer Ansicht nach die größten Probleme für die Nutzung von Drohnen im Zustellbetrieb?
Frommhold:
Für einen regulären Einsatz von Drohnen in der Paketzustellung sind bislang weder die Reichweite noch die maximal transportierbare Nutzlast auch nur annähernd ausreichend, von der Wetteranfälligkeit einzelner Systeme, insbesondere bei Wind, ganz zu schweigen. Hinzu kommen wichtige Sicherheitsaspekte: Wie kann z.B. verhindert werden, dass Drohnen abstürzen oder, wie kürzlich wieder in London passiert, mit Passagiermaschinen kollidieren? Da gibt es noch deutlichen Nachbesserungsbedarf.
 
Was sind hierzulande die wichtigsten Auflagen, die man für eine gewerbliche Nutzung von Drohnen erfüllen muss?
Frommhold:
Dafür ist es noch zu früh. Erst einmal muss die Technik insofern weiterentwickelt werden, als dass ein über PR-wirksame Testeinsätze hinausgehender Betrieb von Drohnen in der Paketzustellung überhaupt realistisch umsetzbar ist.
 
Wo liegen derzeit (noch) die Grenzen hinsichtlich Gewicht, Entfernung, Akkulaufzeit etc. der Fluggeräte?
Frommhold:
Das ist von Modell zu Modell unterschiedlich. Bislang gibt es allerdings kein in Deutschland zugelassenes Fluggerät, das mit Blick auf einen Regelbetrieb unsere hohen Anforderungen auch nur ansatzweise erfüllen könnte.
 
Inwieweit ist die autonome Steuerung von Transportdrohnen im flächendeckenden Flugbetrieb überhaupt möglich?
Frommhold:
Während Be- und Entladeprozesse durchaus schon automatisch gesteuert werden können, halte ich eine komplett autonome Flugsteuerung derzeit noch für Zukunftsmusik. Eine teilautonome Steuerung aber, etwa mit einem menschlichen Operator im Hintergrund, wäre theoretisch schon heute machbar.
 
Wie lassen sich Transportdrohnen oder ähnliche Fluggeräte vor anderen Drohnen bzw. Hacker-Angriffen schützen?
Frommhold:
Hierfür bedarf es komplexer Verschlüsselungstechniken, die fortlaufend aktualisiert werden. Gleichwohl kann es eine 100-prozentige Sicherheit vor Hackerangriffen wohl niemals geben. Wer den Bundestag, das Weiße Haus und große US-Banken infiltrieren kann, schafft es mit genügend krimineller Energie sicherlich auch, eine Transportdrohne zu knacken.

Welche Auswirkungen hätte ein flächendeckender Einsatz von Transportdrohnen auf Natur und Umwelt?
Frommhold:
Auch wenn künftige Drohnen keine oder nur sehr geringe Emissionen ausstoßen werden, ist bis zum heutigen Tage nicht abschließend geklärt, wie sich z.B. Lärm, Schattenwurf oder auch ganz generell die allgegenwärtige Anwesenheit von Drohnen auf Mensch, Tier und Umwelt auswirken werden. Man darf und sollte insbesondere Flugdrohnen nicht per se verteufeln, ihren Einsatzsinn und -zweck aber dennoch kritisch prüfen und, falls nötig, entsprechend regulieren.


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